Abschließende Fakten zum Fall Rohmer-Faulwetter

Die auf Mikrofilm im Staatsarchiv Nürnberg zugänglichen Ratsverlässe unter der Nummer S 1119, die im zweiten Buch zur Darstellung des Mordfalls Rohmer-Faulwetter benutzt wurden, decken längst nicht alle behördlich erfaßten Umstände ab. Auch schien der im Stadtarchiv auf den Faszikel B 15 folgende B 16 abhandengekommen; ein bedenklicher Umstand. Unklar blieb dadurch, wie es sich mit der Aburteilung und Hinrichtung des Hafnermeisters Rohmer, des Mörders an dem Konsulenten Faulwetter, eigentlich abgespielt hat.10 Um so überraschter und dankbarer kann man sein, daß der langjährige Einsatzleiter bei der Polizeidirektion Nürnberg, Friedrich von Hagen, bei seiner Sammlung von Akten zur Hinrichtungspraxis des reichsstädtischen Nürnberg solche Materialien erschlossen hat, die auch in diesen Fall mehr Licht bringen. Zur Veröffentlichung aufbereitet wurden diese Materialien von Manfred. H. Grieb, dem langjährigen Vizepräses des Blumenordens, herausgegeben dann von dem Leiter des Stadtarchivs, Michael Diefenbacher, und sie liegen als 35. Band der Reihe "Quellen und Forschungen zur Geschichte und Kultur der Stadt Nürnberg" unter dem Titel "Die Henker von Nürnberg und ihre Opfer" seit 2010 vor. Hier werden von den Seiten 332 bis 336 des Buches die einschlägigen Ratsverlässe aus dem Stadtarchiv Nürnberg, Rep. 60a, mit Angabe der Nummern 4365 bis 4377 zitiert. Geschulte Historiker hätten gleich dort nachgesehen.

"Samstag, 16. 5. 1801

Das in dem Löbl. Burgermeister-Amte unterm gestrigen Acto abgehaltenen Vernehmlassungs Protokoll des Hafnermeisters, Joh. Ludw. Rohmer, über den von ihm an dem H. Kons. Faulwetter verübten Mord, ist nebst den dazu gehörigen Aktenstücken dem Löbl. Schöpfenamte zum Vollzug der Summarischen Inquisition zu kommuniziren, u. sind die geschlossenen Akten zu seiner Zeit vor 2. H[errn] Konsiliarien zur Berathung zu befördern, nach eingeholter Instruktion aber bey E. Hochlöbl. Rath zur Fassung eines Endurthels vorzulegen. Anbey ist die Bestimmung das der verwittibten Frau Konsulentin zur Bestreittung der Beerdigungs Kosten des Entleibten auf ihr Gesuch zu verwilligenden Geldquanti lediglich dem Ermessen der Herren Aeltern Hherr[lichkei]ten zu überlassen. Herren Aeltern Hherr[lichkei]ten; Schöpfen; Rentkammer; Burgermeister Jun."

Die alte Rechtsmaschine erfaßt den Fall in einem ersten Protokoll und setzt sich in Gang, indem das Schöffenamt davon informiert wird; außerdem werden die dem Rat als juristische Sachverständige dienenden Rechtskonsulenten, wie auch Faulwetter einer war, zur Beratung aufgefordert. Die endgültige Rechtsprechung liegt beim sogenannten Kleineren Rat, in dem nur Angehörige des Patriziats vertreten sind und nach einem streng eingehaltenen rotierenden System die €mter untereinander aufteilen. Es gibt darin ältere und jüngere Senatoren, wie es auch einen älteren und jüngeren Bürgermeister gibt. Die Rentkammer. d.h. die städtische Finanzbehörde, wird von den sieben €lteren Herren, der eigentlichen Stadtregierung, angewiesen werden, der Witwe des Ermordeten, welche durch dessen Ehrenamt und sonstige Geschäftsuntüchtigkeit verarmt dasteht, die Beerdigungskosten zu erstatten; dabei wird noch zu entscheiden sein, welcher Aufwand bei der Beerdigung den Umständen nach zulässig ist. Noch läuft alles normal ab.

Am Dienstag, den 19. 5.1801, wird "ertheilt" (verfügt), daß die Ehefrau des Mörders die Kosten der Leichenschau aus dem Vermögen ihres Mannes bezahlen soll. Dies erscheint als erster vorgreiflicher Akt der Gerechtigkeit, doch am darauffolgenden Donnerstag ist von der Sicherheit in der so klar erschienenen Schuldfrage nichts mehr zu spüren. Aufruhr liegt in der Luft:

"Bey der dermaligen Stimmung der gemeinen Volks Classe in Bezug des von dem Hafner [über der Zeile eingefügt: Rommer] freventlich verübten Mords ist von Seite des Löbl. Policey Departements das Erforderliche wegen Einziehung gemeiner Kenntniße und Nachrichten zu verfügen, sowie auch der Bedacht zu nehmen, daß zur Begegnung der etwa zu besorgenden bedenklichen Folgen sachgemäße Maasregeln eingeschlagen werden. Policey Departement; Schöpfen."

Der Verhaftete wird nun behutsamer behandelt. Bei den einfachen Leuten hat sich herumgesprochen, daß Rohmer seine Tat aus Verzweiflung beging, da Faulwetter die Akten in einem für den Hafnermeister sehr wichtigen Prozeß lange nicht bearbeitet, also den Prozeß verschleppt hatte. Die empörte Witwe regt sich über die Milde der Behörden auf, wird aber beschieden:

"Freitag, 12.6.1801

Der Frau Cons. Faulwetter ist auf ihre vermeintliche Beschwerde über das Schöpfen Amtliche Benehmen gegen den Romer, zu erkennen zu geben, wie nach eingezogener Erkundigung sich ergeben, daß das belobte Amt den Romer keineswegs begünstiget, und der Frau Consulentin durch die Gewährung derjenigen seiner Bitten, welche ohne Verlezung der Menschenrechte und der positiven Geseze nicht haben unerfüllt bleiben können, keine Veranlassung zu irgend einer legalen Beschwerde gegeben habe. Schöpfen; Burgermeister Jun."

Wie schon in Hartmut Frommers einleitendem Aufsatz zum hier zitierten Buch erwähnt, erscheint hier zum ersten Mal das Wort "Menschenrechte" im Zusammenhang nürnbergischer Strafrechtsprozesse.

Wahrscheinlich hatte die Witwe zum Ausgleich der als zu milde empfundenen Behandlung des Delinquenten für sich eine vergleichbare Gnade gefordert, nämlich eine Witwenrente. Das ging wohl deswegen nicht an, weil das Amt des Ratskonsulenten keine, wie wir heute sagen würden, Vollzeitstelle war. Auch keiner der Stadträte, der Senatoren, erhielt ein eigentliches Gehalt. Die verarmte Stadt hätte sich keine Beamten im heutigen Sinne leisten können und konnte auch keine Präzedenzfälle dieser Art schaffen:

"Freitag, 12.6.1801

Der Frau Cons. Sybilla Dorothea Faulwetterin ist ihr Gesuch um VerwiIligung eines Wittwen Gehalts bewandten Umständen nach zu benehmen, und ihr dießfalls das Erforderliche vorstellig zu machen, anbey aber selbiger die Zusicherung zu ertheilen, daß Bedacht genommen werden würde, ihr mit einer Unterstüzung an Stiftungen an Hand zu gehen; als weswegen auch von den einschlagenden Löbl. Behörden, daß hierinn der Oberherr. Intention baldmöglichst entsprochen werde, Vorsorge zu tragen seyn wird. Stadt Allmoß Amt; Burgermeister Jun.; Sämtl. einschlagende Löbl. Behörden." (Am Ende der Ratsverlässe werden immer die Stellen genannt, denen diese Vermerke zugehen sollen.)

Am 27. 7. 1801 wird dem Gesuch der Frau Rohmer stattgegeben, als Verteidiger für ihren Mann den Dr. Leuchs zu bestellen, wie Faulwetter ein Mitglied des Blumenordens. Und nun zieht sich die Sache hin. Man holt ein Gutachten der Juristischen Fakultät der Universität Gießen ein. Die Angelegenheit wird dadurch nicht gerade einfacher, daß der Unmut in der Bevölkerung sich gegen den Ermordeten richtet. Vorstellbar ist der Vorwurf, die Regierenden könnten jemanden straflos ruinieren und seien überhaupt unfähig, dem Niedergang der städtischen Wirtschaftskraft entgegenzuwirken. Unterdessen kommt der Oktober heran, und im Lochgefängnis wandeln sich die Verhältnisse vom Ungemütlichen zum Unerträglichen.

"Freitag, 9.10.1801

Dem p[unc]to homicidii in gefänglicher Detention befindl. Hafnermeister Romer ist gebettenermassen zu verstatten, sich bey der bevorstehenden kalten u. feuchten Witterung ein Bett in den Lochverhafte zu seinem Gebrauch bringen zu lassen. Schöpfen."

So geht der Winter hin.

"Montag, 8.2.1802

Das in der Hafnermeister Joh. Ludw. Romerischen Inquisitions-Sache von der L. JuristenFakultät zu Giesen geschöpfte Urthel ist von Seite E. Hochlöbl. Raths bestättiget, u. das L. Schöpfenamt zu beauftragen, sich rüksichtlich der in dieser Inquisitions-Sache ferner zu beobachtenden Verfahrungsart ganz in Konformität des hierüber von den Herren Konsiliarien ausgestellten Bedenkens zu benehmen. Schöpfen."

Offenbar hatten die Gießener Juristen auf Todesstrafe erkannt; Leuchs aber gibt eine Gegenmeinung zu bedenken:

"Donnerstag, 25.2.1802

Der von dem Dr. Leuchs als Defensor des Inquisitens, Romer, übergebene Vortrag u. Bitte um Milderung der gedachtem Inquisiten andictirten Todesstrafe ist morgen beym Rath zum Rechten vorzulegen, u. sich hierüber zu einem gemeinsamen Schlusse zu vereinigen. Burgermeister Sen. u. Jun.; Schöpfen.

Freitag, 26.2.1802

Dem Dr Leuchs ist auf seinen in der Romerischen Inquisitions Sache übergebenen Vortrag u. die darinnen gestellte alternative Bitte, die dem Inquisiten, Romer, zuerkannte Todtesstrafe in eine gelinde Gefängniß-Strafe auf unbestimmte Zeit zu verwandeln, oder aber ihm die fernere Defension des Inquisitens bereits dekretirtermassen zu gestatten, zu eröfnen, daß E. Hochlöbl. Rath ihm, Dr. Leuchs, lediglich überlasse, ob er mit einer weitern Defensions Schrift einkommen wolle, in welchem Falle ihm sodann von L. Schöpfenamts wegen zu deren Beybringung ein 14.tägiger Termin anzuberaumen, übrigens aber der von den Herren Konsiliarien gutachtlich vorgezeichnete Weg zu verfolgen seyn wird. Schöpfen."

Statt daß infolge der langen Untersuchungshaft der Fall Rohmer-Faulwetter aus dem öffentlichen Bewußtsein verschwunden wäre, machen sich jetzt schon des Schreibens kundige Bürger mit einer anonymen Denkschrift zu Fürsprechern. Dem Rat kann das nicht angenehm sein. Es wird versucht, herauszufinden, wer die Schrift abgefaßt hat:

"Dienstag, 2.3.1802

Ehebevor auf das von verschiedenen hiesigen Bürgern um Begnadigung des Inquisitens Romer, überreichte Gesuch eine Oberherrliche Resolution gefaßt wird, ist vordersamst die Erklärung des Dr. Leuchs wegen fernerer Defension des gedachten Inquisitens abzuwarten, von Seite des L. Schöpfenamts aber ein nochmaliger Versuch zur Eruirung des Verfassers dieses Memorials zu machen. Burgermeister Jun.; Schöpfen."

Und vom selben Datum:

"Die von dem Dr. Leuchs in der Romerischen Inquisitions-Sache unterm heutigem Dato abgegebene Erklärung, daß er die Bestimmung des Schicksals des Inquisitens lediglich der Gnade E. Hochlöbl. Raths übergeben, u. von der ihm verwilligten weitern Defension u. Aktenversendung keinen Gebrauch machen wolle, ist künftigen Montag bey versammelten Rath zum Rechten vorzulegen, u. das endliche Urthel in dieser Inquisitions-Sache zu fällen. Anbey erhält das L. Schöpfen-Amt den Auftrag, diejenigen Bürger, welche ein Begnadigungs Gesuch für den Romer übergeben haben, nunmehr durch die eingreiffendsten Vorstellungen zur Angabe des Schriftverfassers zu veranlassen zu suchen. Burgermeister Sen. u. Jun.; Schöpfen."

Leuchs tut, als könne er kein Wässerlein trüben, dabei kommt zwei Monate später heraus, daß er publizistische Wege zugunsten seines Mandanten eingeschlagen hat. Möglicherweise kommt er sogar als Verfasser der genannten Bittschrift in Frage:

"Donnerstag, 29.4.1802

Der Abdruck des in der Romerischen Inquisitions Sache von der Juristen Fakultät zu Gießen geschöpften Urthels ist ohne weiteres zu konfisziren, u. dem Dr. Leuchs das ernstliche Oberherrliche Mißfallen wegen eigenmächtiger öffentlicher Bekanntmachung dieses keineswegs zum Druck bestimmt gewesenen Responsi, mit der Weisung, zu erkennen zu geben, seine von ihm in vorliegender Sache verfaßte Defensions Schrift bey Vermeidung schärfern Einsehens nicht etwan auch durch den Druck zur Publizität zu bringen. Vormund-Amt; Schöpfen."

Dazu würde, nebenbei bemerkt, nicht übel passen, daß er auch in der Sache der anonymen Schrift, die den Buchhändler Palm das Leben gekostet hat, als Verfasser in Frage käme.

Dem Eppelein von Gailingen legt die Sage die höhnischen Worte in den Mund: "Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn zuvor!" Im Falle Rohmer könnte es heißen: "Die Nürnberger hängen keinen, sie erhielten zuvor Zutritt zu ihrem Richtplatz!" Wie Frommer von einer anderen, noch späteren Exekution berichtet: "Hauptproblem der letzten Hinrichtung war, dass der Rabenstein nach der preußischen Landnahme von den Franzosen besetzt worden war [...]" Im hier dargestellten Falle kommt es zu einem beinahe freundschaftlichen Briefverkehr und Absprachen zwischen der in die Enge getriebenen, ihres Territoriums zum größten Teil beraubten Stadt und der Besatzungsmacht:

"Montag, 15.3.1802

Der Herr Scholarch, C. C. S. Harsdorf, erhält hiemit den Auftrag, mit dem k. Preußischen Herrn Direktorial Gesanden u. Kammer-Vicepräsidenten, Hänlein, unter Beziehung auf die von lezterm wegen Hinrichtung der beiden Malefikanten, Reindel u. Romer, gegen belobten Herrn Scholarch gemachte Aeusserung, deßhalb Rücksprache zu pflegen, u. darauf anzutragen, daß durch seine gefällige Vermittlung die Einleitung gemacht werde, daß der Hinrichtung gedachter Inquisiten, falls sie noch erfolgen sollte, u. den deßhalb zu machenden gewöhnlichen Vorkehrungen, so wie der Besezung des Hochgerichts durch hiesiges Kreis-Militär weder von jenseitigen Civil- noch Militär-Stellen Hindernisse in den Weg gelegt werden, sondern diese freundschaftliche für beide Theile unverfängliche Rücksprache mit ihm für begnügig angenommen werde, wo sich dann aus seiner Gegenäusserung das Weitere entnehmen lassen wird. Kreis-Deputation; Schöpfen."

Dies geht nun einen Monat lang hin und her, und zuletzt mögen es Bedenken wegen der Durchführbarkeit gewesen sein, die auf einmal einen Verzicht auf die Todesstrafe geraten erscheinen ließen:

"Samstag, 10.4.1802

In der Romerischen Inquisitions Sache ist ertheilt, die Herren Schöpfen zu beauftragen, sich unverzüglich in das Lochgefangniß zu verfügen, dem Inquisiten, Joh. Ludw. Romer, seine Begnadigung anzukündigen, u. ihm nachstehenden Oberherrlichen Verlaß zu publiziren: Der Inquisit, Joh. Ludw. Romer, soll, ob er gleich wegen des an dem vordern Herrn RathsKonsulenten, Carl Alexander Faulwetter, verübten Todtschlags mit dem Schwerd vom Leben zum Tod hingerichtet zu werden, den Rechten nach allerdings verdient hat, aus bloßer Oberherrlicher Gnade u. Milde mit der Todesstrafe verschonet, u. dagegen zu einem lebenslänglichen Zuchthaus-Verhaft in der Maase [so!] verurtheilet seyn, daß er zu keiner Arbeit angehalten werden, die zu seiner Unterhaltung erforderlichen Kosten aber aus eigenen Mitteln bestreiten soll. Uibrigens hat Inquisit die bisher verursachten sämmtlichen Inquisitions-, Siz-, Azungs-, Aktenversendungs u. Vertheidigungs-Kosten zu erstatten. Militär-Behörde; Bau-Amt; Gerichts-Herren; Schöpfen. "

Unverzüglich kommt der Schöffe Holzschuher mit der Nachricht zurück, "daß der Inquisit, Joh. Ludw. Romer, bey Eröfnung des in seiner Inquisitions-Sache am heutigen Dato emanirten Oberherrlichen Verlasses die Bitte vorgebracht habe, ihn, statt der dekretirten lebenslänglichen Zuchthaus-Strafe hinrichten zu lassen indem er den Tod einer lebenslänglichen Detention vorzöge". Überraschend kann das nur finden, wer sich nicht anschaulich klar macht, wie zermürbt der Mann von seiner Lochgefängnis-Haft sein mußte, was ihm ein auf unbestimmte Zeit verhängter Gefängnisaufenthalt, wenn auch an anderem Ort, für eine Aussicht bot und wie teuer für seine Familie die angeführten Rechtspflege- und Haftkosten sein würden. Er mag geschrien haben: "Warum kann man mich nicht gleich freilassen, wenn man mich schon nicht umbringen will!" Im Aktenvermerk liest sich das so:

"Mittwoch,12.5.1802

Der in dem Zuchthaus in gefänglicher Detention sizende Joh. Ludw. Romer ist mit seinem unverschämten [über der Zeile: u. unbesonnenen] Gesuch, auf freyen Fuß gestellt zu werden, ein für allemal mißfälligst ab- u. zur Ruhe zu verweisen, auch von Seite der kompetenten L. Behörden keine weitere auf seine Befreyung zielende Vorstellung anzunehmen. Burgermeister Jun.; Schöpfen."

Ruhig solle er also sein. Valium geben konnte man ihm damals noch nicht. Er nimmt einen anderen Ausweg, und dazu verhalf ihm wohl ein Wächter, der danach noch nicht einmal bestraft, sondern nur vermahnt wurde, wohl aus schierer Erleichterung:

"Montag, 17.5.1802

Der Kadaver des Selbstmörders, Joh. Ludw. Romer, ist heute Nachts durch den Löwen [den Hauptgehilfen des Scharfrichters] u. dessen Gehilfen aus dem Zuchthause hinwegzuschaffen u. ausserhalb des Kirchhofs bey St. Rochus einzuscharren, dem provisorisch aufgestellten Zuchthaus-Verwalter, Erdle, aber, welcher [wegen seiner 3.fachen groben Dienstvernachläßigung, daß er nemlich 1.) dem Inhaftirten Poussier-Werkzeuche ohne vorgängige Anzeige bey Amt habe zukommen lassen, 2.) ihm die Aufwartung durch einen Züchtling, namens Buchner, zugestanden, u. 3.) nicht nur selbsten eine Abschrift von dem in der Romerischen Sache am 12. 1. M. emanirten Oberherrlichen Verlaß u. den lezten Worten des Romers an seine Richter genommen, sondern es auch nicht verhindert habe, daß der Dr. Preu hievon gleichfalls eine Kopie habe nehmen können,] mit einer Gefängniß-Strafe angesehen zu werden gar wohl verdient hat, solche aus bloßer Oberherrlicher Gnade u. Milde zwar zu erlassen, derselbe jedoch bey Vermeidung unausbleiblicher schärfern Ahndung vor ähnlichen Dienstpflicht-Verlezungen ernstgemessenst zu verwarnen, u. zur künftigen genauern Beobachtung seiner Dienst-Obliegenheiten geschärftest anzuweisen, so wie auch dem Dr. Preu darüber, daß er von befraglichen Aktenstücken eine Abschrift zu nehmen keinen Anstand genommen hat, das Oberherrliche Mißfallen, mit der Auflage, zu erkennen zu geben, das eidliche Handgelübde darüber zu leisten, daß er solche Piecen bereits wirklich vernichtet habe, u. hievon bey niemanden irgend einigen Gebrauch machen wolle. Schöpfen."

Es ist, wieder sei es bemerkt, kein Wunder, das Verschwinden gewisser Aktenstücke und das Herumdrucksen des Blumenordens in dieser Angelegenheit zu beobachten.