Die Satzung von 1840

Am 4. Februar 1839 kam gleich als Punkt I) der Tagesordnung zur Sprache:

„I) Machte der Herr Präses [mittlerweile Kress!] den anwesenden Mitgliedern [12 Personen] bekannt: Vermög des in voriger Sitzung gefaßten Beschlußes soll über die Gesetze des pegnesischen Blumenordens eine genaue Prüfung und Revision vorgenommen werden. Zu diesem Ende seyen die Mitglieder des Ausschußes und des Vorstandes mittels Circulars aufgefordert worden, ihre Gedanken und Vorschläge zur Verbesserung der Gesetze schriftlich zu äussern, damit bei einer zu veranstaltenden Conferenz das Resultat dieser Begutachtung zusammengestellt und sodann den gesammten Ordens-Mitgliedern zur Beschlußfassung vorgelegt werden könne. Sogleich nach Beendigung dieser Vorarbeiten werde in dieser Angelegenheit das weiter Erforderliche verfügt werden."
Es war bloß schwer geworden, die Mitglieder dafür zu interessieren. In einem Brief des Ordenssekretärs Heiden an Präses Kress vom 17. Juli 1839 wird geklagt: „[…] Von 7. Mitgliedern, welche am Tage der Einladung und an den darauf folgenden entweder von hier abwesend oder krank waren, konnte solche [schriftliche Einladung] nicht unterzeichnet werden, wie mir Göswein referierte.
Aus der geringen Anzahl der erschienenen Personen, geht die mißtröstliche Erfahrung hervor, daß die in vorigen Zeiten so große und lobenswerthe Vorliebe und Anhänglichkeit für den Orden bei einem großen Theil seiner Glieder sehr erkaltet ist und daß zu fürchten stehet, es möchte der bereits gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts eingetretene Fall, daß unsere Gesellschaft bis auf wenige Mitglieder zusammengeschmolzen, in Kurzem abermals Statt finden und es dürfte die in 5. Jahren wiederkehrende zweite Säkularfeier nicht sehr glänzend ausfallen. […]” Natürlich! Ein Jubiläum hatte man auch noch auszurichten! Nun kam es darauf an, ob diese Aufgabe zu einem erneuten Zusammenstehen führen werde, oder ob man sich blamabel aus der Geschichte verabschieden werde müssen.
 
Wilhelm Schmidt faßt zusammen: „Unter Kreß wurden wieder vier ordentliche Versammlungen im Jahr gehalten […] Auch ging man an eine Neufassung der Satzungen. Dabei entdeckte man, daß seit 1821 kein Ausschuß mehr gewählt worden war. Offenbar war er auch seitdem nicht mehr zusammengetreten. Vom alten Ausschuß lebten nur mehr zwei Mitglieder, der ältere Bruder Michahelles und Dr. Osterhausen, der Bruder des Pfarrers und Mitbegründer der Naturhistorischen Gesellschaft. Zu ihnen wurden jetzt die fehlenden 3 Mitglieder gewählt und zwar Dr. von Holzschuher und die Pfarrer Dietlmair und Seiler.” An den von früher her wohlbekannten Namen ist unschwer zu sehen, daß der Blumenorden wieder einmal eine ziemlich familiäre Angelegenheit war.
Bei dieser Wahl wollte man nichts dem Zufall überlassen, wie viele Mitglieder anwesend sein würden, und ließ verlauten: „[…] Diejenigen verehrten Mitglieder, welche wieder Verhoffen, wegen unvorherzusehender und nicht zu beseitigender Verhinderungen, nicht persönlich erscheinen können; werden auf das Angelegenste ersucht, ihre Wahlstimmen zu bemeldetem Amt an den ergebenst unterzeichneten Ordens-Sekretär versiegelt einzusenden und zwar längstens bis zu Ende dieser Woche, und den Empfang dieses Circulars gefälligst zu bescheinigen. […]”
 
Die Sitzung vom 11. Mai 1840 wurde eine sehr entscheidende, d.h. es wurde über neue Mitglieder entschieden und der Satzungsentwurf grob durchgesehen, sozusagen in erster Lesung.

„wurde I) die Ballotage über folgende Personen vorgenommen:
1) über den durch den Herrn Präses vorgeschlagenen Herrn Doktor Gotthilf Heinrich von Schubert, Königl. Bayrischen Hofrath, ordentlichen Professor der Naturgeschichte, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Ritter des Verdienstordens der Bayrischen Krone und des griechischen Erlöser-Ordens, in München [wenn dieser Romantiker unter den Physikern, der auch einige Zeit in Erlangen gelehrt hatte, 1820 in die Klasse der „wissenschaftlichen Gegenstände überhaupt” aufgenommen worden wäre, wäre es eine echte Sensation gewesen];
2) über den gleichfalls durch den Herrn Präses vorgeschlagenen Herrn Christoph Wilhelm Friedrich von Scheurl, Kgl. Bayrischen OberPostamts-Official zu Nürnberg [ein Patrizier-Abkömmling und pensionierter Diener des neuen Staates; im Januar darauf verstarb er];
3) über den von dem Herrn Pfarrer Seiler und Herrn Sensal [vereidigter Makler für Waren- und Wechselgeschäfte] Meißner vorgeschlagenen Herrn Wilhelm Bernhard Mönnich, Rector der Kreis-Landwirtschafts- und Gewerbeschule zu Nürnberg [dieser Neuling wurde später mit der Abfassung der Festschrift für 1844 betraut];
4) […und über Eberhard Theodor Wagler, dem wir die hübsche Zeichnung der Irrhain-Heimfahrt verdanken.]
Durch allgemein bejahende Stimmen wurde Herr Hofrath Schubert als ausserordentliches, die drey anderen obenbenannten Herren aber als ordentliche Mitglieder des pegnesischen Blumenordens aufgenommen.
[…] III) Wurde durch den Herrn Präses den anwesenden Ordens-Mitgliedern [15 Personen] der bei einer Conferenz des Vorstandes und Ausschußes verfaßte Entwurf unserer erneuerten und den jetzigen Zeitverhältnissen gemäs eingerichteten Ordens-Statuten vorlesend bekannt gemacht, über jeden einzelnen Paragraphen desselben abgestimmt und hierauf beschlossen, daß diese revidirten Gesetze, wenn sie vorher noch einmal von dem Vorstand und dem Ausschuß durchgesehen und nach den gemachten Erinnerungen verbessert worden seyn werden, durch den Ordens-Sekretär dem Druck übergeben werden sollen.
[…] Bey Vorlesung des vorstehenden Protokolls bemerkte der Herr Präses: Daß seine Anzeige von der ehrenvollen Aufnahme bey Herrn Reichsrath und Präsidenten des Oberkonsistoriums von Roth in München nicht in das Protokoll aufgenommen sey. Benannter Herr Reichsrath hatte nemlich die Güte sämmtliche ihm bekannte in München anwesende Mitglieder des Blumen-Ordens zu einem Abendessen einzuladen, ihn den Herrn Präses als solchen auszuzeichnen und alles nach der gewohnten Weise der Ordens-Mitglieder anzuordnen, bey welcher Gelegenheit das nun aufgenommene Mitglied Herr Hofrath von Schubert als Candidat sich anmeldete. […]” So etwas war dem Politiker, dem Landtagsabgeordneten von Kress natürlich sehr wichtig, und der hinlänglich domestizierte Physiker von Schubert wußte auch, was sich gehört. Man wüßte gern, was da nach „gewohnter Weise” des Ordens anzuordnen gewesen war. Vermutlich ging es damals im Orden überaus förmlich zu. Um so weniger wundert die Abspaltung des Literarischen Vereins.
 
Am 16. November 1840 erfolgte die„ zweite Lesung” der Satzung, und nur eine Änderung wurde vorgenommen: Es sollte einem Neumitglied freigestellt sein, ob und in welcher Höhe es dem Orden zu seiner Aufnahme ein Spende zukommen lasse.
 
Was hat sich gegenüber der Satzung von 1820 verändert?
 
Zunächst einmal wird in einer Präambel unter I. zusammengefaßt, was der Zweck des Ordens sei. Dies ersetzt die früher vorgenommene Einteilung in Klassen:
„Der Pegnesische Blumen-Orden hat zum Gegenstande seiner Bestrebungen:
Die schönen Wissenschaften, die Dichtkunst, und die deutsche Sprache, ohne die Geschichte auszuschließen.
Dieser Zweck wird von den Mitgliedern zu erreichen gesucht, entweder durch eigenes Schaffen im Reiche der Gedanken, oder durch Würdigung und Beurtheilung des geistigen Erzeugnisses. Ausgeschlossen sind dadurch nicht Diejenigen, die zunächst dem Orden beitreten wollen, um sich der Mittheilungen Anderer zu erfreuen.”
 
Gegenüber der Akademie-Idee hat man weit zurückstecken müssen. Andererseits bleibt der Abstand zu einem bloß an der Gegenwartsliteratur interessierten Verein gewahrt — ohne daß der Zweck, auch Ungelehrte zu fördern, letztlich Volksbildung zu betreiben, ganz aus dem Blick verloren würde.
 
Die Punkte II., III. und IV. dieser Satzung entsprechen I., II. und III. der vorigen. Im Punkt V. ergibt sich gegenüber Punkt IV. von 1820 die Änderung, daß die dem Sekretär zur Verwahrung gegebenen Gegenstände ausführlicher genannt werden, wobei man sich auf Verzeichnisse von Büchern und Schriften sowie auf ein Inventar der Dokumente, Pokale und Pretiosen bezieht. Offenbar waren seither solche Verzeichnisse angefertigt worden. Das „Ziel”, d.h. der Termin, ist nicht mehr Laurentii, sondern Lichtmeß. Der Sekretär muß seine Schlußabrechnung schon am 31. Dezember fertig haben. Damit nähert man sich der neueren Auffassung von den Grenzen des Geschäftsjahres. Daß der Sekretär Kaution leisten muß (deren Größe das „Direktorium [!]” bestimmt), wird zum erstenmal ausdrücklich damit begründet, daß er die Kasse verwahrt; den Schlüssel zur Kasse hat aber der Präses.
Punkt VI. über den Vorstand lautet praktisch wie der alte Punkt V.; in Punkt VII. wird die bisherige (illusorisch gebliebene) Amtsdauer des Ausschusses von zwei Jahren auf fünf Jahre erhöht und der Zusatz angebracht, daß Ersatzwahlen jederzeit stattfinden können.
Von der Mitgliedschaft handelt wortgleich mit VII. alt der neue Punkt VIII. und erhält folgende Erweiterung:
„Ausnahmsweise kann jedoch auch sogleich ballotirt werden, wenn
a. der Vorgeschlagene allen Anwesenden bekannt ist,
b. die Mitglieder die Ballotage beschließen,
c. denselben vorher durch Circulare angezeigt worden ist, wer sich zur Aufnahme gemeldet hat.
Jeder Bewerber, welcher außerhalb Nürnberg, oder deßen Burgfrieden wohnt, muß erklären: ob er als ordentliches, oder als außerordentliches Mitglied aufgenommen werden wolle?”
Die Unsicherheit über die Abgrenzung von ordentlichen und außerordentlichen bzw. Ehren-Mitgliedern, die sich geradezu durch die Jahrhunderte zieht, wird in dieser Satzung recht elegant gelöst: Man stellt den Aufzunehmenden die Wahl frei. Weiter unten, in Punkt XV., wird dann auch für diese Entscheidung eine Grundlage gegeben:
„Die auswärts wohnenden Mitglieder sind als ordentliche Mitglieder nur dann zu betrachten, wenn sie die ordentlichen Beiträge §. XIV. bezahlen, und an den Sekretär einsenden.
Sie haben in diesem Falle gleiche Rechte mit den in Nürnberg, oder dessen Burgfrieden wohnenden, und können, wenn sie wollen, ihre Stimmen schriftlich einsenden.
Von wichtigen Vorfällen, so wie von der Wahl eines Präses, Consulenten oder Sekretärs, werden sie durch öffentliche Bekanntmachungen in Kenntniß gesetzt.
Auswärtige, welche keine Beiträge zahlen, sind außerordentliche Mitglieder. Auch ihnen steht der Zutritt zu Versammlungen jederzeit frei und die Einsendung ihrer Arbeiten wird dankbar aufgenommen.
Ein Stimmrecht aber kann ihnen nicht zugestanden werden.”
Punkt XII., der entsprechend dem alten Punkt XI. von den Sitzungen handelt, präzisiert die viermal jährlichen Sitzungstermine dahingehend, daß eine sommerliche Versammlung im Irrhain dazutritt; also werden es fünf. „Erforderliche Abänderungen, so wie die Stunde des Anfangs, bestimmt das Präsidium.” Protokollverlesung und Abstimmungen leiten wie bisher die Versammlung ein, dann folgen Vorträge. Neu ist: „Eigene Arbeiten gehen Fremden vor, und werden, wenn nicht besondere Gründe entgegenstehen, zum Ordens-Archiv übergeben.” Diese neuartigen „besonderen Gründe” können, den Zeitumständen nach, auch Rücksichten auf Zensur und politische Inopportunität gewesen sein.
 
Die meisten übrigen Bestimmungen bleiben, wie sie waren, abgesehen von den bereits angeführten in Bezug auf Aufnahmegebühr und Jahresbeitrag. Einzelheiten, die vielleicht noch etwas über den besonderen Zustand des Ordens um 1840 aussagen, sind etwa: Neuerdings muß durch Ballotage bestimmt werden, wer einen auf Ordenskosten gedruckten Nachruf erhält (Punkt XVI.); die Verpflichtung der Mitglieder, bei einem Feuer im Haus des Sekretärs das Archiv retten zu helfen, wird nicht mehr erwähnt (man traut der öffentlichen Feuerwehr, gibt wiederum private Initiative zugunsten staatlicher Zuständigkeit auf); hingegen wird ausdrücklich vom Präses gefordert, sein Bild zum Einheften in das Ordensbuch malen zu lassen (Punkt XVII.).
 
Schon am 5. Mai 1841 kann Heiden an Winterling schreiben (er duzt ihn mittlerweile):

„Verehrtester Freund!
[…] Die neuen Gesetze des Ordens haben nun die Presse verlassen und ich übersende Dir hiermit 12. Exemplare zur gefälligen Vertheilung an die dortigen Ordensgenossen. […]”

Nun mußte man gemäß der neuen Abrede wegen des Ausschusses tätig werden. 1840 war gleich ein Ausschuß gewählt worden, also wäre die nächste Wahl 1845 fällig geworden. „Doch waren oft Ersatzwahlen nötig. So wurden schon 1840 der verstorbene Dr. Osterhausen und der zum Ordensrat vorgerückte Dietelmair durch Schnerr und Dr. Lösch ersetzt. Die Neuwahl 1843 ergab dieselben Herren, nur trat an Seilers Stelle, der Schriftführer geworden war, Sensal Meissner.” schreibt Wilhelm Schmidt. Etwas genauere Auskunft gibt ein Blatt vom 14. Oktober 1843, auf dem der Präses die Ergebnisse der Wahlen zum Ausschuß durch Rundschreiben kundtut und zugleich um Annahme der Wahl bittet. Anscheinend wurde das Ergebnis den doch wahrscheinlich anwesenden Gewählten gar nicht gleich mitgeteilt, oder die Mitteilung sollte möglichst sichtbar und dokumentarisch den anderen Mitgliedern bekanntgemacht werden, die nicht dabeigewesen waren. Es heißt darauf:

„Der Präses des pegnesischen Blumenordens
setzt hiemit die außengenannten verehrlichen Mitglieder in Kenntniß, daß daß bey der, in der letzten Ordensversammlung vom 13. Obr. l. J. vorgenommenen Wahl des Ausschußes auf fünf Jahre die meisten Stimmen auf dieselben gefallen sind, und zwar auf S.T. Herren
1.) I. Pfarrer Dr. Lösch 15 Stimmen
2.) Mag. Rath Scharrer 13
3.) Wechselsensal Meißner 8
4.) Dr. Jur. U. Freyhr v. Holzschuher 8
5.) Prodekan Michahelles 8
Dieselbigen hochverehrlichen Herren werden hiermit aufgefordert, Sich geneigtest zu erklären, ob Sie die auf Sie gefallene Wahl in den Ausschuß anzunehmen gedenken, oder nicht.
Mit aller Hochachtung besteht
der Ordenspräses
v. Kreß
Mit Vergnügen wird die Wahl angenommen. Dr. Lösch
Dem verehrlichen Zutrauen wird zu entsprechen suchen Dr. v. Holzschuher
Da ich gegenwärtig vielen anderen Ausschüssen zu genügen habe, so bitte ich für diesmal um geneigte Entschuldigung. Meißner [Hier irrte Wilhelm Schmidt.]
Die auch auf den Unterzeichneten gefallene Wahl mit geziemendem Dank für das dadurch bewiesene ehrenvolle Zutrauen anerkennend, sieht sich doch derselbe in verschiedener Hinsicht bewogen sie von sich abzulehnen. Michahelles.
In der Hoffnung dem ehrenden Vertrauen entsprechen zu können nimmt die Wahl an J. Scharrer.
[Auf der Rückseite eine Nachschrift, in der die nächsthäufig gewählten Herren gebeten werden, in den Ausschuß nachzurücken.]
Ich bin gerne bereit, die Stelle eines Ausschuß-Mitgliedes anzunehmen und werde suchen dem ehrenvollen Vertrauen zu entsprechen. Julius Merz [Er war der Gründer des Literarischen Vereins und in diesem aktiv, diente aber dem Orden, dem er nach wie vor angehörte, als Ausschußmitglied. Das ist der deutliche Beweis, daß es sich bei der Abspaltung des Literarischen Vereins nicht um eine feindselige Opposition oder um eine enttäuschte Abkehr, sondern einfach um eine Verlagerung der Zuständigkeiten handelte.]
Der Unterzeichnete wird bemüht seyn, so weit es ihm möglich seyn wird, eine der durch die höchst bedauerlichen Ablehnungen im Ausschuß entstandenen Lücken auszufüllen. W. B. Mönnich.”