Post-mortem-Barock


Wir wollen nicht unbillig urteilen. Was aus einem Gesichtspunkt, dem des geistesgeschichtlichen Fortschritts, als Klotz am Bein erscheint, nämlich das unbedingte, für Nürnberg bezeichnende Zusammenstehen von Kirche, Kultur und Regierung, das hätte aus dem Gesichtspunkt des literargeschichtlichen Fortschritts kein Hindernis darstellen müssen.

Wie fromm war nicht Klopstock, der doch gerade zu dieser Zeit daranging, ein Epos über — ausgerechnet — Jesus Christus zu schreiben. Man hätte von der Theorie der Gattung her Klopstocks Vorhaben von vorneherein das Scheitern prophezeien können. (Epen brauchen, einfach ausgedrückt, einen Helden, der vorwiegend innerhalb des materiellen Lebens Erfolg hat, indem er feste zuschlägt, und eine ganze Sippe solcher Helden, und buntestes Gewühl von Völkerschaften in frühgeschichtlichen Lebensumständen, und... Man hätte es beim altdeutschen Heliand belassen sollen; der kam noch am nächsten an diese Beschreibung heran. Aber er war nicht sehr christlich.) Milton hatte in seinem christlichen Epos ja immerhin noch den Menschen in den Mittelpunkt stellen wollen und genialischerweise den Satan als eigentlichen Helden gestaltet. Milton hatte Erfolg, er bildete in den ästhetischen Auseinandersetzungen der Schweizer Kunstrichter mit den sächsischen ein wichtiges Thema; andere — nicht bloß Klopstock — eiferten ihm nach, der Büchermarkt war mit Erbaulichem noch lange nicht gesättigt, also konnte Reichel mit gutem Recht religiös-erbauliche Dichtung von seinen Blumengenossen fordern, ohne ganz aus der Zeit zu sein.

In Nürnberg war man mindestens darüber gut im Bilde, was sich in England einige Jahrzehnte zuvor getan hatte; wenn man an die gleichzeitige, offiziell anerkannte Kultur im Leipzig Johann Sebastian Bachs denkt, hält man es sogar für möglich, daß uns derartiger 'Post-mortem-Barock' heute auch ganz gut gefiele. Ich wage diese Wortbildung in Anlehnung an den kunstgeschichtlichen Begriff der 'Post-mortem-Gotik'. Was das ist, kann man sich angesichts der Maßwerkbrüstungen in Nürnberger Häusern des 17. Jahrhunderts klarmachen; oder besser, man geht nach Ansbach und sieht sich die Dreiturmfassade von St. Gumpert an: Was da um 1597 gebaut worden war, als man in Rom schon barocke Kirchen errichtete, entspricht so schön dem Caspar-David-Friedrichschen Ideal einer gotischen Kirche, daß uns dabei wärmer wird als bei den echten. Bachs Musik und gewisse poetische Texte der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts haben damit gemeinsam, daß sie in ihrem selbstgewählten Aus-der-Mode-Sein strukturell weiter ausgefeilt sind als das wahre Zeitgenössische, das sich die richtige Form für die neuen Inhalte noch ertasten mußte und für den Kunstliebhaber aus einem Abstand von zweihundert Jahren oft schwächer wirkt.

Warum also blieb kein größeres christliches Werk von all diesen christlichen Schäfern? Noch war die Zeit nicht gekommen für Lessings boshaftes Epigramm über die geringe Leserschaft des gelobten Klopstock; wer vorhergesagt hätte, daß derartige Literatur einem respektlosen Komödienschreiber den Einfall eingeben könnte, sie als Einschlaflektüre des Teufels auf die Bühne zu bringen, wäre sehr, sehr schief angesehen worden; das heutige Empfinden, das Werthers und Lottes hingehauchtes Klopstock" schon wegen des Wortlauts als klassischen Fall unfreiwilliger Hochkomik registriert, lag den damaligen Lesern noch fern. Die Pegnesen hätten Erfolg haben können mit ihrer Dichtung zum Preis des Höchsten, wenn — ja, wenn sie sich in sprachlicher Hinsicht mehr zugetraut hätten (wie Klopstock, dessen wortschöpferische Kühnheit aber von der geltenden Satzung verpönt wurde). Denn die Gestaltung macht Dichter, nicht das Thema. Und Schwarz fütterte das Stilgefühl dieser Generation weiterhin mit seiner abgelebten galanten Rhetorik. Noch dazu gab man sich womöglich noch gelahrter mit seinem Latein, während man unbekümmerter mit seinem Deutsch umsprang als zu den ersten, kämpferischen Zeiten der deutschen Sprachpflege — wofür der Orden ja eigentlich gegründet worden war. Schönleben-Calovius, zum Beispiel, übertrug zwei lateinische Oden zum Lob der Buchdruckerkunst, die Schwarz zum dreihundertsten Jubeljahr der Erfindung Gutenbergs verfaßt hatte, ins Deutsche, kam aber nicht auf den Einfall, die antike Reimlosigkeit auch einmal zur Würde unserer Sprache anzuwenden — wie Klopstock, dessen Oden, bei Kennern jedenfalls, anhaltend beliebt sind. Wenig fehlte um 1750, was den Orden zu einer verdienstlichen und anerkannten Dichtergruppe machen konnte; aber dieses wenige bewirkte eine Welt von Unterschieden.