Die "seraphische" Richtung


Am 29. Juli 1782 starb im Alter von 31 Jahren ein weiterer Blumengenosse, den Lichtenberg unter die unerfahrenen Schwärmer gerechnet hätte: Amarantes II., d.i. Konrad Christoph Oye, in den Orden aufgenommen 1776, Mittagsprediger an der Heilig-Kreuz-Kirche. Auch er wollte Gott "im Engelton besingen", wie ihm Silvius II. (Georg Ernst Waldau) in seinem Trauergedicht nachsagt. Aus dem in Nürnberg erschienenen Almanach namens Poetische Blumenlese auf 1782 zitiert Sylvius-Waldau von S. 15 ein Gedicht des Verstorbenen, das geeignet scheint, auszugsweise das besonders Seraphische seiner poetischen Neigung darzutun. Dieser Ausdruck hat eine gewisse Verbreitung erlangt, weil unter den Großen, deren Namen bleibend sind, nicht nur Klopstock, Bodmer oder Jacobi Gedichte "im Engelton" gesungen haben; auch Wieland hatte seine "seraphische" Periode. Man könnte sie, samt ihrer Wirkung auf Nachahmer, geradezu als Nachhall der klopstockischen Bestrebungen in die Geniezeit hinein betrachten. Selbst Goethe und seine Schwester konnten davon als Halberwachsene bekanntlich nicht unberührt bleiben. Wie aber macht sich dieser Nachhall bei dem jünglingshaften Amarantes II. bemerkbar?

Daß ich unsterblich bin,
Fühl ich ganz — und ganz der Freuden Zukunft,
Die einst schimmernder mich umstrahlen,
Wenn meine Freunde mit mir Unsterblichkeit
Aus dem Quell der Seeligkeit trinken,
Der den Stuhl Gottes umfleußt,
Und wir vereint einst mit Moses und Sokrates,
Und jedes Weltteils, jeder Religion
Guten, fühlbarbeseelten Menschen
Theilen der himmlischen Freundschaft Wonne
Ewigkeiten hindurch! — —

"Hier ruht ein Dichter und — ein Christ." schließt Silvius. Den Christen nehme ich ihm — trotz seines Berufes — nicht ganz ab, mit dem gleichen Argument, mit dem herrnhuterisch Gesinnte den wohlmeinenden jungen Goethe zu seiner Verblüffung darauf aufmerksam machten, daß er, streng genommen, kein Christ sei: Was hat Sokrates in einem nach herkömmlicher Weise vorgestellten Himmel zu suchen; was hat der Gedanke an natürliche Religion mit dem guten alten Christentum zu schaffen? Es ist ein erfreuliches Zeichen für Bewußtseinserweiterung und Toleranz, daß man mit solchen Gedanken um 1780 sogar in Nürnberg bereits Beifall finden konnte, aber man sieht doch, daß die Begriffe ins Wanken geraten sind. Silvius hätte seinen toleranten jungen Freund besser einen philosophischen Kopf genannt. (Dann hätten Leute wie Lichtenberg Einspruch erhoben.) Immerhin bereitet dies den Weg für die spätere Vermengung von Christentum, Antike, Kantischer Philosophie und Gesellschaftskritik in der frühromantischen Literatur. Der Pegnesische Blumenorden war frühzeitig dabei, als die problematischen Unsicherheiten noch nicht zu programmatischen Entwürfen geworden waren.

Auf den zweiten Blick kann man Silvius auch sein Urteil über den Dichter nicht ganz abnehmen. Der ästhetische Eindruck der obigen Verse ist einfach schwächer. Das liegt beileibe nicht am Fehlen des Reims, und mit der typographischen Anordnung könnte man sich abfinden, doch diese allein macht noch keinen Rhythmus. Ziemlich störend: 'vereint einst'. Der einzige bildliche Eindruck geht von der Aussage aus, daß der Quell der Seligkeit Gottes Stuhl umfließe; alles übrige bleibt völlig unanschauliche Beschwörung von Gefühlen. (Welche Regel stellt der Deutschlehrer auf, wenn seine Achtklässer das Schildern lernen sollen? "Ihr sollt nicht schreiben: Ich fühle, ich freue mich, ich sehe, man sieht, man hört'; sondern: Dieser oder jener Gegenstand leuchtet, tönt'; und so fort. Die Welt spricht durch die Sinne zu uns, nicht wir verbreiten uns über die Welt!")

Sinnliche Rede erfordert eigentlich auch kürzere Sätze. Nun gut, diese soll übersinnlich sein; aber dennoch ist der Sinnbogen von 'mit Moses' bis 'guten [...] Menschen' zu weit gespannt; man kann kaum aufs erste Mal hören, daß sich 'mit' auch auf die 'guten Menschen' bezieht. Amarantes II. hätte noch viel zu lernen gehabt, aber so konnte man immerhin in die Almanache kommen.