Schillerfeiern

Das Jahr 1859 und damit Schillers 100. Geburtstag war herangerückt. Der Blumenorden reagierte darauf nicht in erster Linie wie ein Jubelkommittee, sondern eben als Literaturgesellschaft:

„Geschehen Nürnberg am 21. Januar 1859. im Zimmer des Deiningerschen Bierwirtschaftshauses
[…] 4.) Derselbige [Lösch] berichtet, daß auf Kosten der Ordenskasse 300 Exx. von dem neuaufgefundenen Schillerschen Gedichte gedruckt, und theils in der öffentlichen Versammlung an die Anwesenden vertheilt werden und die noch übrigen mit dem nächsten Umlaufschreiben an die Ordensmitglieder, die es noch nicht besitzen, abgegeben werden.
[…] 6.) H. OV [Ordensvorsteher] zeigt an, daß die beiden ordentl. Ordensmitglieder H. Rector Dr. Lochner und H. Medailleur Dallinger sich vom Orden abgesondert haben.
[…] 13.) Nachträglich wird noch beschlossen: Es soll künftig das Verzeichniß der Vorträge bey öffentlichen Versammlungen jedesmal gedruckt und vorher an die Besuchenden ausgetheilt werden. […]“

„Geschehen am 30. 7br. 1859. im Gasthause zur blauen Glocke
[…] 2.) [Vorträge zum Schillerfest]
[…] 4.) Weiter wird beschlossen:
a.) daß zu den öffentlichen Vorträgen am genannten Feste der Saal im rothen Roß beybehalten und durch die Ordensmitglieder so viele Billets ausgetheilt werden sollen, als der Saal ohngefähr Personen faßt;
b.) daß am Abendessen nur Ordensmitglieder theilnehmen können und
c.) daß man sich eventuell zu Geldbeyträgen zu irgend einem Zwecke geneigt zeigen wird. […]
6.) H. OV zeigt an, daß die zu Ehrenmitgliedern aufgenommenen H. Geibel, Heise [sic], Rückert und Müller von Königswinter diese Mitgliedschaft angenommen haben und es werden von den zwey letztgenannten Herren die deßhalb eingelaufenen Briefe mitgetheilt.
7.) […] daß auswärtige, ordentliche Mitglieder, wenn sie zwey Jahre lang ihre jährlichen Geld-Beyträge nicht entrichtet haben, sofort als außerordentliche Ordensmitglieder angesehen und im Verzeichnisse aufgeführt werden sollen. […]“

„Geschehen am 21. October ebendaselbst
[Lösch ist erkrankt, Seiler übernimmt die Leitung der Sitzung.]
3.) In Bezug auf die Feier des Schillerfestes wird beschlossen:
a.) daß dieselbige Montag den 7. November l.J. im großen Rathhaus-Saale gehalten
b.) das Festessen aber im Saale des rothen Rosses eingenommen werden soll:
c.) der Rathhaussaal erhält keine Decoration durch den Orden, dagegen wird der Speisesaal decorirt. Das Couvert soll ohne Wein f. 1. kosten.
4.) Da H. Prof. Dr. J. Mayer zum allgemeinen Bedauern erklärte, daß er im großen Rathhaus-Saale keinen öffentlichen Vortrag zu halten im Stande und daß der vorwürfige für ein solches Publikum nicht geeignet sey; so beschloß man die Vorträge also zu ordnen, daß H. OR Dietelmair dieselbige [sic] mit seinem Gedichte auf Schiller eröffnet, alsdann H. OV Dr. Lösch seinen prosaischen Vortrag über den gefeyerten Dichter in zwey Abtheilungen [gestrichen: hält], zwischen welche H. Pf. Heller sein in der Versammlung vorgelesenes Gedicht vorliest und H. Pfarrer Kunel diese Vorträge mit passenden Schlußworten endigt. H. Dr. Koch soll gefragt werden, ob er sein versprochenes Gedicht wohl auch vortragen wird. Die Anfrage bey ihm übernahm H. OR Wagler.
5.) Hierauf wurde gegen 3. Stimmen beschlossen, daß von Seiten des Blumenordens zur Schillerstiftung ein Geschenk von fl. 100. bestehend in einer in der Kasse befindlichen Staats-Schulden-Tilgungs-Kassen-Obligation gemacht werden soll. […]“

„Geschehen, Nürnberg den 18. 9br 1859. ebendaselbst
[…] 5.) Das eingereichte, schriftliche Bittgesuch an den hiesigen Magistrat um Ueberlassung des großen Rathhaus-Saales zur Schillerfeier wird vorgelesen und beygefügt, daß dasselbige abschlägig beschieden wurde. [Ganz so hoch stand der Blumenorden also nicht mehr bei der Stadtverwaltung im Kurs.]
[…] 7. Weiter wird kund gegeben, was man mit den auswärtigen, ordentlichen Mitgliedern, den pp. v. Erffa, v. Heilbronner u. v. Rotenhahn in Betreff ihrer ferneren Mitgliedschaft und rückständigen Geldbeiträgen verhandelt hat. […]
9.) Früherer Verabredung gemäß, soll am 5. Dbr. eine öffentliche Versammlung gehalten werden, bey welcher vortragen:
a.) H. OV Lützelberger: W. Pirckheimers u. Eoban Hesse’s Trauerlieder auf den Tod Albrecht Dürers aus dem Lateinischen übersetzt; […]
10. […] H. Sensal Meißner habe schon vor einiger Zeit H. OM Wagler und dann in voriger Woche dem OV Dr. Lösch den Wunsch ausgesprochen, wieder als Mitglied in den Orden einzutreten. Letzterer habe ihm dann ein scherzhaftes Schreiben zugesendet, auf welches die Antwort erfolgte, die nun vorgelesen wird. Hierauf beschloß man: H. Meißner zu bemerken, daß er der Aufnahme nicht mehr bedarf […]“

Meissner war seiner Sache nicht ganz sicher, aber vielleicht war er sich der meisten Sachen nicht mehr sicher:
„Ewr. Hochehrwürden
Mir gestern zugekommene erfreuliche Zeilen haben mich auf eine sehr angenehme Weise überrascht. Ich konnte mir nicht denken, daß ein löblicher Blumenorden nach meinem erfolgtem Austritt aus demselben weitere Notiz von mir nehmen würde. […] Ich stelle mich dem Kriegsgericht, das nächsten Freitag über mich ergehen soll, und kehre je nachdem der Spruch ausfallen wird, zur verlaßnen Fahne zurück, deren fernere glorreiche Erfolge ich freilich nicht miterkämpfen, aber immerdar mit meiner Theilnahme begleiten werde!
Mit ausgezeichneter Hochachtung
Euer ergebenster Meißner
Am 14. Nov. 1859“

Und Negges versucht wieder eine Anknüpfung, aus der immerhin hervorgeht, wie es um seine Herkunft und daherrührenden literarischen Interessen bestellt ist:

„Paris, den 9. Juli 1859.
Hochwürdiger Herr Stadtpfarrer,
Hochgeehrter Herr Ordens-Präses!
In der Voraussetzung, daß die verehrlichen Mitglieder des pegn. Blumen-Ordens nicht ohne Theilnahme vernehmen, wie hoch — selbst unter den obwaltenden politischen Mißhelligkeiten — das Andenken eines deutschen Dichters auf französischem Boden geehrt wird, habe ich mir erlaubt, Ihnen, während meiner Anwesenheit in Colmar vorigen Montag die, bei der Enthüllungsfeier des Pfeffel-Denkmals gehaltene Rede, die Festgesänge p.p. unter Kreuzband einzusenden. Es wird Ihnen auch für den Blumen-Orden ein Exemplar des Pfeffel-Album — auf Buchhdlr. Weg durch die Decker’sche Druckerei auf m. Veranlassung zukommen & ebenso werde ich Ihnen noch eine nähere Beschreibung dieser Feier durch Einsendung einer Elsasser-Zeitg, zugehen lassen; indem ich Sie bitte, davon den geehrten Mitgliedern Mittheilung zu machen. — Denjenigen welchen es zu wissen interessirt, wie ich zu dieser Festlichkeit gekommen bin, diene zur Nachricht, daß ich als Enkel-Neffe des gefeierten Dichters — dem die französischen Gelehrten den Beinamen „Le Lafontaine allemand“ gegeben — von dem Fest-Comité eingeladen wurde & dort einen schönen Tag im Kreise gebildeter, für deutsche Dichtkunst schwärmende Männer zugebracht habe. […]
Negges“
In diesem Umschlag finden sich u.a. mehrere Exemplare der „Allgemeinen Auswanderungszeitung“ mit detaillierten  Berichten über Zustände in überseeischen Gebieten und die Modalitäten der Auswanderung, herausgegeben von Dr. Büttner in Rudolstadt. Möglicherweise hatte Negges noch vor, es anderen gescheiterten 1848ern nachzutun und nach Amerika auszuwandern. Die Pegnesen behandelten ihn und seine eifrigen Vorschläge allmählich etwas von oben herab:

„Geschehen, Nürnberg am 20. Jan. 1860. im Gasthause zur blauen Glocke.
[…] 2.) Hierauf zeigte H. OV Dr. Lösch an, daß die Vorträge am Schillerfeste in’s Reine geschrieben sind und der Freyfrau v. Gleichen-Rußwurm überschickt werden sollen.
3.) […] Im Bezug auf von die von ihm zu Mitgliedern des Ordens vorgeschlagenen Herren p. Jaccius, und seines Schwagers des Herrn Prof. Dr. Joach. Sighart zu Freysingen, wird beschlossen, daß dem Herrn Negges brieflich bedeutet werden soll, man nehme nur ausgezeichnete Dichter zu Ehrenmitgliedern auf; wollen indeß die Genannten als [sic] außerordentliche Mitglieder werden, so mögen sie sich nur selbst melden.
[…] 8.) Das OM H. Hptm. Zeltner [es kann sich nur um den neu aufgenommenen Gründer der Ultramarinfabrik handeln, aber wieso er „Hauptmann“ tituliert wird, ist ein Rätsel] beschwerte sich in einem Briefe an den H. OV darüber, daß man im neuesten Mitgliederverzeichniße ihn als adelich aufführte; […]
15.) Auf H. OM Meißner’s Wunsch, bey jedem Abendessen des Ordens den Pokal umherkreißen zu lassen, wird nicht eingegangen. […]“

Wenn man die zartsinnigen Bedenken konservatorischer Art erfahren hat, die heutige Museumsbedienstete erheben, wenn der Blumenorden den Tulpenpokal, seine Dauerleihgabe, zum Irrhainfest verwenden möchte, sieht man erst, wie absurd und gefährlich Meissners sentimentales Anliegen erscheinen mußte. Er scheint nicht mehr in der besten geistigen Verfassung gewesen zu sein. Es ist tragisch, daß man alten Menschen kaum mehr ansieht, was für tüchtige Zeitgenossen sie einst waren. Als Meissner zwei Jahre später starb, würdigte ihn der Nürnberger Kurier im Nachruf:

[…] Bis dahin [1815] hatten Frankreich auf dem Continent und England zur See sich in den Handel getheilt; die Continentalsperre hatte das Ihrige beigetragen, mit dem deutschen Handel auch das Gewerbsleben Nürnbergs zu lähmen. Jetzt galt es, der Industrie neue Absatzwege zu schaffen. Es ist nicht das geringste Verdienst Herrn Meißners, diese Aufgabe richtig erkannt zu haben. Er war vielleicht der erste Nürnberger Kaufmann, der sich mit einem so vollständigen Sortiment von Manufakturwaaren auf die Reise begab […] Schon im Jahr 1817 hatte er Gelegenheit, bei der großen Theuerung seinen Gemeinsinn in Organisirung einer Brodvertheilungsanstalt zu bethätigen, […] Diejenige Anstalt aber, welcher er mit besonderer Liebe zugethan war, ist der Gewerbeverein, früher unter dem Namen Gesellschaft für vaterländische Industrie bestehend […] Seit dem Jahr 1831 war er Vorstand der Leih- und Unterstützungsanstalt, einer besonderen Sparte dieses Vereins, mit gesondertem Kapital […] Trotzdem daß alle Gelder unverzinslich ausgeliehen wurden, hat sich das Vermögen der Anstalt fortwährend vermehrt, weil bei der großen Vorsicht, mit welcher die Solidität der Schuldner und Bürgen überwacht und die Rückstände beigetrieben wurden, nur höchst selten Verluste eintraten […] auch ein paar Kinderschriften sind in früherer Zeit von ihm erschienen, denn den Kindern war er besonders zugethan […] Hatte er sich doch selbst den kindlichen Sinn gewahrt, mit ihm den lebendigen Christenglauben und weder die Einflüsse der französischen Encyclopädisten, noch die Zerstreuungen der Welt hatten ihm je dies innere Heiligthum antasten können […] Lange Zeit war er eines der fruchtbarsten Mitglieder des Pegnesischen Blumenordens […] Einen großen Theil seiner Mußestunden verwandte er auf die Freimaurerei, die ihm ein dankbares Feld für seine Begabung bot. […]

Nicht in der besten Verfassung war auch Mönnich, dessen Beitrag zu den Schillerfeierlichkeiten zum Abschluß dieser Übersicht auch erwähnt sei:

„Hochverehrter Freund!
Sie sehen aus beifolgendem Schillerwerk, daß Niemand seinem Geschick entgehen kann. Kaum war ich von meinem zweiten Aufenthalt im Wildbad anfangs October zurückgekehrt, als mir ein Vortrag zur hiesigen Gymnasialschillerfeier so nahe gelegt wurde, daß ich trotz der Mühe, die er mir kostete, die Feder zu führen & trotz meinem sonstigen, immer noch miserablen Zustand, ihn übernehmen & mich der Lösung der Aufgabe, so gut & so schlecht es auch gehen mochte, unterzog. […] Haben Sie die Gewogenheit, das für Herrn Platner, mit dem ich im Wildbad in diesem Sommer zweimal zusammenzutreffen so glücklich war, und das dem Blumenorden bestimmte Exemplar zukommen zu lassen […] Sie entschuldigen, wenn ich abbreche, da mir schon von den paar Zeilen mein Handgelenk wehe thut. Mich Ihnen und den Ihrigen aufs Beste empfehlend
Ihr ganz ergebener W.B. Mönnich.“