Streben nach Normalisierung

So einfach war es nicht, den Vorkriegsbetrieb wiederaufzunehmen. Seltsamerweise wurden an verschiedenen Stellen der Aufzeichnungen die Besucherzahlen unterschiedlich eingeschätzt. Das mag an den verhältnismäßig kümmerlichen, sparsamen Umständen der Treffen liegen, welche die gemütliche, aber arbeitsame Stammtischatmosphäre von früher vermissen ließen.

Freitag den 10. Okt. 1919        26 Wochenversammlung
[…] Anwesend: Börner, Heerwagen, Steller, Herr Lehrer Hubel als Gast
Vorsitz. Börner. […]
Steller gab folgende Erklärung zu Protokoll:
„Er müße es in der Folge als eine Zumutung ansehen sich zu Vorträgen an Vereinsabenden bereit erklären zu sollen, wenn nicht Gewähr auf eine derartige Einwirkung auf Literaturfreunde mitgeleistet werden könne, daß auch [ausgelassen: „mit“] einem befriedigenden Besuch der Abende zu rechnen sei. Die Kümmerlichkeit des Vereinslebens und die Teilnahmslosigkeit der vorwiegenden Mehrzahl der Mitglieder müße abschreckend auf jeden wirken, der zu arbeiten bereit sei.“ […]

Bericht über das Ordensjahr 1919.
[Es heißt, die Sitzungen wurden in steigendem Maße besucht.] Die regelmäßige Herausgabe eines Monatsprogramms erwies sich dabei als ein äußerst glücklicher Griff. […] Solange wir mit ungeheizten Säälen und dem entsprechender, schwacher Besucherzahl, den stets wachsenden Reclame-, Annoncen- und sonstigen Ausgaben und den, durch die zeitlichen Verhältniße bedingten, hohen Vortragshonoraren zu rechnen haben, wird der Orden gezwungen sein […] dann erst zu beschließen, ob er sich dieselben leisten kann, oder nicht. […]
Zur Aufnahme vorgeschlagen werden durch:
Herrn Oberstudienrat Dr. Ackermann: Herr Dr. Günther Reubel.
Herrn Regierungsrat v. Scheurl: Seine Frau Gemalin [sic]. […]

Die letztgenannten Neuaufnahmen weisen schon voraus auf spätere politische Differenzen. Weitere Aufnahmevorschläge vom Juni 1920 spiegeln die vorläufige prinzipielle Offenheit: Neben einem Dipl. Landwirt Konrad Adelmann aus Boxdorf ein Kriegsgerichtsrat Wilhelm Schrodt und der Besitzer der Schwan-Stabilo-Bleistiftfabrik, Dr. Eduard Schwanhäuszer. Daß Theodor Bischoff zum Ehrenmitglied ernannt wurde, war angesichts seiner grundlegenden Beiträge zu „Altes und Neues aus dem Pegnesischen Blumenorden“ längst überfällig; was nicht angegangen wurde, war die Gewinnung aufstrebender, aber bereits bekannter Schriftsteller zu Ehrenmitgliedern. Thomas Mann hätte sich zu diesem Zeitpunkt vielleicht dazu bereiterklärt. Die 1894 aufgenommenen Ehrenmitglieder waren auch nicht über jeden klassizistischen Zweifel erhaben gewesen. Aber seither waren die Pegnesen spießiger geworden. Jetzt ging es, der Notlage entsprechend, über Lebenshilfebüchlein:

Freitag den 3. Dez. 1920        33. Wochenversammlung
[…] Den Vortrag des Abends hielt Frau Oberregierungsrat Clara Freifrau v. Scheurl über Hans Müllers Buch: „Die Kunst, sich zu freuen“. […] Daß als Vorbedingung dazu eine Charakterbildung, über die nur verhältnißmäßig Wenige verfügen, nötig ist, und wie man diese Charakterbildung verallgemeinern kann; diese Frage scheint, nach dem Gehörten zu urteilen, der Verfasser offen zu laßen. […] Er hätte dann aber sein Buch […] betiteln sollen: […] „Die Kunst, sich zu freuen zu erlernen“.
Der Vorsitzende dankte der Vortragenden in beredten Worten für ihre fleißig durchgearbeiteten, von der Versammlung mit lebhaftem Beifall quittierten Ausführungen und drückte den Wunsch aus, daß derartig eingehende Buchbesprechungen Nachfolge finden möchten.

Außerordentliche Hauptversammlung am 10. Dez. 1920.
[16 Mitglieder anwesend]
[…] Auf Grund einer Ausgabenaufstellung wies der Schatzmeister nach, daß die Jahresausgaben des Ordens — eine Abzahlung der, mit M. 5000.- berechneten Katalogskosten von M. 1000.- eingerechnet — sich auf M. 4430- belaufen. Dem stehen, bei M. 16.- Jahresbeitrag und 130 zahlenden Mitgliedern circa M. 2100.- Beitragseinnahmen gegenüber. […] daß er sich gezwungen sehe den Jahresbeitrag auf M. 30.- zu erhöhen […]
Frau Consul Lambrecht führte an, daß trotz einer Ueberverdoppelung des Jahresbeitrags im philharmonischen Verein sich die Mitgliederzahl, statt vermindert, ganz außerordentlich erhöht habe. […] einstimmige Annahme der Erhöhung des Jahresbeitrags auf M. 30.-

Bericht über das Ordensjahr 1920
[…] Einer Anregung Dr. Reickes, regelmäßige Monatsberichte in den Tagesblättern erscheinen zu laßen, wurde gerne zugestimmt und dieselben auch, unter seiner freundl. Vermittlung, durchgeführt.
Das erfreuliche […] Erscheinen des Gesamtkataloges der in der Stadtbibliothek verwahrten Bücherei des Ordens […] fällt ebenfalls noch in das Ende dieses Ordensjahres. Die Kosten belaufen sich auf M. 5000,- bei einer Auflage von 1000 Exemplaren. Durch eine Eingabe an den Stadtrat und dessen freundl. Zusage gegen Abgabe von 500 Katalogen die Hälfte der Kosten übernehmen zu wollen, konnte der Orden wenigstens fast 2500 Mark wieder einbringen. Zur Aufklärung der Mitglieder sei eingefügt, daß der Vorschlag zu diesem Tauschgeschäft von dem Orden ausging, der die, weit vor Kriegsausbruch festgelegte Höhe der Auflage, da Teile davon schon gedruckt waren, nicht mehr abändern konnte […]
In dem neuen Ordensjahr fanden bereits 6 Aufnahmen statt, denen 2 Austritte entgegen stehen; ein Beweis dafür, daß mit der Erhöhung des Jahresbeitrags sich auch unsere älteren Mitglieder abgefunden haben. […]





Was vor dem Krieg bestimmt noch nicht festgelegt worden war: die Gestaltung des Titelblattes dieses Bibliothekskatalogs. Diese steife Rahmung mit ihrer kleinteiligen Lieblichkeit und Anlehnung an die Bauernkunst ist bezeichnend für das Bedürfnis  nach unkomplizierter Harmonie, und dieser Stil, zur Anwendung vieler kleiner, stark vereinfachter Blümchen herunterverdünnt, setzt sich bis in die Dreißiger Jahre und in Einzelfällen noch weiter im Dekorationswesen fort. Übrigens ist es ein Hinweis auf die  finanzielle Hilfe der Stadt Nürnberg, daß unter dem Pegnesensiegel im Rand der Jungfrauenadler erscheint: Beweis für das Datum 1920 des Entwurfs.

Freitag den 18. März 1921.
10 Wochenversammlung
[…] Den Vortrag des Abends hielt Herr Oberregierungsrat Dr. Eberhard Freiherr v. Scheurl über Wilhelm Wundts: „Die Zukunft der Kultur“. [Wie sich die Sprache] von dem einfachsten Umgangsmittel bis zur bilderreichen Ausdrucksform emporrang […] zur Bildung eines Volksmythus […] Ein Blick in die Zukunft zeige auch darin noch allerhand Möglichkeiten. […] Von diesem Gebiet auf die Uranfänge der Staatsformen überspringend ließ der Redner […] ihre verschiedenen Gebilde Revue passieren. […] Bei den Staaten mit demokratischer Verfaßung zeigte v. Scheurl, daß auch dort manchmal die Gewalt, wie in Amerika und Frankreich, in den Händen einer einzigen Person liege und von dieser oft in ganz ungeheuerlicher Weise ge- und mißbraucht werde. […] betonte der Vortragende, daß ein Wiederaufstieg darin vorbedinge, daß wir uns das Bewußtsein unserer Kraft erhalten und uns nicht als Besiegte fühlen. Nur mit einer aus dieser Idee sich entwickelnden, friedlichen Revolution sei es uns möglich, uns wieder kulturell emporzuarbeiten. […]

Freitag den 17. Juni 1921.        20. Wochenversammlung.
[nicht gekennzeichneter Zeitungsausschnitt:] Der 17. Juni brachte einen Vortrag des Studienprofessors Karl Bohneberg über „Runentum und germanischen [sic] Sonnenglaube“. […] Die Runenentwicklung erklärte Redner als von der […] Heiligrune […] ausgehend, einem einfachen, senkrechten Balken. An ihn schlossen sich teils nach oben, teils nach unten laufende schiefe, teils in Kreuzform gebildete Balken an, aus denen sich auch das Hakenkreuz, als Zeichen des aufsteigenden Geistes, herausbildete. […]

So so, „aufsteigender Geist“. Dann ist doch wohl alles in Ordnung? Und ab wann konnten die Zuhörer erkennen, daß die neuartige Verwendung dieses Zeichens ein übler Mißbrauch war? Daß der Rückzug ihrer Schneckenhörnchen ins Germanenhäuslein brandgefährlich war? Sah man doch in den neumodischen demokratischen Staatsgebilden auch Machtmißbräuche! Dann dürfe man in Deutschland auch eine Revolution haben, aber bitte eine friedliche, wie sich’s Erich Mühsams „Lampenputzer-Revoluzzer“ so vorstellte.

Im Blumenorden entwarf man zunächst einmal Satzungsänderungen. Aber der instinksichere, wenn auch zu impulsive Hans Wießner mußte erst seinen Auftritt gegen autokratische Tendenzen haben.

Ordentliche Hauptversammlung. Freitag den 6. Mai 1921.
[21 Mitglieder anwesend]
Als [2.] Schriftführer wurde an Stelle des zurückgetretenen Herrn Hauptmanns Hugo Freiherr von Bechtolsheim gewählt: Herr Dr. Heinz Schauwecker, prakt. Arzt. […]

Schauwecker ist das Musterbeispiel eines vorwiegend heimatkundlich interessierten, betulichen, persönlich anständigen Menschen, dessen Anschauungen sehr leicht vom Nationalsozialismus instrumentalisiert werden konnten, ohne daß er im eigentlichen Sinne ein Nazi war. Der Eintrag über ihn in Wikipedia liest sich wie ein „pars-pro-toto“ der Entwicklung des Blumenordens.

Wießner […] erhob den direkten Vorwurf, daß der Vorsitzende [Ackermann] in versch. Punkten selbstherrisch, resp. eigenmächtig, vorgegangen und er auf Grund dieser Umgehung der Satzungen sein Amt als Irrhainpfleger und Ordensrat nieder lege. Der Vorsitzende verwahrte sich energisch und ganz mit Recht gegen diesen Vorwurf und erklärte auf Grund dieses Mißtrauensvotums ebenfalls sein Amt niederzulegen.
Durch Vermittlung v. Scheurls, Reickes und versch. anderer Herrn wurde die Verstimmung glücklich wieder beigelegt; der Vorsitzende erhielt ein Vertrauensvotum dem sich auch Wießner in einer Separaterklärung anschloß und die Erklärung abgab, sein Amt bis zum Ablauf der Wahlperiode weiter führen zu wollen. Eine schriftliche Begründung Wießners in der Anzeige der Niederlegung seines Amtes als Irrhainpfleger, in welcher er sich über zu wenig Handlungsfreiheit beklagt, steht übrigens mit seiner Beanstandung der Art des Geschäftsgebarens des Vorsitzenden, für das er mehr Zwang verlangt, in direktem Widerspruch. […]
Von den Anträgen Börner auf Satzungsänderungen wurde der Paragraph über die außerordentlichen Mitglieder folgendermaßen abgeändert:
Für außerordentliche Mitglieder gelten dieselben Aufnahmebestimmungen, wie für ordentliche Mitglieder. Sie haben nur die Hälfte des Jahresbeitrages zu entrichten, genießen aber weder Stimmrecht noch sind sie für ein Amt wählbar. Als Regel gilt, daß als außerordentliche Mitglieder nur solche vorgeschlagen werden sollen, deren ökonomische Verhältniße ihnen die Beitragsleistung eines ordentlichen Mitgliedes schwer ermöglichen.
Der Uebertritt vom ordentlichen zum außerordentlichen Mitglied kann unter den angeführten Bedingungen, vom außerordentlichen zum ordentlichen jederzeit erfolgen.
Der §8 der Satzungen ist damit aufgehoben, resp. in folgende Faßung gebracht:
Ausgetretene Mitglieder unterliegen bei einem Wiederaufnahmegesuch denselben Bedingungen wie neu Vorgeschlagene.
Bezgl. Aufnahme von geschloßenen Vereinen wurde, nach eingehender Debatte, folgender Paragraph festgelegt:
Corporatives Mitglied können nur auswärtige Vereine werden. Ueber Aufnahme und Höhe der Beitragsleistung derselben entscheidet die Gesamtvorstandschaft mit dem Ausschuß; bei etwaiger Nichteinigung die Generalversammlung durch zwei Drittel Stimmenmehrheit.
Ein weiterer, neuer Paragraph bestimmt:
Stirbt ein verdientes Mitglied so bleibt es dem Orden überlaßen seine in nicht selbständigen Berufen stehenden Hinterbliebenen ohne Beitragsleistung, als Mitglieder weiter zu führen. Beschlußfähig dazu sind alle Versammlungen. [Der Orden wird in noch höherem Maße zum Familienbetrieb, nachdem schon immer eine Tendenz zu dynastischen Mitgliederfolgen vorhanden war.  Das begünstigt das Unter-sich-Bleiben.]
[…] Ein weiterer Vorschlag Wießners, neu Aufzunehmende, behufs Kenntnißnahme aller Mitglieder, auf die jeweilige Monatsprogramm-Anzeige mit aufzusetzen und nach Einsichtnahme der Mitglieder von derselben erst die Ballotage vorzunehmen, fand Annahme. […]

Freitag den 23. Sept. 1921
Gemeinsame Vorstands- und Ausschußsitzung im Krokodil. Beginn 7 ¾ Uhr.
[…] Antrag Hans Wießner, Beitritt des Ordens zur kulturellen Arbeitsgemeinschaft, Sitz Nürnberg, evangelisches Vereinshaus, Bucherstraße. […wo] die Möglichkeit gegeben sei für die öffentlichen Vorträge einen so gut wie kostenlosen Saal mit einem vorzüglichen Klavier darin zu erhalten. […] Studienprofeßor Konrad Meyer vervollständigte diese Angaben insoweit, als er erklärte, daß die kulturelle Arbeitsgemeinschaft eine Gründung des Vereins: Vortrupp sei, der sich bis jetzt 17 Vereine angeschloßen hätten. […] wurde eine Kommission aus den Herren Wießner, Herrling und Steller ernannt mit der Aufgabe sich über alles erst einmal genau zu orientieren und dem Orden Bericht zu erstatten […]

Als Unternehmer war Wießner nicht faul, wenn es darum ging, neue Möglichkeiten auszuspähen. Der Blumenorden war allerdings auf seine Eigenart und Eigenständigkeit bedacht. Das mag man im Sinne einer dynamischen Entwicklung bedauern, aber konnte man denn wissen, ob solche Vereinigungen die kommenden Erschütterungen überstehen würden?

Bericht über das Ordensjahr 1921.
Die 34 Wochenversammlungen waren teils durch Vorträge […] teils durch Besprechungen […] teils durch ein sogenanntes buntes Programm […] ausgefüllt […]
An den Vorträgen der bunten Abende beteiligten sich die Damen:
Frau Groske, Frl. Carola Kellermann, Frl. Leffler, Frau v. Scheurl […Elisabeth Leffler war also nicht wegen der gescheiterten Jugendgruppe nachtragend.]
Die Einnahmen aus dem Hansel betrugen M 344. [Das sieht gut aus, aber die Preise waren auch gestiegen …]

Ordentliche Hauptversammlung. Freitag den 7. April 1922.
[18 Mitglieder anwesend, Wießner z.B. nicht]
[…] Wiedergewählt [?] wurden:
I Vorsitzender, Oberstudiendirektor Dr. Rich. Ackermann, durch Zuruf.
[Aus einer Nebenbemerkung der 22. Wochenversammlung geht hervor, daß der derzeitige Vorsitzende Ackermann der Schwiegersohn des vorigen,  Wilhelm Beckhs, war.]
II  „  Dr. Christian Behringer,                 „
III 1 Ordensrat, Archivdirektor Dr. Emil Reicke, Archivar     „
IV 2    „    St.Profeßor Dr. Hans Herrling, Bibliothekar    „
V 3    „    Studienrat Dr. Günther Reubel Irrhainpfleger,      Zettel  
VI Schatzmeister, Consul Hermann Lambrecht,        Zuruf
VII I Schriftführer, Kfm. Otto Börner,                „
VIII II     „in    Frl. Carola Kellermann (hat abgelehnt.)    Zettel
IX Ausschußmitglied Kriegsgerichtsrat Wilhelm Schrodt    „
Ernannt wurde, extra status, als Bücherwart:
Studienrat Georg Schwarz.
[Lambrecht bringt eine Erhöhung der Preise durch, die für Irrhain- und Kellerschlüssel, Ordensnadel und Aufnahmegebühr erhoben werden. Drucklegung der Satzungen und Mitgliederverzeichnisse wird aufgeschoben.]
Reicke […] Entweder müße der Orden in seinen Sitzungen Reporter zulaßen oder sich auf eine im lokalen Teil zu bringende, einfache Aufzählung seiner Vorträge beschränken. [Letzteres wird beschlossen.]

Dies ging darauf zurück, daß Steller am 10. Dezember 1920 eine Unterredung mitteilte, „die der Redakteur des Fränk, Kurier (Herr Schardt) mit ihm, behufs der Veröffentlichungen des Ordens gepflogen hat. Die Redaktion erklärte, daß die von Mitgliedern verfaßten Berichte meist nicht objektiv genug gehalten seien und auch vielfach über den Rahmen hinausgingen, der einem Berichterstatter gesteckt sei; es wäre deßhalb wünschenswert, daß zu den Sitzungen Berufskritiker geladen würden. […]“