Die Affäre Palm

 
Dr. Rudolph von Holzschuher war ein kenntnisreicher und geschickter Jurist (im Blumenorden Mitglied Nr. 321), aber auch er konnte für Palm nichts tun. „Auf seine unerschrockene und kenntnisreiche Vertretung richtete etwas später auch der unglückliche Buchhändler Palm seinen Blick, der unkluger Weise, obwohl von den Franzosen verfolgt, nach Nürnberg zurückgekehrt, hier aber verrathen und verhaftet worden war. H. begleitete ihn nach Ansbach ins französische Hauptquartier, erkannte aber bald, daß fremde Gewalt das Urtheil Palm's schon im voraus diktirt hatte.” Was den Orden vermutlich schreckensstarr werden ließ, war die enge Bekanntschaft und Zusammenarbeit, die der Buchhändler mit Gelehrten Nürnbergs haben mußte und in einem Falle nachweisbar in besonderem Maße gepflegt hat. Die Rede ist von Dr. Johann Georg Leuchs-Rosalvo, einem der reformwilligen Studenten, die 1786 aufgenommen worden waren. Seine republikanischen Jugendträume entsprachen nicht der Wirklichkeit des Empire. Es gibt über Palm und Leuchs einen Zeitungsartikel von 1941 und einen Beitrag in einer Glanzpapierbroschüre wohl aus der gleichen Zeit, die im Ordensarchiv aufbewahrt werden und ansonsten vergessen sind. Der Verfasser Dr. Hans Wecker unternimmt es darin zu beweisen, daß es sich bei dem Verfasser der inkriminierten Schrift um niemand andern als Leuchs gehandelt haben könne. Diese These ist aus dem Standpunkt des Blumenordens interessant genug, um hier noch einmal referiert zuwerden.



Nachdem der Verfasser die Autorschaft Philipp Christian Gottlieb Yelins anhand biographischer Urkunden über dessen Aufenthalte und Machenschaften widerlegt hat, kommt er auf eine bis dato unbekannte Seite des Advokaten Leuchs zu sprechen: „Die zeitgenössische Bibliographie enthält vom Jahre 1795 an verschiedene Werke, die Geist vom Geiste der Palmschrift verraten. Eines von diesen ist betitelt: 'Versuch einer auf Thatsachen gegründeten und freimüthigen Charakteristik der Kaiser und Könige Deutschlands', von Dr. Johann Georg Leuchs, erschienen in fünf Teilen 1796 bis 1807 in der Buchhandlung Stage zu Augsburg. Mit diesem Verlag arbeitete Palm nach Ausweis seines Geschäftbuches schon seit 1796. […] Aufrichtig dankbar begrüßte ich Wills ausdrückliche Erwähnung, daß Leuchs Verfasser verschiedener anonymer Schriften und Mitarbeiter an der Erlanger Zeitung für das Fach der Geschichte und des deutschen Staatsrechts war. In der Familienchronik der Leuchs (die mir der Nürnberger Berufssippenforscher Johannes Bischoff verriet) fand ich seine Selbstbiographie mit Angabe der gesamten literarischen Tätigkeit mit und ohne Angabe seines Namens bzw. Decknamens 'Der Zelant'. Es glückte mir die Entdeckung, daß Dr. Leuchs in der napoleonischen Zeit für drei Zeitungen den politischen Teil bearbeitet hat. […] Das Studium der von Dr. Leuchs bearbeiteten Zeitungen verriet mir, daß der Verfasser der Palmschrift den Stoff zum Palmbuch aus seinen Zeitungsartikeln und sonstigen schriftstellerischen Arbeiten geschöpft hat.” — „Mein Forschungsergebnis in den Leuchsischen Zeitungen ist kurz gesagt dieses: alle richtigen und schiefen Ansichten des Verfassers der Palmschrift über die einzelnen Länder, Städte, Kaiser und Kurfürsten finden sich bereits hier vor, gar oftmals sogar nahezu wortwörtlich. Ja selbst alle Kraftausdrücke der Palmschrift, die man sonst bei keinem zeitgenössischen Schriftsteller antrifft, sind in Leuchsens Zeitungen und sonstigen literarischen Arbeiten enthalten. Der Mensch kann eben nicht aus der Haut fahren, am allerwenigsten dann, wenn ihm eine Sache ganz besonders am Herzen liegt. Ich möchte nur auf folgende Ausdrücke hinweisen: 'Napoleon, der Alexander unserer Zeit ... Altäre des Bacchus … Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen … bei Bier und Wein angeschwollene Tapferkeit … Tempel der Cypria … noch dampft der Fraß aus dem gespannten Wanste … Gaskonnaden (=Windbeuteleien) … in Hiobs trauriger Lage …Die Schwermut einiger Milzsüchtigen … unstichhaltige Spinnengewebe'." Es leuchtet nicht ganz ein, wieso die ersten dieser Ausdrücke ,Kraftausdrücke' sein sollen, wenn man nicht annimmt, daß sie sich — 1941 — auch auf Hitler beziehen lassen, der im ersten Abschnitt routinemäßig als „geliebter Führer" apostrophiert wird. „[…] Nach dem Fürther Chronisten Fronmüller dachte man zuerst an den aus Erlangen stammenden Theologiekandidaten Adam Rümelein in Fürth. Wieder andere sahen den Urheber der fraglichen Schrift in dem Grafen Julius von Soden, oder im Rektor der Altdorfer Stadtschule, Johann Christian August Adler, auch im Nürnberger Advokaten Dr. Christoph Preu, im Ansbacher Gymnasialprofessor und nachmaligen Oberfinanzrat Julius Konrad von Yelin oder in Goethes Freund Johann Jakob von Willemer, vereinzelt sogar in Palms Faktor Paulus Pech.[…]"

„Ein Palmforscher machte mir folgenden Einwand: Wenn doch Justizrat Leuchs als Mann der Presse Tageszeitungen für seinen Notschrei zur Verfügung standen, warum wählte er dann die Buchform? Wohl hauptsächlich deswegen, weil auf Anordnung des Kaisers der Franzosen jedes Druckerzeugnis, vorab die Zeitung, im Fegefeuer der napoleonischen Zensur erst gereinigt werden mußte. […] Bei dieser kennt man den verantwortlichen Mann, beim anonymen Buch aber nicht ohne weiteres.

Schon seit 1803 ist ein enges Zusammenarbeiten des Justizrats mit dem Buchhändler Palm nachweisbar. Leuchs übernahm des öfteren Arbeiten für Palm und stellte ihm einmal in einer Streitsache seine Berufskenntnisse zur Verfügung.

In der Palmschrift erwähnt der Verfasser einen lehrreichen Aufenthalt in Wien. Ein noch vorhandenes Archivale enthält die Genehmigung eines Urlaubsgesuches von Dr. Leuchs zu einer Reise nach Wien.

[…] 1782 bestand er das juristische Staatsexamen; ein Jahr darauf promovierte er in Altdorf. Danach bekam er das Bürgerrecht in Nürnberg und die Advokatur. Dieser Beruf war ihm deswegen so lieb, weil man 'nirgends freimütiger reden, schreiben und selbständiger' sein kann. Das Politisieren lag ihm sozusagen im Blut. Seine Ahnen hielten im 18. Jahrhundert schon Zeitungen. Diese lasen sie abends den Stammgästen im Gasthaus Leuchs zu Lichtenau vor und kommentierten sie in ihrer Art. […]” Einen weiteren Reiz besaß für Leuchs die „[…] Advokatur. In dieser Stellung führte er mit besonderer Vorliebe jene Prozesse, die sich seine Berufskameraden nicht zu übernehmen getrauten, so z.B. die heikle Verteidigung des Mörders des Nürnberger Ratskonsulenten Faulwetter. […] Leider hat die Gattin schon ein Jahr nach Palms Tod infolge Schlaganfalls das Zeitliche gesegnet. […]" Und Hans Wecker spekuliert: „Ob nicht doch ein Geständnis des Gatten den frühzeitigen Tod der Frau herbeigeführt hat? Im Februar 1813 ging er als Advokat an das kleine Landgericht Leutershausen bei Ansbach. War ihm der Nürnberger Boden doch zu heiß geworden? Ein paar Jahre darauf ließ er sich in Herrieden nieder, 1819 endlich in Wassertrüdingen. Hier ist er am 27. August 1836 im Alter von 75 Jahren gestorben.” Im Blumenorden, wo man wohl mehr ahnte als wußte, wie sich die Dinge verhielten, scheint er sich nicht mehr gezeigt zu haben. Sein Name fehlt auf den Protokollen und Rundschreiben nach 1806.