Sprachpflege
Punkt III. setzt der Sprachpflege neue Ziele, die auch schon sehr einen Wechsel der Leitvorstellungen vom zierlich Durchgearbeiteten zum Naturgemäßen verraten — was immer man unter ,Natur' verstanden haben mag. Man soll die "[...] Mutter-Sprach in ihrer natürlichen Art erhalten/" und die Gedanken sollen "[...] in ungezwungener und woleingerichteter Zierde vorgetragen [werden]". In diesem Zusammenhang steht die wichtige Bemerkung, daß nur fähige Leute aufzunehmen seien, "damit man nicht/ im Fall der ungleichen Aufführung/ ihrer Gesellschafft sich wieder zu entschlagen Ursach nehmen möge." In der Handschrift stand noch deutlicher, daß einer ausgestoßen werde, der den obigen Bestimmungen (wohl einschließlich Punkt II.) zuwiderhandle.

Eigentlich ist Punkt IV. nur eine Ergänzung zu III. im Hinblick auf Wortwahl und Satzbau. Nach der schon bekannten Ablehnung von gewagten Wortneubildungen — wie schwer wird es KLOPSTOCK bei solchen Lesern dann wieder haben — ergeht Abmahnung von "[...] wunderbaren und widrigen Zusammenfügungen/ auch [...] verworffenen und undeutlichen Arten im Vortrag [...]". Ich möchte das Wort ,wunderbar' hervorheben. Lange war es erklärtes Ziel der Dichtung gewesen, unter dem Zeichen des ,meraviglia-Ideals', den Leser in Erstaunen, ja Verblüffung zu versetzen, und sei es durch widrige Zusammenfügungen. Dichter wie GIAMBATTISTA MARINO in Italien und LUIS DE GONGORA in Spanien hatten mit ihren Raffinessen, dem ,conceptismo', Vorbildwirkung ausgeübt; der Manierismus hatte von der zweiten Hälfte des sechzehnten bis weit über die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts hinaus die europäischen Intellektuellen fasziniert; nun ist er auch in Nürnberg zu Ende gegangen.