Ein Pfarrer als Literaturforscher

Die Barockliteratur war aus dem Gesichtskreis so gut wie verschwunden, und so überrascht es, daß ohne besondere Veranlassung ein Pegnese namens Johann Georg Friedrich Neumann, Pfarrvikar, schon ab 1846 mehrere Vorträge im Blumenorden hielt, in denen er auf der Grundlage weniger Forschungen anderer, aber auch aufgrund eigener Lektüre von Vorworten in Originalwerken und zeitgenössischen Nachrufen auf zwei Dichter jener Epoche, den vergessenen Dichtern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen versuchte. Daß er nicht des unvoreingenommenen Interesses seiner Hörer sicher sein konnte, zeigen später abgegebene, abschätzige Bemerkungen selbst über solche Dichter, die Ordensmitglieder gewesen waren. Freilich wäre es zuviel verlangt, wollte man von Neumann erwarten, daß er die spezifischen Bedingungen, unter welchen jene alten Texte entstanden waren, so authentisch nachvollzogen hätte wie heutzutage die Originaltonmusiker mit zurückgebauten Instrumenten ihren Telemann oder Johann Friedrich Fasch aufführen; er lobt nur, was er als fruchtbare Vorstufe der Dichtung seiner eigenen Zeit sehen kann. Doch die eingehenden Informationen, die er ansonsten gibt (und die hier nicht in gebührender Ausführlichkeit wiedergegeben werden können), bilden eine Brücke des Verständnisses, die wohl von späteren Ordensmitgliedern beschritten werden konnte, zumal Neumann sehr alt wurde und immer Verbindung zum Orden hielt, auch als er Pfarrer in Schwabach geworden war.

Der Zugang zu Johann Christian Günther war wegen der bekannten Bemerkung Goethes in „Dichtung und Wahrheit“, „so verrann ihm sein Leben wie sein Dichten“,  nicht gar so verschüttet, und daher verfiel Neumann zuerst auf ihn: „Johann Christian Günther’s Leben und Gedichte. Vortrag im Pegn. Blumen-Orden von Gg Neumann. Den 3 März 1846“. Es heißt in der Einführung: „[…] Hofmann von Fallersleben hat 1832 eine besondere Abhandlung über ihn geschrieben, auch Prutz und Laube haben in ihren literaturgeschichtlichen Werken seiner mit großer Anerkennung gedacht. Ein gewisser Robert Bürkner hat sogar sein Leben u. d. T. Chr. Günther, Scenen aus einem Dichterleben, hggb. 1842 zu einem Roman gebildet.
Was die neuere deutsche Poesie so gehoben und so beifallswürdig gemacht hat, daß sie das trockene, leere Daseyn mit idealem Glanze verherrlicht, der aus dem tiefen Gemüthe des Dichters seine Lichter und Farben entlehnt, daß sie überhaupt die Zustände der Seele überhaupt zum Gegenstande der poetischen Darstellung macht: das kommt in dem genannten Dichter fast zuerst zum Vorschein. […]
Meine Worte können nur dazu dienen, das Göthische Urtheil zu bestätigen und zu erläutern. […]“

Mit einem Lob der dichterischen Schöpfung aus dem „tiefen Gemüthe“ tat er sich bei Canitz schon schwerer, und es muß einen äußeren Umstand gegeben haben, vielleicht die Auffindung einer alten Originalausgabe, daß sich Neumann mit ihm befaßte. „Derjenige Dichter, welchen ich heute diesem hochverehrlichen Kreise vorzuführen gedenke, bot sich mir als ein Gegenstück zu dem früher besprochenen Dichter Günther dar […]  Canitz [ist] der nach Aussen in Geschäften des Staats und der Diplomatie wirkende, ernste und besonnene Mann, der von der Unbehaglichkeit solcher Stellung mit seiner Muse sich erheitert und tröstet, im Pelzschlafrock und mit der langen Pfeife sie als Hausfreundin willkommen heißt und mit behaglicher Ruhe seine verständigen Verse niederschreibt. […]
Die Gedichte des Herrn von Canitz erschienen erst nach seinem Todt, und zwar ohne s. Namen u. d. T.: Nebenstunden unterschiedlicher Gedichte. 6 ½ Bog. Berl. 1700. Die schnellen Auflagen bewiesen, daß sie Beifall fanden. Erst die neunte Auflage trug den Namen des Verfassers […] Die letzten zwei Auflagen erschienen 1727 und 1734. Sie wurden von dem als Dichter und Kritiker zu seiner Zeit sehr geschätzten k. Hof- und Ceremonien-Rath Joh. Ulrich König herausgegeben […] Der Herausgeber rühmt von dem Dichter, daß seine Gedichte wegen ihres sittsamen Ausdrucks und erbaulichen Inhalts, der Jugend und sonderlich dem Frauenzimmer als ein nöthiges Stück in ihrem Bücher-Vorrath angepriesen werden.“  Das würde sie jedenfalls auch der biedermeierlichen Mentalität empfehlen. Es folgt eine aus der biographischen Beilage der Ausgabe geschöpfte Lebensbeschreibung mit Hinweisen auf Gedichte, die der Vortragende offenbar aus dem vorliegenden Exemplar vorlas.

Neumann arbeitet sich in Sprüngen durch die Abfolge der Literaturepochen und lenkt sein Augenmerk als nächstes auf Hölty, der bestimmt zu seiner Zeit noch von vielen gekannt und gelesen wurde. Am 5. März 1849 läßt er die Ordensversammlung an seiner eingehenderen Betrachtung teilhaben. Zu einem ersten Urteil gelangt nach vielen biographischen Einzelheiten der Vortragende auf S. 3:

[…] Was für ein herrlicher Kreis von Freunden war es, dem Hölty angehörte! Es war der Göttinger Dichterbund, ein Bund dessen Lorbeeren im Glanz des goldenen Zeitalters der deutschen Poesie unsterblich grünen. Da war Bürger und Miller, letzterer der in vielem fast mädchenhafte Seelenverwandte Höltys der ihm nach seinem Todt in der kleinen Schrift: Hölty’s Charakter, August 1776. 8° ein schönes Denkmal setzte. Weiter erschienen Voß, Boie, [unleserl.] Leisewitz, Cramer u. d. Grafen Stolberg. […]

Hölty hat außer seinen Gedichten auch noch Übersetzungen aus dem Englischen (namentl. der Werke des Grafen Shaftesbury) hinterlassen, die, so gediegen sie gearbeitet waren, doch bald vergessen wurden. Aber seine zuerst in Musenalmanachen zerstreut erschienenen, erst durch Voß mit Hülfe der Grafen Stolberg 1783 vollständig gesammelten Gedichte begründeten seinen dauernden Ruhm. […] Die Travestien, zum Theil Nachahmungen des damals herrschenden Bardengebrülls, in welchen Hölty’s trockener und drollichter Witz leuchtete, hat Voß leider weggelassen.

In den Balladen, meist der früheren Periode des Dichters angehörend, ist das poetische Element oft zu einer lyrisch-breiten Schilderung übergegangen, der Ton oft von einer gewissen Ironie nicht frei. […]
Die Idyllen […] sind einfach und rührend […]

In den Oden und Liedern hat der Dichter die Höhe seines Parnassus erstiegen. […] Er war der Sänger des Mais wie keiner vor ihm und nach ihm. Unter s. Gedichten finden sich 8 Lieder an den Mai […] Die Bestrebungen des Dichters sind daher weder ehrgeizig, noch hochtrabend; er ist der zufriedene Wanderer auf stillem Pfad.

[…] Die antiken Metren, die Lieblingsformen der Göttinger Dichter im Gegensatz zu dem französischen Geschmack Wielands, gelangen Hölty so gut wie Klopstock und Voß, ja seine Verse sind oft fließender u. wohllautender, den Hexameter hat er mit Glück und schönem Bau gehandhabt, und es ist ihm unter allen neueren Dichtern, welche die antiken Versmaaße längst als eine lästige Fessel abgeworfen haben, nur Platen an die Seite zu stellen. […]

Es scheint Neumanns Anliegen gewesen zu sein, verkannte, vergessene und vom Vergessen bedrohte Autoren vorzustellen, vielleicht auch, um sich selber im Kreis so mancher gebildeter Leute ein wenig zu profilieren. Als nächstes nahm er sich einer Dichterin an, deren Name kaum noch Spezialisten geläufig sein dürfte, wenn sie nicht schon wieder aus feministischem Gesichtspunkt ausgegraben worden ist: „Maria Therese von Artner’s Leben und Gedichte. Vortrag im Pegnes. Blumenorden von Gg. Neumann den 4. März 1850.“

„[…] Entschiedene Naturgabe, glühende Fantasie, Lesen vorbildlicher Werke, warmes Gefühl für Freundschaft — das sind die Grundzüge unserer Dichterin, die Elemente ihres poetischen Lebens; […] so werden wir zugeben, daß die Dichterin einen liebenswürdigen Charakter haben mußte und daß ihre Leistungen nicht ohne Werth seyn können. [… Inhaltliche Wiedergabe: Sie war geboren am 19. April 1772 im Comitat Neutra in Ungarn als Tochter eines Dragoner-Rittmeisters, später Übersiedlung nach Oedenburg. Umgang mit Doris von Conrad, Mariane von Tiell verh. von Meißenthal, die auch später eine Schriftstellerin wurde. Krankheit und Todesfälle in der Familie, Lektüre von Klopstocks Messias, der Theoretiker Batteux, Boileau, Sulzer, Eschenburg; dann Milton, Tasso, Voltaire.] Der unglückliche letzte Abkömmling des schwäbischen Kaiserhauses der Hohenstaufen, Conradin von Schwaben, sollte der Gegenstand werden. [Sie verfolgte ihren Epenplan bis zum 14. Gesang, gab dann auf.] Da sie nämlich nach dem Willen ihrer guten, ganz für Haus und Familie lebenden Mutter die weiblichen Beschäftigungen nicht versäumen durfte, auch ihre jüngeren Schwestern, drei an der Zahl […] ihr zum ersten Unterrichte übergeben waren, […] so mußte sie für ihre große poetische Arbeit die Nacht zu Hülfe nehmen [1796 starb die Mutter, und sie mußte den Haushalt allein machen.] Bei allem Sinn für das Glück der Liebe und Ehe blieb sie unvermählt und schlug mehrmals die Hand würdiger Männer aus [Gab einem nach Jena abreisenden Studenten eine Sammlung ihrer und v. Tiells Gedichte mit, sie wurden 1800 in Jena gedruckt „Feldblumen auf Ungarns Fluren“. Bekanntschaft mit Jacobi und Pfeffel. Schrieb ein Gedicht über die Schlacht bei Aspern, das 1812 erscheinen sollte.] Die k.k. Hofzensur beurtheilte es günstig; weniger die Polizeihofstelle. Diese übergab das Manuscript dem Staatsminister Grafen Metternich. Das Resultat war, daß der Dichterin die öffentliche Herausgabe ihres Werkes nicht gestattet wurde. Gründe waren nicht angegeben.“ Sie übergab das Manuskript der Gemahlin des Helden von Aspern, Erzherzogin Henriette. Verlor 1811 als Folge des kaiserlichen Finanzpatents die Hälfte ihres Vermögens. Lernte 1814 „die erste Schriftstellerin ihres Vaterlandes“, Caroline Pichler, kennen. 1816 ein Trauerspiel „Die That“ als erster Teil von Müllners „Schuld“. Sie wurde bekannter, nahm auch mit anderen Literaten Kontakt auf, starb aber schon 1829. Was hätte aus ihr werden können, wenn sie keine Frau gewesen wäre — scheint Neumann nahezulegen! Und damit stimmt er in eine Tendenz der „jungdeutschen“ Schriftsteller ein, welche die Frauenemanzipation befürworteten.

Wesentlich konventioneller ist die Themenwahl der etwa gleichzeitigen literaturhistorischen Vorträge des Dr. Lösch: „Ueber Schillers Marie Stuart und Elisabeth. Ein Vortrag im Blumenorden gehalten den 11. Januar 1848. und im litterar. Verein den 7. Januar 1848“ — und: „Ueber den sittlich schönen Charakter der Götheschen Iphigenia.“