Die Satzung von 1820

Die Pegnesen, im leicht beschämenden Bewußtsein, dem wissenschaftlichen Betrieb hauptamtlicher, besoldeter Kräfte nichts beitragen zu können, was wirklich anerkennenswert wäre, treten einen bescheidenen Rückzug auf ihren Status als Privatgesellschaft an, möchten aber durchaus deren Niveau über das eines bloßen Gesprächszirkels heben, indem in einer neuen Satzung die früher vorgeschlagene Gliederung in akademieähnliche Teilbereiche festgeschrieben wird. Dazu tagt am 20. April 1818 der Ausschuß. Neun Personen sind anwesend.

"[…] Mit dem Anfange der zweiten Hälfte des achtzehnden Jahrhunderts sey aber durch die verdienstlichen Bemühungen der vorzüglichsten Schriftsteller unserer Nation die deutsche Sprache immer mehr von fremdartigen Auswüchsen gereiniget, mit Einsicht und Geschmack bearbeitet, aus ihrer eignen unerschöpflichen Fülle glücklich bereichert und hiedurch zu einer Stufe der Vollkommenheit erhoben worden, auf welcher sie jetzt einen vorzüglichen und ehrenvollen Rang unter den europäischen Sprachen behauptet. Hiedurch seyen aber die auf diesen Gegenstand gerichteten Bemühungen des Blumenordens, wo nicht gänzlich, doch zum grösten Theil entbehrlich geworden, und die Mitglieder desselben, welche solches selbst fühlten, hätten sich deswegen fast ausschließlich mit der Dichtkunst beschäftigt. [ab 1786 hätten die Neumitglieder auch alle schönen Wissenschaften als Aufgaben gesehen.] Diese ganz richtigen und in der Natur eines literarischen Vereins, wie der unserige, vollkommen gegründeten Ansichten seyen es nun, welche man bey Beurtheilung seiner jezigen Beschaffenheit und bey allenfallsigen Verbesserungs-Vorschlägen stets im Auge behalten müsse. […] Die  Mitglieder desselben seyen daher weit entfernt davon, den stolzen Gedanken zu hegen, sich unter die Kategorie der Akademien der Wissenschaften oder ähnlicher großer öffentlicher und unter der unmittelbaren Aufsicht der Regierungen stehender gelehrter Gesellschaften zu zählen. Inzwischen sey doch aber auch nicht zu mißkennen, daß selbst bey diesem anspruchlosen Bestreben, zur Beförderung des Guten und Schönen in ihrem Kreise nach Möglichkeit mitzuwirken, der Zweck ihrer Verbindung nicht erreicht werden könne, wenn, wie bisher nicht selten der Fall war, die zu den Ordens-Sizungen bestimmten Stunden lediglich mit Abstimmungen über die Aufnahme neuer Mitglieder, ökonomischen Angelegenheiten und andern ausserwesentlichen Formalitäten ausgefüllt würden […] ein Übelstand, der theils durch die schwache Frequenz bey den Ordens-Sizungen, theils durch die geringe Anzahl der wirklich aktiven Mitglieder und die hieraus entstandene Seltenheit der Vorlesungen oder anderer zweckmäßiger Beschäftigungen, entsprungen und zuweilen sehr auffallend geworden sey. [Hier folgt die Erwähnung der Satzungsrevision. Abweichend von den 1804/05 erörterten oder bereits eingerichteten Klassen werden folgende vorgeschlagen:]

I. Classe. Wissenschaftliche Gegenstände überhaupt, jedoch mit Ausschluß der sogenannten Facultäts-Wissenschaften.
II. Classe. Geschichtskunde, welche sowohl die allgemeine, als die Provinzial-Geschichte, nebst den damit verwandten Hülfs-Wissenschaften begreift.
III. Classe. Schöne Wissenschaften und Künste, nemlich:
    a) Dichtkunst,
    b) Beredsamkeit und deutsche Sprachforschung,
    c) Bildende Künste, sowohl in theoretischer als praktischer Hinsicht

3.) Jedes dermalige Mitglied des pegnesischen Blumen-Ordens wäre zu ersuchen, und jedem künftigen Mitglied wäre es zur unerläßlichen Bedingniß seiner Aufnahme zu machen, sich nach eigener Wahl für eine oder die andere dieser Classen zu erklären und an deren Arbeiten thätigen Antheil zu nehmen.

4.) Jede dieser Klassen [sic] erhielte einen aus den zu dieser Classe gehörigen Individuen zu erwählenden Director, welcher wegen Übernahme literarischer Arbeiten und Vorlesungen mit den Mitgliedern seiner Section Rücksprache zu halten und dem Herrn Präses von dem Erfolg derselben in Kenntniß zu setzen habe, damit dieser die Wahl der vorzulegenden Gegenstände bestimmen könne. […]

[Der Vorschlag, eine bestimmte Höchstzahl von Mitgliedern festzusetzen, wird fallengelassen, weil man ja keine besoldeten, sondern freiwillige Mitglieder habe und keine geschickten Kandidaten abweisen wolle.]

1) Daß diejenigen Personen, welche in den Blumen-Orden aufgenommen zu werden wünschen, durch ein Mitglied des Ordens vor allem dem Herrn Präses bekanntgemacht, hierauf aber von diesem allein, nicht aber durch einzelne Mitglieder, bey der nächsten Ordens-Versammlung zur Aufnahme in Vorschlag gebracht werden müssen […]

2) Daß die Aufnahme der  Mitglieder künftig […] eine Majoriät von vollen zwey Drittheilen bejahender Stimmen der anwesenden Mitglieder erforderlich seyn solle. […]"

Dazwischen versucht man dennoch, die Münchner nicht ganz zu enttäuschen und wird dabei unerwartet aktuell: "V.) […] Bey dieser Gelegenheit machte der Herr Präses den Vorschlag: Daß von denjenigen Ordens-Mitgliedern, welche Lust und Muße hiezu haben eine Zusammenstellung aller zu ihrer Kenntniß gekommenen für die Stadt Nürnberg merkwürdige Begebenheiten seit dem Anfang des 19den Jahrhunderts gefertigt, einem Mitglied der historischen Klasse zur Bearbeitung übergeben und hiedurch der Grund zu einer für die Mit- und Nachwelt interessanten Fortsetzung der Nürnbergischen Chroniken gelegt werden möchte. Mit diesem Vorschlag war man allgemein einverstanden."

Es ist eine Tabelle vorhanden, die als Rundschreiben umherging und in die sich die Mitglieder nach der gewünschten Zugehörigkeit in die verschiedenen Klassen eintrugen. Mehrfachnennungen scheinen erlaubt gewesen zu sein. Unterzeichnet hat der neue Schriftführer Heiden.

"Circulare

[…] Zur Erleichterung dieser Erklärungen ist diesem Circular ein nach den verschiedenen Klassen der literarischen Arbeiten geordnetes tabellarisches Schema beigefügt worden, in welches die Ordens-Mitglieder, nach eigener Wahl ihre Namen einzutragen belieben wollen […]

Nürnberg den 1sten Januar 1819.

Nikolaus Adam Heiden, Ordens-Secretär"

I. Classe. II. Classe. III.Classe.
Wissenschaftliche Gegenstände überhaupt Geschichtskunde und damit verwandte Wissenschaften Dichtkunst — Beredsamkeit und deutsche Sprache — Bildende Künste

B. v. Haller                        

Reitmeyer

v. Axthelm

Junge

Neuhof

v. Schwarz

Schrag

Buchhorn

Zehler

Goeschel

Neu

Dr. Veillodter

Schmid

Osterhausen

Michahelles sen.

Michahelles jun.

Adloff

Wolf

Kraemer

v. Forster

Nopitsch

Kohlhagen

v. Königsthal

Büchner

Dittmar

Hermann

Freih. von Fechenbach

v. Fürer

Soden

v. Braun
Seidel                                              

Freihr. v. Haller

Schwarz

Mainberger

Wißmüller

Dr. Lindner

Schmid

Osterhausen

Krämer

Wilder

Nopitsch

Colmar

Dr. v. Holzschuher

Mayer

Dr. Veillodter sen.

Ziment

Merkel

Wilhelmi

Freih. v. Fechenbach

Heiden

v. Fürer

Condiacon Osterhausen




Lorsch      

Wilder

Wilhelmi

v. Kreß

Soden

v. Braun
Lorsch

B. v. Haller

Harleß

Wibel

Schmid

Osterhausen

Adloff

Wolf

Wilhelmi

Freyh. v. Fechenbach

Cond. Osterhausen
B. v. Haller

Schmid

Wilder

v. Kreß

Frauenholz







Wem es an Kreativität und Initiative fehlt, der macht wenigstens schöne Schemata. Auffallend ist die Bevorzugung des am unschärfsten umgrenzten Gebiets, der 1. Klasse.

Am 21. Oktober 1819 wird dem Ausschuß, von dem acht Personen anwesend sind, der Satzungsentwurf zur endgültigen Überarbeitung vorgelegt: "II.) […] legte der Sekretär [Heiden] den bey heutiger Conferenz anwesenden Mitgliedern des Vorstands und Ausschußes einen von ihm gefertigten Entwurf einer Revision dieser Gesetze vor, mit dem Ersuchen solchen einer genauen Prüfung zu unterstellen und zur Vorlegung bey der nächstbevorstehenden Ordens-Versammlung vorzubereiten. […]" Schon am 8. November wird darüber in der Hauptversammlung abgestimmt und es wird zu jeder der Klassen ein Diskussionsleiter gewählt:

"I) […] Hierauf wurde gedachter Entwurf der verbesserten und den jetzigen Verhältnissen des Ordens gemäs eingerichteten Gesetze durch den Ordens-Secretär laut vorgelesen, über jeden einzelnen Paragraphen abgestimmt, die mehresten dieser Abschnitte durch allgemeine Beystimmung, einige wenige aber durch eine überwiegende Stimmen-Mehrheit, genehmiget und hierauf beschlossen: Daß diese erneuerten Gesetze als allgemein verbindliche Norm für den gesammten Blumenorden anerkannt, ohne Verzug dem Druck übergeben und den jetzigen und künftigen Ordens-Mitgliedern zur Nachachtung mitgetheilt werden sollen. […]

III) […] Bey der I. Klasse, welche sich mit wissenschaftlichen Gegenständen überhaupt […] beschäftiget, wurden durch die Mehrheit der Stimmen Herr Graf von Soden und Herr Dr. Osterhausen zu Directoren erwählt. Bey der II. Klasse, welche die Geschichtskunde […] begreift, wurde Herr Diaconus Wilder zum Director erkoren. Bey der III. Klasse, welche die schönen Künste und Wissenschaften umfaßt, fiel die Wahl eines Vorstehers auf Herrn Grafen von Soden."

Inwieweit wichen die Punkte der gedruckten Satzung von 1820 von den bisher genannten Fassungen ab?

Der Punkt I ist inhaltlich dem entsprechenden Punkt von 1791 gleich, sprachlich aber modernisiert: "Der Vorstand des Nürnbergischen Blumenordens bestehet in einem Präses, zwei [statt ,zween'] Consulenten, und einem Secretär."

Punkt II, über die Aufgaben des Präses, ist bis auf den Wegfall des Halbsatzes "welcher [der ältere Consulent] aber die, dem Präses allein zustehende Entscheidung nicht geben kann." mit der Satzung von 1791 identisch, nur in der Rechtschreibung leicht verändert.

Punkt III, über die Consulenten, ist mit der Fassung von 1791 bis auf Einzelheiten der Rechtschreibung identisch.

Der Punkt IV, der den Secretär betrifft, erhält gegenüber 1791 keine Erwähnung der Irrhainschlüssel mehr. Auch ist nicht mehr davon die Rede, daß er jährlich für seine Bemühung sechs Gulden erhalte.

An den Bestimmungen zur Wahl des Präses in Punkt V hat sich nur geändert, daß nicht mehr die "Linien" den Bereich abgrenzen, innerhalb dessen die Wählbaren wohnen müssen, sondern "Burgfrieden" dazu gesagt wird.

Punkt VI, über den Ausschuß, ist bis auf Sprachliches identisch mit der Fassung von 1791.

Punkt VII ist ziemlich vereinfacht worden und lautet nun: "Diejenigen Personen, welche in den pegnesischen Blumen-Orden aufgenommen zu werden wünschen, müssen sich entweder persönlich um die Aufnahme melden, oder durch ein Mitglied des Ordens dem Präses bekannt gemacht, hierauf aber von diesem Letztern allein bei der nächsten Ordens-Versammlung in Vorschlag gebracht werden, worauf sodann erst in der nächstfolgenden Sitzung über die Aufzunehmenden ballotirt wird." Von einer Vierteljahresfrist ist unter diesem Punkt nichts mehr verzeichnet.

Von VIII an weicht die Zählung von derjenigen der vorigen Satzung ab, untergliedert Bestimmungen, die vorher unter VII eingeordnet waren, und bei der neuen VIII findet sich die vom Ausschuß vorgeschlagene Verschärfung der Abstimmungsbedingungen zur Neuaufnahme: "Die Aufnahme der Mitglieder wird nicht blos durch die Mehrheit der Stimmen entschieden, sondern es ist zu derselben eine Mehrheit von vollen zwei Drittheilen bejahender Stimmen der anwesenden Mitglieder erforderlich."

Punkt IX schafft die bisherige Freiwilligkeit des Eintrittsgeschenks ab: "Jedes Mitglied des Blumen-Ordens macht sich bei seiner Aufnahme verbindlich, ein Eintrittsgeld von wenigstens einem Dukaten an die Ordenskasse zu entrichten, ohne daß jedoch dem edlen Gemeinsinn und der Freigebigkeit bemittelter Mitglieder hiedurch Schranken gesetzt werden sollen."

Punkt X regelt den Austrittsmodus in derselben Weise wie 1791.

Gegenüber der alten Regelung, daß die Ordenssitzungen "nach fünf Uhr" beginnen, wird in XI auf "sechs Uhr" präzisiert. Über die abzulesenden Vorträge heißt es nurmehr, daß die "Geschichte" als Gegenstand nicht auszuschließen sei, nicht mehr die "vaterländische Geschichte".

Punkt XII ist inhaltlich völlig neu und nimmt die Ergebnisse der Debatte über innere Untergliederung auf: "Um den Präses in den Stand zu setzen, bei jeder Ordens-Versammlung schon vorläufig dafür Sorge zu tragen, daß es bei der nächsten Sitzung nicht an Gegenständen der literarischen Unterhaltungen fehlen möge, sind die Arbeiten der Ordens-Mitglieder in folgende Klassen eingetheilt worden." Es folgt wortwörtlich die Einteilung, die der Ausschuß vorgeschlagen hatte und über die abgestimmt worden war.

Die Verpflichtung der Mitglieder auf diese akademieähnliche Tätigkeit wird knapper gefaßt in Punkt XIII: "Jedes künftige Mitglied des Blumen-Ordens hat sich vor seiner Aufnahme für eine oder die andere dieser Klassen zu erklären und anderen Arbeiten thätigen Antheil zu nehmen."

Punkt XIV übernimmt fast wörtlich die Bestimmung über die ,Directoren' der einzelnen Klassen, nennt sie aber ,Vorsteher'.

Die erwähnte Verdopplung des jährlichen Mitgliedsbeitrags ist in Punkt XV niedergelegt.

Punkt XVI ist wieder eine beinahe wörtliche Abschrift des alten Punktes X. Dies ist aber deswegen bedeutsam, da sich die Praxis seit 1791 zeitweise gelockert hatte. Es heißt nun wieder: "Die auswärtigen ordentlichen Mitglieder bezahlen die nemlichen jährlichen und ausserordentlichen Beiträge, die sie an den Secretär einzusenden haben. Ihnen stehet der Zutritt zu den gewöhnlichen Ordensversammlungen ohne Ausnahme frei, so wie sie auch gelehrte Abhandlungen, gute Vorschläge, auch bei wichtigen Vorfällen ihre Stimmen, schriftlich einsenden können. Bei einer bevorstehenden Wahl eines neuen Präses wird ihnen jederzeit davon Nachricht gegeben, und sie zur Theilnehmung an der Wahl eingeladen." — Das räumt ihnen Rechte ein, welche sie wohl kaum wahrnehmen können, nur damit mehr Geld in die Kasse kommt. Von Ehrenmitgliedern, obwohl es zu dieser Zeit etliche gibt, ist ungeschickterweise nicht die Rede, und dies läßt der Auslegung Spielraum, daß diese auswärtige nicht-ordentliche Mitglieder und daher von Beiträgen befreit seien.

1791 hatte es nur einen kurzen Satz über die Druckkosten der Nachrufe gegeben: Sie gingen zu Lasten der Gesellschaft. Nun wird unter XVII dazu noch einmal ausdrücklich erklärt: "Das Andenken derjenigen Mitglieder des Ordens, welche sich auf irgend eine Art um diesen literarischen Verein [!] besonders verdient gemacht haben, soll nach ihrem Tod durch eine kurze Biographie und Charakteristik der Verewigten gefeiert und erhalten werden, zu deren Verfassung der Präses ein hiezu geeignetes Mitglied aufzufordern hat. Wem diese Auszeichnung zu Theil werden soll, bestimmt der Orden durch Ballotage."

Die alten Regelungen, daß von Veröffentlichungen der Mitglieder je ein Exemplar zum Archiv gegeben werde, und daß man bei der Aufnahme eine kurze Lebensbeschreibung von sich liefern solle, werden in Punkt XVIII und XIX mit dem einzigen Zusatz fortgeschrieben, daß die Lebensbeschreibungen in ein "hiezu bestimmtes Buch" eingeschrieben werden.

Neu ist in Punkt XX: "Jedes Mitglied, dessen Bildniß im Kupferstich herausgekommen, hat ein Exemplar hievon zu dem Ordens-Archiv abzugeben."

Die Punkte XXI (über die Erhaltung der Irrhainhütten), XXII (über Rettung des Archivs im Brandfall) und schließlich XXIII (über das Unterschreiben und die Verbindlichkeit der Satzung) sind wortwörtliche Übernahmen der Punkte XIV bis XVI der alten Satzung von 1791.

Bemerkenswerter Weise erfüllte Johannes Scharrer bei seinem Eintritt in den Orden die neuen Bestimmungen dahingehend, daß er nicht in die II. Klasse aufgenommen werden wollte, in die er gemäß Beruf und Interessen gehört hätte (Hilfwissenschaften: ,Ökonomie'), sondern in die dritte: