Geschichtliches und Privatgemütliches

So eine Art Vizepräses gab es eben doch, und zwar in der Person des Pfarrers Georg Türk. Er war dem Blumenorden als Heimatdichter bekannt geworden und nahm mit der Zeit die Rolle des Führer-Stellvertreters ein. Eberhard von Scheurl schien sich für den Orden nicht sehr viel Zeit zu nehmen, jedenfalls taucht er in den Protokollen selten auf; vielleicht hatte er andere Ambitionen. Seine Gemahlin kümmerte sich um das Programm, und Türk sorgte dafür, daß es auch den noch nicht fanatisierten Mitgliedern wohl zumute sein konnte. Die Freitagsrunde mit ihren Aussprachen war trotz der Einrede Kügemanns nicht mehr am Leben, sondern der Vortragsbetrieb, über den nicht viel Außergewöhnliches zu berichten ist, lief rund, und die Feiern wurden durchgeführt, zum Teil umfunktioniert.

Dienstag, den 12. Dezember 1933    11. Wochenversammlung Adventsabend
[Die musikalischen Darbietungen bestanden in Werken von Corelli und Viotti, dann gab es Gedichte und ein Weihnachtsmärchen von Theodor Volbehr „Der kleine Solist“.]
Baron Scheurl dankte allen Mitwirkenden herzlich, und man blieb in schöner, festlicher Stimmung gerne noch ein wenig plaudernd bei Tannenduft, auch nachdem die Kerzen auf den Tischen längst verlöscht waren, sitzen.

9. Wochenversammlung        Dienstag, den 16. Oktober 1934
[…] Was danach der Stellvertreter des Ordensführers, Pfarrer Georg Türk, bot, unter der Überschrift „Aus vergilbten Stammbüchern“, war eine wahre Herzenserquickung. […] Man muß, so schloß der Vortragende, diese Zeugen einer vergangenen Zeit ganz allein lesen, beim Kerzenlicht, dann in völliger Dunkelheit die Hände über die alten Bücher gleiten und ihr Schweigen reden lassen vom raschen Flug der Zeiten. […]

1. Wochenversammlung        Dienstag, den 15. Januar 1935
[…] Zu Beginn der letzten [?] Versammlung gedenkt Pfarrer Türk des glänzenden Verlaufs der Saarabstimmung u. des Ergebnisses und fordert die Anwesenden zu einem, von jedem begeistert aufgenommenen 3fachen Sieg-Heil auf Führer, Staat und Volk auf.

8. Wochenversammlung        Dienstag, den 28. V. 35
[Text von Sophie von Praun aus dem Fränk. Kurier No 153 3. VI 35:]
Germanen
[…Referat von Scheurl:] Schilderungen des Tacitus in seiner Germania und die Forschungsergebnisse E. v.  Heyks wurden einander gegenübergestellt. […] In dem nationalen Rechtsstaat, in dem wir heute leben, sehen wir als Mittelpunkt nicht den einzelnen, sondern die Gesamtheit an. Die Bluts- und Schicksalsverbundenheit tritt in Erscheinung. […]

Adventsabend im Pegnesischen Blumenorden
[Nordb. Zeitung und Fr. Kurier. S.v.P.]
Zum Adventsabend fand sich eine große Zahl von frohen, erwartungsvollen Ordensmitgliedern und Gästen im Puttensaale des Hauses der Colleg-Gesellschaft ein, der von F. Trost und seinen bewährten Hilfskräften entzückend weihnachtlich ausgeschmückt war. Auf die Begrüßungsworte des Ordensführers […] folgte mit der H-Moll-Sonate von Tartini für Violine und Klavier, von Oberstudiendirektor Rorich und Professor Kaspar gespielt, ein hoher musikalischer Genuß. Ein Gruß in Versen des leider fernen Pfarrer Türk leitete über zu dem von Elisabeth Schnidtmann-Leffler gedichteten Vorspruch zum Advent. Drei Engel […] wenden sich, umgeben von einigen niedlichen kleine Lichter tragenden Engeln, mit ihren Gaben, einem Stern, einem Herzen und einer brennenden Kerze an die Frauen […]
Helene Friderich erfreute nun mit drei Liedern aus der von Oberstudiendirektor Rorich vertonten Sammlung „Himmelsrosen“. […] Beethovens F-Dur-Romanze […] sowie das geistliche Wiegenlied von Brahms […] Den Abschluß bildete eine Adventserzählung von Karl Burkert […]

Allg. Rundschau 11. XII No. 297
Adventfeier des Pegnesischen Blumenordens
[…] Nachdem Baron Scheurl die Erschienenen herzlich begrüßt hatte, leitete Magda Schöpf (Alt) mit Liedern von Beethoven und Schubert den musikalischen Teil des Abends stimmungsvoll ein […] Emil Bauer las […] seine weihnachtliche Erzählung: „Requiem“ […] Die D-Dur-Sonate von Händel […] leitete über zu einer feinsinnigen Erzählung von Clara Freifrau von Scheurl „Das Lüsterweibchen“, das […] seit fast 5 Jahrhunderten in deren alten [sic] Patrizierhaus die Geschlechterfolgen heranwachsen sieht  und Freud und Leid mit alt und jung erlebt. […] Weihnachtserzählung der früh verstorbenen Dichterin Carola Kellermann […] vorgelesen von deren Schwester, Fräulein Dora Kellermann. Bei den Erinnerungen an ein glückliches Familienleben, die der Anblick der alten Puppenküche im Herzen der sinnigen Schriftstellerin wachrief, wurden aller Herzen weit und weich. Den Schluß […] bildeten einige gedankentiefe Weihnachtsgedichte und ein ermutigender Silvesterspruch von Elisabeth Schnidtmann-Leffler […S.v.P.]

Es fällt auf, daß öfter die Beschreibung „fein“ bzw. „feinsinnig“ begegnet. Man denkt an die filigranen Schmuckformen in Neros Goldenem Haus — floriert in Diktaturen das Liebliche als Gegenbild?

2. Vortragsabend        26. Januar 1937 […]
[Allg. Rundschau S.v.P.]
[…] Zu dem angekündigten Vortrag von General von Fürer hatte sich eine große Zahl von Pegnesen eingefunden, um in Gedanken teilzunehmen an einer Wanderung des Sigmund von Birken […] mit acht Waidgenossen auf den Norischen Parnaß (Moritzberg) und dessen Umgebung 1677. […] der Vortragende führte in seinen lebhaften Darbietungen die Anwesenden in die Zeit nach dem 30jährigen Krieg, indem er uns, von eigenen hübschen Versen umrahmt, ein reizvolles Idyll (Schäferbild) zeigte. Man merkt es den Menschen an, wie sie nach den furchtbaren Kriegszeiten aufatmend auf den Spuren des Humanismus wandelten. […]

Wie stand es um die Finanzen? Im „Kassa-Buch 1925-1938“ ist aus der Zusammenstellung der Jahreswerte auf den Seiten 94 und 95 zu ersehen, daß die Beiträge von 1266 M im Jahr 1927 auf 732 M im Jahre 1935 sanken. Die Spenden stiegen von 6 M im Jahr 1933 (nachdem 2 Jahre nichts gespendet worden war) auf 137 M im Jahre 1937. 1936 ist unter den Ausgaben verzeichnet ein Honorar für Emil Bauer (er war, neben Türk und Schnidtmann-Leffler, eine kommende Dichtergestalt im Orden) sowie ein Jahresbeitrag von 10 M an die Nationalsozialistische Kulturgemeinde. 1937 erhielt zum Beispiel Fräulein von Ebner am 20. Dezember 33,20 M für das Einsammeln der Beiträge — das hatte sie gegen ähnliches Entgeld schon jahrelang getan. Von drei Jahresbeiträgen an unterschiedliche Vereine im Jahre 1936 ist 1937 nur der Beitrag von 10.- an die Goethegesellschaft übriggeblieben, verzeichnet unter dem 30. März. Die letzten 2 Blätter des Buches sind herausgetrennt! Damit fehlt die auf dem Titel angekündigte Abrechnung für 1938.

Nürnberg, am 17. Februar 1937
Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums
[…] Sehr geehrter Herr Baron von Scheurl!
[…] Es ist der Wunsch der von Pg. Rosenberg betreuten Reichsstelle durch Monatsberichte über alle Schrifttumsveranstaltungen vor und nach der Abhaltung unterrichtet zu werden. […]

Die „Gesellschaft der Freunde Wilhelm Raabes“ tat manches dazu, den Ruf Raabes in der Nachwelt in nationalsozialistischem Sinne zu ruinieren. Wilhelm Schmidt arbeitete in diesen Jahren aus eigenem Interesse einige Aufsätze über Raabe aus, von denen er einen am 23. 11. 1937 als Vortrag im Orden hielt, einen anderen, „Raabe und die Naturwissenschaften“, brachte er in der Zeitschrift dieser Gesellschaft unter. Rassistische Phrasen sucht man darin vergebens. Schmidt war Mathematiker. Er schreibt da etwa:

S. 85: Raabes Bildung hatte also nach der naturwissenschaftlichen Seite ein klaffende Lücke.
S. 91: Raabe war ein Sohn seiner Zeit, einer Zeit der Aufklärung, abhold okkulten Gedankengängen; einer Zeit, die nicht reich war an großen neuen Erfindungen und Gedanken, aber in stetigem Fortschreiten wissenschaftlicher Forschung und technischer Arbeit mehr geleistet hat als jede andere. Raabe stellte sich wie seine Zeit auf den Boden der Tatsachen, er war einer der großen realistischen Dichter. […]

Auffälligerweise nehmen die historischen Betrachtungen in dieser Zeit zu. Möglicherweise wurde mancher außenpolitische Anfangserfolg in dem Sinne gedeutet, daß Deutschland nun stabil geworden und ein Krieg vermeidbar sei. Nach dem vollständigen Sieg der Nazipartei gab es auch keine innenpolitischen Kämpfe mehr. Man konnte sich zurücklehnen.

10. Vortragsabend        11. X. 38 Colleg 8 ½ Uhr
Anwesend 50 Damen & Herren […]
[Nordbayr. Zeitung No. 241 S.v.P.]
Nürnberg als Musikstadt
[…] bereitete Dr. Wilhelm [Carl?] Dupont mit seinem Vortrag den Hörern einen auserlesenen Genuß […] Die meisten Menschen wundern sich zu hören, daß es eine der bedeutendsten Musikstädte und nicht nur durch die Meistersinger rühmlich bekannt war. […] 12 angesehene Bürger Nürnbergs, meistens Patrizier, gründeten 1588 eine Gesellschaft der vokalen und instrumentalen Musik „Kränzchen“ genannt. Ein Protokollbuch dieser Gesellschaft, bis 1796 im Besitz eines Scheurl, ist jetzt im britischen Museum. Einige Namen der Gründer findet man im Pegnesischen Blumenorden wieder, dessen Vorläufer das „Kränzchen“ genannt werden kann, in dem großer Wert auf fremdwortfreie Sprache gelegt wurde. […]

2. Vortragsabend        Dienstag, den 31. I 39. […]
[…] Pfarrer Türk begrüßt in launiger Weise die Anwesenden; die Verdunklungsübung vor 8 Tg. hatte die Verschiebung auf den 31. I. notwendig gemacht. Es schien zunächst, als ob auch dieser Abend unter dem Zeichen der Verdunklung stehe; das gewohnte Zimmer war nicht vorbereitet, nicht durchwärmt, so zog man in das zunächst auch nicht warme Kaffeezimmer zu ebener Erde und alles, was dazu fähig war, schleppte Stühle herbei, bis nach einiger Zeit für alle Erschienenen Sitzgelegenheiten geschaffen waren und der Vortrag beginnen konnte.
Was unser Ehrenmitglied, Herr Archivdirektor Dr. Reicke uns vom Universitätsleben des Mittelalters berichtete, sagt in großen Umrissen der obenstehende Bericht der Nordb. Zeitung (und des Fränkischen Kuriers).

Es handelte sich um eine rein historische Darstellung.

Schachtel 59 des Pegnesenarchivs enthält fünf Artikel des Heimatforschers und Festspielverfassers Dr. Artur Kreiner, teils veröffentlicht, teils im maschinenschriftlichen Konzept, über Altdorfs Universität, die Leopoldina, einzelne dortige Professoren, darunter Omeis. Die Texte sind sehr eingehend recherchiert; Zeitraum der Abfassung sind etwa die Jahre 1936 bis 1940. Einer davon ist ein broschürter Sonderdruck der Seiten 309 bis 340 einer größeren Veröffentlichung, welche überschrieben sind „Kleinere Mitteilungen“. Der Herausgeber Kreiner hat vermerkt: „Seiten 322-340 Vortrag gehalten im Bl. Orden 28. IV. 1939, gewidmet vom Verf.“ Der vorgetragene Aufsatz heißt „Professorenschicksale und Charakterköpfe aus der Universitätgeschichte Altdorfs.“ Bemerkenswert ist an allen diesen Schriften Kreiners, daß er nicht den Versuch macht, seine den Tagessorgen enthobenen Forschungsergebnisse mit führertreuen Phrasen zu dekorieren. In diese Kategorie gehört auch:

3. Vortragsabend        Dienstag, den 14. II. 39 […]
Freiherr von Scheurl begrüßt die Anwesenden und lädt zu einer Führung den 2. III ½ 3 Uhr in den Katharinenbau ein, wo die Reichskleinodien unter sachkundiger Führung gezeigt werden.

Es geht zu wie in den 1950er Jahren.