Rückbesinnung

Die Pegnesen um 1890 fühlten sich durch die Anfänge des Ordens keineswegs in ihrem Denken und ihrer Empfindung bedingt, doch ein bißchen neugierig wurden einige schon. Wer sich mit jenen weitab liegenden Zeiten der „Gelehrtenpoesie“ befaßte, nahm entweder lächelnd gewisse Schrulligkeiten wahr und fand sie sogar putzig oder gar bedenkenswert, oder er lehnte sie in Bausch und Bogen ab.
Am 5. Juli 1895 bittet Geissler, daß dem als Barockforscher hervorgetretenen Pfarrer Neumann das einschlägige Buch von Richard Hodermann, „Bilder aus dem deutschen Leben des 17. Jahrhunderts. Eine vornehme Gesellschaft (Nach Harsdörffers Gesprächspielen.) Mit einem Neudrucke der Schutzschrift für die Deutsche Spracharbeit. Paderborn. Druck und Verlag von Ferdinand Schöningh. 1890“ zugeschickt werde. Es handelt sich um eine szenische und erzählerische Umsetzung etlicher Gesprächspiele in historisierend-belehrender Absicht, die deswegen bemerkenswert ist, weil die barocken Eigentümlichkeiten, abweichend vom derzeitigen Geschmack, schon wieder als reizvoll und wertvoll dargestellt sind.
Der Empfänger war ebenfalls ein Bewunderer Birkens, zu seiner Zeit eine rare Erscheinung, aber er war auch betagt genug, um zu wissen, daß auch Justinus Kerner ein solcher gewesen war. Er zitiert in seinem Antwortschreiben ein Sonett aus „Justinus Kerner’s ausgew. poet. Werke I. Stuttg. Cotta 1878. S. 70.“ Daraus geht allerdings mehr patriotische Vereinnahmung Birkens als Verständnis für dessen sprachliche Pionierleistungen hervor: „Deutscher Gesang nur hält uns treu umschlungen“.

Bei den maßgebenden Pegnesen dieser Zeit schwankte das Urteil über die barocken Ursprünge sehr stark. In Schachtel 93 des Archivs:

9t W.V. Freitag den 2 Maerz 1894
[…] Postmeister Schmidt [liest] aus Birkens Handschrift ein Schauspiel „die wunderthätige Schönheit“ mit einem Zwischenspiel „Tugend u. Lasterleben“ ein jetzt ungenießbares Werk dieses Vielschreibers, der viel zu sehr gewürdigt wurde. […]

4. Wochenversammlung [des Jahres 1898]
[…] Beckh spricht kurz über den Dichter Opitz der im 16. [sic] Jahrhundert gelebt hat und der häufig abfällig beurtheilt wird. Beckh betont, daß er diese Anschauung nicht theilen könne, sondern denselben ebenso wie Harsdörfer als Bahnbrecher in der damaligen Literatur schätzen müsse.

Entsprechend pflegte man den geschichtlichen Aspekt und ein Denkmal:

28. October 1898     34. Wochenversammlung
[…] Schmidt spricht über das Grab Birkens, das im Johannisfriedhof unter F 54 b in La. II zu finden ist. Der mit einem sehr schönen Epitaph geschmückte Grabstein ist vollständig mit Epheu überwachsen. Es wird beschloßen, sich mit den jetzigen Inhabern der Grabstelle ins Benehmen zu setzen, um das Epitaph frei zu legen. […]

Zehn Jahre später war ein Festspiel auf der Grundlage des Hodermannschen Werkes erfolgreich (wobei Hodermann nicht erwähnt worden zu sein scheint):

[…] Am 1. November dieses Jahres waren es 300 Jahre, daß der Gründer und I. Präses unseres Blumenordens Gg. Ph. Harsdörfer geboren war u. der Blumenorden wollte es nicht versäumen die Erinnerung an diesen Tag festlich zu begehen. […] Der Festabend selbst fand am 8. November im Adlersaale statt. Herr Studienrat Rektor Bischoff war der Verfasser der meisterhaften Gedächtnißrede […] das von Dr. Reike [sic] verfaßte Festspiel „Scenen aus der Zeit der Pegnitzschäfer nach den Frauenzimmer-Gesprächs[sic]spielen des Gg. Ph. Harsdörffer [sic]“ zur Aufführung gebracht, das bereits schon einmal bei Gelegenheit des Jubiläums im Verein f. Gesch. d. St. Nürnberg so beifällige Aufnahme gefunden hatte. Die Spieler u. Spielerinnen […] waren die Damen: Frau Dr. Kirste, Fräulein Toni Soldan, Frl. Valerie Schrodt, sowie die Herren Dr. Emil Reike, Oberleutnant Gg. Raab u. Oberleutnant Ludwig Stapf. […]

Wenn es nicht um Maskerade ging, sondern um Philologie, war das Interesse schon geringer:

[…] Die II. öffentliche Versammlung am 6. Nov. 1912 brachte uns den, von fleißigem Archivstudium zeugenden Vortrag unseres Ehrenmitglieds Brügel, betitelt: Zierliches und Zieraten in Worten und Taten aus dem Peg. Blumenorden. Leider ließ der Besuch desselben, was die Zahl anbelangt, zu wünschen übrig. […]

Wieder einmal auf Grübel aufmerksam zu machen, blieb einem auswärtigen Mitglied vorbehalten:

36. Wochenversammlung am 19. Novemb. 97
[…] Lambrecht […] bringt das neue Werk von Genée „Zeiten u. Menschen“ zur Vorlage. — Der Vorsitzende verliest aus dem höchst interessanten Buche einige Stellen die von Genées Besuch in Nürnberg handeln. Besonderes Interesse erregt die Stelle über den Volksdichter Grübel u. über den Verkehr Genées in der Grübelstube. Auch des trefflichen Gelehrten Dr. Fromman geschieht Erwähnung.

Selbst ein Schiller-Gedächtnisjahr konnte eine würdige Erinnerung nicht verdrängen: Am 100. Todestag Grübels im Jahre 1909 legte der  Orden einen Kranz an seinem Grabe nieder. Die Schiller-Feier stellte allerdings alles in den Schatten, was der Orden in diesem Jahre für seine eigenen Autoren tat:

[…] Die Feier zum Gedächtnis des 150. Geburtstages Schillers fand am 8. November im „Adler“ statt. Eingeleitet wurde dieselbe durch eine Ansprache des Ordensvorsitzenden der die früheren Schillerfeiern in Nürnberg zum Gegenstand seines Vortrages gewählt hatte. Sodann folgten Lieder nach Schiller’schen Gedichten, die durch Frl. Dora Stöcker u. Herrn Franz Klinger unter Begleitung von Frl. Betty Stöcker gesungen wurden. Fräulein Toni Bäumler erntete mit der Rezitation des Monologs der Beatrice aus der „Braut von Messina“ reichen Beifall. Die nun folgende Aufführung des dramatischen Gedichts von Marie von Ebner Eschenbach „Doktor Ritter“ bei der Hans Reck die Spielleitung übernommen hatte, wurde freudig aufgenommen. Beteiligt waren die Damen Helene Meßthaler u. Anny Hering sowie die Herren Kügemann, Wöckel, Heinrich u. Preis. — Ein Festmahl mit über 100 Gedecken beschloß den Abend in schönster Weise.

Ein weiterer Dichter, der ganz selbstverständlich bei der Pflege des literarischen Erbes dazugehörte, war damals noch Heinrich Heine.

37. Wochenversammlung am 26. Novembr. 18978
Ein Gast der  Tafelrunde Herr Merz erfreute mit einer Reihe von Rezitationen, so der Heine’schen Gedichte „Ritter Olaf“ — „Schelm von Bergen“ — u. „Frieden“. […] Den Vorträgen des Herrn Merz schloß sich ein reger Meinungsaustausch über die Frage an, ob es angezeigter sei die Romanze in mehr erzählendem Tone oder im Tone des Dramas vorzutragen. Der Vorsitzende schloß sich der ersteren Ansicht an, Herr Merz u. einige Herren des Kreises stellten sich dem entgegen. […]

15. December 1899         41. Wochenversammlung
[…] Um ½ 10 Uhr, nachdem Wingenroth und Url eine vorzügliche Ananasbowle gebraut hatten wurde in die Heinefeier eingetreten und begann Beckh mit einem Gedichte des 14jährigen Heine.
Wingenroth hält eine Ansprache zum 100jährigen Geburtstage des Gefeierten, bespricht dessen Werke, seine großartige Lyrik und flicht ein Gedicht Gottfried Kellers ein. Ein stiller Trunk dient dem Andenken Heines. Url bringt des Dichters Lyrik zur Geltung durch die Verlesung folgender Gedichte:
1.) Vorrede zur 3. Auflage 2. Das Meer erglänzte weit hinaus 3. Abenddämmerung 4. Frieden 5. Wallfahrt nach Kevlaar
Schrodt liest
Morgengruß, Seegespenst, Im Hafen
Es folgte daraus Einiges aus der Harzreise durch Beckh
Kuhn bringt nach einer kurzen Vorrede, worin er den Dichter im Dramatischen schildert eine Scene aus Almansor
Unser Gast Kirchner brachte zum meisterhaften Vortrag
An meine Mutter, ein herrliches Gedicht
Sturm, Reinigung
Graf, der wegen seiner Uebersiedelung nach Kempten das letzte Mal bei uns weilte, las aus Deutschland verschiedene Gedichte, um zu zeigen, daß Heine trotz der vielen gegentheiligen Behauptungen, auch ein guter Deutscher war.
Schmidt brachte einige interessante Bemerkungen von Heine, namentlich gegen England, die für die Gegenwart außerordentlich zutreffend erscheinen.
Wingenroth schloß den reichen Abend mit einem ganzen Strauß herrlicher Heine’scher Gedichte […]
Es schloß sich an diese trefflich verlaufene Feier ein kleines Picknick an, das noch andauerte als der Schreiber [Bernhold] um 1 Uhr seinen Heimweg antrat.

Wer hätte gedacht, daß sich Heines Texte im Rahmen eines Gelages wilhelminischer Honoratioren unter großem Beifall zum Vortrag eigneten!

Es war auch nicht so, daß an Viktor von Scheffel nur die idyllische Seite gesehen worden wäre.

Freitag, den 7. April 1911    14. Wochenversammlung
[…] Brügel verliest ein recht hübsches Feuilleton Dr. Paul Landaus „Zu Scheffels 25. Todestage 1886-9. April 1911“, das im „Sammler“ (Augsb. Abendz.) und andernorts erschienen ist. — Beckh, dem im übrigen der Artikel durchaus zusagt, vermißt doch darin eine klare Aussprache darüber, daß es eben in der Hauptsache der Alkoholmißbrauch gewesen ist, der Scheffel so unsicher und unstet gemacht hat. — Diese Bemerkung des Psychiaters ist Anlaß zu lebhafter Diskussion. Kraus [sic] u. Börner finden, daß der Artikel sich eigentlich im Negieren erschöpfe, Schneider kann keinen echten Grund für das „Lamento“, das Landau ertönen läßt, entdecken. Scheffel habe bei alle dem Schule gemacht, ja er sei heute noch modern. Beckh erinnert an des alten Kußmaul Zeugnis dafür, daß Scheffel oft sehr unglücklich war u. kein Behagen gekannt hat. […]