Zukunftsschimmer und verpaßte Gelegenheiten

Ein großer Gewinn für den Orden hätte auch die 1751 erfolgte Aufnahme eben jenes Altdorfer Gelehrten GEORG ANDREAS WILL (CHELANDER) sein können. Von irgendwelcher Tätigkeit dieses Mannes innerhalb der Ordensversammlungen und der Veröffentlichungen des Ordens ist aber für den Zeitraum bis 1786 nichts bekannt. Schon KIEFHABER meinte in seiner 1799 erschienenen Biographie WILLs deshalb, er sei gar kein Mitglied gewesen. Hingegen ist sein Hauptwerk bis heute jedem, der sich mit der Literaturgeschichte der Stadt abgibt, wohlbekannt und eine unentbehrliche Hilfe: Die Bibliotheca Williana, ursprünglich das Verzeichnis seiner riesigen Sammlung alter Nürnberger Schriften, später zur vollständigen, kommentierten Bibliographie bis 1794 ausgebaut, steht noch im Nürnberger Stadtarchiv am Egidienberg dem Forscher zur Einsicht zu Verfügung. Es ist zu vermuten, zu dieser Bibliographie habe sich der Orden mithilfe seiner Archivalien und durch Auskünfte von Mitglied zu Mitglied mittelbar nützlich erwiesen. WILL hatte noch bei SCHWARZ den Magistertitel erworben, war dann aber 1747 zu WOLFF nach Halle gegangen und hatte auch bei BAUMGARTEN gehört. In Leipzig traf er mit GOTTSCHED persönlich zusammen. 1748 heimgekehrt, war er lange Privatdozent und gab, wohl um seiner Kasse etwas aufzuhelfen, mit BAURIEDEL-PHILARETHES zusammen die Moralische Wochenschrift Der Redliche heraus, die 1750 und 1751 in Nürnberg erschien. Als BAURIEDEL eine Predigerstelle antreten wollte, stieg er vorsichtshalber aus dem nicht völlig orthodoxen Unternehmen aus. WILL selbst wurde erst 1757 Ordinarius, und zwar für "Philosophie, Gelehrtengeschichte und Schöne Wissenschaften".

Der 22. Juli 1752 ist das Datum eines Einladungsschreibens zur Ordensversammlung, welche am 1. 8., Dienstagnachmittags, um Vesper, in der FÜRERschen Wohnung in der Äußeren Laufer Gasse stattfinden solle. Zehn Mitglieder sagen schriftlich zu, darunter SCLEROPHILUS, der kürzlich aufgenommene Herr Kandidat (des Priesteramts) HARTLIEB. (Dieser wurde der übernächste Präses.)

Also ging das Präsidium an einen verhältnismäßig jungen Mann mit einem alten Namen über: Achtunddreißig Jahre war Herr ANTON ULRICH FÜRER VON HAIMENDORF AUF WOLKERSDORF alt, als er in der Nachfolge seines Vaters CHRISTOPH dieses Amt antrat. Man dachte damals auch in solchen Dingen gerne dynastisch, und doch war die Zeit reif, auch ohne offenbare Zukurzgekommenheiten des ANTON ULRICH, zu bemerken, wie wenig sich in Wirklichkeit wiederholen läßt. Er war ein spätgeborenes Kind — sein Vater war schon fünfzig gewesen, als er auf die Welt kam — und wurde wohl mit der größeren Sorgfalt, ja Sorge aufgezogen, die solchen Familienkonstellationen eigentümlich ist. Viel Selbständigkeit und Selbstbewußtsein konnte er wohl angesichts seines bedeutenden, in Nürnberg zu höchsten Ehren aufgestiegenen Vaters nicht entwickeln.

Man sähe es ja gerne, daß er diesem Gemeinplatz von einem Schicksal entwischt wäre, doch dagegen spricht ein kleiner, aber bezeichnender Umstand ganze Bände: Er erhielt nämlich, als er unter dem Vorsitz seines Vaters 1728 in den Orden aufgenommen wurde, nicht nur, wie es bei Verwandten üblich war, denselben Ordensnamen, also LILIDOR II.; er ließ sich auch dieselbe Blume und sogar dieselbe "Beischrift" samt "Erklärung" verabfolgen, welche da lautet:

Die weiße Lilje prangt mit größ'rer Herrlichkeit
als vormahls Salomo in seinem Königs-Kleid;
Ich zog den Heiland an bey meiner Tauf auf Erden,
Wie kunt ich herrlicher als so gekleidet werden?


Es wird nicht zu ermitteln sein, ob ihm selber nichts anderes eingefallen wäre oder ob sein Vater ihn dazu bestimmte, alles genauso zu machen wie er. In letzterem konnte sich der alte Herr allerdings nur täuschen. Dabei wird es noch am leichtesten gewesen sein, ihm in der Frömmigkeit nachzufolgen, aber an Leistungen für Nürnberg oder gar für die Dichtung hatte ANTON ULRICH, als er 1765 mit erst 52 Jahren als Assessor am Stadtgericht und Oberpfleger von Gostenhof starb, nichts Vergleichbares aufzuweisen.

Man hat einige Zeit lang nicht gewußt, ob in der Trübseligkeit dieser Verhältnisse überhaupt bis 1774 ein neuer Präses gewählt wurde. Akten darüber sowie über irgendwelche Zusammenkünfte sind nicht bekannt. Immerhin erwähnte GEORG WOLFGANG PANZER in seiner Jubiläumsrede, REICHEL-EUSEBIUS habe nach des jüngeren FÜRER Ableben dafür gesorgt, daß die Gesellschaft nicht völlig einschlief, und sogar neue Mitglieder aufgenommen, nämlich LEINKER (MONASTES ), CRAMER (IRENANDER ) und ihn selbst (1767). Er nennt ihn sogar "Vorsteher", aber eine Wahl wird nicht erfolgt sein.

Was JOHANN FRIEDRICH HEINRICH CRAMER betrifft, so soll er nach den Nachforschungen WILHELM SCHMIDTs schon 1763 inoffiziell zum Orden gestoßen sein. Ich habe mich gefragt, ob dieser wohlhabende Kaufmann nicht zu den Vorfahren des Industriemagnaten THEODOR VON CRAMER-KLETT gehört haben kann. IRENANDER stammte jedenfalls aus Hattingen an der Ruhr, wie das Geschlecht derer VON CRAMER-KLETT auch. Sein Vater JOHANN MELCHIOR CRAMER war ein Doktor beider Rechte und "vorderster Ratsverwandter der Preuß. Statt Hattingen u. Richter des Amt Stiepel". Eine direkte familiäre Beziehung läßt sich allerdings nicht nachweisen. Ein ARNOLD FRIEDRICH CRAMER, Tuchhändler, wohnhaft am Schießgraben zu Nürnberg, ist der Großvater des THEODOR CRAMER. Es heißt in der NDB, er sei ein Pfarrerssohn aus Werden an der Ruhr gewesen. Das Genealogische Handbuch nennt einen JOHANN FRIEDRICH CRAMER, der von 1719 bis 1763 gelebt haben soll und daher mit unserem IRENANDER, der erst 1778 starb, nicht identisch sein kann, als Vorfahren des CRAMER vom Schießgraben. Sein Enkel THEODOR CRAMER aber, wie aus der NDB hervorgeht, heiratete die Tochter des JOHANN FRIEDRICH KLETT, der jene Maschinenfabrik gegründet hatte, die heute unter dem Namen MAN international bekannt ist. Er nahm dabei den Doppelnamen CRAMER-KLETT an; und als die MAN im Jahre 1855 den Münchener Glaspalast gebaut hatte, erhielt er den persönlichen Adel. Vom sozialen Typus her — und vielleicht in einer mehr oder weniger entfernten verwandtschaftlichen Beziehung — zeichnet sich jedenfalls bei IRENANDER erstmals eine Entwicklungslinie ab, die in das Industriezeitalter führt.

Man darf REICHEL für seinen Einsatz Dank wissen, aber dennoch zeigt sich an der (nach Aktenlage eingetretenen) Denk- und Schreibpause die Erschöpfung des bisherigen Konzepts. Wer noch Mitglied war, wußte kaum mehr, wieso er sich eigentlich in der hergebrachten Weise dichterisch oder sprachpflegerisch betätigen sollte. Gerade wenn man sich in diesen Dingen auf dem laufenden hielt, mußte man sich damals vom raschen Fortschreiten anderer Kulturzentren an die Wand gedrückt fühlen. In solchen Fällen müßte man von den Neuesten lernen und selbständig weiterführen, was sie selber vor lauter Betriebsamkeit kaum abrunden können — denn sie stehen immer in Gefahr, sich nach kurzer Zeit in endlose Weiterungen verstrickt zu sehen und sich zu verzetteln — doch dazu braucht es einen bewußten Neubeginn. Wäre der Orden gesund gewesen, hätten wir als Zeichen davon mindestens eine neue Satzung von, sagen wir mal, 1760. Das wäre in der Reichsstadt Nürnberg auf dem Boden des süddeutschen Protestantismus möglich gewesen — man hätte sich ja nicht gegen die eigene Tradition wenden müssen — wenn man nur den Anschluß an BODMER und BREITINGER in Zürich gesucht hätte. Es dauerte zu lange, bis 1794, bis man einen Zürcher als Ehrenmitglied gewann. Da war die Literaturentwicklung schon zu anderen Zentren übergelaufen. Aber das, was der Blumenorden in diesen Jahren versäumte, leistete einstweilen sein späteres Ehrenmitglied CHRISTOPH MARTIN WIELAND.