Weitere private Einrichtungen

Die „Industriegesellschaft”, wie man sie abkürzend nennen könnte, genügte den Patrioten des Blumenordens nicht; es lagen auch andere Gebiete außerhalb der eigentlichen Produktion und des Handels im argen, auf denen sich private Tätigkeit mehrerer Bürger zu Einrichtungen vereinigen konnte, um Reformen anzustoßen. Auch diese waren „Patriotische Gesellschaften”. Die früheste Privatinitiative eines Pegnesen besteht in der Einrichtung einer Lesestube, die Christian Conrad Nopitsch in seinem 1801 erschienenen „Wegweiser für Fremde in Nürnberg” an zwei Stellen erwähnt:

„Kugelapotheke, die, oder die Apotheke zur goldnen Kugel, ist gegen der Sebalderkirche und dem Rathaus über, am Ecke, wo man auf die Veste geht. In derselben ist im dritten Stock das Lesekabinet; und im zweiten kommt seit 1792 die Industriegesellschaft, oder die Gesellschaft zur Beförderung vaterländischer Industrie zusammen.”

„Lesekabinet […] jedes Mitglied kann dasselbe täglich, den Sonntag ausgenommen, Vor- und Nachmittagsbesuchen, auch einen Fremden mitbringen.”

Auch hierin äußerte sich Philipp Ludwig Wittwers Wohltätigkeit. „Der Wunsch, Lectüre, und dadurch zu bewirkende Aufklärung, unter seinen Mitbürgern zu verbreiten, bewog ihn zur Anrichtung des hiesigen Lese-Kabinets.”

Als Einrichtung zur Volksbildung, und zwar eine, die heute noch besteht, war auch die Naturhistorische Gesellschaft gedacht, die von einem aus einfachsten Verhältnissen stammenden Pegnesen gegründet wurde, Johann Wolf. „Johann Wolf ist geboren bei Nürnberg in einem Garten vor dem Lauferthore am Rennwege den 26. Mai 1765. […] Seinen ersten Unterricht erhielt er in der Volksschule der Vorstadt Wöhrd, dann in der Lorenzer Armenschule in Nürnberg. […] ,So weiß ich mich noch sehr gut zu erinnern, sagt unser Freund selbst, daß ich einst mit Thränen in den Augen fast alle Winkel unserer Wohnstube untersuchte, um Etwas zu entdecken, das einer Tinte ähnlich wäre. Endlich fand ich den ökonomischen Tausendkünstler, ein altes Buch, voll sympathetischer Schnurrpfeifereien. Gierig fiel ich darüber her, — aber ach! Ich mußte es wehmüthig wieder weglegen, denn es enthielt keine Vorschrift zu einer Tinte, die — Nichts kosten durfte.' „ Später brachte es dieser arme Junge dann zum weithin geachteten Naturforscher (Mitglied von fünf auswärtigen gelehrten Gesellschaften, dazu Ehrendoktor der Kaiserlich-Leopoldinischen Akademie der Naturforscher und fürstlichem Rat des regierenden Fürsten zu Isenburg) — und es sagt einiges aus über die soziale Durchlässigkeit selbst jener alten Ausbildungsverhältnisse! „Von der noch hier bestehenden naturhistorischen Gesellschaft war er nicht nur bis an sein Ende das eifrigste und thätigste Mitglied, sondern auch (1801) erster Begründer und  Stifter.”

Schon mindestens zwanzig Jahre bevor die von Rainer Mertens ausführlich dargestellte Debatte um eine neue Art der finanziellen Absicherung wenig bemittelter Gewerbetreibender und Dienstboten in Scharrers Plan einer Sparkasse mündete, unternahmen einzelne Pegnesen dazu vorbereitende Schritte. So heißt es in dem 1805 erschienenen Nachruf auf Panzer: „[…] er war der ersten einer mit, welcher den edlen, in der Folge zu hoher Wohlthat für so viele werdenden Vorschlag, zu einer Leih- und Unterstützungs-Kassa für unbemittelte Professionisten, machte, und denselben mit aller Kraft förderte.” Und in hohem Alter kümmerte sich Zahn noch um eine Anstalt anderer Art: „Die Errichtung der Nürnbergischen Brandassekuranzanstalt darf ihm als Verdienst angerechnet werden, er war es wenigstens, der die Idee dazu auffaßte, bearbeitete und so dieß wohlthätige Institut einleitete.”

Die Verbesserung und Ergänzung des nürnbergischen Schulwesens wurde zu dieser Zeit ebenfalls von privater Seite unternommen, nicht ohne aus den Amtsstuben oder über persönliche Beziehungen von Amtsträgern zu Privatleuten Impulse erhalten zu haben. Gotthold Emanuel Friedrich Seidel, ab 1813 Präses des Blumenordens, wirkte schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts zusammen mit Karl Valentin Veillodter, einem weiteren Mitglied, an der Einrichtung einer "Höheren Töchterschule", d.h. einer Schule für Mädchen aus bürgerlichem Hause. Er berichtet in seinem Nachruf auf Veillodter, daß man „höheren Orts” den zweiten Diakon Mayer bei St. Egidien beauftragte, eine solche Schule zu gründen, wahrscheinlich deshalb, weil dieser schon Seidels Mitarbeiter bei einer privaten Einrichtung dieser Art gewesen war: „Schon mehrere Jahre hatte er mich, der ich täglich Töchter aus gebildeten Ständen in Lehrstunden um mich versammelt hatte, trefflich unterstützt, wir traten mit Veillodter zusammen, und an meine Schülerinnen reihten sich die übrigen an, welche nun die beiden Classen der höheren Töchterschule zu St. Aegidien bildeten. […] diese Töchterschule, welche eine Privatanstalt in selten gegönnter Unabhängigkeit blieb, erlosch mit dem Entstehen einer öffentlichen höheren Töchterschule, welche wir gerne als stehendes Bedürfniß anerkannten, nachdem unsere Schule zwölf Jahre vielleicht nicht verdienstlos gewirkt hatte.”



Doch schon der vor-vorige Präses, Panzer, hatte sich um das Schulwesen gekümmert: „Eben so sehr lag ihm die von dieser Gesellschaft [der Gesellschaft zur Beförderung vaterländischer Industrie] errichtete Anstalt einer Mädchen-Industrie-Schule, deren Aufsicht ihm besonders anvertraut war, nahe am Herzen, und er that in Vereinigung mit seiner der Sache kundigen Gattin, sehr vieles für sie. […] Noch eine menschenfreundliche Anstalt, das vom Herrn Büchner errichtete und dirigirte pädagogische Institut beschäftigte ihn, er war dessen erster Inspector, und stiftete auch hier viel Gutes.” Die Mädchen-Industrieschule wurde für 24 unbemittelte Bürgertöchter ab 1793 in der Lorenzer Armenschule eingerichtet und sah einen dreijährigen Lehrplan in Religion, Lesen, Schreiben, Rechnen und Hausarbeiten vor. (Daran ist zu ersehen, daß „Industrie” damals vorwiegend im ursprünglichen lateinischen Wortsinn von „Fleiß, Tätigkeit” verstanden wurde.) Das Büchnersche Institut wiederum war schon 1790 als verhältnismäßig teure Privatschule gegründet worden und wollte im Unterschied zu den städtischen Lateinschulen auch neuere Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften vermitteln.

Die Industriegesellschaft beriet von 1794 an über einen Lehrplan für eine schulgeldfreie Knaben-Industrieschule; Christoph Büchner wurde 1796 in die Industriegesellschaft, 1798 in den Blumenorden aufgenommen. 1800 war das Konzept vollendet, das interessanterweise auch „vertieften Unterricht der deutschen Sprache, Schreiben des Selbstgedachten und Selbstempfundenen” vorsah — eine Zielsetzung, die ohne Einwirken von Vorstellungen aus dem Blumenorden kaum erklärlich ist. Auch von dem Pegnesen Martin Kohlmann ist bekannt, daß er an solchen Überlegungen Anteil nahm. Er hatte in Neustadt an der Aisch eine Schule besucht, die in einem Maße, das damals ungewöhnlich war, auch naturwissenschaftliche Kenntnisse förderte. „Ihm, der eine so große Vorliebe für das Praktische hatte, gewährten daher blos speculative Wissenschaften nie ein großes Interesse. Desto höhern Werth hatten in seinen Augen alle diejenigen Untersuchungen, die auf die Beförderung ächter Religiosität, Verbesserung der Kirchen und Schulanstalten, der öffentlichen und häuslichen Erziehung abzielten. In dieser Denkungsart lag der Grund, daß er physiko-theologische Schriften, desgleichen solche, in welchen die Wahrheit und Göttlichkeit des Christentums in ein helles Licht gesezt wurden, so vorzüglich liebte. Vorzüglich aber war es ihm, der besonders für Verbesserung des Schulwesens ein so grosses Interesse hatte, ein Gegenstand des lebhaftesten Vergnügens, als die Errichtung der Knaben-Industrie-Schule nach Besiegung so mancher Schwürigkeiten, an deren Hinwegräumung auch er eifrig gearbeitet hatte, endlich [1803] glücklich zu Stande gekommen war.” Büchner wurde der erste Direktor.