Man macht sich Sorgen

HOLZSCHUHER verliert schon beinahe die Nerven: Er bittet um eine baldige Wahl, damit neugierigen Leuten, die ihm fast schon die gesamten Ordens-Angelegenheiten durch ihre Stichelreden verleidet hätten, die Veranlassung genommen werde. Dabei wolle er selbst gar nichts anderes sein als Ordensrat, auch wenn einige Mitglieder Größeres mit ihm vorhätten, aus mir alleine nur bekannten Gründen, wenigstens nach dem statu praesenti". (Befürchtete oder wußte er vielleicht schon, daß er todkrank war?) Aufhorchen läßt außerdem die Bemerkung, man wolle sich doch bei der Wahl nach den alten Gesetzen halten und nicht machen, daß alles auf einmal neu werde." Es scheint eine Untergruppe ziemlich ungeduldiger Neuerer im Orden gegeben zu haben, die noch viel weiter gehen wollten, als HOLZSCHUHER für tunlich hielt, und als deren Haupt er nicht erscheinen wollte. Liegt darin etwa auch ein Hinweis, man denke an eine Überarbeitung der Satzung? Das wäre eine Rechtfertigung für den vorliegenden Versuch, auch die Betrachtung dieser Zeitspanne unter den Gesichtspunkt der Ordenssatzungen zu bringen.

Für den Fall, daß der neue Präses doch ein bisheriges Mitglied sein müsse, befürwortet HOLZSCHUHER die Wahl DIETELMAIRs. Sollte dieser Kandidat als der einzig wählbare, aber wegen seines Wohnorts doch nicht wünschenswerte erscheinen, damit der ursprüngliche, radikale Vorschlag, ein Nichtmitglied zu wählen, annehmbarer werde? Immerhin hat HOLZSCHUHER schon früh anerkannt, daß DIETELMAIR wählbar sei: 23 Jahre später fiel den Blumengenossen noch immer kein besserer ein.

Es lief hochinteressant weiter: Allen Beteiligten muß klar gewesen sein, daß die nächsten Wochen über Auffrischung oder endgültigen Niedergang des Ordens entscheiden würden.

HOLZSCHUHER faßte dieses Bewußtsein in einem Rundschreiben vom 6. 9. 1751 in die Worte: [...] so ist zur Genüge bekannt, daß einige Herren Mitgliedere ô [d.h. nicht] sonderlich bekümmert, wann der nun über ein Jahr-Hundert im Flor gewesene Löbl. Orden, in einen völligen Stillstand geriete, od. eingienge. Ich gestehe, daß es mir, in diesem Falle unbegreifl. was man etwann damit für den Bürgern Unser. gesammten Vatterstadt vor eine Ehre einlegen dürfte; [zudem wisse man] daß von der Aufrechterhaltung des gesellschaftl. Wesens, auch die Beybehaltung eines von E. Hochlöbl. Magistrat dem Orden zugeeignet. Lehen-Stückes, als näml. des Irr-Waldes, um ein großes abhinge, u. wir ja nicht mit guten Willen, (es wäre dann zu Uns. ewigen Schande) geschehen lassen könnten, daß, daferne die Gesellsch. auf einmal ganz u. gar aufgehoben würde, andere Verfügungen, wie denn solches gar leicht mögl., damit gemacht würden." Das klingt, wie wenn ein scheidungsunwilliger Partner im Hinblick auf die gemeinsam angeschafften Möbel und das Gerede der Nachbarn die Ehe retten will. Von der geistigen Aufgabe des Blumenordens ist in diesem Zusammenhang noch gar nicht die Rede; aber eine solche war den löblichen Mitgliedern in ihrer Mehrzahl sowieso nicht bewußt, sonst hätten sie schon bisher etwas dafür geleistet. Ein weiterer Haken, den HOLZSCHUHER schlagen zu müssen glaubt, besteht in seinen Bedenken, der junge FÜRER werde die Wahl nicht annehmen (wer ihn ins Gespräch gebracht hat, ist unklar). Darum schlägt er abermals DIETELMAIR vor. Die daruntergeschriebenen Antworten streuen vom 5. bis 20. September und sind inhaltlich auch ziemlich gemischt. Zusätzlich kommt es bei dieser Form der Meinungsbildung darauf an, wer als erster seine Gedanken hinschreibt und daher der Sache, ob er will oder nicht, eine Richtung gibt, und wer, wie beim Skat, gemütlich hinten" sitzt und die Summe ziehen kann.

STOY (ASTERIO II.) stellt sich zu Anfang unverblümt auf HOLZSCHUHERs Seite, ist also weniger vorsichtig, als man in dieser Lage erwarten würde. Ob sich HOLZSCHUHER deswegen diesen Parteigänger als ersten Empfänger herausgesucht hat? Als nächster erinnert REICHEL (EUSEBIUS ) an HOLZSCHUHERs Verdienste. Das soll wohl eine Empfehlung sein, ihn zu wählen. GEORG PHILIPP SCHUNTER (MYRTILLUS III., aufgenommen 1747, gestorben 1768) geht deutlicher heraus: wenn DIETELMAIR sich wegen Amtsüberlastung entschuldigt, gibt er seine Stimme HOLZSCHUHER. Bisher ist die Neuerungspartei unter sich. Nun folgt ein überlegter Kopf, der es mit keinem verderben will. LÖHNER (LEUCORINUS ) erinnert daran, daß man bei einer Wahl ja mehrere Kandidaten haben müsse, und schlägt im Hinblick auf längste Mitgliedschaft FLORINDO (den erwähnten JOHANN CARL SCHEURL, geboren 1696) und — nicht ganz folgerichtig — LILIDOR II. vor, im Hinblick auf Verdienste um den Orden aber CALOVIUS (SCHÖNLEBEN) und ALCANDER (HOLZSCHUHER). IRENÄUS (DIETELMAIR) hält er für würdig genug, hat aber Bedenken, weil dieser nicht in Nürnberg wohnt. Eine wohlabgewogene Stellungnahme, geeignet zu völliger Zersplitterung der Meinungen, aber kein direkter Widerspruch.



Am 17. Oktober wendet sich SCHÖNLEBEN an alle Mitglieder und bringt gegenüber Materialismus, Parteigeist und diplomatischem Getue auch einmal den inneren Zustand der Gesellschaft ins Spiel: [...] 1) Unsre löbl. Societaet soll entweder in der langanhaltenden Inactivitaet bleiben, wie bißhero: so wird es so wenig schaden als nüzen, ob sie ein Oberhaubt habe, oder wer dazu erkieset werde, wenn nur die Wahl unseren Statuten gemäß vollzogen wird 2) oder es soll dieser ruhige Cörper mit Geist und Leben erfüllet und in die Bewegung gesezet werden und zwar durch den kräftigen Einfluß eines würdigen Oberhaubts, und da sind dann freylich vielerley Umstaende wohl zu überlegen. Wegen der Versicherung des Irrhayns, des im l. LandAllmos-Amt angelegten Capitals, der Gesellschafts-Casse und des Archivs darf man wohl unbesorgt schlafen, denn dies alles geht und dauert in seiner Richtigkeit ungehindert fort; der innere und moralische Zustand unsres BlumenOrdens entdeket mir einen andren Irrhayn, ubi filo Ariadneo quam maxime opus esse videtur." Und damit zu der Sichtung der Kandidaten: Für ihn scheidet ein auswärtiger Kandidat nach den bisherigen Erfahrungen aus. DIETELMAIR habe aber sogar zwei Lehrämter an der Universität Altdorf zu versehen, sei als Rektor und Dekan vorgesehen und in der Arbeit an einem weitläufigen Bibelwerk (offenbar einer Edition). Auf das schon einmal zugunsten SCHWARZENs angeführte Beispiel eingehend: Unter dem Omeisischen Vorsteher-Amt findet sich in unserm Archiv eine gross. Lücke." Auch aus MELANDERs Papieren habe man trotz Ansuchens noch keine einzige Zeile geliefert bekommen. Wenn ein Altdorfer zwei- bis dreimal im Jahr nach Nürnberg komme, habe er in eigenen Geschäften vollauf zu tun, und der Schriftverkehr sei einfach zu langsam. Er verwahrt sich dagegen, in einer solchen Situation weiterhin den Lückenbüßer abzugeben: Er habe in seinem Haus bereits die 300 Exemplare des Amarantes und das Archiv und könne es nicht andauernd als Sitzungsort zur Verfügung stellen; das könne auch laut Satzung von ihm nicht verlangt werden. Und nun kommt ein schlauer Wahlvorschlag: Herr Senator WALDSTROMER, dessen Einsicht u. Stärke in der Dichtkunst zur Gnüge bekandt ist." Er sei auch ein Mäzen der Gelehrten. Wie wäre es, ihn einen Monat lang pro forma einen Hirten" sein zu lassen, damit er nachher zum Präses gewählt werden kann?