Wer schmückt sich mit wem?

Die Frage, ob es für den Blumenorden ehrenhafter sei, berühmte Schriftsteller in seinen Reihen zu haben, oder ob die Mitgliedschaft für diese Schriftsteller ehrenhafter sei, ist im Einzelfall nur eindeutig zu entscheiden, wenn man Aussagen von dritter Seite hat, wie die Mitgliedschaft beurteilt wurde. Da der Blumenorden sogar zu seinen besten Zeiten im deutschen Sprachgebiet nicht so bekannt war wie die jeweiligen Sterne am Dichterhimmel, wird man wohl im Regelfall das erstere annehmen müssen. Im Falle Peter Roseggers jedoch scheint es auf ein annähernd gleichgewichtiges Geben und Nehmen hinausgelaufen zu sein, bei dem der Blumenorden auf Dauer sogar Einbußen hatte.

Im Laufe der Jubiläumsfeierlichkeiten um seinen Beitritt angefragt, sendet er erst einmal ein konventionelles Dankschreiben:

Heimgarten Krieglach, Reimannstr.     22. 9. 1894

Hochgeehrter Herr!
Die grosse Ehre, die Sie mir zugedacht, weiß ich zu schätzen und nehme dieselbe mit herzlichem Dank an.

Ihr ergebenster
Peter Rosegger.

Einige Wochen später äußert er sich schon mit heller Begeisterung:

Heimgarten, Graz 4. 12. 1894

Hochgeehrte Herren und Vereinsgenossen!

Mit Ehren und Würden schmücken Sie mich! Von Herzen Dank für die Festmedaille, für die Schriften, für das Diplom! Na, jetzt will ich aber auch recht fleißig dichten, daß ich der Auszeichnungen nicht ganz unwert sei. Gebe es der Himmel daß ich mein Lebtag noch einmal ins einzige Nürnberg kömme, in die Stadt, von der ich immer sage, in ihr möchte ich einmal trautsame Weihnacht feiern. In Nürnberg habe ich nie Heimweh gehabt.

Unser Blumenorden in der herrlichen deutschen Stadt — er blühe!

Ihr dankbarer
Peter Rosegger.



„Kleine Rosegger’sche Geschichtchen“ waren ein Programmpunkt beim erfolgreichen Familienabend vom 29. März 1897, und so gedachte Präses Wilhelm Beckh noch 1911 Nutzen zu ziehen aus dieser Popularität, als es darum ging, die öffentlichen Vortragsabende des Blumenordens aus der finanziellen Verlustzone zu holen. Max Schneider hingegen, als Freizeitschriftsteller bereits der Vertreter einer neueren Literaturauffassung, „möchte sich nur gegen das Thema ,Rosegger’ gewandt haben, das in Nürnberg bereits allzuviel besprochen sei. Er schlägt eine Erweiterung des Vortrags-Programmes vor, z.B. ,Oesterreich in der deutschen Literatur’. Beckh bezweifelt die Zugkraft eines derartigen Themas […]“.  In der 29. Wochenversammlung vom 6. Oktober 1911 wird die Debatte grundsätzlich und leitet über zu einer Auslegung der Satzung — womit das Leitthema dieses Kapitels angesprochen ist: „[…] Steller stellt die Kompetenz der Freitagsmitglieder-Versammlung gegenüber dem Etat, über den durch Bewilligung der Kosten des Rosegger-Vortrags (ca. 250 M) hinausgegangen worden sei, ernstlich in Frage.

Brügel, der den Neuentwurf der Statuten inzwischen fertiggestellt, nur noch nicht mitgebracht hat, stellt fest, daß diese Ausgabe von Rechts wegen erst ihre Genehmigung von seiten des Ausschusses zu finden hat. […]“ Neufassungen der Satzung werden also auch motiviert durch Verhakungen der Arbeit des Ordens für die Pflege der Dichtung.

Die Sache zieht sich ins Jahr 1912. „[…] Beckh gibt einen Brief des Schriftstellers Dr. Plattensteiner bekannt, in welchem dieser seinen Vortrag für den 4. März zusagt. Das Thema seines Vortrags lautet nunmehr ,Peter Rosegger u. die neuere österreichische Volksdichtung’. In dem Vortrag wird auch Karl Schönherr u. seine Werke besprochen werden; auch ,Eigenes’ wird Dr. Plattensteiner einflechten.“ Die aus Literaturzeitschriften informierten Mitglieder hatten sich wohl vorgestellt, daß der Referent auch über Dichter wie Hermann Bahr, Arthur Schnitzler, Hofmannsthal u.dgl. etwas bringen werde.

Das tat er bloß nicht. Er lieferte halt „an Schmäh.“ In der 8. Wochenversammlung vom 8. März 1912 wurde protokolliert:

[…] An die Kritiken der hiesigen Zeitungen über den am 4. März stattgefundenen Vortrag Dr. Plattensteiners anknüpfend erklärte Heerwagen, von Zeiser unterstützt, daß ihm und einem Teil weiterer Besucher der Vortrag nicht recht entsprochen habe. Unter Hervorhebung, daß der Vortragende nur einen Teil seines Themas behandelt, hätte Heerwagen eine klar umrissene Würdigung des Werdeganges Roseggers gewünscht, unter summarischem Eingehen, nicht bloßem Nominieren der Werke des Dichters, soweit dieselben eine wesentliche Etappe in seinem geistigen und poetischen Entwicklungsgang bedeuteten.
Ferner fand Heerwagen den ersten Teil der Rezitationen etwas zu rührselig und zuviel auf die Tränendrüsen der Damen berechnet […]
Beckh ist der Ansicht, daß, trotzdem der erste Teil des Vortrages manches zu wünschen übrig ließ, der Gesamtvortrag jedenfalls, zufolge der regen Beteiligung und dem allgemeinen Beifall, den er wiederholt ausgelöst, dem Orden als Treffer gebucht werden dürfe, welche Ansicht auch die übrigen Anwesenden teilten. […]


Und damit war das Thema „Rosegger“ im Blumenorden nicht ganz befriedigend, aber wenigstens friedlich zu Ende gegangen.

Auch die Mitgliedschaft des erfolgreichen Romanautors Friedrich Spielhagen war eine Errungenschaft des Ordensjubiläums. In seinem Dankschreiben vom 21. 9. 1894 bringt er eine bemerkenswerte Perspektive zum Ausdruck, aus der seine Ernennung eine Art überregionale Versöhnung des unter Preußens Führung vereinigten Kleindeutschlands erweise: „Es bedarf wohl keiner besonderen Versicherung, daß mich die Ehre, zum Ehrenmitglied des altehrwürdigen Pegnesischen Blumenordens erkoren zu sein, mit hoher Freude erfüllt und ich das werte Geschenk mit aufrichtiger Dankbarkeit annehme. Mit um so aufrichtigerer und größerer, als ich in jeder Anerkennung, die mir aus Süddeutschland wird, den Beweis zu sehen wage, daß ich, der Sohn Norddeutschlands, als Schriftsteller nicht vergebens danach gestrebt habe, das Denken und Empfinden Alldeutschlands zum Ausdruck zu bringen.“ Einmal noch wird sein Name im Protokoll einer Wochenversammlung erwähnt, als es darum geht, Beiträge für eine Fortsetzung der Aufsatzsammlung „Altes und Neues aus dem Pegnesischen Blumenorden“ zu erbitten, dann nicht mehr.

Theodor Fontane hält von Anfang an eine gewisse abgeklärte Distanz. An Briefen von ihm nach seinem Dankbrief für die Aufnahme enthält das Ordensarchiv nur noch zwei, wobei der zweite über sein Verhältnis zum Orden eigentlich dasselbe aussagt wie der erste:

Berlin 9. Novb. 94.
Potsd. Str. 134. c.

Hochgeehrter Herr.

Erst sehr verspätet komme ich dazu, für die verschiedenen Bilder, Drucksachen und Berichte, die Ihre Güte an mich gelangen ließ, Ihnen aufs herzlichste zu danken. Ich habe alles mit großem Interesse gelesen.
Daß ein solches Fest überhaupt gefeiert werden konnte, gehört zu den Dingen, die, wie Bayreuth, Oberammergau, Weimar, unserem deutschen Leben einen besonderen Reiz leihen und uns beinah mehr als unsere Schlachten-Siege (die schließlich andere auch haben) beneidet werden. Eigenart ist das Einzige, was an Völkern interessirt und diese selbstständige Physiognomie lebt vor allem in Dingen und Erinnerungen, wie sie sich gerade im schönen Nürnberg so wirklich finden, darunter auch in seinem Pegnesischen Blumenorden.

In vorzüglicher Ergebenheit
Th. Fontane.

Die insgesamt drei Dankschreiben Wilhelm Raabes für die Aufnahme in den Orden 1894 wurden 1905 zu einem Archivbündel in blauem Umschlag zusammengefaßt. Später ging die Verehrung Raabes, durch den späteren Schriftführer Wilhelm Schmidt in Vorträgen erwiesen, in eine Verbindung des Blumenordens mit der Nürnberger „Gesellschaft der Freunde Wilhelm Raabes e.V.“ über. Die Anknüpfung einer Verbindung ist etwa darin zu sehen, daß in der ordentlichen Hauptversammlung vom 20. März 1925 unter 27 Anwesenden „der Vorsitzende der Raabe-Gesellschaft Wieser“ genannt wird, und daß  Wilhelm Schmidt seinen Doppelvortrag vom 2. November 1928 „Über Raabes «des Reiches Krone». Über Martin Greif“ im Jahre 1937 noch einmal im Blumenorden, aber im selben Jahr die auf Raabe bezüglichen Teile unter anderem Titel auch in der Raabe-Gesellschaft hielt. Im Bericht der Schriftführerin über das Jahr 1941 im Blumenorden wird angegeben, daß „der Orden Mitglied des Sprachvereins, der Goethegesellschaft und der Gesellschaft der Freunde Wilhelm Raabes ist. […]“ Nun hatte sich aber diese Raabe-Gesellschaft 1934 eine Satzung gegeben, in deren § 4 über die Mitgliedschaft festgelegt wird: „Mitglied der Gesellschaft darf nicht sein, wer nicht-arischer Abstammung im Sinne des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 (RGBl. I S. 175) und seiner Durchführungsbestimmungen ist oder mit einer Frau nichtarischer Abstammung verheiratet ist. […]“ Dieser Hinweis greift freilich der Behandlung einer späteren Epoche des Blumenordens vor, und es ist nicht sicher, ob die Ehrenmitgliedschaft Raabes notwendigerweise auf so etwas zugeführt habe. Festzuhalten ist jedenfalls hier schon, daß es mit der Ehre keine glückliche Wendung nahm.

Ein weiterer prominenter Schriftsteller, den der Blumenorden als Ehrenmitglied führte, war Gustav Freytag. Von ihm ist jedoch nur in einem Halbsatz des Protokolls eines Familienabends vom 27. Januar 1896 die Rede: „Der Vortrag über Gustav Freytag, in welchem Wlm [Wilhelm] Tafel in gedrängten aber erschöpfenden Zügen die literarische Thätigkeit unseres Ehrenmitgliedes vorführte […]“. Einige Tage darauf wurde er in der Hauptversammlung als verstorben erwähnt.

Erst zwei Jahre nach dem Jubiläum glückte die Aufnahme Conrad Ferdinand Meyers:

8. W. Versammlung Freitag den 21. Febr. 1896
[…] Ferner, daß Graf sich durch einen Freund an Conr. Ferd. Meyer in Zürich sich [sic] gewandt bezüglich der schon beim Jubiläum in Aussicht genommenen Ernennung dieses Dichters zum Ehrenmitglied; Meyer nahm diese Ernennung mit Dank an. […]

Er hat diese Ernennung nicht sehr lange überlebt, denn er starb am 28. November 1898. Seltsamerweise bat nicht er, sondern seine Gattin in einem Brief, der schon am 8. Juli 1898 in der 26. Wochenversammlung des Jahres verlesen wurde, „das von ihrem Mann s. Zt. für ,Altes u. Neues’ gesandte Gedicht nochmals anderweitig verwenden zu dürfen. Die Zustimmung wird gerne gegeben und Geck beauftragt, das mitzutheilen. […]“

Man hörte ja keineswegs schon nach dem Jubiläumsjahr auf, nach neuen geeigneten Mitgliedern unter den bekannten Schriftstellern zu suchen, und ein Weg dazu war, die Wirkung ihrer Schriften zunächst in öffentlichen Versammlungen zu erproben. Ein Beispiel dafür ist etwa diese:

„Die Öffentliche Versammlung am 27. Novbr. 1896 im goldenen Adler war äußerst zahlreich, besonders von Damen, besucht.  […] sprach Dr. Wlm Beckh in längerer Ausführung über ,alte und neue Dichter’ — Platen, Foerster, Dehmel, O. J. Bierbaum und  Detlef von Lilienkron [sic] — diese in scharfen Umrissen skizzierend und gleichzeitig Proben ihrer Dichtungen zu vermitteln. […] fand lebhaften Beifall.
Lud. Fambach brachte hierauf einige Scenen aus Ernst v. Wildenbruchs preisgekröntem Drama ,Heinrich & Heinrichs Geschlecht’ zum Vortrag und brachte sein glänzender Vortrag die Hörer zum lebh [gestrichen] begeisterten Beifall. […]“

17. W.V. Freitag den 7. Mai 1897
[…] Ein Aufruf zur Unterstützung von Detlef von Lilienkron kann von Seite des Ordens keine Berücksichtigung finden; es soll dem Einzelnen überlassen sein, einzugreifen. […]

Trotz seiner notorischen Geldknappheit (nicht wegen ihrer, so weit ging die Liebe nicht) wurde Detlev von Liliencron 1901 in den Orden aufgenommen, gleichzeitig mit Hermann Sudermann und Gerhart Hauptmann. Was Liliencron betrifft, so schätzte man ihn noch 1919. In einem Zeitungsausschnitt ungenannter Herkunft findet sich ein kurzer Absatz unter der Überschrift „Kunst, Wissenschaft, Literatur“, Nürnberg, 7. Juni [dieses Jahres], und dort steht: „Herr Georg Gustav Wießner gab in feinsinnigen Ausführungen ein lebendiges Bild des Wirkens und Schaffens [Liliencrons] und brachte einige seiner Dichtungen in glänzend deklamatorischer Weise zum Vortrag.“ Dieser Vorgang steht allerdings schon im Zusammenhang mit einem versuchten Generationswechsel im Blumenorden, der noch zur Sprache kommen wird.




Altona (Elbe), Palmaille 5.
Den 22. Januar 1901.

Hochverehrte Herren,

natürlich wird es eine große Ehre für mich sein, in den Pegnesischen Blumenorden aufgenommen zu werden. Darf ich gelegentlich um die Statuten bitten? Mit vorzüglicher Hochachtung

Detlev Frhr von Liliencron

Bei Sudermann haben wir den Fall, daß die Ernennung zum Ehrenmitglied offenbar nicht ernst genommen wurde und sich für den Orden abträglich auswirkte, obwohl beide Seiten versuchten, möglichst höflich miteinander umzugehen und den Schaden zu reparieren. Im Archiv hat sich das undatierte Konzept eines Briefes erhalten, der offenbar von Vizepräses August Schmidt stammt, dem Postamtsdirektor, denn es ist auf die Rückseite eines maschinenschriftlich abgefaßten Rundschreibens des Königlichen Oberpostamts für Mittelfranken geschrieben:

„[…] Sehr geehrter Herr!

[…] Die Mitglieder des Ordens waren nicht darauf gefaßt, daß Sie Sich je veranlaßt fühlen würden, des Ordens in einem Ihrer Werke Erwähnung zu tun; umsomehr aber waren wir überrascht, da Sie in Ihrem ,Sturmgesellen Sokrates’ den Boretius sagen lassen. ,Sie sind wohl so beim Pegnitzischen (sollte wohl heißen: Pegnesischen) Blumenorden eingesprungen, mein edler Merkuse [?] ?’
Wenn unserer nun seit bereits 259 Jahren, freilich nicht mehr in den früheren überlebten Formen bestehenden literarischen Gesellschaft in einem Ihrer Werke, das, wie wir lesen, schon von 90 Bühnen zur Aufführung angenommen ist, gedacht wird, ist dies wohl willkommen zu heißen, aber bedenkliche Gemüter haben die Frage aufgestellt: ,Bedeutet die von Boretius gestellte Frage einige Anerkennung oder hat sie einen — sagen wir: satyrischen Beigeschmack […] ?’ […]“


den 16 Nov. 09.

Sehr geehrte Herren!
Auf Ihre gef. Anfrage theile ich Ihnen ergebenst mit, daß die in meinem „Sturmgesellen Sokrates“ enthaltene Bezugnahme auf den Pegnitzischen oder — wie Sie wünschen — „Pegnesischen“ Blumenorden keinerlei satirische Spitze gegen den z.Z. bestehenden Verein gleichen Namens in sich birgt, dem als Ehrenmitglied anzugehören ich die Ehre habe.

Mit vorzüglicher Hochachtung
ergebenst                Hermann Sudermann.

„Wie Sie wünschen“ (d.h. „ich habe ja gar nicht Pegnesisch sagen wollen, kann Sie damit nicht gemeint haben“) und „gegen den zur Zeit bestehenden Verein gleichen Namens“ („zur Zeit“ — das tut dem Pegnesen weh, der an die Unsterblichkeit seines Ordens glaubt!) sind als Entschuldigung ziemlich mau, um nicht zu sagen fischig. Sudermanns Ansehen hat es jedoch nicht geschadet.

Gerhart Hauptmann macht es kurz. Er ist auf der Höhe seiner Kräfte und seines Ruhms und möchte kein Spielverderber sein.




Grunewald, d. 21. Januar 1901.

Sehr geehrte Herren.
Ihrer gütigen Anfrage erwidere ich, dass ich die mir zugedachte, grosse Ehre als solche wohl zu würdigen weiss.

Hochachtungsvoll
Gerhart Hauptmann.

Im Jahre 1912 hielt anläßlich seines 50. Geburtstags der Blumenorden eine Gerhart-Hauptmann-Feier ab, deren Programm von Max Schneider ausgearbeitet worden war. Der Beschluß dazu wurde in der 25. Wochenversammlung gefaßt.

Ein Vortrag, den Prof. Dr. Eduard Engel im März 1913 in einer öffentlichen Versammlung des Blumenordens hielt, gab dem Mitglied Hans Wieszner Anlaß, Hauptmann und damit den Orden in Schutz zu nehmen; er „fand es nicht am Platz, daß der Vortragende gerade Gerh. Hauptmann so stark kritisiert; nachdem ihm doch, wie er selbst angeführt, bekannt war, daß der Orden kurz zuvor einen Gerh. Hauptmannabend abgehalten. Es sei ihm so vorgekommen als ob Engels [sic] dem Orden gewissermaßen ein literarisches Armutszeugniß habe ausstellen wollen. […]“

Wer schon als junger, noch nicht sehr weit bekannter Dichter in den Orden aufgenommen war und später zur hohen Ehre eines Literatur-Nobelpreisträgers aufstieg (als diese Ehre noch etwas galt, 1910), überdies als erster deutschsprachiger Schriftsteller, war Paul Heyse. Der Kontakt war nie abgebrochen, Heyse hatte zum Jubiläumsjahr einen Text geliefert, und er schien sich seiner Zugehörigkeit zum Orden überhaupt nicht zu schämen.

„Freitag den 21. Mai 1909
16. Wochenversammlung
[…] Dittmar berichtet über seinen Besuch bei Paul Heyse in Fasano und übermittelt dessen Grüße an den Orden.“

 Er hatte Heyse eine Gratulationsurkunde des Ordens zu seinem 50. Jubiläum als Ordensmitglied überreicht. Am 18. März 1910 hielt der Orden eine Paul-Heyse-Feier ab.

Rudolph Genée war zwar schon 1888 als korrespondierendes Mitglied aufgenommen worden, verstärkte seine Verbundenheit mit dem Blumenorden und entfaltete seine Tätigkeit für ihn allerdings erst in den Jahren nach dem Jubiläum. So heißt es über die 1. Wochenversammlung des Jahres 1897:

„[…] Briefe sind eingelaufen v. Riegel, Rohmeder [?], Hodermann, Haupt, Spielhagen, Fastenrath mit Arbeiten für Neues & Altes wozu auch Genée einen Beitrag sendet; über die Aufnahme der Beiträge wird eine Commission, welche der 1ste Präses einberufen wird, entscheiden. […]“

Ganz so sehr imponierte er den einheimischen Nürnbergern noch nicht, als er sich aus Liebe zu Nürnberg mit dem Mundartdichter Grübel befaßte; in der 36. Wochenversammlung am 11. November 1898 verlas der Schatzmeister Lambrecht „aus der wissenschaftlichen Beilage zur Voss’schen Zeitung einen längeren Aufsatz von Rudolf Genée über Grübel. Die Versuche des Autors die Grübel’schen Dialektdichtungen mit dem Hochdeutschen verquickt [sic; „zu verquicken“] sind besser gemeint als gelungen. […]“ Nachdem er sich persönlich in der 28. Wochenversammlung des Jahres 1899 hatte sehen lassen, fiel die Einschätzung schon freundlicher aus: „Lambrecht liest Genées frisch und lebhaft geschriebenen Aufsatz aus der Nationalzeitung „Zwei Hohenzollern Städte“ Cadolzburg & Kloster Heilsbronn, ersten Abschnitt Cadolzburg […]“

Am Freitag, den 10. Februar 1911 kam man in der 6. Wochenversammlung wieder auf ihn zu sprechen: „Überaus beifällige Aufnahme findet eine tatsächlich prächtige Arbeit des nun 87jährigen Rudolf Genée: „Rückert als Dichter und Weltweiser in seinem Dorfe“ [Neuses bei Coburg] (Beilage No. 3 zur Vossischen Zeitung No. 25 vom 15. Januar 1911). In sehr anziehender Weise sind Friedrich Rückerts innige Beziehungen zu dem idyllischen Musensitz bei Coburg unter Beigabe nicht weniger, für den Dichter, Denker und sprachenkundigen Weltweisen und seine sinnige Betrachtung der großen und kleinen Dinge des Lebens charakteristischer (bisher ungedruckter) Gedichte dargelegt. Namentlich gefallen Rückerts Betrachtungen über das Alter und seine zarte Anteilnahme am Geschick des von anderen unbeachteten kleinen Lebewesens am Wege. […]“

Zuletzt suchte Genée geradezu den Kontakt mit dem Blumenorden. Als allgemein geachteter Gründer und Vorsitzender der Berliner Mozartgemeinde hätte er ihn zwar links liegenlassen können, aber mit Lambrecht führte er offenbar eine halb private Korrespondenz: „[…] Lambrecht las alsdann eine Postkarte von Rud. Genée vor, in welcher der nun 89jährige über seinen Sommeraufenthalt in Berchtesgaden berichtet und feststellt, daß er sich körperlich noch rüstig und gesundheitlich wohl befinde. […]“ Das war 1913. Aber bald erfuhr man: „[…] Brief von Prof. Dr. Rudolf Genée […] Es dürfte dies die voraussichtlich letzte, eigenhändig geschriebene Nachricht Prof. Rud. Genées an den Orden sein, da, laut einem Briefe an Lambrecht, sein Sehvermögen täglich schwächer wird. […]“, und im Bericht des II. Schriftführers über das Geschäftsjahr 191332 wird er als verstorben gemeldet. Es gab aber noch ein Nachspiel.

„[…] Eingelaufen ist ein Brief des Geheimen Baurats Lanke [Laske], Berlin mit der Mitteilung, daß sich im Nachlasse Rud. Genées 2 Skizzenbücher; 1 Shakespearealbum & 1 Album von Berchtesgaden befänden, welche er dem Pegn. Bl. Ord., als derjenigen litterarischen Gesellschaft, mit welcher Genée stets in gernem [!] und regen Verkehr gestanden, anbiete. Das Anerbieten soll dankend angenommen und die Skizzenbücher dem Archiv einverleibt werden. […]“
Der Nachlaßverwalter schickte prompt die Skizzenbücher und das Album, dazu aber auch „1 Reliefporträt Rud. Genées modelliert von Prof. v. Schaper, von dem gleichen Herrn übersandt u. 1 Aquarell, Falstaff darstellend von R. Genée.“ Die Bleistiftzeichnungen Genées zieren bis heute das Archiv des Ordens, doch Relief und Aquarell sind nicht mehr aufzufinden.



Am 1. Februar 1907 verzeichnete der Schriftführer noch 23 Ehrenmitglieder, wovon die meisten verdiente Nürnberger Mitglieder waren. 1911 sah es so aus: „Seit der letzten ordentlichen Hauptversammlung hat der Pegn.BlO. durch den Tod verloren die Ehrenmitglieder Felix Dahn, Martin Greif, Wilhelm Jensen, Friedrich Spielhagen [und andere mehr]“. Nach der Ernennung weiterer ordentlicher Mitglieder zu Ehrenmitgliedern zählte man 1918 noch 13 Ehrenmitglieder. Um einen Begriff davon zu geben, wie sich die Zahl der Ehrenmitglieder von überregionaler Bedeutung zur Zahl derjenigen aus den Reihen der Nürnberger etwa verhielt — und um das Personal der anschließenden Kapitel vorzustellen—, folgt ein Zitat aus der ungedruckten Festschrift von Wilhelm Schmidt:

S. 97 XI. Der Blumenorden von 1894-1919
[…] Unter den neu beitretenden Mitgliedern war ein große Zahl tätiger. Hier seien nur erwähnt: Photograph und Schriftsteller Rudolf Geck, ein begabter Lyriker; Kapellmeister Prill, der durch Musikbeiträge erfreute, während seine Gattin als Vortragskünstlerin mitwirkte; Schauspieler Fambach, der vor allem auch die Irrhainspiele einübte und leitete; Schriftsteller Friedr. Arnold; Gymnasialrektor Dr. Wilhelm Vogt; Prokurist Franz Url; der nachherige Ordensrat Dr. med. Voit, 1914 Ehrenmitglied; Fabrikbesitzer Max Kügemann, schriftstellerisch sehr tätig und 1925-31 Schatzmeister; Dr. Aug. Gebhardt, der Verfasser der Grammatik der Nürnberger Mundart, a.o. Professor für deutsche und nordische Philologie in Erlangen; der erste Direktor des Germanischen Museums Dr. von Bezold, Mitglied und nach Kressens Tod Obmann des Ausschusses; Dr. Max Wingenroth, Assistent am Germ, Museum, ein überaus eifriger Teilnehmer an der Tafelrunde; der Oberlandesgerichtsrat Alexander von Praun, 1902-12 Ordensrat, seit 1911 Ehrenmitglied, um Archiv und Bücherei sehr verdient; auch seine Tochter Sophie war als Dichterin und Darstellerin tätig und ist seit 1922 Schriftführerin; Reallehrer Dr. Kuhn; der spätere Archivdirektor Dr. Emil Reicke, seit 1906 Ordensrat, 1921 Ehrenmitglied, er verfaßte das ausführliche Verzeichnis der Ordensbücherei und war noch viele Jahre als Vortragender tätig; Postadjunkt und Schriftsteller, später Schriftleiter Theodor Senger; Rechtsanwalt Dr. Fritz Buchmann, ein feinsinniger Dichter; Buchhändler Fritz Sohm; Gymnasiallehrer, später Oberstudiendirektor Dr. Aug. Leykauff; Rechtsanwalt Dr. Josef Graf von Pestalozza; Fabrikbesitzer Hans Wießner, seit 1908 Irrhainpfleger und Ordensrat, nach vielen Richtungen um den Orden hoch verdient; Dr. med. Richard Landau, als Dichter tätig; Dr. Benedikt Uhlemayr, nachher Oberstudiendirektor und Gymnasiallehrer Dr. Georg Schmidt, ein sehr eifriges Mitglied, das auch nach seinem Wegzug nach Bremen und Lübeck mit dem Orden in Verbindung blieb; der Nationalökonom Dr. h.c. Gustav Steller, Dichter, Ausschußmitglied und sehr tätig; Dr. Hans Keller, Gymnasiallehrer und zuletzt Oberstudiendirektor; Kunstgärtner und Ökonomierat Albert Ortmann; Kaufmann Otto Börner, 1912-1925 der getreue Schriftführer; Gymnasialprofessor Dr. Heinrich Oertel, von 1905 bis zu seiner Versetzung nach Schweinfurt 1909 Schriftführer und außerordentlich tätig als Vortragender; Patentanwalt Dr. Max Schneider, als Dichter tätig und 1911/12 Schriftführer, 1946-50 erster Vorstand; Medizinalrat Dr. Fr. Lochner trat 1907 in den Orden ein, als er in den Ruhestand nach Nürnberg zog, er hatte schon 1901 das Bildnis seines Oheims für das große Ordensbuch gestiftet; sein Schwiegersohn Dr. Chn. Eidam war gleichfalls ein tätiges Mitglied. […]

So viele Mitglieder und Ehrenmitglieder von überregionaler Bedeutung und Bekanntheit wie um 1900 hat der Blumenorden seither nie wieder gehabt.