Streit

Die folgenden Aufzeichnungen stammen vom 8. Februar 1787. Dies war der denkwürdige Tag, an dem vom Topf der Deckel flog. Schmidbauer notierte in aller Eile und mit beträchtlichem Ärger halbspaltig die Data zur Verfertigung des Protocolls , aus denen er dann für die regelrechte Niederschrift, die unter den Sitzungsberichten zu finden ist, den Ärger wieder herauskürzte.

"Herr Praes. eröfnete die Session mit Beklagung des [...] Verlustes, den unsere Gesellschaft erlitten u. dankte den 2 Herren Verfassern der Gedichte mit der Bemerkung daß das leztere gar nicht ausgetheilte auch wider den Willen u. die Erwartung der Fr. Wittiben ausgefertiget worden." Er hatte ja recht damit, daß unerbetene Leichengedichte die Witwe in die unangenehme Lage bringen könnten, sich zu einer geldlichen Erkenntlichkeit verpflichtet zu fühlen. Wenn das Gedicht aber, nicht vervielfältigt, eine rein private Beileidskundgebung darstellte, mußte eine solche Bemerkung wie eine unverdiente kalte Dusche wirken. Überhaupt — fängt man wohl eine Sitzung mit Nörgeln an? Doch nur, wenn man Nörglern — in diesem Fall gezielt dem Herrn Dr. Friederich — von vornherein die Schneid abkaufen will.

"Erinnerte 2) die Einsendung des Ordensnamens [...]" — "Reiner Formalismus", werden da einige gedacht haben. Daß man so etwas bei drei Links, drei Bezzels und zwei Panzers im Orden doch brauchen könne, fällt hitzigen Aufklärern nicht ein, aber bei einigem Abstand muß man Hartliebs Standpunkt achten.

"Behauptete 3) daß unsere Geseze keine Veränderung leiden weil sie oberherrlich bestätiget sind" — So unselbständig hatte v. Holzschuher 35 Jahre zuvor nicht gedacht, wenn er auch einige Bedenken trug. Aber vor den jungen Juristen von 1787 konnte sich ein Präses, der es als Sohn eines Tuchmachers zum Pfarrer gebracht hatte, mit derlei Staatsfrömmigkeiten nur blamieren.

"Bemerkte 4) das Verhältniß zwischen Einstand Geld u. Trauercarmen, so wie es auch in gedruckten Gesezen bemerket ist. Da die Ermangelung des einen auch die Ermangelung des anderen nach sich zieht, dann wenn die Cassa nichts bekomt, wie sol sie was hergeben? Dem wurde bald wiedersprochen." — Das war zu erwarten, wenn Hartlieb nicht einmal angeben und belegen konnte, welche Gelder seit 1774 durch seine Hände gegangen waren und wo das Ordensvermögen abgeblieben war. Er hatte sich von Cramer seinerzeit keine Quittung geben lassen und soll nach den Nachforschungen Wilhelm Schmidts auch in anderen Geldangelegenheiten sorglos verfahren sein. Um so kleinlicher wollte er es nun mit den Eintrittsgebühren halten. Wilhelm Schmidt stellt den Vorgang so dar, als hätte es Mißhelligkeiten allein wegen Hartliebs Kassenführung gegeben. Doch er unterschätzt das ideologische Moment, denn sehr genau nahmen es die Neumitglieder mit ihrer Eintrittsgebühr auch nicht. Statt sich gegenseitig schlechte Zahlungsmoral bzw. Leichtsinn vorzuwerfen, hätten sie, wenn nicht Unterschiede in der gesamten Einstellung bestanden hätten, einen Mittelweg finden können: Stundung der Gebühren (Präzedenzfall: Melintes) bzw. Nachweis der belegbaren Ausgaben (Irrhain, bisherige Drucke von Gedichten), die während Hartliebs Kassenführung dem Orden entstanden waren. Wie die Dinge aber lagen, versteiften sich die Jungen auf die Satzung, und die Alten hielten jede Kritik von vornherein für ungehörig. Nun hatte Schmidbauer als Schriftführer die Kasse und den "schwarzen Peter", aber er war weit davon entfernt, Hartlieb einen Vorwurf zu machen. Die Notwendigkeit, Eintrittsgebühren zu erheben, veranschlagt er offenbar höher als dessen Verantwortlichkeit oder gar Haftpflicht. Man sieht, daß Schmidbauer sich aus Treue zur alten Ordnung hinter die nicht unvernünftigen, aber für eine Gesellschaft von Liebhabern der Dichtung entsetzlich bornierten Argumente seines Präses stellt. Es war den beiden kleinen Geistern nicht gegeben, mit Idealisten in gütlicher Weise zurechtzukommen, die im kleinen ein bißchen zahlungsunwillig oder vor lauter Genialität schlampig waren, auch wenn sie sich in Bezug auf die Aufgaben des Ordens und die dazu notwendigen Mittel aufs hohe Roß setzten. Dabei hatten die guten Alten recht, insofern es nur um den Druck von Trauergedichten ging. Und wer sich im Recht fühlt und dazu den Vorsitz hat, meint leicht, er müsse nicht überzeugen. Die anderen regten sich um so mehr auf. Man könnte sich vorstellen, daß der Lebenslauf eines Pegnesen karikiert wurde: Er geht zur Schule, lernt den Präses kennen, zahlt ein paar Gulden, schreibt anderen ein paar Trauergedichte und stirbt, um andern um seine Gulden Gelegenheit zum Druck eines Leichengedichts zu geben. Jedenfalls sah die Praxis des Pegnesenordens zu dieser Zeit so aus, und nun waren Leute darin, denen das von höherer Warte aus bloß noch lächerlich vorkam.

"Der Streit begunte sich zu verstärken u. übertraf endlich einen Polnischen Reichstag. Herr Präses trat mitten unter dem Streit ab u. begab sich nach Haus. Ich trat wieder auf den Kampfplatz und endlich gelung dar bey durch H. Schaffer Panzern dessen Vorschlag: soviel Geld als zur Druckung des nächsten carminis nöthig wäre zum voraus zusamzulegen vollstimmig durchgesezet wurde und auch dem H. Praesidi bey meiner Relation des anderen Tages wohlgefiel. Das gratis worüber so stark debattiert worden, daß ich mir nicht mehr wünsche einer so tumultuarischen Versammlung beyzuwohnen, nahm (wie die wahre der Sachen Beschaffenheit hiermit vorgeleget wird) seinen Ursprung 1) daher, weil Personen gesuchet worden, die zum Arbeiten, nicht zu bloßem Beytretten sich gebrauchen lassen, drum sollte antragsgemäs davon Eröfnung geschehen, daß ihnen der Zutritt franco offen stehe."

Das kommt ja ganz so heraus, als hätten die Stürmer und Dränger keinem, der nicht arm war, ordentliche Mitarbeit zugetraut. Im ausgearbeiteten Sitzungsbericht steht genauer, "daß in Ansehung der am 5. September vorigen Jahres recipierten Mitglieder dießfalls um deßwillen eine Ausnahme zu machen, u. selbige mit dessen [9 Taler zu bezahlen] Anforderung zu verschonen seye, als a) damalen die Anzal der Ordens-Mitglieder sehr zusammen gegangen u. zur Aufnahme desselben vorzüglich brauchbare Personen, und gute Dichter gesuchet, auch b) solchen die Aufnahme [...] ohnentgeltlich zugesichert, und füglich c) die Absicht erreichet worden, [...] dem Wahltag [...] desto größere Feyerlichkeit u. Ansehen zu verleihen."

Zur Debatte stehen die Gebühren aller Neuaufgenommenen, die am Wahltag des "neuen" Präsidis, also Hartliebs, dem Orden beigetreten sind. Das ist wahrscheinlich, denn all diesen konnte der Vorwurf gemacht werden: "Zahlt ihr erst einmal, bevor ihr euch um meine Kassenführung kümmert!" Daran schließt sich die folgende Textstelle des Entwurfs:

"Mit demselbigen Tag aber gieng alles per se wieder in Ansehung deßen Ausnahm zu Ende ohne daß nur weiters Ausdehnung davon Platz finden kunte welche aber doch geschehen ist."

Wenn man diesen krausen Satz genauer überlegt, scheint er auszusagen, daß Friederich und andere von der Beitrittsgebühr entbunden worden waren. Spätere Neuaufgenommene sahen diese besondere Vergünstigung nicht ein und beanspruchten sie ebenfalls, drangen aber damit rechtlich nicht durch. Sie nahmen sich daher heraus, die Gebühr einfach schuldig zu bleiben.

"Dies ist der Gegenstand worüber laut und lang gestritten worden war. [...] Auch wurde in Vorstellung gebracht die Todenschilde im Irrhain lieber deutsch als lateinisch geschrieben zu lassen weil wir ja eine deutsche Gesellschaft ausmachen; [...] Zuletzt lasen H. Dr. u. Consil. Leinker eine wohlgerathne Poesie vor auf die Durchreise P.P. Kaiser Josephs II. u. seinen Aufenthalt an dem Ort, wo wir zusamen gekommen sind."