Sammler und Kritiker

Man hielt nach mehreren Seiten Ausschau. Der eigenen Geschichte widmete Dr. Lochner einen Vortrag über „Nürnberg-Köthener Briefwechsel, oder: Gg. Phil. Harsdörffers Bezüge zur Fruchtbringenden Gesellschaft“ und Dr. Johann Philipp Florentin Göschel über „Ein Gedicht von Grübel in Nürnberger Mundart: auf eine Illumination im Irrhain im Jahre 1791.“ Dr. Lösch  stellte am 15. Dezember 1854 den „russischen Dichter, Puschkin“ und am 20. Februar 1857 „Proben aus der Kalevala, einem finnischen Epos“ vor. Angesichts dieser anregenden Vielfalt kommt schon 1857 der Wunsch auf, „daß der Orden doch wieder einen Band seiner geistigen Arbeiten im Druck herausgeben soll und nach längeren Verhandlungen deßhalb vereinigte man sich zuletzt dahin, daß der H. Ord. Vorst. ersucht wurde, die Sache in die Hand zu nehmen und sofort seine Anträge zu stellen.“ Schon in der folgenden Sitzung wird der Plan dahingehend zugespitzt, daß „deshalb mit Herrn Buchhändler Merz in Unterhandlung getreten werden soll.“ Dieser gab ja auch die Jahrbücher des Literarischen Vereins heraus. Es kam aber nichts zustande. Ob das auch wieder an den peniblen Kritikern im Orden lag, denen die Auswahl überlassen wurde?

Winterling hatte zwei Lustspiele eingereicht: „Das Schiff aus der Levante. Lustspiel in einem Aufzug“ und einen zweiten Einakter „Die Pfälzer in Paris.“ Kress ließ ein Rundschreiben ausgehen, in das die Beurteilungen mehrerer Ordensmitglieder zum Archivieren eingelegt wurden, und dies alles wurde mit den Texten abgelegt. Es heißt da unter anderem:

Die Pfälzer in Paris
Ein leidliches Lustspiel; aber doch nicht mehr! Es kann passieren, wird aber auch keiner Sammlung zur Zierde gereichen. Handlung hat das Stück keine; Charaktere vollends gar nicht; das Interesse wird nicht gespannt; die Lösung durch das Belauschen der Gauner ist gar zu einfach u. des Engländers Freigebigkeit völlig unmotivirt; der Dialog überhaupt u. die politischen Expectorationen ziemlich mittelmäßig. […] Dr. Lösch

Ich trete der Ansicht des Herren Referenten vollkommen bei. Meines Erachtens würde eines wie das andere der beiden — sogenannten — Lustspiele jämmerlich durchfallen. Das erste (Die Pfälzer in Paris) ist weiter gar nichts als eine dialogische Anekdote, die sogar das Verdienst haben könnte wahr zu seyn […] Entschieden besser ist das Schiff aus der Levante. Aber auch hier beruht die eigentliche Verwicklung auf einer Absurdität die zu stark ist um sie dem Publikum aufzutischen. Denn man läßt sich Unwahrscheinlichkeiten z. B. daß seit 1828 bis 1850 eine verlassene Geliebte fort und fort auf die Wiederkehr des Geliebten hofft und harrt, daß sie mit ihrer Nebenbulerin zusammentrifft und einen lächerlichen Wettstreit mit dieser beginnt, usw. allerdings gefallen, weil solche Personen außer dem Schaden auch in der Regel den Spott haben und der Lächerlichkeit anheimgegeben sind […] Aber kein Publikum […] würde sichs gefallen lassen, die Pointe des Stückes in die Unmöglichkeit gesetzt zu sehen, daß der Held des Stückes, der zwar ein exzentrischer aber kein lächerlicher Mensch seyn soll, Faupris (wo in aller Welt hat denn der Dichter den vertrackten Namen her?) seine eigene 21 bis 22 jährige Tochter für ihre Mutter hält und nicht etwa blos flüchtig […] Ein Hauptgebrechen dieses wie des anderen Stückes ist, daß es schon lange vorher zu Ende ist als es aufhört. Der Beifall würde ein entschieden fortlaufender seyn. 14. April 1857 Lochner

Dann muß man eben die eigene Sichtbarkeit zurückstellen und seine kritischen Fähigkeiten an berühmten auswärtigen Gestalten erproben; möglicherweise kann man den einen oder anderen zum Beitritt als Ehrenmitglied veranlassen. Mönnich macht auf Geibel aufmerksam:

[…] Wie sollte nicht der Umstand, daß Emanuel Geibels Gedichte von 1840-50 zwanzig Auflagen erlebt, und folglich einen sehr bedeutenden Leserkreis gewonnen haben, mich rechtfertigen, wenn ich es versuchen will, in nachfolgendem Vortrage auf die Eigenthümlichkeiten hinzuweisen, welche dem immer noch jungen Dichter so beispiellosen Erfolge errungen haben. […]
[Die Formvollendung habe er durch seine Übersetzung aus dem Spanischen erhalten. Frühe Förderung durch Gewinn eines vom König von Preußen ausgesetzten Preisgeldes, das übrigens auch Freiligrath gewann. Dann oft auf Reisen.]
Aus diesem ganz flüchtigen Lebensüberblick tritt schon das mit Bestimmtheit hervor, daß Geibel ein höchst lebhafter, nach vielen Seiten sich wendender und einem höheren Ziele unermüdlich entgegenstrebender Geist ist. [Im Hinblick auf Formvollendung: „eine zweite Fleischwerdung Platen’s“]
Denn nirgendwo wird man auch nur die leiseste Spur von Bemühung, von Gezwungenheit wahrnehmen […] eigentlich die nothwendige Folge der dichterischen Empfindung und Anschauung […]
[…] mit einer gewissen Weichheit und Zartheit, Erregbarkeit u. Reizbarkeit, wir möchten sagen Jüngferlichkeit und Jünglingshaftigkeit […]
Ich betrachte ihn schon jetzt als einen über alle Dichter der Gegenwart, namentlich auch über Platen, Immermann, Heine, Lenau etc. Hinausgeschrittenen; weil es ihm vollständiger, als irgend einem gelungen ist, das Gebiet der Verneinung zu verlassen, und entschieden, entschloßen u. dabei heiter und ruhig den Boden der Bejahung , u. zwar der unbefangenen, freien Bejahung des Guten, Trefflichen, Edlen, Reinen, Göttlichen zu betreten, ohne in die Vergangenheit zurückzublicken, vielmehr indem er auf Gegenwart und Zukunft getrosten Muthes sein Auge richtet […]

Sondermann setzt sich in einem Vortrag vom 18. Januar 1858 mit Pierre Jean de Béranger, einem französischen Erfolgsschriftsteller, auseinander und läßt dabei ausnahmsweise seine wertkonservative, wenngleich nicht undemokratische Einstellung durchblicken, allerdings nur in der Einleitung. Die übrige Abhandlung ist 15 engbeschriebene Seiten lang, mit eingelegten Zetteln, geradezu philologisch angegangen mit Literaturverweisen, und läßt im übrigen keine moralische oder politische Tendenz erkennen. Anfangs aber reibt er es dem Autor hin:

Béranger war einer der Gründer jener liberalistischen Schule, deren zersetzende Prinzipien, unter den Massen verbreitet, die Katastrophe von 1830 und 1848 herbeigeführt haben; in dieser Beziehung verdiente er den Weihrauch, den man ihm streut, das Concert von Huldigungen, das man ihm anstimmt, obschon er wie alle seine Parteigenossen in der That nur für den Absolutismus gearbeitet hatte.
[…] Béranger besudelt das Bild seiner Großmutter (Ma grandmère) und seiner Amme […], er macht eine der zartesten Schöpfungen des Volksglaubens, den Schutzengel, zum Gegenstand seines Spottes, er stellt die barmherzige Schwester, das Schmerzensmädchen, mit den Opernsängerinnen, den Freudenmädchen zusammen. Die Freundschaft hat ihm nur zum Vorwand gedient, die Priester und die Ceremonien der Kirche auf das Heftigste anzugreifen […]
[…] Aber er hat damit nicht die Sache der Freiheit gefördert. Verkommenheit der Sitten begünstigt den Despotismus […] Er hat die vagen Ideen des Socialismus popularisirt und damit zur Vermehrung der Anarchie in den Geistern beigetragen, welche 1848 aus der Region der Ideen in die der Thatsachen herabstieg. […]

Auf einem eingeklebten Zeitungsausschnitt, mit Bleistift datiert „5. Aug 1857“, steht „Die N. Ztg. bemerkt: Es hat sich jetzt erwiesen, daß alle Berichte des ,Univers’ über Béranger’s schließliche Bekehrung zu jenen frommen Lügen gehören, welche die hiesigen kath. Blätter zur Erbauung ihrer Leser stets in Umlauf setzen, sobald eine hervorragende Persönlichkeit aus dem Lager der Ungläubigen von der Erde scheidet. Der Pfarrer von St. Elisabeth brachte allerdings die letzten Stunden bei Béranger zu, doch ließ ihn dieser nur als Freund und unter der Bedingung zu, daß er nicht mit Bekehrungsversuchen behelligt werde, und dies unterblieb denn auch.“

Mönnich sendet von Heilbronn einen Aufsatz „Über dichterische Behandlung der Geschichte, besonders im Drama“. Bemerkenswert ist daran zweierlei: Erstens der in die Handschrift eingelegte Zettel mit der Aufschrift „Es hat vor mehreren Jahren Mißstimmung erregt, daß ein Mönnichscher Aufsatz im literarischen Verein vorgetragen und zum Druck befördert wurde. Daher ist notwendig, daß der inliegende Aufsatz von jenem Verein fern gehalten werde. D. 31. May 1858 Dr. Lösch“. Dies zeigt, daß doch darauf geachtet wurde, gewisse Grenzen zwischen den beiden Gesellschaften nicht zu verwischen. Zweitens aber verrät Mönnichs Wertung verschiedener Klassiker, daß sowohl die Maßstäbe des Historismus als auch des Realismus zu greifen begannen.

[…] Der Schaden aber, den Dichter und Dichtungen höheren und höchsten Ranges stiften, wenn sie von der geschichtlichen Wahrheit sich gar zu weit entfernen, ist kaum zu berechnen. […]
Ich fange getrost mit dem Göthe’schen Götz von Berlichingen an. […] daß Göthe […] einen großen Mißgriff gethan hat, sofern es sich um die Schöpfung eines geschichtlichen dramatischen Gemäldes handelte. Denn er hat uns eben nur die Gährung, nicht das Große, nicht den Geist vorgeführt, der in ihr das Treibende, das Bedeutende, dichterischer Behandlung Würdige war. […]
In diesem [Egmont] treten uns ja alljene weltbewegenden Gedanken des Reformationszeitalters […] in einem so unvergleichlichen Gemälde entgegen […] Und dennoch! — Auch im Egmont hat Göthe das hohe Ziel, welches dem geschichtlichen Trauerspiel gesteckt ist, keineswegs erreicht […] weil er Geist und Pathos der geschichtlichen Vorgänge und Personen […] nicht ganz zu dem seinigen und zu dem seines Helden gemacht hat, der doch den lebendigen Mittelpunkt des Ganzen bilden sollte. […]

Schillers „Jungfrau von Orleans“ qualifiziert er ab, weil die geschichtliche Gestalt für eine Tragödie ausgereicht hätte, Schiller aber eine sentimentale Jungfrau daraus gemacht und die „Wirkung eines Rausches oder Traumes“ damit hervorgebracht habe. „Maria Stuart“ sei als Tragödie vollkommen, mache aber in den Hauptgestalten gewisse vorübergehende Gemütsstimmungen zur Voraussetzung des Handelns, die nicht allezeit vorgelegen hätten und den historischen Gestalten keine Gerechtigkeit widerfahren ließen.

Diejenige dramatische Dichtung, in welcher Schiller dem allerdings sehr hoch gesteckten Ziel der geschichtlichen Tragödie ganz nahe, näher getreten ist, als irgend ein großer deutscher Dichter vor und nach ihm, ist — nicht der Tell, sondern der Wallenstein. […] Ueberdies konnte er einen schuldlosen Wallenstein im Gedichte nicht wohl untergehen lassen; aber einen Wallenstein, der einzig und allein von verbrecherischen Absichten sich habe leiten lassen, konnte er ebensowenig für seine Tragödie brauchen. Er mußte ihn uns also menschlich näher zu bringen suchen. Die Größe der Wirkung welche Schillers Wallenstein hervorbringt, liegt nicht in den subjektiv idealen Zuthaten, die eher stören, sondern in der glücklichen dichterischen Behandlung des Gegebenen, des Realen, der Geschichte. […]

Nicht datiert ist ein Aufsatz von Sondermann über Goethes „Faust“, doch er paßt gut in diesem Zusammenhang. Unter fünf ideellen Gesichtspunkten erschließt er das Drama, 14 Titel der Sekundärliteratur sind aufgeführt.

[…] I. Das Ringen des Menschengeistes nach Wahrheit im Kampfe mit der menschlichen Beschränktheit […]
II. Das Ringen des Menschengeistes nach sinnlichem Genusse im Kampfe mit der Macht des Bösen […]
III. Das Ringen des Menschengeistes nach Wohlfahrt im Staate im Kampfe mit der Welt des Scheines, leichtsinniger Genußsucht und Scheinglück. […]
IV. Das Ringen des Menschengeistes nach vollendeter Kunst im Kampfe mit der Unvollkommenheit […]
V. Das Ringen des Menschengeistes nach menschenbeglückender Thätigkeit im Kampfe mit der bestehenden Ordnung und menschlicher Schwäche und Selbstsucht […]

Gewiß war es nicht Sondermanns Absicht, das Erleben des poetischen Werkes „Faust“ begrifflich einzukochen; zur ersten Erschließung der Gesichtspunkte hinter dem Drama sind seine Überlegungen jedoch tauglich. Davon, daß die ästhetisch berührende Oberfläche das ganze sogenannte Innere bereits enthält und ohne begriffliche Klarheit unmittelbar zur Anschauung bringt, hatte man um 1860 keine Ahnung mehr — oder noch nicht wieder. Schiller verstand man besser, aber nicht da, wo er Romantiker sein wollte.

Mit Platen hatte sich Sondermann schon seit 1851 befaßt; am 8. November 1858 und am 4. April 1859 trug er in öffentlichen Veranstaltungen des Ordens seine Würdigung vor, besonders die der Venezianischen Sonette.

Dietelmairs Auseinandersetzung mit klassischen Vorbildern nahm produktive Züge an; er griff die aus antiken Quellen, vor allem Petronius, geläufige Fabel der „Witwe von Ephesus“ auf und verquickte sie mit einem Ring und einem Fluch in einer Ballade, die Schillersche Anklänge zeigt: „Der Ring, oder Die Phantasie im Bunde mit dem Gewissen. Romanze“.

Zum Denkmal unserer letzten Stunde
Nimm diesen Kuß von meinem Munde
Und diesen Ring von meiner Hand.
Wär’s möglich, daß Du wankst, erneue
Dieß Zeichen der beschwornen Treue,
Was nur für mich Dein Herz empfand.
[…]
Wird je, bis meine Tage schwinden,
Der Reif an fremder Hand sich finden,
Dein Weib sich einem Andern nahn;
Dann mahne mich der Geist des Gatten,
Dann zünde fluchend mir sein Schatten
Der Hölle Hochzeitfackel an.

Nun darf ich, wirst Du einst erblassen,
Die treugeblieb’ne Hand dort fassen,
Wo nichts das Glück der Liebe stört.
Schon fühl’ ich unter Deinen Küßen
Den bittren Becher sich versüßen.
Spricht’s, neigt das Haupt, hat aufgehört.

Sie hält die fortbewegte Bahre,
Sie stürzt mit aufgelöstem Haare
Des Gatten frühem Hügel zu.
Wollt ihr die teuren Glieder haben,
Müßt ihr auch meinen Leib begraben;
Wo jene ruhn, ist seine Ruh.

Es geht weiter wie bei der Witwe von Ephesus. Einige Strophen später:

Er fleht, sie weint, sie ist bezwungen;
Ihr Herz, vom Lebensarm umschlungen,
Hat für die Todten ausgedacht.
Beim Tändeln mit den zarten Händen
Läßt leichtlich sich ein Reif entwenden.
Den letzten Kuß — nun gute Nacht!
[…]
In mitternächt’ger Stunde zeiget,
Die Brust zerwühlt, das Haupt geneiget,
Sich eine gräßliche Gestalt.
In ihrer Rechten lodern Flammen
Und schlagen über ihr zusammen
Mit des erfüllten Fluchs Gewalt.

Du weißst des Blitzes Lauf zu lähmen,
Das Meer durch Dämme zu bezähmen,
Und bist der Herrschaft dir bewußt.
Bald wird man zum Erstaunen hören:
Es kann der Mensch den Sturm beschwören;
Nur nicht den Sturm in seiner Brust.

Hast du das Band der Pflicht zerrissen,
Ist ein beleidigtes Gewissen
In seinem heil’gen Zorn erwacht
Und willst du seinem Arm entfliehen,
Hat es mit deinen Phantasien
Den grausenhaften Bund gemacht.

Stolz über seines Siegs Gelingen,
Begrüßt, den Reif zurück zu bringen,
Früh mit des Morgens erstem Roth
der Jüngling die bekannte Pforte
Und findet an dem theuren Orte
Die reitzende Geliebte — todt.

Das Besondere ist freilich die Verinnerlichung des Rachemechanismus, eine psychologisch gewagte Leistung, vorgebildet in den „Kranichen des Ibykus“ und fortgesetzt von Edgar Allan Poe.

Die Wochenversammlung macht sich Gedanken über das bevorstehende Schillerjahr, doch ohne verengten Blick; „,Ueber Shakespeare’s Hamlet. Entwickelung der künstlerischen Anlage aus der Grundidee des Dramas’ von Herrn Prof. Dr. Wölffel“, „Ueber Claudius, den Wandsbecker Boten“ (von Heller) und „Ueber den schottischen Dichter, Robert Burns“ (von Friedrich Rudolf Christian Schwemmer, Rechtskonzipient) sind weitere Themen.