Dem Orden näher stehende prominente Autoren

Eine scharfe Grenzziehung zwischen denen, die ihre Ehrenmitgliedschaft eher als Dekoration auffaßten, und denen, die sich aus ihren olympischen Höhen auch zuweilen gerne dem Blumenorden zuneigten, ist nicht möglich. Dem Grade näher stand dem Orden allerdings jemand, der schon Mitglied war, bevor er zu überregionalem oder gar internationalem Ruhm gekommen war; und so einer war etwa Paul Heyse, aufgenommen 1859, mit 29 Jahren.
Von ihm stammte schon einmal das Festspiel „Unter Brüdern“, das am 26. Juni 1897 beim Irrhainfest aufgeführt wurde. Im darauffolgenden November wurde bei einer Wochenversammlung sein Gedicht „Die Mutter des Siegers“ mit großem Beifall aufgenommen, und es heißt im Protokoll: „Mit Recht wird dieses Gedicht so vielen «modernen Erzeugnissen» der Poesie vergleichend gegenübergestellt.“ Leider ist es ein untrügliches Zeichen verblassender ästhetischer Wirksamkeit, wenn man als Zeuge gegen Neueres von gesetzten Herren aufgerufen wird. Wohlgemerkt, kann von verblassender ästhetischer Wirkung nicht die Rede sein. Noch 1905 konnte man zurecht gewisse Vorzüge seiner Novelle „Der  Ring“ hervorheben: „Ein echter und ganzer Heyse! Die Schilderung interessanter Charaktere in besonderen Gemütslagen und Verhältnissen in einer gewissen dramatischen Zuspitzung, außerordentlich gewandt im Vortrag und in der  künstlerischen Oekonomie. Des Dichters Meisterschaft seelische Probleme, insbesondere Konflikte der Liebe, zu erfassen und darzustellen und sein ästhetischer Formsinn vereinigen sich hier in gleichem Maße zu einem glücklichen Ganzen.“ Am 2. Juni desselben Jahres wird vermerkt: „Paul Heyse übersandte dem Orden seine neuesten dramatischen Schöpfungen: zwei Dreiakter (ein Drama und ein Lustspiel: «Die törichten Jungfrauen»).“ Es handelte sich also tatsächlich um ein Hinüber und Herüber, sodaß die Feier zu Heyses 80. Geburtstag einen der „unsern“ betraf.

Bericht des I. Ordensschriftführers über das Ordensjahr 1910.
 […] Einen Glanzpunkt des verflossenen Ordensjahres bildete die am 18. März stattgefundene Paul Heysefeier im großen Saale des Adler. Dr. phil. Christian Behringer hatte die Festrede übernommen, die das Leben u. Wirken des 80jährigen in formschönen u. inhaltsreichen Ausführungen mit großer Wärme schilderte. Fräulein Zelia Normann vom Stadttheater erfreute durch den Vortrag dreier Gedichte von Heyse, von denen besonders die Mutter des Siegers tiefen Eindruck hervorrief. Bei der nun folgenden Aufführung des reizvollen Heyse’schen Lustspiels „Unter Brüdern“, das unter der Leitung Hans Reck’s in Szene gieng, waren die Damen Putzin u. Anny Hering sowie die Herren Klinger, Kießling, Wöckel u. Heilmeier beteiligt, die in frischem, harmonischem Zusammenspiel ihre Rollen mit großem Geschick bemeisterten. […]

Die tätige Verbundenheit Heyses mit dem Blumenorden, selbst nach dem Empfang höchster öffentlicher Erfolgsbestätigung, ist an zwei Vorgängen ersichtlich:

An unser Ehrenmitglied Paul Heyse, der den Nobelpreis erhalten hat, wurde ein Glückwunschschreiben abgesandt. Beckh verliest anschließend an diese Mitteilung einen interessanten in herzlichem Ton gehaltenen Brief Paul Heyse’s an Beckh. […]
[…] Beckh verliest einen Brief Paul Heyse’s, der sich in anerkennenden Worten über den Nürnberger Schillerstipendiaten Karl Bröger, der vor kurzem bei Paul Heyse Besuch machte, ausspricht. […]

Das muß man sich einmal deutlich vor Augen stellen: Karl Bröger, die spätere Galionsfigur der Nürnberger SPD, macht Heyse einen Höflichkeitsbesuch, und dieser lobt ihn!

Tätige Verbundenheit, ja mehrfache persönliche Anwesenheit wundert weniger im Falle des schon öfter erwähnten Rudolph Genée. Er hatte Alt-Nürnberg überhaupt ins Herz geschlossen. Unter Signatur 77 a enthält das Pegnesenarchiv seine Broschüre. „Hans Sachs. Ein Festspiel zur Feier seines 400. Geburtstages (3. November). In zwei Abtheilungen. Mit einem Nachspiel „Der Krämerskorb“ von Hans Sachs. Berlin, 1894. Verlag von A. Entsch.“ Aber auch zur Feier des 150. Goethe-Geburtstages trug er in Nürnberg bei: „Unser Ehrenmitglied Professor Dr. Genée der von Berlin zur Verschönerung unseres Festes herbeigeeilt war hatte mit der meisterhaften Rezitation von Prolog im Himmel und 1. Scene aus Faust einen herrlichen Erfolg.“ Und selbst im Alter von 79 Jahren schaute er noch einmal bei der Freitagsrunde vorbei:

[…] Der anwesende Gast Dr. Genée erzählt sodann in gemütlichem Plauderton von seinen literarischen Plänen u. Arbeiten, die ihn z. Zt. beschäftigen. Er ist am Abschluß einer größeren Arbeit angelangt, die sich mit Shakespeare und seinem Werden u. Wesen beschäftigt. […] Dr. Genée weiß dann noch in überaus spannender Weise über seinen persönlichen Verkehr mit Adolf Menzel zu erzählen. Es sind Schilderungen voll köstlichen Humor’s, die die Eigenart u. Bärbeißigkeit Menzel’s im vollen Lichte zeigen. […]

Eine eigenartige Bewandtnis hat es mit Martin Greif. Dieser damals gar nicht so unbekannte Autor würdigte den Blumenorden der Aufbewahrung seiner ersten literarischen Gehversuche, die er noch unter seinem eigentlichen Namen „Friedrich Hermann Frey“ verfaßt und Eduard Mörike vorgelegt hatte, der ihn dann an den Verleger Cotta weiterempfahl. (Ein anderes Mitglied des Ordens, Emanuel Geibel, hatte mit diesen Versuchen nichts rechtes anfangen können und den jungen Dichterling mit einer Empfehlung an Mörike weitergeschickt.)






Erwachen

Die Wolken sinken
Der Himmel wird blau.
Die Blumen blinken
Im Morgenthau
Alles freut sich so
Nur mein Herz wird nicht froh
Das sich sonst so gefreut.
Wie’s gestern klagte
Und liebend entsagte
So klagt und entsagt es auch heut.


In den Blumenorden gelangte er mit dessen Aufnahme der Mitglieder des Literarischen Vereins, dem er 1864 beigetreten war. Er war auch derjenige gewesen, der Licht in das Verschwinden des Vorstand-Ehepaars Hoffmann gebracht hatte, die, wie berichtet, in Albacete an der Cholera gestorben waren.

38. W. V. Freitag d. 1. November 1889
[…] Hierauf ergreift nun Hr. Martin Greif das Wort, um in warmer Ansprache seine Zugehörigkeit zu Nürnberg u. dessen geistige Bestrebungen darzulegen; er dankt dem Orden, der ihm die Ehrenbürgerschaft in seinem Kreise verliehen u. bringt ein Hoch auf sein ferneres Blühen u. Gedeihen. […]

3t W.V. Freitag den 19 Januar 1894
[…] Außer den üblichen Wochenschriften sind eingelaufen […] „Agnes Bernauer, der Engel von Augsburg“ von Martin Greif. […]

Dies dürfte das einzige Werk von ihm sein, das heute noch lebt; wenn der Eintrag auf dem Internetauftritt der Agnes-Bernauer-Festspiele Vohburg von 1976 noch Gültigkeit hat, wird es dort regelmäßig aufgeführt. Eigentlich ist das überraschend, denn als Dramatiker war er, in krassem Gegensatz zu seiner Selbsteinschätzung, ziemlich undramatisch und deswegen erfolglos. Um so poltriger konnte er gegen die vermeintlich herzlosen Modernen werden:

In den Stunden, wo ihn sein „Dämon trat“, konnte er mächtig gegen zwei Zeit- und Werkgenossen entbrennen, für die ihm die Eigennatur und ihre Begrenzung jede Fühlung versagt hatte: Richard Wagner und Hendrik Ibsen. In einer fröhlichen Festversammlung, die der Münchener Journalisten- und Schriftsteller-Verein zu einer Geburtstagsfeier des Prinzregenten veranstaltete, waren Ibsen und Greif Tischnachbarn geworden. Es gab Toaste und Tafelreden in bunter Fülle. Plötzlich klopft Greif an sein Glas. Eine Ueberraschung, ein Entzücken — Greif als Improvisator brachte Wunder von erheiternden Naivitäten. Diesmal noch eine Kette von sprühenden Bekenntnissen — gegen gewisse Eigentümlichkeiten der nordischen Dichtung. Stürmischer Jubel. Ibsen klopft an sein Glas. Er zahlt mit gleicher Münze dem Vorredner heim. Gegenseitiges Händeschütteln. Noch stürmischerer Jubel. Ich ging mit Ibsen heim. Da fiel sein drollig zorniges Wort über Greifs historische Dramatik: „Was gehen den Greif die toten Könige an?“ […] Greif aber benahm sich allerliebst. Er sandte mir bei jeder Auffrischung der alten Geschichte einen Brief voll herzlichen Eifers […] „Höre! Man soll nichts ausplaudern und nichts in die Zeitung schreiben — die Leute lesen alles verkehrt!“

Abgesehen davon, daß er mit dem letzten Halbsatz recht hatte — es gab eine verdeckte Kampagne, um Greif einen Dämpfer aufzusetzen, der manchen als Lyriker zu populär geworden war:

Erst als im Anfang der achtziger Jahre jener denkwürdige naturalistische Bauernaufstand in der schönen Literatur anhob, der dem Akademismus, dem Epigonentum, der Gartenlauben- und Höherentöchter-Aesthetik rücksichtslose Fehde ansagte, kam der Lyriker Martin Greif endlich zu seinem Recht. Mit Gottfried Keller, Eduard Mörike, Theodor Fontane und anderen alten Jungen wurde er von den Jüngsten des „grünen Deutschlands“ auf den Schild gehoben. […] Dann pries Karl Bleibtreu in seiner „Revolution der Literatur“ Martin Greif […] als eine Säule der sich verjüngenden deutschen Dichtung. Karl Henkell, Liliencron und andere Neutöner fielen kräftig mit ein. — Professor Georg Scherer in München, Lyriker und Herausgeber viel gekaufter Anthologien und Dichtergrüße nahm ein Dauerinserat des Cottaschen Verlages in der „Allgemeinen Zeitung“ zum Vorwand, durch ein geheimes Rundschreiben die deutschen Parnaß-Genossen gegen Martin Greif aufzuhetzen, damit sie in einer gemeinsamen öffentlichen Erklärung der wachsenden Popularität des Dichters den Garaus machten. […]

Und der Blumenorden? Er hielt treu zu seinem Ehrenmitglied, denn was Greif von den kommenden Größen unterschied, unterschied auch den Orden von anderen Literaturgesellschaften, je länger, je mehr. Nicht zufällig hat sich im Archiv ein Zeitungsausschnitt erhalten, der dies bezeugt, auch wenn der Text nicht von einem Pegnesen stammt:

[…] Ist dieser sonderbare Mensch gar noch ein Lyriker, so muß er mindestens Stefan George, Richard Dehmel oder Frank Wedekind heißen, um Anteil zu erregen. Denn im ganzen ist unsere Zeit so wenig lyrisch wie möglich, und selbst das als sinnig viel besungene weibliche Geschlecht, das früher mit Heines Gedichten unterm Kopfkissen einschlief, oder mit Geibels Gesängen in die Mondnacht hinausschwärmte, interessiert sich jetzt viel eingehender für die Frauenfrage, für sexuelle Aufklärung oder für die Bekämpfung des Alkoholgenusses der Männer, als für die Verse der Poeten.
Martin Greif hat nun das Pech, solch ein Poet von ausgesprochen lyrischer Art zu sein.
[…]
Welch eine silberzarte Geisterstimme ertönt, wenn Greif im „Klagenden Liede“ den Flötenton, den der Hirte aus dem Gebein eines erschlagenen Kindes hervorlockt, also singen läßt:

O Hirte mein, o Hirte mein,
Du flötest auf meinem Totenbein!
Mein Bruder schlug mich im Haine.
Nahm aus meiner Hand
Die Blum, die ich fand,
Und sagte, sie sei die seine.
Er schlug mich im Schlaf, er schlug mich so hart —
Hat ein Grab gewühlt, hat mich hier verscharrt —
Mein Bruder — in jungen Tagen.
Nun durch deinen Mund
Soll es werden kund.
Will es Gott und Menschen klagen.
[…]

Freitag den 18. Juni 1909, 19. Wochenversammlung
[…] Der Vorsitzende teilt mit, daß an Martin Greif, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, ein Glückwunschschreiben des Ordens abgegangen ist; […] Im Laufe des Abends, der zum großen Teil unserem Ehrenmitglied Greif gewidmet ist, gelangt noch manches über des Dichters Leben u. Schaffen zur Verlesung u. Besprechung, so aus dem „Sammler“, aus der „Jugend“ und auch dem Schatze persönlicher Erfahrungen unseres II. Vorsitzenden der seit einer langen Reihe von Jahren dem Dichter nahe steht. […]

Weitere Einblicke aus persönlicher Bekanntschaft wurden nach seinem Tode publik, und zwar schrieb E. Kalkschmidt in München: „Hätte Martin Greif vom Ertrag seiner Gedichte leben müssen, dann wäre er nicht 72 Jahre alt geworden. So aber sicherte ihm eine Dichterpension, die er der stillen Güte des Regenten verdankte, einen ruhigen Lebensabend.“ Genauere Auskünfte aber konnte im selben Presseorgan, der Frankfurter Zeitung, sechs Tage später Dr. Michael Georg Conrad geben, der offensichtlich zu den engsten Vertrauten zählte:
Ohne den speziellen Segen der Herrschenden, der „Gewappelten“, hatte die Kunst so wenig wie irgend ein Handwerk den sprichwörtlich goldenen Boden. Martin Greif durfte in seinen besten Schaffensjahren, wenn er seinen materiellen Vermögensstand überschlug, ohne Steuerhinterziehungsgedanken, in den bekannten Vers mit einstimmen „Mein ganzer Reichtum ist mein Lied“. Und als durch den frühen Tod seines Schwagers, eines tüchtigen schwäbischen Arztes, auch noch seine Schwester mit vier unversorgten Kleinen ihr Sorgenbündlein zu dem seinen legte, da wurde dem Poeten doch zuweilen trüb zu Sinn.
[…] Plötzlich wurde meine Frau lebhaft: „Und Sie, lieber Herr Greif, auf wieviel goldene Stunden edelsten Genusses dürfen Sie als Münchener an Ihrem Geburtstage heute zurückblicken und wieviele dürfen sie noch erhoffen!“ Sie reichte dem Dichter die Hand. Der sah sie groß an, ließ den Kopf sinken, dann stürzte er ins Zimmer zurück und weinte wie ein Kind. Als er sich beruhigt hatte, brach er in die Worte aus: „Verzeihen Sie mir — die Not, die Armut — ein Mensch in meinem Alter, voll Kraft und Lust zur Arbeit, ein Dichter — und keine Kunst, kein Fleiß schützt ihn vor gemeinen Nahrungssorgen — —„ Und bald lächelte er wieder: „Soll es mir besser ergehen, als allen echten deutschen Dichtern?“