Pflege des Irrhains

Zur allmählichen Umgestaltung des Irrhains in besagten Spazierpark gibt es in den überlieferten Archivalien manche Hinweise. Das Wort ,spazieren' selbst erscheint wohl zuerst im Zusammenhang mit dem Irrhain, als noch Präses Panzer ein Einladungsschreiben zu dem keineswegs terminlich feststehenden Sommerbesuch herumschicken läßt:

„Der bey leztmaliger Versammlung des L. Pegnesischen Blumen-Ordens genommenen Abrede gemäß haben sich des Herrn Präses Hochwürden entschloßen, in soferne es die Witterung zulassen wird, nächstkünftigen Donnerstag, den 16. dieses Nachmittags, nach bißher gewöhnlicher Einrichtung, in Gesellschaft der beeden Hochverehrlichen Herren Ordens-Konsulenten, des Sekretärs und sämtlicher Hochschäzbaren Mitglieder des Ausschußes eine Spazierfahrt in den Irrhayn zu veranstalten, und über den neuerlich in Anzeige gebrachten schadhaften Zustand dessen Gänge pp. Einen Lokalaugenschein vorzunehmen. Da aber Wolbesagter Herr Präses zugleich den Wunsch geäußert, daß sämtliche Hochgeschäzte Herren OrdensGesellschafter nebst deren Frauen Gemahlinnen pp. an dieser Spazierfahrt gefälligen Antheil nehmen, und und jene, wegen der vorzunehmenden Reparatur, Ihre beyräthige Gedanken zu eröfnen, belieben mögten; so entlediget sich, mittelst vorliegender allgemeiner Einladung, seines Auftrags, mit ergebenster Bitte, Ihren Entschluß alhier unterschriftlich zu bemerken, und sich dero allerseitigen Gewogenheit fernerhin bestens empfohlen seyn zu lassen.

Den 11. Junii 1796     Dr. Benedikt Wilhelm Zahn, Synd. als dermaliger Ordenssekretär.” — Von 21 Unterzeichnern des Rundschreibens sagen neun ab.

Ähnlich sieht es mit Einladungstext und Beteiligung in den nächsten Jahren aus, und immer wieder wird Klage geführt über den Zustand der Anlage. So schreibt am 9. Juni 1802 der neue Sekretär Müller beinahe gleichlautend, und es geht auch wieder einmal darum, „das Bußwürdige an Lattwerken der Gänge p. zu beaugenscheinigen und über deren Reparatur räthlich zu werden". Ein wenig neuzeitlicher erscheint die Einladung vom 19. Juni 1804, weil zum erstenmal davon die Rede ist, daß man das Barometer zu Rate gezogen hat: „Bey der lezten Versammlung wurde die Woche vor Johanni zu einer Spazierfahrt in den Irrhain vorgeschlagen. So ungünstig bisher die Witterung war; so scheint sie sich jezt doch zu ändern, und die Wettergläser verkündigen schöne Tage. Daher wird der übermorgende Donnerstag zu diesem Besuch des Irrhains in Vorschlag gebracht […]”

Zur Jubelfeier von 1794 war anscheinend geplant gewesen, einen Obelisken zum Andenken an die Ordensgründer zu errichten. Daraus ist aber offensichtlich nichts geworden. Doch hat man das Bildprogramm, von Heideloff erneut entworfen, auf der 1820 errichteten und zunächst unbeschrifteten Stele Cramers realisiert, wenn auch erst 1894.

Man machte sich auch daran, die Fläche des Irrhains genauer zu erfassen:



Erläuterung über den, im Jahr 1733 gefertigten, und im Ordens-Gesellschafts-Buch befindl. Geometr. Grundriß des Irrhains […]
Da dem, bereits im Jahr 1733, verfertigten
[…] Grundriß vom Irrhain […] nirgends angegeben ist, wieviel der Irrhain an der Morgenzal betrage: so nahm ich mir vor, den Inhalt dieses Stück Landes nach einem Maasstab zu berechnen. […] Resultat, daß der Irrhain nicht mehr, als 1 1/6 Morgen, 4. Ruthen, und 172. Schuhe halten [durch Wasserfleck unleserlich gewordene Textpassagen] Und doch stehet auf dem Blat, welches mehr Malerey als Zeichnung ist, geometrischer Grundriß, so wie auch der beigesezte Maasstab zu erkennen giebt, daß es nicht bloßer Ocular-Riß seyn soll. […]
Um nun hinter die Sache zu kommen, so entschloß ich mich, den Irrhain selbst geometrisch aufzunehmen. Ich vollzog diese Arbeit mit dem Zollmänischen
[?] Scheiben-Instrument, am 22. August heurigen Jahres, und fand den Inhalt des Irrhains 2 15/16. Morgen, 3. Ruthe, und 3 3/4 Schuhe, oder ungefähr 3. Morgen groß.
[…] Endlich geriet ich auf den Einfall, wie, wenn bey dem Grundriß von 1733. Decimalmaas zu verstehen wäre; nämlich, wenn sich der Geometra einer Kette zum Messen bedient hätte, bei welcher die Länge von 16. Nürnbergischen Schuhen, in 10. Glieder eingetheilt gewesen wäre. Sogleich reducirte ich Ruthen und Schuhe nach diesem Gehalt, und fand nunmehr den Inhalt [leider wieder Wasserfleck!] Indessen war nun der ganze Umstand auf einmal gehoben, und ich fand mit Vergnügen, daß die Differenz zwischen der damaligen Messung, und der meinigen, in der That unbedeutend seye, da sie nur beynahe 1/16 Morgen beträgt, welcher geringe Unterschied entweder zum Theil daher rühren kann, daß die Gränzlinien bey dem ältern Grundriß, weil sie durch Malerey gedeckt sind, nicht scharf genug gezogen werden konnten; oder theils daher, daß der Irrhain in einem Zeitraum von 64. Jahren, durch das Hineintreiben […] Hecken von Seiten der Anstösser, an seinen […] würkl. Etwas verloren habe. […]
G.Chr.Müller, den 6. Novemb. 1797.


Offenbar meint Schriftführer Müller, daß die Grundstücksgrenzen durch das Hineintreiben von Vieh durch Lücken des Zaunes und das Aufkommen von Hecken an den Grenzen zu den Anliegern unklar geworden seien.

Von 1798 datiert ein Stück aus den „Palingenesien” des Jean Paul, in dem dieser einen wahrscheinlich nicht selbst erlebten Spaziergang in den Irrhain schildert:

In einigen der nächsten Reise-Anzeiger werden der Welt die Ursachen vorgezählt, warum ich mich gerade den ersten Tag in Nürnberg kaum auf den Beinen halten konnte; und eben diese an die Erweichung grenzende Ermattung trieb mich in den Hain: das Schwellen des Herzens wie das der Adern kommt nicht immer von Vollblütigkeit, sondern oft von Schwäche der Gefäße her. Ich wußte, daß der Irrgarten im Jahr 1644 für den sogenannten Harsdörferschen Hirten- und Blumenorden an der Pegnitz gesäet und gepflanzet wurde); und als Kind hatt' ich oft in einem Quartanten voll Kupferstiche, den der Orden geliefert, herumgeblättert: das zog mich an. […] Je länger ich vor den grünenden Seitenlogen des Irrhains, dessen Front- und Mutterloge ein belaubtes Labyrinth war, auf- und abstrich und mich bald in jene, bald in diese Hütte setzte und daran dachte: hier saß 1644 Harsdorf, Klai und ihre Chorsänger — und je länger ich in den bedeckten Gängen, gleichsam in den Katakomben der vorigen Pegnitzschäfer ging und wieder heraus zu den wachsenden Blumen kam, die öfter aufgelegt wurden als die gedruckten des Blumenordens: desto mehr fing vor mir der Blumengarten an zu phosphoreszieren, und endlich lag er als ein himmlischer Hesperiden-Garten da, und das lichte Gewölk, durch das er oben aus der ätherischen Vergangenheit in die dicke Gegenwart hereingesunken war, hing noch merklich in leuchtenden Flocken an seinen Gipfeln. — —

Es sieht Jean Paul zwar nicht ähnlich, doch er wußte offensichtlich nicht, daß zu der Zeit der Einrichtung des Eichenlöhleins als Irrhain die Ordensgründer Harsdörfer und Klaj schon längst verstorben waren.

Ein entscheidender Schritt in Richtung auf die heutige Gestalt des Irrhains geschieht 1806, und der bedeutende Architekt von Haller, dem die Stadt unter anderem die klassizistischen Holzarkaden auf dem Hauptmarkt verdankte, war auch beteiligt: „[…] Hierauf referirte 6.) Herr Präses [Colmar] denen, bey der unlängst im Irrhain gehabten Gesellschaft nicht zugegengewesenen schäzbaren Mitgliedern, daß aufs neue die Errichtung einer großen Gesellschafts-Hütte zur Sprache gekommen wäre, und daß der anwesend-gewesene Herr Professor Gatterer in Heidelberg, und der hiesige Herr Architekt von Haller dazu sowol, als zu einigen verschönernden Anlagen, nach Wegschaffung der unnüzen Bogengänge zwischen den Hütten, vorläufig Vorschläge gemacht hätten, welche iedoch noch näher zu determiniren wären. Es wurde daher der Ordens-Secretär aufgefordert, sich mit ernanntem Herrn von Haller diesen Herbst in den Irrhain zu verfügen, und nach dem, von dem ersteren gefertigten Grundriß, denjenigen Plaz zu bestimmen, und anzugeben, auf welchem eine Gesellschafts-Hütte am schicklichsten und mit den wenigsten Kosten errichtet werden könnte, auch die Vorschläge zu anderweiten Verbesserungen näher zu detailliren.”

Jedoch war ein wesentliches neues Hindernis dazugekommen: Der Sebalder Reichswald war unter die bayerische Forstverwaltung geraten, und diese schien anfangs mit dem „ewigen Lehen” des Irrhains an den Blumenorden nichts anfangen zu können oder zu wollen. Colmar mußte vorsichtig auftreten (eine Gangart, die ihm persönlich lag): „5.) referirt Herr Präses, daß die gesellschaftliche u. Secretärs-Hütte im Irrhain höchstnöthige Reparaturen bedürfen, daß aber ausser den nothwendigsten Verbesserungen zur Zeit auf nichts angetragen werden könne, weil man die Zeitverhältnisse abwarten müsse u. wurde besonders Kiefhaber aufgefordert, rücksichtlich der Waldverhältnisse den gelegensten Zeitpunkt bey der Königlichen Forstcommission abzumerken, um eine günstige Resolution zur erwünschten Benutzung dieses Waldtheils erwirken zu können, wozu derselbe sich bereitwilligst erklärte und bemerkte, daß er bereits mit Herrn Oberförster Guth gesprochen und guteVersicherungen erhalten habe, nur möchte um so mehr noch etwas zu temporisiren seyn, als die unangenehmen äusseren Verhältnisse auf der Bayreuther Seite noch keine ganz freye Disponirung gestatteten.” Schneller als gedacht klärten sich diese Verhältnisse in gewünschter Weise; am 10. August 1807 konnte man schon einen Behördenvertreter für sich gewinnen:

„5.) […]  Doch hätte der, bey der lezten Versammlung im Irrhain, zugegen gewesene Herr Forst-Controlleur Wyß dazu Hofnung gemacht, daß die Absicht, an diesem Ort Verschönerungen anzubringen, von Seiten der Forst-Direction gewiß unterstüzt werden würde.

Da auch

6.) Herr Wyß den Wunsch als Ehren-Mitglied aufgenommen zu werden, zu erkennen gab: so wurde angefragt, ob nicht in diesem Fall, mit Abweichung von der angenommenen Regel, sogleich heute über dessen Aufnahme ballotirt werden wollte. Dies wurde vollzogen, und selbiger einstimmig aufgenommen.”

Herr Wyß scheint bei den Maßnahmen im Irrhain vor lauter  Dienstwilligkeit auf eine Weise vorgeprescht zu sein, die den Orden in ernsthafte Kalamitäten brachte. Ohne vom Orden offiziell dazu ermächtigt worden zu sein, vergab er einen Auftrag: „5.) Trug Herr Präses nur vorläufig kurz vor, daß im Irrhain einige Veränderungen, besonders mit Errichtung eines Pavillon, vorgegangen seyen; daß zwar vorher über die nothwendigen Veränderungen ein Augenschein eingenommen -- auch ein Anschlag auf 66 fl. eingereicht worden wäre; daß aber bey diesem vom Herrn ForstControlleur Wyß dirigirten Unternehmen einMißverständniß statt gehabt habe, und daher einige Differenzen entstandenseyen, welche noch auszugleichen wären; daher, sofern es den Orden interessire, erst bey der nächsten Versamlung das weitere darüber vorgetragen werden würde.” Zwei Jahre später, laut Protokoll vom 19. November 1810, hatte sich die Angelegenheit, da der Orden anscheinend etwas nicht bezahlen wollte, was er nicht selber in Auftrag gegeben hatte, und Herr Wyß nicht in Regreß zu nehmen war, zu einem häßlichen Rechtshandel ausgewachsen:„ Auf Veranlassung der, bey dem Königlichen Stadtgericht, von dem Zimmermeister Ruff, gegen den Vorstand des BlumenOrdens, wegen Bezalung dessen Conto, für die Errichtung eines Pavillon im Irrhain, angebrachten Klage, nachdem derselbe schon vorher dieserwegen den Herrn Forst-controlleur Wyß bey dem hiesigen K.Landgericht belangt hatte, und mit Vorbehalt der Kosten für die veränderte Stiege, mit seiner Klage abgewiesen wurde; und auf erfolgte Communication dieser Klageschrift zur Exceptions-Handlung, veranstaltete Herr Präses den heutigen Zusammentritt, und machte vordersamst die Herren Repräsentanten mit dem, was bisher in dieser unangenehmen Angelegenheit verhandelt worden ist, durch orlesung der Aktenstücke bekannt; mit dem Antrag, daß zu Entwerfung der Exceptions-Schrift, einer der Herren Advocaten unter den Mitgliedern des Ordens, zu ersuchen seye. Da man nun kaum wagen dürfe, den anwesenden Herrn Assessor Dr. Lorsch, wegen bekannter, demselben schon obliegender vieler Geschäfte, um diese Bemühung zu bitten; so kam Herr Dr. Veillodter dazu in Vorschlag, und würde diesen Auftrag erhalten haben, wenn nicht Herr Dr. Lorsch das freywillige und gefällige Erbieten gemacht hätte, das Patrocinium in dieser Sache zu übernehmen, welches dann mit allgemeinem Dank erkannt, und beschlossen wurde, demselben, sogleich morgenden Tags die Acten zuzuschicken.”

Nun mahlten die Mühlen des Gesetzes weitere zwei Jahre, und gelinkt wurde erwartungsgemäß der Handwerker, nach dem Motto: Wie kann der Flegel, wenn er nicht gescheit aufgepaßt hat, dann noch die Frechheit haben, ein Gericht anzurufen? „2.) Brachte Herr Präses zur Wissenschaft der Versammlung, daß in der, mit dem Zimmermeister Ruff zu Gründlach,  wegen Bezalung der Baukosten für den Pavillon, anhängigen Rechtssache, das Königliche Stadtgericht einen Vorbescheid dahin erlassen habe, daß Kläger den Beweis eines ihm, von Seiten des Ordens gemachten Auftrags, führen solle.” Doch auch der Blumenorden kam nicht ungeschoren davon. „5) Wurde den anwesenden Ordensmitgliedern [16 Personen] das in Sachen des Zimmermeisters Ruff zu Reutles bey Gründlach wider den Blumen-Orden unterm 7br. d. J. ergangene Urthel des hiesigen Königl. Stadtgerichts, welches für den beklagten Orden obsieglich verlautete, bekannt gemacht, und weil nach diesem Urthel die gerichtlichen Kosten kompensirt werden sollen, beschlossen, daß der den Ordenan denselben treffende Antheil, aus der Casse berichtiget, auch dem diesseitigen Sachwalter Herrn Dr. Lorsch die von ihm specificirten [Kosten] u. Expensen mit 26 fl. 40 1/2 Kr. bezahlt werden sollen.” Dies nahm, unter Punkt 10 im vorliegenden Protokoll vom 2. November 1812 festgehalten, Colmar zum Anlaß, seinen Rücktritt vom Amt des Präses zu erklären. Die Anwesenden reagierten bestürzt.

Der Fall Colmar