Der nationalsozialistische Irrhain

Den Irrhain umzufunktionieren, war nicht so leicht. Er hat nun einmal den ganzen Ausdruck von Rückzug und arkadischer Unbeschwertheit. Dadurch stellte sich ein seltsamer Widerspruch zwischen gewollt schnuckeliger Wohlfühlatmosphäre und zackigen Einsprengseln her. Rein substantiell wurde an den Einrichtungen nichts mehr geändert, nur fielen diese der Verwitterung anheim.

Irrhainfest des Pegnesischen Blumenordens [1933]
[handschriftlich als Ausschnitt aus der Nordbayerischen Zeitung gekennzeichneter, undatierter Text von S.v.P.]
[…] Naturbühne, wo alsbald ein reizendes heiteres Irrhainspiel „Häsle“ von Georg Türk die Zuschauer aufs beste unterhielt und ergötzte. […] Den Schluß des feierlichen Teiles bildete der gemeinsame Gesang des von Freiherrn von Scheurl gedichteten, von freudiger Zukunftshoffnung für unser deutsches Vaterland durchpulsten Irrhainliedes. […]

Das diesjährige Irrhainfest
[hs. als Ausschnitt aus der Nürnberger Zeitung gekennzeichneter, undatierter und unsignierter Text]
[…] Unter den alten, teilweise von Gedenktafeln behangenen Bäumen, zwischen Denkmalen der Vorzeit, versammelte sich eine muntere Gegenwart, die freilich nur noch geringe Beziehung zu dem hat, was Harsdörffer, der Begründer des Ordens, vor 300 Jahren gewollt und gemeint hatte. […] Das diesjährige Irrhainspiel hatte Pfarrer Georg Türk, der Autor der beiden bemerkenswerten Romane „Unsichtbare Hände“ und „Johannes Baptista“ verfaßt […] es […] suchte in märchenhaftem Gewande das „hochmoralische“ Beispiel zu geben: wie niemand vergessen soll, seiner höheren Bestimmung zu gedenken, und ebenso aber auch niemand seinen Kopf zu hoch zu tragen das Recht hat. […Türk] verlas eine gereimte Ansprache, in welcher er eine Begegnung zwischen Florindo und Jean Paul imaginierte, die in sinniger Weise das Entstehen eines Geburtstagsgedichtes für den ersten Vorsitzenden begründete.

1. Wochenversammlung        9. Januar 1934
[Fränk. Kurier 9. I 34]
Ergötzliches und Ernstes aus vergangenen Tagen des Pegnesischen Blumenordens.
Zu einem gemütlichen und anregenden Abend […] Pfarrer Türk bot in Ergänzung seines vor einigen Wochen gehaltenen Vortags unter Bezugnahme auf alte Grundrisse und Zeichnungen des Irrhains und auf verschiedene Bildnisse aus alter Zeit […] manch Wissenswertes. […]

Irrhainfest                    Sonntag, den 10. Juni 1934
[2 Zeitungsausschnitte, davon der mit S.v.P. gezeichnete aus dem Fränkischen Kurier vom 14. VI 34]
[…] Auf dem altehrwürdigen Friedhof gedachte der Ordensführer, Professor Dr. Eberhard Freiherr von Scheurl, vor allem des großen Geschehens in unserem deutschen Vaterland in den letzten Monaten. Seine Worte fanden lebhaften Widerhall in der gemeinsam gesungenen 1. Strophe des Horst-Wessel-Liedes. Sinnige Verse des Stellvertreters des Ordensführers, Pfarrers Georg Türk, die die Anwesenden etwa 100 Jahre zurückführten, Worte des Irrhainpflegers, Kunstmalers Trost, des Schatzmeisters, Professors Schwarz, des Ehrenmitgliedes, Oberstudienrat Konrad Meyer, der 1. Schriftführerin, Sophie v. Praun, des Dichters des Irrhainliedes, Oskar Franz Schardt, und anderer schlossen sich in gebundener und ungebundener Rede an […]

Es gab kein Irrhainspiel. Auch im folgenden Jahr scheint keines aufgeführt worden zu sein, sonst wären die Aufwendungen für das Irrhainfest nicht nur 145 M gewesen, im Unterschied zu 743 M im Jahre 1930.

Irrhainfest                    Sonntag, den 28. Juni 1936
[Bericht in der Allgemeinen Rundschau Seite 8/Nr. 15, gezeichnet S.v.P. (der parallele Bericht im Fränkischen Kurier ist R.B. gezeichnet); beide Artikel sind zweispaltig und mit großen und fetten Titeln versehen.]
[…] Das dem Andenken des einstigen Ehrenmitgliedes Konrad Grübel gewidmete Fest wurde schon angekündigt durch die Gestalten aus Grübels Zeit, die in ihren reizenden, altväterlichen Trachten da und grt [dort] auftauchten […] Mit dreifachem, begeistert aufgenommenen Siegheil auf den Führer Deutschlands, auf Volk und Vaterland, dem das Deutschlandlied und das Horst-Wessellied folgte, schloß die Rede [Scheurls] […] Nun wurde der übliche Umzug im Hain gemacht unter Vorantritt der Musik, der jüngsten Pegnesen und des Festwirts [von Hand ausgebessert: „Forstwarts“] Hofer. Letzterer trug seinen mit einem wundervollen Blumenstrauß geschmückten Stab diesmal mit besonderem Stolz, war es doch das 80. Mal, daß ein Hofer dies Amt bekleidet — auch sein Vater hatte es jahrzehntelang inne gehabt. […] öffnete der Himmel an diesem Nachmittag seine Schleusen nun zum drittenmal und zwar so heftig, […] blieb nichts anderes übrig als […] nach einiger Wartezeit in notdürftigem Schutze den stimmungsvollen Irrhain zu verlassen, durch den schon der Duft der Bratwürste zog, der aber nun leider einem See glich, und das Fest in Kraftshof bei Hofpeter fortzusetzen. […]

Irrhainfest der Pegnesen
Ein Stück Alt-Nürnberg in unserer Zeit
[Nordbayr Ztg. No. 137 16. VI 37 S.v.P.]
[…] so zogen denn auch die Pegnesen frohbeschwingt in stattlicher Zahl am Sonntag nachmittag durch die wogenden Kornfelder nach in herrlichstem Frühsommerschmuck prangenden Irrhain, in dessen köstlicher reiner Waldesluft es sich bald alt und jung von Herzen wohl sein ließ bei frohem Plaudern und Hofpeters Kaffee mit den guten Küchlein. […] Auf den gemeinsamen Gesang des von Baron Scheurl gedichteten Irrhainliedes folgten die angekündigten Lönslieder […] Dazwischen trug Michael Dosch, ein aufstrebender Nürnberger Dichter, mit viel Wärme einige eigene Gedichte vor, die von freudigem Schaffensmut und heißer Vaterlandsliebe zeugten und mit einem begeistertem [sic] Heil des Ordensleiters auf den Führer und auf Deutschland sowie mit dem Gesang des Deutschland- und Horst-Wessel-Liedes abgeschlossen wurden. [Dieser letzte Satzteil nach „…vor“ fehlt im Bericht des Fränkischen Kurier vom 17. VI, No. 165, aus S.v.P.s Text redigiert…]

Irrhainfest                    Sonntag 10. Juli 38
Nachmittags ab 3 Uhr
Das auf 3. Juli festgesetzte Irrhainfest mußte wegen zweifellos ungünstiger Witterung auf 10. 7. verschoben werden, wo es bei einigermaßen ordentlichem Wetter den geplanten, einfachen aber recht hübschen Verlauf nahm […]

[Nordbayr. Zeitung 12. VII 38 S.v.P.]
[…] die herzliche, von Vaterlandsliebe und Kunstbegeisterung getragene Rede des Ordensleiters, Freiherrn v Scheurl, […] die in einem dreifachen Siegheil auf den Führer und das geeinte Deutsche Reich ausklangen. [kein Horst-Wessel-Lied; kein Irrhainspiel, sondern Gedicht- und Liedvorträge]
 
Jahresbericht des Pegnesischen Blumenordens 1939.
gestiftet zu Nürnberg 1644
[…]
Das Irrhainfest wurde am 2. Juli abgehalten, trotz des früh u. in den Mittagsstunden sehr zweifelhaften u. regnerischen Wetters. Man mußte deshalb leider auf das mit Recht so beliebte Kaffeestündchen im Irrhain verzichten. Die [gestrichen: „leider“] nur kleine Zahl der Mutigen labte sich deshalb bei Hofpeter an dessen rühmlichst bekannten Küchlein u. Kaffee. Indessen hatte sich der Himmel so weit aufgehellt, daß man fröhlich durch die wogenden Felder nach dem Irrhain wandern konnte, in dem der Umzug mit Musik die festliche Stunde einleitete, die durch feinsinnige Dichtungen von Freiherrn von Scheurl u. Pfarrer Türk, der des 180. Geburtstag Schillers gedachte, wie mit reizvollen Gesängen zur Laute von Liselotte Schirmer verschönt wurde. […]

Wie kam es zu dieser Entpolitisierung? Schien die Kampfzeit, wie schon vermutet, in den Augen der alten Kämpfer vorbei?