Der Blumenorden vor der Öffentlichkeit

Erste Stufe: Man reagiert intern auf einen öffentlich bedeutsamen, aktuellen Anlaß, in diesem Falle auf Goethes Tod.
 
„Die heute veranstaltete ausserordentliche Versammlung des pegnesischen Blumenordens, bei welcher nebenbenannte Mitglieder erschienen sind, war dem Andenken des vor kurzem verstorbenen Dichterfürsten Göthe gewidmet. Es wurden dabei folgende Vorträge gehalten:
I) Eröffnete der Herr Präses die Sitzung mit einer poetischen Einleitung, worinnen die Geschichte der vaterländischen Poesie im vorigen und vorvorigen Jahrhundert kürtzlich berührt und die Verdienste deutscher Dichter von Opitz bis Göthe gewürdiget wurden.
II) Las Herr Stadtpf. Wilder ein in achtzeiligen Stanzen verfaßtes Lobgedicht auf Göthe ab.
III) Herr Pfarrer Lösch trug eine Abhandlung über Göthe's Faust vor.
IV) Herr Pfarrer Seiler recitirte ein Sonett über ebendiesen Gegenstand.
V) Herr Stadtpf. Wilder las ein von ihm verfaßtes Gedicht auf Göthe's Tod.
VI) Herr Pfarrer Dietelmaier las eine von ihm gedichtete Romanze unter dem Titel: der Lämmergeier.
VII) Zuletzt las Herr Stadtpfarrer Wilder ein in der Manier Hanns Sachsen von ihm verfaßtes Gedicht vor mit der Überschrift: Hanns Sachs an Göthes Schatten.
Womit die heutige Sitzung sich endigte.
Heiden.”
Was die Lämmergeier-Romanze in der Feier zu Goethes Tod zu suchen hatte, fragt man sich vergeblich. Sie war wohl ursprünglich als Beitrag zu dieser Sitzung vorgesehen gewesen, und Dietelmair hatte die Dezenz nicht gehabt, davon fürs erste abzusehen.
 
Rückfall hinter die erste Stufe: Man läßt den Anknüpfungsversuch eines ausländischen Wissenschaftsmagazins ins Leere laufen.
 
à Monsieur le Président de la Societé de la Pegnitz de Nuremberg
Monsieur le Président!
Lorsqu'en 1833 je fondai sous le titre de l'Institut journal des academies et Societés scientifiques de la France et de l'étranger un recueil destiné specialement à repandre les travaux des societés savantes de toutes les parties du globe. […]
En consequence, Monsieur le Président, j'ai le honneur de vous prévénir, et je vous prie de vouloir bien informer officiellement la societé que dorenavant les sciences historiques et philosophiques seront exposées dans l'Institut avec autant de develloppement que les autres sciences et qu'aussi dès à present tous les travaux de la societé pourront trouver place dans les colonnes de ce recueil sans subir comme autrefois aucune mutilation (voiez pour plus de renseignement le prospectus sijoint.)
A cette occasion permettez moi, Monsieur le Président, de rappeler à la societé la demande que j'ai eu l'honneur de lui adresser en 1833. Tendant à obtenir une communication officielle du compte rendu de ses séances, accompagné d'extraits des memoires lus ou presentés, et de lui exprimer le regret que j'ai éprouvé et qui a été partagé par tous les amis de la propagation des sciences, en voyant qu'elle n'a pas accueilli cette offre de publication et que par suite sa place est restée vacante ou du moin n'a été qu'imparfaitement remplie dans le repertoire academique ou elle auroit pu figuré avec distinction.
[…]
J'ai l'honneur de proposer à la Societé:
1.) De decider que le compte rendu de chacune de ses séances ou de plusieures séances réunies, accompagné d'extraits ou d'analyses des memoires qui auront été ou presentés, sera regulièrement adressés à la redaction de l'Institut pour etre inseré dans le journal.
2.) de decider qu'un exemplaire de toutes les publications que fera la Societé par voie d'impression se regalement adressé à la redaction […]
3.) de decider qu'elle suscrira à l'Institut. Ce n'est pas sans quelqu'embarras, Monsieur le Président, que je sollicite cette 3eme decision de la part de la societé […] mais les charges nombreuses qui ont pesé sur cette publication depuis trois ans […]
j'ai l'honneur d'être avec un profond respect,
Monsieur le Président,
Votre très humble et très obeissant Serviteur
Eugene Demonet.
Directeur du journal l'Institut
Rue de Lille No. 11.
Paris le 12. Mars 1836”
Der beigelegte Prospekt führt eine große Anzahl der berühmtesten Gesellschaften als korrespondierende Mitglieder auf, darunter die Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen, und die Buchhändler, über die die Zeitschrift zu beziehen ist — in Nürnberg Campe.
 
In der nächsten Sitzung vom 18. April 1836 „[…] II) wurde den anwesenden  Ordens-Mitgliedern [16] ein von dem Herrn Eugene Demonet [stammendes Ansinnen wegen Subskription vorgestellt.] Da nun aus dem eingesandten Prospektus zu ersehen war, daß dieses Journal größtentheils Abhandlungen aus dem Gebiet der Philosophie, der Mathematik, der Physik und der Naturgeschichte enthält, welche der Verfassung und dem Endzweck unserer gesellschaftlichen Verbindung nicht nahe genug liegen um die kostspielige Anschaffung desselben rechtfertigen zu können [die derzeit noch gültige Satzung von 1820 hatte genau solche Interessen festgeschrieben!]; da überdieß die Bibliothek des Ordens blos zur Aufbewahrung von Geistesprodukten seiner Mitglieder bestimmt ist, und da endlich ein von dem Herrn Demonet im Jahr 1833. geschehenes ähnliches Ansinnen bereits damals ablehnend beantwortet worden; so wurde beschlossen, diese Angelegenheit zur Ersparung unnöthiger Kosten und zur Abwendung fernerer ähnlicher Anträge stillschweigend auf sich beruhen zu lassen, eine wider Verhoffen etwann dennoch einlaufende fernere Zuschrift aber ohne weiteres abschlägig zu beantworten. […]”
Man kann sich schon vorstellen, wie peinlich berührt die damaligen Mitglieder des Blumenordens auf die erneute zudringliche Werbung des Franzosen für die Bestellung seines Journals reagiert haben, weil es sie einfach zu teuer gekommen wäre. Andererseits hätte es ja in ihrem ureigensten Interesse sein müssen, wenn schon bis nach Paris die Kunde vom Weiterbestehen des Blumenordens gedrungen war, sein Bild in der Außenwelt zu befestigen. Schließlich war ja explizit angeboten worden, Sitzungsprotokolle, ja selbst Abhandlungen zu veröffentlichen. Traute man sich nicht zu, neben den anderen berühmten Gesellschaften damit eine gute Figur zu machen? Fränkische Muffligkeit? Es wäre alles leichter vonstatten gegangen, hätte man damals schon das Vernetzen übers Internet gekannt.
 
Zweite Stufe: Man bedient sich eines Prominenten in den eigenen Reihen, um bei aktuell-bedeutendem Anlaß mitzuglänzen.
 
Als nach manchem Hin und Her das von König Ludwig I. gewünschte, aber nicht bezahlte, einem Münchner Künstler in Auftrag gegebene, aber wenigstens von dem Nürnberger Burgschmiet gegossene Dürer-Denkmal im Jahre 1840 mit einer Verspätung von 12 Jahren gegenüber dem Gedenkjahr endlich aufgestellt wurde, ließ sich zur Enthüllung Bürgermeister Binder folgendermaßen vernehmen:

„[…] Aber der göttliche Lenker der Weltenschicksale ermüdet nicht, solche Zeiten unter veränderten äußeren Formen wiederkehren zu lassen. Liegen auch Jahrhunderte zwischen Vergangenheit und Gegenwart, plötzlich besteigt den Thron des Vaterlandes ein Genius, der mit klarem Blick in die Geschichte der Menschheit und mit festem Willen alle Segnungen, deren die Gegenwart bedarf, aus der Tiefe seines Geistes, aus der Fülle seines Herzens seinem Volke darreicht. Da kehren aus früher nie in dieser Größe gekannten Anstalten die induktiven Wissenschaften zu den Gewerben zurück, da reichen über gebrochene Schranken die deutschen Völker zu freier Bewegung des Handels sich die Hände, da führen neue Wege durch Verbindung deutscher Ströme die Erzeugnisse deutschen Gewerbefleißes dem Weltmeere zu, da erheben sich in allen Zweigen der Kunst Gebilde und Werke, welche an die höchste Blüthe des klassischen Alterthums erinnern, da vereinigen sich alle Kräfte, zu wirken für das Große und Erhabene, für das Schöne und Nützliche. Da wird unter den Sorgen für Seines Reiches allgemeine Angelegenheiten Nürnberg eine warme väterliche Theilnahme gewidmet, und Nürnberg nimmt in dem Herzen seines Königs eine Stelle ein, denn der König erkennt seinen Werth. Wem anders, als Ihm, unserm allverehrten König [Ludwig I.], konnte es daher beschieden seyn, dem großen Sohne einer großen Zeit, ja Nürnbergs größter Söhne Einem, dem Meister deutscher Kunst, ein Denkmal zu bestimmen? Es geschah zu Dürer's Ehre, es geschah zur dankbaren Anerkennung seiner hohen Verdienste, es geschah zur Ehre der Stadt, die den Kunstsinn ihrer Urväter in ihren Werken und Anstalten treubewahrt und pflegt, und die gerne des Königs Ruf folgte, es geschah zur Ehre unsrer Zeit. So wollen wir denn Dürern, wie Rauch's Genialität ihn bildete, wie Burgschmiet's Meisterschaft ihn goß, auf seinem Ehrenplatze schauen! Es schwinde die Hülle, — die ihn noch birgt. […]”
In Monarchien muß man das, was man erhofft, als vorweggenommenes Lob des Monarchen, von dem man bisher nur die unbestimmtesten Schritte in die richtige Richtung gesehen hat, bombastisch einkleiden — vielleicht versteht er's ja, was zu tun gut wäre. Wie berechnend diese Eloge ist, sieht man schon daran, daß der Kanal erwähnt ist, die Eisenbahn, die Ludwig ja nicht besonders schätzte, aber nicht.
 
Wie unter Kress die Stellung des Blumenordens gegenüber der Öffentlichkeit eingeschätzt wurde, könnte kaum genauer ausgedrückt werden als mit den Worten, die Lösch in dessen Nachruf verwendete:

„Unser Orden ist ein Vermächtniß aus früherer Zeit, eine Nürnberger Reliquie, welche, auch wenn sie ihre ursprüngliche Bedeutung verloren hat, uns theuer und werth bleiben muß; deren Erhaltung und Pflege eine zarte Hand, ein liebendes Herz erfordert. Von einer Wirksamkeit nach außen kann keine Rede seyn, um so sorgsamer muß im Innern das Interesse rege gehalten, die Thätigkeit gespornt, die Eintracht bewahrt werden.
Hiezu war der Verewigte vorzugsweise geschickt. […]” Man könnte fast meinen, Kress sei ein auf seine Patrimonial-Angelegenheiten beschränkter Landjunker gewesen. Doch Lösch weiß zu berichten:
„[…] Nachdem er seine Universitätsjahre vollendet hatte, suchte er seinen Geist durch Reisen weiter auszubilden und besuchte mit zwei Freunden, dem nachherigen Senator von Harsdorf und dem kürzlich verstorbenen Administrator Freiherrn von Haller, die Städte Wien, Laibach, Triest, Venedig, einen Teil der Lombardei und später die preußische Hauptstadt Berlin. Als er in seine Vaterstadt zurückgekehrt war, wurde er Assessor des damaligen Land- und Bauerngerichts und verblieb in dieser Stellung bis zum Jahre 1806 […] wirkte er doch während der bekannten Kriegsjahre als Mitglied der Nürnberger Munizipalität bei dem Einquartirungswesen mit der strengsten Unpartheilichkeit […]” Das Ansehen, das er sich dadurch erwarb, führte ihn zum Amt des Landtagsabgeordneten:
„So wohnte er mehreremal den Landraths-Verhandlungen in Ansbach bei und wurde von den adelichen Gutsbesitzern fünfmal nacheinander, in den Jahren 1831, 34, 37, 39 und 42 als Deputirter zur zweiten Ständekammer des Reichs in München gewählt. Er hatte sich die Achtung seiner Collegen zu erwerben gewußt und war besonders bei dem letzten Landtage von 1842/43 als Mitglied es dritten Ausschusses thätig. Er gehörte der conservativen Richtung an, aber er trat mit offenem Freimuth der Regierung entgegen, wo ihre Forderungen den allgemeinen Interessen des Landes ihm zu widersprechen schienen. Die Stände der oben bezeichneten Jahre wechselten ihre Physiognomie bedeutend; er ist sich immer gleich geblieben, und hat nie vom allgemeinen Strome sich leiten lassen.” Insofern war er noch ein patriarchalisch statt machtpolitisch denkender Mensch, und dazu paßt auch sein Wirken für das Allgemeinwohl außerhalb der Tagespolitik, eine Art von Politik gleichwohl, die dem König angenehm sein konnte:
„Mit besonderer Vorliebe wirkte er bei dem landwirthschaftlichen Verein für Mittelfranken. […] Des Königs Majestät lohnte seine Verdienste durch Verleihung des Ritterkreuzes vom St. Michaels-Orden.
Auch der Maximilians-Heilungs-Anstalt für arme Augenkranke dahier, eine Stiftung des verewigten Hofraths Dr. Kapfer, […] wiedmete [sic] Herr von Kreß viele Zeit und Kraft. […]
Im Jahren 1818 trat Kreß in den Ausschuß der vormals patriziatischen Familien in Nürnberg ein. Es galt vor allem die Erhaltung und Herstellung meh-[S. 6]rerer für Wittwen, Jünglinge und Jungfrauen gemachten Stiftungen. Er gab sich dieser Aufgabe mit aller Sorgfalt und Aufopferung hin und vermehrte die Holzschuher'sche, Kreß'sche und Tetzel'sche Stiftung durch Schenkungen während seines Lebens und durch Vermächtnisse nach seinem Tode. […]”
 
Und doch verdankt man eben diesem Präses Kress die dritte Stufe der öffentlichen Wirksamkeit des Blumenordens: öffentliche Vorträge! Lösch erwähnt sie beiläufig im Zusammenhang der öffentlichen Feiern des 200jährigen Bestehens des Ordens, aber diese Feiern waren im Prinzip nichts Neuartiges. Die für jeden offenstehenden Vorträge waren es, doch sie gehören nicht zu dieser Runde der Ordensgeschichte und sollen erst später genauer betrachtet werden.
„Er ist 1818 in denselben eingetreten und wurde 1838 zum Präses desselben erwählt. […] Unter seinem Präsidium traten 84 neue Mitglieder theils von Nürnberg, theils von auswärts ein. Seit dem Jahre 1845 wurden die öffentlichen Vorträge in den Wintermonaten, an welchen die Familien der Mitglieder sowohl, als jeder Fremde, Antheil nehmen können, eingeführt. In seine Verwaltung fiel 1844 das zweihundertjährige Jubelfest des Ordens und wurde in sehr erhebender Weise begangen. […]”