OMEIS: Persönliche Aussagen vorindividueller Art


MAGNUS DANIEL OMEIS, der in seiner Gründlichen Anleitung bestimmt nicht weniger Sachverstand als andere Poetologen (oder Dichtungs-Theoretiker) zeigt, wird sich selbst nicht für das gehalten haben, was man heute ein Genie nennt. Aber einen tüchtigen Poeten nach den Maßstäben der gelehrten Welt konnte er schon abgeben. Es ist nur leider in seinen angehängten Ehr-Gedichten" nicht dasjenige aufzufinden, wovon in der Sitzung im Irrhain die Rede war, nämlich das Gedicht zum Antritt seines Rektorats der Altdorfer Universität. Ein anderes teile ich auszugsweise mit, das auch ihn selbst betrifft; es liegt nahe, daß ein persönlicher Anlaß oder Bezug etwas hervorgebracht habe, was auch dem heutigen Leser weniger äußerlich vorkommt. Es handelt sich um den insgesamt 37 vierversige Strophen umfassenden Text: Auf meinem [!] Namen-Spruch: Mundus Decipitur Opinionibus .

Offenbar hat er einen lateinischen Spruch als Ausgangspunkt gewählt, dessen Wörter mit den gleichen Buchstaben anfangen wie sein Name. Hieran ist schon einmal zu sehen, daß nicht eine Stimmung, eine Naturbeobachtung oder eine Meditation über den eigenen Charakter zu der Verschränkung von Ich und poetischem Gegenstand führt; es ist eine ganz geistige Übung, weniger eine seelische. Diese Dichter waren Intellektuelle, keine Ergriffenen oder Erleuchteten. Nach solchen Bewußtseins-Zuständen außerhalb der Religion zu streben, wäre ihnen wohl vermessen vorgekommen. Möglicherweise erklärt sich daraus das scheinbare Auseinanderfallen von pietistischer Frömmigkeit und rationalistischer Sprachpflege. Wie bearbeitet nun OMEIS seinen Einfall, so daß er dichterisch wird?

Es wird die ganze Welt durch Meynungen betrogen.
Gleichwie sich von der Schlang das Paar im Paradis
durch hohe Meynungen zu erst betriegen ließ;
also hat diese Seuch sich auch auf uns gezogen.

Die erste Zeile bietet, wie recht und billig, die Übersetzung der Überschrift. Zwanglos ergibt sich das Metrum — Jambus — und der Vers: Alexandriner. Daß in der nächsten Verszeile die Aussage am Ende nicht abgeschlossen ist, bringt die Strophe in Bewegung. Passenderweise schließt die Strophe aber mit einer einversigen Aussage ab, damit man an der eintretenden Pause hört, wie lang die Strophe ist und daß eine neue kommen wird. Wer das erst einmal als Schema im Ohr hat, wird gleicher Behandlung nicht bei allen Strophen bedürfen, und der Dichter kann hernach freier mit dem Schema spielen. Inhaltlich fängt OMEIS bei Adam und Eva an. Das gilt heute als sprichwörtlich schlecht, wird aber im Sinne eines wohl durchgeführten Argumentes mit der Erwartungshaltung damaliger akademischer Leser übereingekommen sein.

Kaum wir entwichen sind dem Wickel-Band und Wiegen/
so flößet Baucis uns durch albre Fabeln ein
viel hundert Meynungen/ die offt durch leeren Schein/
wie den Aesopus-Hund der Schatten/ uns betriegen.


Baucis, die aus OVIDs Metamorphosen bekannte alte Frau (Philemon und Baucis), steht hier für eine alte Erzieherin, Amme oder Großmutter. Wenn wir heute sagen: Erzähl' mir doch keine Ammenmärchen", so ist dies ein Nachklang des Widerwillens, den der aufgeklärte Mensch des 18. Jahrhunderts gegen eine Erziehung hegte, die nicht ausschließlich über den Kopf ging, sondern sich in märchenhafter Einkleidung, bildhafter Ausdrucksweise und mit abergläubischen Drohungen an die Kinder wandte. Mit Ausnahme des Aberglaubens denken wir heute wieder umgekehrt. Im Unterschied zu tiefenpsychologischen Überlegungen muß damals die Befürchtung, Kinder könnten durch alle Arten der Beeinflussung von seiten ungelehrter Personen auf ihrem Wege zur Weisheit aufgehalten werden, in Gelehrtenfamilien sehr stark gewesen sein. Man schüttete sozusagen das Kind mit dem Bade aus und bildete mit Vorliebe altkluge Fratzen heran. Beobachtungen dazu macht man in Dutzenden "Moralischer Wochenschriften" sowie in Büchern zur Weltklugheit von den namhaftesten Philosophen der Zeit. Daraus folgt aber auch, daß OMEIS in diesem Punkte einer aufklärerischen Geistesrichtung zuzurechnen ist. Ironisch wirkt allerdings, daß er seine Abneigung gegen die durch leere Fabeln vermittelten Einstellungen anhand einer aesopischen, moralisch ausdeutbaren Fabel vom Hund und seinem Schatten exemplifiziert. Übrigens leistet sich OMEIS gegen seine späteren Überzeugungen hier noch unprosaische Wortstellung im ersten und zweiten Vers. Von den weiteren Strophen, die das Thema so vollständig verfolgen, daß an keinerlei Bildungserlebnis, auch nicht am Reisen, noch ein gutes Haar bleibt, zitiere ich nur noch die eine, die vom Schul-Unterricht handelt:

Bald hat sich/ der uns lehrt/ dem Stagirit verschwohren/
bald nimmt er unversehns Cartesens Meynung an;
Der hälts mit Scaliger/ und jener mit Cardan/
und diser hat die Sect der Stoiker erkohren.


Auch hier erinnern wir uns leicht an ein geflügeltes Wort: "Die Vielfalt der Schulmeinungen". Unsere Sprache hat Einstellungen aufbewahrt, die in der damaligen Zeit erst gewonnen wurden. Es muß, ähnlich wie im "postmodernen Bewußtsein" (was immer das sein mag), dem Zeitgenossen um 1700 der ewig unentschiedene Wettstreit unvereinbarer Standpunkte aufgefallen sein, nur daß man diesen geistigen Sachverhalt als eine große Unbequemlichkeit empfand. ARISTOTELES, der "Stagirit", einst mit der Duldung der Kirche als der eigentliche Schulphilosoph behandelt, weil man ihn mit dem Dogma vereinbaren zu können glaubte, muß neben sich Neuerer wie DESCARTES, CARDANUS und SCALIGER gelten lassen. Dazu gewinnt seit dem 17. Jahrhundert eine christliche Version des Stoizismus Anhänger. Wenn wir über OMEIS selbst in diesem Gedicht etwas zu erfahren hoffen, so wird es wohl das sein: Er verfällt aufgrund vielfältiger Bildungseinflüsse, die ihn unsicher gemacht haben, auf jenen lateinischen, sehr skeptischen Spruch zu seinen Namensinitialen, und führt ihn aus, sodaß man über sein Bewußtsein etwas erfährt.

Es muß nicht die Totalität seiner Bewußtseinsinhalte sein. Dazu ist die Gattung des Gedichts nicht vorgesehen. Es läßt sich nur immer ein Ausschnitt, eine bestimmte Rolle der Person, darin darstellen. Wir sollten deshalb vorsichtig damit sein, aufgrund dieser wenigen zeitüblichen Aussagen OMEIS geradezu als einen der Avantgardisten unter den Aufklärern zu beanspruchen. Ihm ist jederzeit, wie andere seiner Schriften zeigen, die Wendung zuzutrauen: "Aber ich finde Halt und Trost in meinem Glauben." Als Dichter jedoch kann er sich zu jeder Gelegenheit andere geistige Vorbilder suchen, solange er den jeweils rechten Ton trifft. Diese Fertigkeit und die rein handwerkliche hat er uns in obigen kleinen Ausschnitten, wie ich meine, erwiesen.