Professionelle Schriftsteller als Mitglieder

Der Berufsschriftsteller ist in Deutschland eine Erscheinung, die im Vergleich zu anderen Ländern später zur Reife gelangte. Weder Sigmund von Birken noch Lessing hatten, streng genommen, vom Ertrag ihrer Werke leben können. Auch im 19. Jahrhundert brauchte es bei manchen, die man in der Öffentlichkeit nur als Dichter wahrnahm, eine Mischkalkulation. Als Maßstab der Professionalität stand nun allerdings ein äußerlicher zur Verfügung: die Auflagenhöhe auf dem Markt der verlagsmäßig vertriebenen Schriften. Und an diese Großschriftsteller wagte sich der Blumenorden nun heran.

„Am 18. März 1859. ebendaselbst
[…] 7.) H. OV. Dr. Lösch liest ein Antwortschreiben des H. OE. Dr. Kopp in München bezüglich des dortigen Dichters Geibel vor, in Folge dessen Geibel per acclamationem als Ehrenmitglied in den Orden aufgenommen wird.
8.) In gleicher Absicht soll an den H. Bibliothekar Scheffel in Donaueschingen geschrieben werden. Desgleichen sollen an andere Schriftsteller Schreiben erlassen werden.“

Hochgeehrter Herr!

Gestatten Sie mir Ihnen und den übrigen Mitgliedern des Pegnesischen Blumenordens meinen warmen und aufrichtigen Dank auszusprechen für die hohe Auszeichnung, welche Sie mir durch meine Ernennung zum Ehrenmitgliede Ihrer Gesellschaft zu Theil werden ließen! […] Sobald sich unter meinen ungedruckten Gedichten etwas findet, das mir einer Mittheilung in Ihrer Versammlung werth erscheinen dürfte, werde ich es Ihnen in Abschrift zugehen lassen. […]
München 26. März 1859.            Ergebenst der Ihrige

                        Emanuel Geibel





An Victor Scheffel:

„Nürnberg den 24t März 1859

Wohlgeborner Herr, Hochzuverehrender Herr Bibliothekar!

Die persönliche Bekanntschaft mit Eu. Wohlgeboren, die ich durch die gütige Vermittelung des H. Kirchenraths, Dr. Dittenberger, während des Jenensischen Jubelfestes zu machen die Ehre hatte, gehört auch zu meinen vielen ehrenwerthen und angenehmen Begegnissen bey diesem Festbesuche. Eingenommen schon für Sie, als geistreichen Schriftsteller, durch Ihren ,Trompeter von Säckingen’, und noch mehr durch Ihren ,Eckehard’ erfreute mich nun auch Ihre Persönlichkeit und dieselbe regte in mir den Wunsch auf, Sie als Ehrenmitglied unseres zweyhundert und fünfzehn Jahre alten Pegnesischen Blumenordens, dessen Schriftführer ich bin, zu wissen. Ich erlaube mir daher, hiermit bey Eu. Wohlgeboren anzufragen, ob sie nicht Lust haben, diesem altehrwürdigen Dichter-Orden als Ehrenmmitglied anzugehören, [mit Bleistift daneben in der freigelassenen Spalte dieses Briefkonzepts notiert: „ob Sie wohl die Ernennung zum Ehrenmitglied, die ich veranlassen würde, freundlich aufnehmen würden.“] dem noch jüngst der gefeyerte Dichter, Dr. Geibel, in München als solches beygetreten ist. Ich bin überzeugt, unser Orden würde sich durch Ihren Beytritt überaus geehrt fühlen. Sie selbst würden keine andre Verbindlichkeit über Sich nehmen, als von Zeit zu Zeit noch ungedruckte, geistige Erzeugnisse Ihres hochpoetischen Talents an denselbigen einzusenden, die sofort in seinen Versammlungen vorgelesen werden und dabey Ihr geistiges Eigenthum bleiben, über welches Sie frey verfügen können. Zur näheren Bekanntmachung mit unserem Orden lege ich dessen Gesetze bey, die im Jahre 1853. neu durchgesehen und verabfaßt worden sind.
Indem ich Sie ergebenst ersuche, mir bald Ihre gefällige Antwort auf meine Anfrage kund zu thun, empfehle ich Ihnen den Pegnesischen Blumenorden und mit demselbigen auch dessen derzeitigen Schriftführer angelegentlichst und versichere Sie der ungeheucheltsten Hochachtung, mit welcher ich bin,

Eu. Wohlgeboren
ganz ergebner

GEHC Seiler, Pfarrer an St. Sebald u.d.z. Ord. Schriftführer“

Geradezu postwendend:

„Donaueschingen den 28. Merz 1859.

Hochzuverehrender Herr Pfarrer!

Auf Ihre freundliche Zuschrift von 23t d. M. habe ich zu erwiedern, daß ich mit Vergnügen bereit bin, unter die auswärtigen Mitglieder des pegnesischen Blumenordens aufgenommen zu werden. Wenn auch mit wenig Anlagen zur Schäferei in Harsdoerfers u. Sigmund v. Birkens Styl begabt, hege ich doch so viel Vorliebe für die ehrwürdige deutsche Stadt Nürnberg und für Alles, was als lebensfähige, neuer Entwicklung sich nicht verschliessende Einrichtung aus alter Zeit in die unsere hineinragt, daß es mir eine Freude sein wird, Ihnen in dieser Form verbunden zu sein.
Ob ich durch Zusendungen fröhlicher deutscher Dichtungen Ihnen auch thätige Theilnahme zu beweisen im Stande sein werde, kann ich freilich zur Zeit nicht angeloben; trübe Lebenserfahrung, dienstliche Obliegenheiten u. strenge geschichtliche Studien haben mich seit Jahren zu einem stillen Mann gemacht. Sollte es in späterer Zeit von Sang u. Klang noch einmal in mir auftönen, so werde ich die Freunde an der Pegnitz nicht vergessen.

Mit freundlichstem Gruße
Ihr ergebener
Joseph Victor Scheffel.“

Gruß nach der Pegnitz.

Im Gartengrün beim Heimathhaus
Sitz ich am Tisch von Steine,
Hell blinkt zum Frühlingsblüthenstrauß
Der Festpocal mit Weine.

In Blumenhauch u. Maiweinduft
Entschweben die Gedanken
Vergnüglich weg durch blaue Luft
Zum biedern Land der Franken.

Mir ist, als seh ich Thor und  Wall
Und Burg und Kirchen ragen,
Als hör’ ich Sang und Glockenschall
Aus grauer Vorzeit Tagen.

Und auf dem Markt begegnen mir
Befreundete Gestalten:
Des Wissens und der Künste Zier,
Die Reichstadtherrn, die Alten.

Den Dürer und den Willibald
Schau ich zusammen wandeln,
Der Eine wußte, wie man malt,
der Andre, wie zu handeln.

Und lächelnd winkt Hans Sachs den Gruß,
Der Meister hoch in Ehren,
Sein Spruch hieß einst: „Gesell man muß
Des Feindes brav sich wehren!“

So dank ich dem Gedächtnißblatt
Vom Pegnitzblumenorden,
O Nürnberg, theuerwerthe Stadt,
Daß Dein ich froh geworden!

Ist auch die Zeit kaum angethan
Im Irrhain sanft zu irren
Und himmelan zur Sternenbahn
Das Flügelroß zu schirren:

So lebt und webt doch kräftig fort
In unser aller Mitte
Der deutsche Geist, das deutsche Wort,
Die deutsche Art und Sitte.

Trotz arger Zeit und welschem Spott,
Wir pflegen sie in Liebe,
Fürs Weitre sorgt der alte Gott,
Und sorgen — deutsche Hiebe.

Ich aber füll’ mein Glas zum Rand
Und brings aus Herzensgrunde
Der theuern Stadt im Frankenland,
Dem Pegnitzblumenbunde!

Und das schon vom 22. Mai 1859 — Scheffel hatte seine trübe Phase wohl sehr schnell überwunden.

„Hochgeehrter Herr Pfarrer!

Die reiche Sendung [von erbetenen Auskünften über den Orden], die mir vor einigen Tagen zugekommen ist, kann ich nur mit meinem herzlichen Dank erwiedern. Ich bitte Sie, in meinem Namen es der Gesellschaft auszusprechen, wie sehr es mich freut, ihr nun anzugehören, wie lebhaft ich das Wohlwollen empfinde, das mir durch die Ertheilung des Ehrendiploms erwiesen worden ist. Ich darf hoffen, daß Sie an meinem Wunsch einer regen Betheiligung aus der Ferne nicht zweifeln werden, wenn ich in der nächsten Zeit dem Orden leider nichts mitzutheilen habe, was mir zur Einführung dienen könnte. Ich bin seit Monaten ausschließlich mit dramatischen Entwürfen beschäftigt […] mit aufrichtiger Hochachtung

München. 17. Mai 1859. Ihr
ganz ergebner
Paul Heyse.“

„Hochzuverehrender Herr,

Verzeihen Sie gütigst die Verspätung dieser Antwort auf Ihr [sic] freundlichste Zuschrift. Es liegt die Schuld daran an diesem wetterwendischen Frühling, der mir arg zugesetzt hat und es noch tut.
Mit Vergnügen hab ich aus Ihrer Zuschrift ersehen, daß man in Nbg. wirklich die altehrwürdige Pegnitz-Schäferei noch in solchen Ehren hält, und so zeitgemäß nutzbar zu machen weiß. Ich hatte, solang ich in Erlangen war, nur gehört, daß man in Kraftshof sommerliche Zusammenkünfte halte, aber nichts von den so aktiven Winterveranstaltungen, von denen Sie melden. Es wird mir aber eine Ehre seyn, ein Ehrenmitglied der Gesellschaft zu heißen, und ich zweifle nicht, daß alle meine geehrten Collegen, zu denen ich zwar kaum mehr zähle, denen Sie gleiche Ehren zudenken mögen, diese Ehre so freudig wie ich begrüßen werden.

                                Hochachtungsvoll
Neusess,                        Ihr
Palmsonntag 59                ergebenster                                    Rückert.“







Franz Schrodt nimmt sich einer neuen Veröffentlichung Heyses an, der zu dieser Zeit noch nichts zugeschickt hat:

Vortrag über Thekla von Paul Heyse gehalten in der öffentlichen Versammlung des pegnesischen Blumenordens zu Nürnberg am 6. Febr. u. 5. März 1860 im Sale des rothen Rosses […]

Hatte er in seinen früheren Dichtungen sich an den besten Mustern teutscher und fremder Literatur angelehnt, ohne jedoch einen guten und großen Theil Eigenthümliches vermissen zu lassen, so liegt bereits in seinem Gedichte „Die Braut von Cypern“ welches vor einigen Jahren Gegenstand eines Vortrages in unserem Orden gewesen ist, der Beweis vor, daß seine selbstständige starke Individualität die Einflüsse anderer Geistesheroen zerbrochen hat.

Dieselbe Selbstständigkeit waltet in seinem neuesten Gedichte „Thekla“ einem Epos in neun Gesängen.
[…] Das Gedicht versetzt in die ersten Zeiten der Ausbreitung des Christenthums unter den Griechen. […]
Die Darstellung ist rücksichtlich der Personen und der öffentlichen Zustände durchaus der Zeit gemäß, in welcher die Handlung des Epos sich bewegt. […] die Wunder göttlicher Hilfe sind mit natürlichem Zusammenhange der Begebenheiten in Verbindung gebracht, und anziehende Schilderungen von Naturschönheiten in die Dichtung verwoben. […]

Geibel allerdings übersendet am 25. Februar 1860 einen Brief, eingelegt neun ungedruckte, von Schreiberhand abgeschriebene, von Geibel selbst am Ende handsignierte Gedichte. Davon wird zumindest folgendes in der Versammlung vom 16. März 1860 durch Dr. Lösch vorgelesen:

Mondbeschienen lag Athen,
Lag der Oelwald rings im Grunde,
Als ich zu den Propylä’n
Einsam klomm in später Stunde.

Oft im Dunkel ging der Pfad
Ueber Schutt und moos’ge Platten,
Aber plötzlich schimmernd trat
Pallas Tempel aus den Schatten.

Riesenhaft im weißen Schein
Klar bis auf den Bruch der Fugen,
Streckten sich die Säulenreihn,
Die den mächt’gen Giebel trugen.

Lang bewundernd stand ich da,
Mir der Vorzeit Bild, das helle,
Rückbeschwörend, bis ich sah,
Daß ich nicht allein zur Stelle.

Auf den Stufen saß ein Weib
Regungslos, als ob es harrte,
Das mit vorgebognem Leib
In’s Getrümmer niederstarrte.

Weit umfloß und faltenreich
Fremde Tracht die edlen Glieder,
Um die Schultern wellengleich
Rollte Goldgelock hernieder.

Jetzt erhub sie das Gesicht,
Drin sich Gram und Hoheit einte,
Und im klaren Mondenlicht
Sah ich deutlich, daß sie weinte.

Leisen Schrittes wollt’ ich nahn,
Da, vom Fuß der nahen Säule
Glüht’ ein roter Blitz mich an
aus den Augen einer Eule.

Und mir war’s, als käm im Wind
Geisterhauch dahergeschauert —
Sah ich Zeus blauäugig Kind,
Das um seinen Wohnsitz trauert?