ERGASTOs Gutachten



Bisher war in den Vorschlägen zur Fortführung der Arbeit des Ordens die Sprachpflege als Arbeitsgebiet zu kurz gekommen. Bemerkenswerte Ansätze dazu finden sich aber in der Denkschrift von ERGASTO, ERHARD REUSCH.

Er war 1678 zu Coburg geboren, studierte unter anderem. in Altdorf, wurde dort 1704 Magister, später Licentiat beider Rechte, hielt sich ab 1706 in Nürnberg auf und wurde 1708 von seinem Gönner OMEIS aufgenommen. Eigentlich wollte er Gymnasiallehrer werden, und OMEIS empfahl ihn nach St. Egidien, doch die Scholarchen sahen, daß sein Auftreten vor den Schülern "zu furchtsam" sei und er sich mehr für Hochschulen eigne. Nach einer Zwischenzeit in Erfurt war er von 1716 bis 1723 wieder in Nürnberg, dann als Professor in Helmstädt, und starb 1740.

Neuaufnahmen
Gleich am Anfang widerspricht er der Möglichkeit, aus Nürnberger Gelehrtenkreisen hinreichend rührige Gesellschafter zu bilden; man müsse daher auch Männer aus beiden Markgrafentümern (Bayreuth und Ansbach) hereinziehen. (Den Nürnberger Lokalpatrioten, denen die Feindseligkeit der Markgrafen immer wieder in frische Erinnerung gebracht wurde, wird das wenig eingeleuchtet haben.) Auch er betont, daß man junge und aufgeweckte Gemüter im Orden brauche, mit der Begründung, die alten Mitglieder hätten so viel zu tun, daß sie kaum zum Dichten kämen. Dabei ist wohl vor allem an die Berufspflichten dieser Gelehrtenschicht und an Familienpflichten zu denken.

Sprachpflege
ERGASTO wäre anscheinend schon zufrieden, wenn nur die Satzung von 1699 endlich einmal ernst genommen würde. Bisher hätten sich nur wenige um das "Wachsthum unserer Mutter-Sprache" gekümmert. Man solle sich die Académie Françoise zum Vorbild nehmen! Daß es ihm um Wörterbucharbeit geht, zeigen die nächsten Sätze: Da wird ein Vorschlag des Regensburger Ratsherrn J. L. PRASCH aufgegriffen, Mundartwörterbücher und ein vollständiges deutsches Wörterbuch samt Grammatik herauszubringen. Man solle aber arbeitsteilig vorgehen. Für einen erschien die Aufgabe wohl zu umfangreich.
REUSCH fährt fort, wer das Mundart-Glossar bearbeite, müsse alle Sprachen beherrschen, die von der "Teutschen" abstammen; er meint, alle germanischen Sprachen. Von da aus überrascht es nicht, daß es den Leipzigern gelang, den Nürnbergern, trotz oder gerade wegen derer weit ausholenden Gründlichkeit zuvorzukommen. Was ERGASTO hier fordert, konnten gerade erst hundert Jahre nachher die Brüder Grimm leisten; bis dahin hatte ADELUNG seinen Versuch eines vollständigen grammatisch-kritischen Wörterbuches der Hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders der oberdeutschen [...] längst zuwege gebracht. (Auch in unseren Tagen bestand leider eine ähnlich verfahrene Lage mit dem Ostfränkischen Wörterbuch, das lange nicht fertig werden wollte, nachdem andere Stämme ihre Mundartwörterbücher schon jahrzehntelang besaßen.)
Man müsse einen Zettelkasten anlegen, heißt es weiter, in den die Mitglieder fleißig Anmerkungen einbringen sollen. Wenn man beobachtet, welche Mühe es heutige Mitglieder des Ordens kostet, mitten aus dem Alltag heraus ein paar sprachkritische Glossen zusammenzutragen, die man an die Presse gelangen lassen könnte, wird verständlich, daß daraus nicht viel wurde.

Pflege der Dichtung
Punkt 4 ist ein wenig zukunftsweisender. Auch die anderen schönen Künste sollten neben der Poesie gepflegt werden, und -- das ist wirklich neuartig — "literaturam elegantiorem". Diese Bezeichnung muß sich auf diejenige Literatur beziehen, die nicht allgemein als dichterisch anerkannt war, sondern als Modeerscheinung, Lesefutter für Halbgebildete, in zweifelhaftem Ansehen stand, auch wegen der nicht immer gänzlich jugendfreien Darstellung; kurz: die Romane. (Auch andere, kleinere Prosagattungen kommen in Betracht, wie etwa die seinerzeit beliebten "Totengespräche", worin man die Geister abgeschiedener Berühmtheiten einander im Jenseits begegnen ließ und auf diese Weise eine Menge Hofklatsch ablud.) Die elegante Literatur wird als "Gewürz" für die Dichtkunst bezeichnet, an welcher die "schlenderhafte Welt" schon allmählich "Ekel" (im Sinne von Überdruß) zu empfinden beginne. Auch Historiker solle man aufnehmen und ihre Werke damit fördern. Hier kommt zum Ausdruck, daß man sehr wohl über den augenblicklichen Stand der Romantheorie Bescheid wußte: Damals wurde versucht, das Verfassen erfundener Handlungen in Prosa als eine Art erweiterter Geschichtsschreibung zu rechtfertigen. Als ob vor den Lesern eines Simplicissimus oder angesichts des romanschreibenden Herzogs ANTON ULRICH VON BRAUNSCHWEIG eine Rechtfertigung nötig gewesen wäre! Doch die Leser wollten allmählich etwas Wirklichkeitsnahes zur Erweiterung ihres Horizontes haben, ohne sich der Mühe zu unterziehen, sprachliche Wohlklänge und gesuchte Bilder wahrzunehmen. Schon HARSDÖRFER hatte diesem frühbürgerlichen Bedürfnis mit seinen Sammlungen von Geschichten Rechnung getragen.
Weil er gerade bei Geschichtsschreibung ist, macht Ergasto auch noch den Vorschlag, man solle eine Geschichte des Ordens verfassen. 34 Jahre später hat AMARANTES diese Anregung zum ersten Mal verwirklicht.
Ansonsten müsse man einfach veröffentlichen, was man in Reserve habe, zum Beispiel den zweiten Teil von FÜRERs Himmlische Vesta und irdische Flora.
Dazu ist zu bemerken, daß in diesem von LILIDOR schon 1702 veröffentlichten ersten Teil seiner Hauptwerke eine Übersetzung des Cinna von CORNEILLE erhalten ist, "welcher der um unsre teutsche Sprach hochverdiente Herr Professor Gottsched in Leipzig mit grossen Ruhm gedenket/ in der Zueignungs-Schrift vor seinem sterbenden Cato [...]". GOTTSCHED schrieb, daß dieses Stück "ebenermassen eine Zierde unserer Schaubühne worden". (Das muß nicht unbedingt heißen, es sei auch aufgeführt worden. Wieso aber wird in den Literaturgeschichten eigentlich nur immer die "Cid"-Übersetzung des Braunschweiger Bürgermeisters LANGE als Vorläufer der klassizistischen deutschen Theaterstücke erwähnt?) Außerdem hat FÜRER die 5. Satire des BOILEAU übersetzt und erwies sich damit wohlinformiert über das Neueste, was in Paris vorging. Er war ja auch dreimal dort gewesen, was jedenfalls mehr war, als ein GOTTSCHED jemals für seine Informiertheit hätte geltend machen können. JOHANN ULRICH KÖNIG, der sächsische Hofdichter, erwähnte diese Übersetzung lobend auf dem 132. Blatt seiner Sammlung der Gedichte des FREIHERRN VON CANITZ, auch eines frühen Klassizisten.
FÜRER hat die von REUSCH angeregte Herausgabe seiner Pomona oder aufgesammlete Früchte der Einsamkeit erst 1726 besorgen können. Das Buch soll dem PRINZEN EUGEN und dem KAISER KARL VI. (dem in Nürnberg damals die neuerbaute Karlsbrücke gewidmet wurde), sehr gut gefallen haben.
Aber zurück zu REUSCH! Er schlug unter diesem Punkt zuletzt noch vor, man könne ja noch die Witwe IRENIANs um die unveröffentlichten Manuskripte ihres Mannes bitten. Zu deren Veröffentlichung ist es aber nicht gekommen.
Neben den Unterhaltungskosten für den Irrhain, für deren Bestreitung jährliche Gebühren eingefordert werden müßten, solle man sich eigentlich auch die Stiftung eines Literaturpreises etwas kosten lassen. Dazu benötigte man einen Mäzen, "dahin aber wol nimmermehr zu gedenken". (Dieser Seufzer bleibt leider aktuell! Eben das schlug der Nürnberger Dichter Godehard Schramm dem Orden in der Aussprache nach seiner Lesung am 19. 11. 1991 auch vor, überschätzte damit jedoch dessen jetzige finanzielle Möglichkeiten ganz erheblich.)
Am Ende schreibt Reusch noch eine großes Kompliment an Lilidor für seine kluge Aufsicht über den Orden.