Starre Gegenwehr
Die Sitzung kam dem Präses zu Ohren — erstens war Nürnberg nach heutigen Begriffen eine Kleinstadt, und zweitens sollte gerade das ja geschehen. Und Sclerophilus ließ sich herausfordern. Aus seiner Sicht stellte das ganze eine völlig ungerechtfertigte Hetzerei dar.

Am 28. Februar 1788 verfaßte er eine Gegendarstellung: Schon seine erste Versammlung habe einem "Polnischen Reichstag" geglichen. Man befand sich damals in der Zeit der Polnischen Teilungen, und die Polen hatten wohl guten Grund zu lebhaften Parlamentssitzungen. Es ist ein bißchen ärgerlich, wie gedankenlos sich Hartlieb hier Schmidbauers Schimpfwort zu eigen macht. Was er sagen will, ist schlicht, man habe ihm von Anfang an keine Gelegenheit gegeben, sich mit einem Neuanfang nach seinen Vorstellungen durchzusetzen. Das mag wohl wahr sein.

Sein Rundschreiben bezüglich einer Versammlung im Irrhain habe so wenig Gegenliebe gefunden, daß er darauf nicht mehr zurückkommen wollte. Er hätte vorgehabt, auch die älteren Mitglieder wieder in die Versammlungen zu bringen. Daran war den jüngeren vermutlich nicht viel gelegen. Die Sturm-und-Drang-Periode hatte den Anfang vom Ende des selbstverständlichen Ehrens jeglicher älteren Leute gemacht.

Beleidigte Würde einer ganz und gar unwirksamen Art spricht sich in dem Satz aus, er sei unter dem vorigen Präses 24 Jahre lang Schriftführer gewesen. Erstens stimmt es nicht, denn sein Amt als solcher rechnet erst seit 1774, was seine Funktionen vorher auch gewesen sein mögen, und zweitens hat man von seinen Jahren der Amtsführung keine Leistungen. Das wäre noch schöner, sich das Ersitzen einer langen Dienstzeit zur Ehre anzurechnen. Bei jungen Leuten, die Tatendrang in sich fühlen und sich von so etwas zurückhalten lassen sollen, stößt man mit derartigen Schmollwinkel-Prahlereien nur noch auf höhnisches Gelächter.

Er nimmt Anstoß an einem Satz im zuletzt erwähnten Protokoll, wo es heißt, daß es den Mitgliedern zukomme, Gesetze zu machen, und auch, auf deren Durchführung zu achten. Das ist die amerikanische Unabhängigkeitserklärung im kleinen.

Hartlieb möchte "eine gelehrte Gesellschaft in ganz Deutschland wissen, die dergleichen paradoxen Satz statuire." Hieraus erhellt mit aller Deutlichkeit, daß er die Zeichen der Zeit nicht erkennt. Wenn er "paradox" schreibt, verwechselt er die Verfahrensfragen des Vereins mit der Wahrheitsfindung. Über die Wahrheit kann man nicht abstimmen, aber eine Gelehrtengruppe ist demokratisch zu organisieren, ohne daß die Forschung leidet. Lilidor I. hatte aufgrund seiner Kenntnis ausländischer Gesellschaften einen fortschrittlicheren Standpunkt eingenommen als sein kleinkarierter Nachfolger, der nur die obrigkeitshörigen deutschen Verhältnisse kannte.

Die Gesinnung Leinkers und Friederichs gegen den Orden erinnert ihn an die Art des Patriotismus in Holland. Er hatte es gerade nötig, die republikanische Gesinnung in den Verdacht des undisziplinierten Eigennutzes zu bringen und auf andere, fortschrittlichere Gesellschaften herabzusehen.

Abschließend bietet er an, vierteljährlich nach Möglichkeit eine Versammlung einzuberufen, wie es verlangt wird, falls seine Rechte als Präses nicht angetastet werden, aber nicht an einem bestimmten Tag, wegen der Art seiner Geschäfte. Wenn er das ohne das begriffsstutzige Polemisieren eher getan hätte, hätte er weniger oder gar keine Angriffsfläche geboten, und der Vorstoß der Stürmer und Dränger wäre auf gut Nürnbergische Art im Sande verlaufen.

Der cholerische Hodevon kann sich nicht verkneifen, zu dieser Stellungnahme eine Beilage zu schreiben, in der er es den Wühlern ganz ordentlich hinreibt. Er bestreitet — wie Faulwetter! — die Gültigkeit der Abrede vom 5. 9. 1786 über Sitzungstermine, da sie "In der Tabacscompagnie, welche sich nach Beendigung der wesentlichen Geschäfte des Löbl. Ordens in meiner Wohnstube formierte [...]" von zehn Mitgliedern ohne Beisein des Präses getroffen worden sei. Dazu schrieb Zahn später mit Bleistift, Schmidbauer habe doch selber die entsprechenden Zusätze zum Original-Protokoll gemacht; außerdem hatten Präses und Schriftführer durch teilweises Eingehen auf die vorgesehenen Sitzungstage durch die Tat anerkannt, was beschlossen worden war. (So sieht es Wilhelm Schmidt.)

Hier prallen zwei Welten voller Selbstgerechtigkeit aufeinander. Heute versteht man auch wieder etwas besser, wie gereizt Schmidbauer (und vielleicht seine Frau Gemahlin) über den Tabakrauch in ihrer guten Stube wurden, als das geradezu burschenschaftliche Herumhocken immer länger dauerte. Für die Jungen war ihr Qualmen — noch ganz ohne Einfluß einer Reklame — der Ausdruck ihres Freiheitsgefühls. Dabei waren sie für Hodevon anmaßende Hungerleider, denen vielleicht der Anzug nicht gehörte, den sie am Leibe trugen. Er stichelt, die Gesellschaft rede zwar von Geldbeiträgen, aber nicht vom Schuldigbleiben. 50 Gulden habe er noch zu bekommen. Auf ein entsprechendes Rundschreiben hätten sogar zwei ältere Mitglieder nur mit einem "Compliment" erwidert. "Die Handwerksleute aber lassen sich von mir mit einem blosen Compliment nicht abspeisen."

Wie recht er doch hat! Es geht nicht an, daß man es vor lauter geistigem Höhenflug in diesen Dingen nicht genau nimmt (nur daß man einen andererseits Philister nennt, der es darin genau nimmt, aber keinen geistigen Höhenflug zustandebringt). Nun war aber das Schuldenmachen in fast allen Gesellschaftsschichten damals Mode; je besser einer situiert war, desto ungestrafter konnte er in der Regel das Zahlen aufschieben. Um einen standesgemäßen Lebenswandel zu führen, blieb einem innerhalb der auf der Stelle tretenden Wirtschaft oft nichts anderes übrig, denn bei strenger monetärer Kontrolle auf der Basis der Edelmetallwährung konnte nicht einfach die Notenpresse angeworfen werden, um die Ausgaben von heute mit dem Erwirtschafteten von übermorgen zu bezahlen, und Kredit war in dieser Schrumpfökonomie nicht unter halbwegs annehmbaren Bedingungen zu haben. Junge Leute, die auf späteres gutes Einkommen zu hoffen hatten, fühlten sich geradezu berechtigt, schlechte Zahler zu sein, und der verschuldete Student oder Berufsanfänger war schon damals ein Klischee, wie Kortums Jobsiade genugsam erweist. Es war aber gar nicht schön, die schwächsten Glieder der Schuldenmacherkette, die kleinen Handwerker, damit und mit Verschleppung ihrer Beschwerden um ihren redlichen Gewinn zu bringen, und im weiteren Verlauf der Betrachtung wird man von dem Fall hören, daß einem solchen einmal auf katastrophale Weise der Kragen platzte.

Schmidbauer jedenfalls liebte es gar nicht, Drucker, Kupferstecher, Posamentierer, Gärtner und dergleichen andauernd vertrösten zu müssen, und das ist ihm nachzufühlen. Er habe, schreibt er, noch 3 fl. und einige "Creuzer" in der Kasse; davon solle er drei Rechnungen von 85, 32 und 26 fl. bezahlen. Nun sei er aber keineswegs zu unverzinsten Vorschüssen verpflichtet. Statt sich mit dieser Beschwerde an Hartlieb zu wenden, der ja versäumt hatte, Rücklagen zu bilden, verwendet er dieses Argument zu einer Spitze gegen die Einmütigkeit der Protestlümmel: Die von Schaffer Panzer seinerzeit vorgeschlagene Sammlung für den "Leichenfall" sei auch "einmüthig unterblieben". Der einfachste Weg aus der Misere wäre allemal das Beschränken der Ausgaben, und bei den unnötigsten fängt man an. Darin, was unnötig sei, war aber Schmidbauer mit den Jungen nicht einig. In der "außerordentlichen" (lies: illegitimen) Versammlung von neulich sei auch "die Meynung gar dahin geäußert [worden], daß man der Namen u. Diplomatum gar nicht nöthig habe. Wie aufgeklärt! So kan jeder sich für ein Mitglied ausgeben [...] und nur seine Zulassung im Gasthof dienet ihm zum Beweis." Diese scheinvernünftige Argumentation, die der in Panik geratene Aufklärer gegen die vom Stapel läßt, die ihn links überholt haben, ist leicht zu entkräften, wenn man den überschaubaren Bereich ins Auge faßt, in dem sich die befürchtete Hochstapelei abspielen hätte müssen, und den geringen Ertrag derartigen Schwindels. Aber Hodevon dreht jetzt nur noch durch. Eindeutiges Symptom dafür ist wieder einmal die ins Leere zischende Schlußpointe, er habe dem Orden nun schon 40 Jahre die Treue bewährt.