Sprachpflege ohne Einmischung

Im Unterschied zu mancher im Schwange gehenden Auffassung hat die Sprachpflege im Blumenorden nie den Umfang angenommen, daß man ihn als Sprachgesellschaft bezeichnen könnte. Das zeigt sich auch in der zur Betrachtung stehenden Periode, z. B. an einer Satire auf die Verdeutschungen des Generalpostmeisters Stephan im Jahre 1875, die von August Schmidt stammt:

Nur deutsch!
Da man von Seite der Reichspostdirektion daran geht, die Fremdwörter aus unserer Verkehrssprache auszumerzen, so wollen wir in einigen Übersetzungen deutsche Ausdrücke für fremdländische in Vorschlag bringen:
Generaldirektion                                Geschlechtsleitung
[sic: kein „ä“ in der Hs. erkennbar, von „genere“ abgeleitet]
Generaldirektionscentralcoffier          Geschlechtsleitungsmittekastner
Postoberinspector                                Nachoberhineingucker
Sectionsingenieur                                Beschneidungsangeborner
General-Telegraphendirektor              Geschlechtsdrahtoberleiter
Locomotivcylinder                               Fortbewegungsröhre
Generalspostdirektionsassessor         Geschlechtsnachleitungsbeisitzer
Materialverwaltungscontroleur         Stoffverwaltungsprüfler

Die andere Seite kam auch zum Zuge. Am 24. April 1885 hielt Franz Dittmar (Lehrer an der Städtischen Handelsschule für Mädchen; Schriftsteller, der den Text zu dem Altdorfer Wallenstein-Festspiel verfaßte; aufgenommen im 1. Halbjahr 1883) einen Vortrag „Über das Fremdwörter-Umwesen“.

„Freitag, den 21. Mai [1886]
[…I] […] 5) Ballhorn regt an u. giebt der Besprechung anheim, wie notwendig u. unserer Aufgabe entsprechend es sei in unserm Kreise, sei es im Gespräch, sei es im Vortrag die unsere schöne u. reiche Muttersprache so sehr verhunzenden Fremdwörter thunlichst zu verbannen.
Nach eingehender, im allgemeinen dieser Anregung zustimmenden Erörterung stellt der Hr. Vorsitzende [Schmidt] den Antrag
a, Der Pegnesische Blumenorden erachtet für seine Pflicht seiner Richtung gemäß den Gebrauch der Fremdwörter möglichst zu vermeiden.
Wird einstimmig angenommen.
und ferner im Verein mit Ballhorn:
b, der jeweilige Vorsitzende wird ermächtigt auf allenfalsige Zuwiderhandlungen in der Sitzung aufmerksam zu machen, ebenso ist auch jeder der Anwesenden verpflichtet, gebrauchte Fremdwörter zu ,merken’, und dann in weiterer Besprechung den richtigen deutschen Ausdruck dafür festzustellen.
Wird ebenfalls einstimmig angenommen. […]“

„Freitag, den 11. Juni
[…I] 2) Der Vorsitzende [Beckh] giebt eine wiederholt eingelaufene Aufforderung des Deutschen Sprachvereins kund und dessen Einladung auf das Vereinsblatt zu zeichnen. — Nach wiederholter langer u. eingehender Besprechung des Gegenstandes bleibt man, auf unseren früheren Beschluß beharrend, dabei, weder selbst als Zweigverein beizutreten noch auch anregend zur Bildung eines solchen hier in Nürnberg hinzuwirken. Man beschließt diese neue Einladung freundlichst abzulehnen, aber auf das Blatt zu zeichnen [es zu abonnieren].
[…II] 2) Zur Sprachreinigungs-Frage bringt Hr. Barbeck folgenden Scherz: „An der Debatte beteiligten sich: 1 Redacteur, 1 Consul, 1 Postofficial, 1 Commis, 1 Mitglied des Gemeinde-Collegium, 1 Mitglied des Merkanten-Gerichts, 1 Lehrer des Portschen Instituts, 1 Professor, 1 Magistratsrat, 1 Antiquar, 1 Post-Special-Cassier, 1 Agent —“

„Freitag, 22. Oktober 1886.
[…I] 6) Derselbe [Pfeilschmidt] beantragt die Aufstellung einer Sammelbüchse, deren Inhalt zur Herstellung von Vereinspublikationen zu verwenden wäre, und erbietet sich, eine solche Büchse zu stiften. [Blaue Bleistiftbemerkung von Wilhelm Schmidt: ,Hansel-Stiftung!’] Entschluß: Der Antrag wird angenommen und Herrn Pfeilschmidt Dank für seine Stiftung ausgesprochen. Es wird vorbehalten, auf Mittel und Wege zu sinnen, wie die Füllung der Kasse möglichste Förderung erfahren kann. Der Stifter verliest darauf die Stiftungsurkunde in dichterischer Form, erntet rauschenden Beifall für den darinliegenden Humor u. begeistert die Anwesenden durch eigenes Beispiel zur Einlage der ersten Nickel. Ja sogar eine Mondscheibe in Gestalt eines silbernen Markstückes sah man blinken. […]“ — Der „Hansel“ wurde in der Folge mit Strafgeldern für das entbehrliche Verwenden von Fremdwörtern gefüttert, und der sprachmächtige Knapp machte sich einen Spaß daraus, in dieser Hinsicht wohltätig zu wirken.

„Freitag d. 29. März [1889]
[…] Consul Duplessis wirft die Frage auf: ,Soll der Pegnes. Blumenorden Stellung nehmen zur Sprachreinigungsfrage?’ — Hierüber entspinnt sich eine längere, lebhaft geführte Besprechung an der sich fast sämtliche Anwesenden für oder wider betheiligen. — Man kommt auf Antrag des Vorsitzenden zu dem Schlusse und zu dem Ausspruche, der auch schon vor Jahren aus verschiedenen anderen gewichtigen Gründen gethan wurde, daß der P.B.O. keine Veranlassung habe, zu Gunsten irgend einer der aufgetretenen Parteien öffentlich einzutreten, da er seinen alten Ueberlieferungen getreu, und nur seinem eigenen ihn heute auch in erhöhterem Maß allerdings beherrschenden Gefühle, an und für sich schon für die möglichste Reinhaltung der deutschen Sprache, wenn auch im stillen fortarbeite.
Nach dieser Erklärung, erklärt übrigens Consul Duplessis daß er überhaupt gar nicht für Sprachreinigung sei, sondern in der Aufnahme von Fremdwörtern in eine Sprache nur eine Bereicherung derselben erblicke, die darauf hinziele so doch noch eine Weltsprache — überall verständlich — zu schaffen. Dr. Rée stimmt dem Vorredner in vielem bei, namentlich erblickt er in der Aufnahme von Fremdwörtern in die deutsche Sprache eine Verfeinerung derselben, wie sie anders in feineren, sei es weltmännisch oder künstlerisch gebildeten Kreisen, gar nicht mehr gesprochen werden könnte. Gegen diese Sätze erheben sich viele Widersprüche, so von Ballhorn u. Knapp, welche eine derartige ,Verfeinerung’ geradezu als eine Verhunzung der Sprache, als ein Verderbnis der Sitte begreifen. Schluß ¼ 12 Uhr.

Freitag den 5. April 1889
[…] Zu der in letzter Versammlung aufgeworfenen Fremdwörterfrage verliest der Vorsitzende aus der Allgemeinen Zeitung einen trefflichen Artikel von Fritz Mauthner betitelt „Zur Fremdwörterfrage“, mit dem man sich vollständig einverstanden erklärt, da er mit unsern eigenen vor 8 Tagen ausgesprochenen Ansichten übereinstimmt. — Das Blatt kommt zum Archiv. […]“

„32. W.V. Freitag den 2. October 1891
[…] Der Beitritt des Ordens zum „Verein deutscher Bücherfreunde“ wird beschlossen, da der Hansel dazu die Mittel bietet und wird Herr Braun das Nöthige besorgen. […]
Schmidt liest einen, von ihm verfaßten Aufsatz, der in dem Hefte des ,Deutschen Sprach-Vereins’ erschienen ist und der den ,Pegn. Blumen-Orden’ und insbesondere unsern Hansel bespricht, dessen Bestimmung und dessen praktischer Nutzen ausgeführt und zur Nachahmung empfohlen wird. […]“