Immer mehr prominente Mitglieder

Bescheiden zu bleiben, ohne den Anschluß an die kulturelle Entwicklung zu verlieren, war weiterhin die Einstellung der Ordensleitung. Doch hatte schon Lösch eine Annäherung an Literaten angebahnt, deren Bedeutung sich in einigen Fällen sogar erst später herausstellte, und Heerwagen gab diesen Bestrebungen in seiner Standortbestimmung und seiner folgenden Mitgliederpolitik um nichts nach.

„Rede beim Antritt der Vorsteherschaft im Pegnesischen Blumen-Orden gehalten von Dr. Heinrich Wilhelm Heerwagen am 2. November 1863“

Hochzuverehrende Versammlung!

[…] Es war [dem vorigen Präses] Bedürfniß, von Zeit zu Zeit fremder Menschen Städte zu beschauen, ihre Sitten und Gebräuche kennen zu lernen, was Kunst und Wissenschaft bei ihnen hervorgebracht, mit eigenen Augen zu betrachten. Nie kehrte er von einem solchen Ausfluge zurück ohne reichen Gewinn für sein Wissen und Empfinden; und da er bemüht war die gewonnenen Eindrücke in bestimmter Fassung bei sich selbst fest zu halten, so zeigte er sich auch stets zu Mittheilungen darüber bereit. Wer erinnerte sich nicht mit lebhaftem Interesse jener belehrenden Vorträge über die Elgins Marbles und über die Wartburg, durch welche der Verewigte noch in dem letztvergangenen Winter, wenn auch schon durch körperliche Anfechtungen heimgesucht, doch die ungebeugte Kraft seines geistigen Lebens so unverkennbar an den Tag gelegt hat! […] Denn unter seiner Vorsteherschaft und auf seine Anregung trat der Orden mit den Koryphäen deutscher Dichtung, Friedrich Rückert, Emanuel Geibel, Paul Heyse, Victor Scheffel in nähere Beziehung […] Dessenungeachtet kam er nie auf den Gedanken, durch Ostentation der dem Orden zufließenden geistigen Erzeugnisse demselben auch äußerlich eine mehr imponirende Stellung verschaffen zu wollen; im Gegentheil er hielt fest an dem Grundsatze, daß sich das wahrhaft Gute auch ohne das Geschrei der Menge in der Stille wirksam erweise und zur Constatirung seines Werthes einer geräuschvollen Anerkennung nicht bedürfe. […] Je weniger das, was wir Ihnen zu bieten im Stande sind, mit den geräuschvollen u. zerstreuenden Genüssen der herrschenden Tagesrichtung gemein hat, desto mehr wissen wir auch die Hingebung zu würdigen, mit welcher unsre prunklosen Leistungen entgegengenommen werden. […] Die Wissenschaft hat ja in unsrem Jahrhundert auf allen Seiten hin ihren Umfang in so wunderbarer Weise erweitert, daß der Einzelne, wenn er noch Etwas leisten will, seine ganze Thätigkeit auf einen Punkt concentriren muß. […] Deutsche Kunst u. deutsche Wissenschaft steht allerwärts, selbst bei jenen Nationen, die unsere politische Bethätigung möglichst niedrig anzusetzen geneigt sind, in höchster Achtung. Wie wäre es möglich, daß unter uns selbst Gleichgültigkeit oder gar Geringschätzung dieser edlen Güter, die unser Stolz u. unsere Zierde sind, überhand nehmen könnte, vollends in einer Stadt, die, wie keine andere, auf jedem Blatte ihrer Geschichte davon Zeugniß gibt, was deutscher Fleiß und deutscher Scharfsinn vermag. […] Die Wissenschaft u. Kunst sind ja nicht mehr privilegirtes Besitzthum einzelner Stände […] und unter den verschiedensten Berufsarten finden wir Männer, für welche unsere Litteratur ein Gegenstand nicht bloß der Unterhaltung sondern ernster und eingehender Studien ist. Für Bestrebungen dieser Art wird der Pegnesen-Orden, der nie exclusiv bloß den Gelehrten-Stand repräsentiren wollte, immer den geeignetsten Mittelpunkt bilden und sein Wachsthum u, Gedeihen beruht viel mehr auf der Erweckung einer allseitig sich entfaltenden Thätigkeit der Mitglieder als auf einem genialen Eingreifen des jeweiligen Vorstandes. […] Aber die Empfänglichkeit u. der Sinn für das Schöne, was unsre Literatur in so reichem Maße darbietet, immer mehr zu wecken, zu nähren u. allgemeiner zu machen, das Alte als klassisch Erkannte immer wieder vorzuführen, das Neue nach seinem wahren Werthe zu würdigen — das kann, das wird für alle Zeit Gegenstand unserer Bestrebungen sein und wenn wir anders von nichtiger Eitelkeit und hohler Ruhmbegierde uns frei fühlen, uns auch volle Befriedigung gewähren. […]

Zunächst sieht es ganz so aus, als wolle man sich auf das Ureigenste zurückbesinnen, denn am 20. November 186351 bietet Realschullehrer Dr. Hauck einen öffentlichen Vortrag über Christoph VII. Fürer von Haimendorf an, den 5. Präses, und Lützelberger referiert gar über ein Geschichtswerk des dermaligen Ordensrates Wagler. Doch am 5. Januar 1864 beginnt der Gymnasiallehrer Dr. Johann Heinrich Wölffel eine Serie von Shakespeare-Vorträgen mit dem „Macbeth“; Pfarrer Heller dilettiert über Naturwissenschaftliches: „Das feurige Männlein, oder erfahrungsmäßiger Beweis, daß es Irrlichter gibt“. Die Vielfalt der Themen besteht fort.

Als es darum geht, die Benutzung des Irrhains wieder etwas zu beschränken, verfaßt Heerwagen einen begütigenden Brief an den Vorstand des Literarischen Vereins, in dem er diesen von den geplanten Beschränkungen ausdrücklich ausnimmt. Die Beziehungen, die schon jeher gut gewesen waren, gediehen unter Heerwagen zu dem Grad, daß er die Einladung zu einer Shakespeare-Feier des Literarischen Vereins im April 1864 als Rundschreiben an Ordensmitglieder weiterreichte. Was aber den Irrhain in jenen Jahren betrifft, erfordert einen Einschub.