Normalbetrieb

Unerachtet der Beiträge von den und über die prominenten Neumitglieder hatte die Tätigkeit des Sichtens und Vorstellens den Hauptanteil an den Wochenversammlungen. Zu dieser Zeit tat sich besonders der Gymnasialprofessor Dr. Wölffel mit drei Shakespeare-Vorträgen hervor, nur unterbrochen von einem Gelegenheitsgedicht „Festode zu Philipp Melanchthons dreihundertjährigem Todestag am 19. April 1860 von Dr. Heinrich Wölffel. Nürnberg.“46

Die Serie aber begann mit „,Ueber Shakespeare’s Timon’, in 2 Abtheilungen“47 und setzte sich fort mit „Ueber Shakespeare’s Hamlet“48, worin der Verfasser sich von Goethes Interpretation absetzt: „[…] indem ich den Versuch wage, die künstlerische Anlage dieses Drama’s aus der ihm zu Grunde liegenden Idee abzuleiten. […] Müßte ich nämlich in Hamlet eine schwache Seele sehen, auf welche eine große That gelegt ist, der sie sich nicht gewachsen zeigt, so würde ich nie mehr im Stande sein, aus diesem Grundgedanken die wunderbare Composition eines so reichen, lebendigen Gemäldes zu erklären; […Shakespeare habe jeweils nur eine Leidenschaft zum Thema einer Tragödie gemacht.] Nur in zweien, und freilich in den großartigsten seiner Dramen ist er über dieses engere Maß hinausgeschritten, im König Lear und im Hamlet. Denn indem in diesen beiden Stücken den Menschen als solchen, in dem vollen Gewicht seiner Stellung und seines Vorrechts, man darf sagen, als die Krone aller irdischen Schöpfung, zum Gegenstand tragischen Geschickes macht […] im Hamlet offenbar die sittliche Würde des innern Seelenlebens betont und im Auge behalten ist. […]“

Seine unzeitgemäße Serie über Barockdichter setzt Georg Neumann fort: „Vortrag im pegn. Bl.-Orden d. 3. Decbr. 1860. Über den Dichter Johann von Besser 1654-1729 und seine Gattin Elisabeth geborne Kühlewein 1662-1690“49

[…] Niemand kehrt zu seinen Gedichten zurück, obgleich sie ihm, wie Gervinus richtig bemerkt, „Vornehmheit und Lohn brachten, wofür ja heutzutags mancher Dichter den Lorbeer der Nachwelt drangeben würde.“ […] daß selbst der berühmte Leibnitz [sic] im J. 1700 eines seiner Gedichte der verehrten Kürfürstin Sophie von Hannover übersandte, die es dann der verwitw. Frau Herzogin von Orleans aus dem Kurhause Pfalz nach Paris mittheilte […] [Es folgt eine genaue Nacherzählung seines offenbar sehr bewegten Lebens. Als seine Frau ihm gestorben war (1688):] Es sind ihr zu Ehren mehr als 30 Trostschriften und Leichengedichte, Zum Theil von sehr vornehmen Personen gesetzt worden, [u.a. von] dem Senator Carpzov daselbst, ein lat. Brief von Samuel von Pufendorf u. ein gleicher von Joh. Friedrich Cramer nebst einer deutschen Abhandlung von Christian Thomas, Bessers Schwager in Leipzig […]
B. aber, von dem sein Biograph meint, „daß er den Namen u. den Tugend-Ruff seiner Geliebten in s. herrlichen Schriften wie sich selbst durch s. vortreffliche Feder unsterblich gemacht hat“, sprach seinen grenzenlosen Schmerz sowohl in einigen kleineren Gedichten, als besonders in einem längeren Gedichte aus „Verhängniß getreuer Liebe“, das lange Zeit hindurch in der elegischen Dichtkunst als ein Meisterwerk bewundert u. als ein Muster gepriesen worden ist. Das Urtheil der Gegenwart wird ihm freilich dieses Lob versagen. Dennoch wird uns dieses Werk trotz seiner breiten Anlage u. wortreichen Ausführung noch heute ergreifen, indem es den Schmerz der Trennung so rührend darstellt und allen Gefühlen von der heftigsten Leidenschaft bis zur stillen Wehmuth die nach Worten ringt, Ausdruck verleiht. […]
[…] lassen wir dieses rühmende Urtheil für damals gelten und gestehen, daß er dazu beigetragen hat die deutsche Sprache aus ihrem fremdländischen Wortschwall und ihrer steifen Unbeholfenheit, selbst bezüglich der Prosa, herauszubilden. Ein Glied an der großen Kette der fortschreitenden Entwicklung der deutschen Literatur ist auch Besser gewesen, wenn gleich jetzt sein Name am Sternenhimmel der Poesie durch die goldnen Lichter eines späteren Zeitalters längst verdunkelt worden ist.

Unter den geplanten öffentlichen Vorträgen ist ein ganz aktueller, dessen Gegenstand nicht ohne politische Delikatesse ist: „H. OV Dr. Lösch: ,Ueber das Drama Franz von Sickingen, von Lasalle’“50. Das Drama war erst 1858 erschienen, der Verfasser war ein Sozialdemokrat, der allerdings dem Bürger kein gar solches Schrecknis war wie Karl Marx, weil er eher genossenschaftlich und preußisch gesinnt war als revolutionär und internationalistisch. Doch auf jeden Fall war der „Sickingen“ kein Ausdruck der erwähnten Butzenscheibenromantik.

Bemerkenswert ist auch, daß der Orden eine weitgehend mittellose Autorin unterstützte, von der zunächst nichts als literarische Erstlinge vorlagen:

„Nürnberg, den 18. October 1861. in der Wirthschaft zum Regensburger Hof des H. Errmann
[…] 6.) […] c.) H. Pf. Heller: einen Brief von H. Buchhändler Merz, die Dichterin Schilfarth zu Schwabach und deren Unterstützung betreffend. Nach dem Beschluße will man abwarten, was der lit. Verein für dieselbige thut und sich weitere Entschließung vorbehalten. […]

Nürnberg, den 15. November 1861. ebendaselbst
[…] 4.) Auf die von H. Prof. Dr. Wölffel dem H. OV Dr. Lösch gemachte, günstige Mittheilung über die Dichterin, Schilfarth wird beschlossen, daß mittelst eines Umlaufschreibens für sie Geldbeyträge gesammelt werden sollen, die ihr dann als Geschenk zu überreichen seyen.
[…] 7.) […] b.) H. OV Dr. Lösch: Ein Bruchstück aus dem Schilfarth Drama „Max Emanuel“ […]

Geschehen am 20. December 1861. ebendaselbst
[…] 2.) bemerkt der H. OV Dr. Lösch, daß der Dichter, H. Julius Hammer und die Dichterin, Jungfrau Schilfarth zu der letzten, öffentlichen Versammlung eingeladen wurden und auch erschienen sind. Ersterer erklärte sich bereit, von seiner Kunst, Schauspiele vorzutragen, in einer öffentlichen Versammlung Beweise zu geben, was mit Vergnügen angenommen ward.
3.) Derselbe zeigt hierauf an, daß die gesammelten Beyträge zum Unterhalt der Dichterin, Schilfarth, 58 fl. 45 xr. betragen haben. H. Georg legt noch 1. fl. 15. xr. dazu, um die runde Summe von f. 60 voll zu machen und die f. 2 Einsammlungs-Kosten werden von der Ordenskasse bestritten. […]

Geschehen am 19. Xbr. 1862. ebendaselbst
[…] 7.) Für Jungfrau Schilfarth, zur Zeit in Granson im Pensionat soll wieder eine Bitte um Unterstützung mittelst Umlaufschreiben im Februar an die Ordensmitglieder gerichtet werden. […]
Nürnberg, den 23. Februar 1863. ebendaselbst
[…] 4.) H. OV macht bekannt, daß die Sammlung für Jungfrau, Henriette Schilfarth von den Ordens-Mitgliedern f. 83. eingetragen hat.“51

In demselben Protokoll werden zwei Vorträge für die öffentliche Versammlung angekündigt, die wieder etwas altdeutsch-orientiert anmuten:

„[…6.) öff. Vorträge:] b.) H. OV Dr. Lösch: ,Brunhild von Geibel und und die Nibelungen von Hebbel’; […]
d.) Dr. Hauck: ,Ueber Bayerns Antheil an der Entwicklung der altdeutschen Dichtkunst’“

Mit der Produktion Nürnberger Mitglieder beschäftigt man sich sehr zeitnah:

„4.) Nun tragen vor:
[…] d.) H. RR Schrodt ,Quitt’ oder Nürnberg im Jahre 1862. von Dr. W. Beckh.“52

Zwei Jahre nach dem Tod von Michahelles hatte Sondermann schon einen seiner gewichtigen Aufsätze über dessen Gedichte verfaßt und vorgetragen.53 Daß jedoch ein Werk eines noch lebenden und an der Besprechung teilnehmenden Mitglieds auf die Tagesordnung kam, wirkt schon beinahe wie ein Werkstattgespräch unter Schriftstellern.

Kein Zweifel, die Wochenversammlungen hatten Niveau und Aktualität:

Geschehen, Nürnberg, den 18. 7br. 1863. ebendaselbst54
[…] 3.) Hierauf übernimmt auf Ersuchen des neuen H. Ordensvorstehers der Schriftführer die Leitung der Verhandlungen und trägt vor:
[…] b.) daß das Ehrenmitglied, H. Jos. Victor Scheffel, Archivar auf der Wartburg, dem Orden ein Geschenk mit einem Prachtexemplar seines neuesten Werkes „Frau Aventiure“ gemacht hat […]
c.) daß Herr R. Boissière, zu Paris dem Orden ein Schriftchen zuschickte, betitelt: „Du progrès dans les Langues par une direction nouvelle donnée aux travaux des Philologues et des Académies“ von welchem die Versammelten auch eine Einsicht nehmen. […]
4.) Weiter zeigt der Ordensschriftführer an, daß er des Ehrenmitgliedes, H. Priem’s Schriftchen „Rupprechtstegen und das Pegnitzthal“ um 13 xr. für die Ordensbibliothek angeschafft hat und bittet um Nachgenehmigung des Kaufs, die ihm auch zu Theil wird.
5.) Endlich zeigt derselbige die dem Orden übermachten Photographien der Ordensmitglieder: H. Pf. August Lösch allhier u. H. Oberbibliothekar Minzloff in Petersburg, vor und dem Beschluße gemäß soll ein Album der Ordensmitglieder im kleineren Format angelegt werden.
[…] 8.) Endlich schreitet man zu Vorträgen und es liest zu dem Ende vor:
[…] b.) der Ordensschriftführer: eine bisher noch unbekannte Reliquie von Göthe aus dem Jahr 1775 u. ff. betitelt: „Salomons, Königs v. Israel und Judä güldene Worte von der Erde bis zum Ysop“
Damit schließt man.