Ein Wechsel im Amt des Schriftführers
 
Von Nikolaus Adam Heiden meldet sein Nachruf: "Wegen seines wissenschaftlich gebildeten Geistes, wegen seines regen Sinnes für deutsche Sprache, Vaterlandsgeschichte und Dichtkunst wurde er im Jahre 1806 in den pegnesischen Blumenorden aufgenommen und im Jahre 1818 nach dem Tode des Ordens-Sekretairs Müller als dessen Nachfolger erwählt." Nun gibt es aber eine letztwillige Verfügung Müllers, die vom 30 Juli 1822 datiert ist:

"[…] Zweitens: Im Fall der Blumenorden beschließen würde, mir, als Sekretair, ein Denkmal druken zu lassen, so mögte Herr Diakon Wilder die Bemühung mit Verfertigung deßelben zu übernehmen die Gewogenheit haben. Was von mir bis 1801 im Druk erschienen ist, findet sich in dem 2ten Supplement Band des Nürnb. GelehrtenLexikon angegeben; was aber nachher noch dazu kam, ist in meinem HandExemplar dieses Lexikons, auf einem eingelegten Blatte angemerkt.
[zittrige Unterschrift:] Christian Gottlieb Müller
[von anderer Hand:] V d. 25. Septbr. 1823"
 

 
Da hielt wohl Paul Augustin Michahelles die Amtsübergabe für das Sterbedatum. Johann Christoph Jakob Wilder hatte in seinem Nachruf auf Müller das korrekte Datum genannt. Der dargestellte Lebenslauf läßt amtlichen Tätigkeiten und schriftstellerischer Produktion gleiches Recht widerfahren und deren Verschränktheit erkennen:

"[…] In der Periode, als die Bürger Nürnbergs durch Verbesserung ihrer innern Verfassung dem wankenden Gebäude des Staates neue Stützen untersetzen wollten, nahm er, der schon 1778 zum Genannten des größern Rathes erwählt worden war, an den wohlgemeinten Absichten derselben Theil, soweit als seine Amtspflicht es erlaubte, und gab sich willig zu den Dienstleistungen, die nöthig waren, hin, ohne sich deshalb in schwärmerische Hoffnungen einzuwiegen. […]"  Die Rede ist von der Verfassungsänderung von 1794. Daß es keine Revolution war, zeigen Müllers fortwährend gute Beziehungen zum Patriziat: "Es war ihm der Zutritt zu einigen ausgezeichnet reichhaltigen Sammlungen nürnbergischer Schriften und Kupferstiche, namentlich zu der des verstorbenen Hrn. Geh. Raths von Haller und mehrerer anderer Glieder des hiesigen Patriziats vergönnt, und diesen benützte er zu der Ausarbeitung des Verzeichnisses Nürnbergischer Kupferstiche, seiner bedeutendsten, schriftstellerischen Arbeit, […]
In einzelnen Aufsätzen für das Journal von und für Franken und für Waldaus Beiträge zur Geschichte Nürnbergs, die meist ohne seinen Namen oder nur mit der Chiffer [sic] M. erschienen, trat er auch ausserdem als Schriftsteller auf, der sich angelegen seyn ließ, manchen dunkeln Punkt der Nürnbergischen Geschichte aufzuhellen [… wozu Wilder aber keine Beispiele anführt].
Auch für deutsche Sprachforschung, die so nahe liegt der Geschichte des Volks, äußerte er lebhaftes Interesse und eine Frucht davon war sein [S. 8] homonymisches Wörterbuch der deutschen Sprache […] Die tiefe Trauer seiner Seele um Gattin und Kinder, und der Schmerz um seinen Freund Häßlein veranlaßten ihn gleichfalls die Feder zu ergreifen […]"
Müller war seit 1772 mit einer Schwester Zahns verheiratet und dadurch auch Häßleins Schwager. Nicht nur diesem, sondern auch ihm selbst starben zwischen 1801 und 1806 alle Kinder und die Gemahlin weg. Sein dieser Trauer abgerungenes, bleibendes Verdienst für den Blumenorden war, "Herdegens ‘Manuale' mit großer Mühe nachgetragen und weitergeführt zu haben, vielfach die einzige zuverlässige Quelle für die Zeit 1744-1786. Herdegens Nachfolger hatten sie [die Stammliste] in den Staub der Ordenstruhe sinken lassen, aus dem sie erst Müller herauszog."
 
Der neue Schriftführer Heiden war zur Zeit seines Amtsantritts auch schon ein betagter Herr, geboren 1763. Die stärker klassizistische Ausrichtung seines literarischen Geschmacks scheint weniger ein Zeugnis epochalen Unterschieds zu Leuten wie Müller als eine persönliche Vorliebe gewesen zu sein:"[…] Er gehörte nicht zu der Zahl derer, welche nach vollendetem Gymnasialstudium den Gymnasialwissenschaften auf immer Lebewohl sagen, keinen klassischen Schriftsteller früherer Zeit mehr zur Hand nehmen und bald wieder vergessen was sie einst zu schätzen gelernt hatten.
Das Lesen der alten römischen Schriftsteller, besonders römischer Dichter war ihm Freude bis in die höchsten Jahre seines Lebens. Noch als hochbejahrter Greis war er im Stande, ganze Oden aus Horaz, ganze Stellen aus Virgils Werken, vermöge seines glücklichen Gedächtnisses zu recitieren." − "Die Vorlesung im Jahre 1808 [in einer Versammlung des Blumenordens] enthielt Bemerkungen über die komischen Dichter des alten Roms, besonders über Marcus Auius [sic] Plautus.
Eine andere Vorlesung handelte von dem Studium und der Nachahmung der alten griechischen und römischen Dichter. Im Jahre 1822 verlas er eine Abhandlung über Juvenal und dessen Satiren. Von ihm sind auch Gedichte vorhanden, die er zum Theil im hohen Greisenalter, theils für den Orden, theils bei andern Veranlassungen dichtete."

Über seine Tätigkeit für das Gemeinwesen heißt es: "[…] Im Jahre 1804 wurde ihm die Stelle eines zweiten Sekretairs und Stadtsyndikus anvertraut, welches Amt er bis zu der im Jahre 1806 erfolgten Vereinigung der Stadt Nürnberg mit dem Königreiche Bayern bekleidete. Im Jahre 1808 wurde er bei der Auflösung des bisherigen Senats quiescirt, blieb aber nicht ausser Thätigkeit, indem er im Jahre 1809 zu den Geschäften der Steuerrectification zu Nürnberg und späterhin in gleicher Absicht zu Lauf und Neumarkt verwendet wurde.
Im Jahre 1812 wurde er durch höchste Ministerialversetzung bei dem kgl. Archiv zu Nürnberg als Secretair angestellt und bekleidete diese Stelle bis zu Ende des Jahres 1820, in welcher dieselbe aus administrativen Gründen aufgehoben und er in den Ruhestand versetzt wurde.
[S. 5.] Sein thätiger Geist aber konnte nicht ruhen, freiwillig, um einen Gegenstand nützlichen Wirkens zu haben, arbeitete er in dem Geschäftszimmer der kgl. Pfarrunterstützungs- und Pfarrwitwenkassa als Assistent des kgl. Raths und Administrators Zwingel bis zum Jahre 1830, in welchem Jahre derselbe wegen seines hohen Alters sein Amt niederlegte.
[…] Fünfundzwanzig Jahre bekleidete Heiden diese Stelle [des Ordensschriftführers] mit einer Liebe zur Sache, mit unermüdetem Eifer und mit gewissenhafter Pünktlichkeit und Genauigkeit. Sein Verdienst […] wurde im Jahre 1843 durch eine ihm geweihete Festesfeyer anerkannt, welche ihm große Freude gewährte.
In demselben Jahre legte er zwar seine Geschäfte in demselben nieder, nahm aber an den größeren und kleineren Versammlungen der Ordensmitglieder immer den regesten Antheil.
[…] Tiefer Schmerz beugte ihn nieder über den unter herzzerreißenden Umständen erfolgten Tod seines jüngeren Sohnes Johann Albert, dessen vorzügliche Talente und ausgezeichnete Kenntnisse, dessen Sinn für Dichtkunst dem Vater Hoffnung einflößte, derselbe werde einst ein würdiges Glied des pegnesischen Blumenordens werden. [Fußnote S. 6: Der hoffnungsvolle Jüngling starb den 6. August 1834 an den Folgen eines unvorsichtigen Schusses beim Exerciren im Feuer.]" − Das diesem Unfall gewidmete Denkmal, jenen im Irrhain ähnlich, steht noch an der Stelle, wo er sich ereignet hat, ein paar Meter seitab von der Bayreuther Straße am südöstlichen Ende des heutigen Stadtparks.
 
Um dieselbe Zeit, als der Übergang von Müller zu Heiden sich vollzog, verstarb ein weiterer Vertreter der Übergangsphase in den modernen Staat, Johann Wolf. Ob es an seinem nicht sehr seltenen Namen liegt, daß er neben Männern wie Zahn und Soden kaum die Erwähnung findet, die seiner bedeutenden naturwissenschaftlichen und pädagogischen Tätigkeit und seinem exemplarischen Aufsteiger-Lebenslauf eigentlich gebührt, ist schwer zu sagen, doch ist er in diesen Blättern bereits mehrmals rühmend erwähnt worden (etwa seine weit über Nürnberg hinaus berühmten ornithologischen Schriften) und soll abschließend in den Worten der damaligen Zeit eine Würdigung erhalten:
 

 
Er wurde nach ärmlichen Anfängen, wie es oftmals ging, wenn es überhaupt ging, über eine Privatlehrerstelle zur Wissenschaft geleitet, doch verlief in seinem Fall ein Teil der Ausbildung sogar ausdrücklich als Vorbereitung zum Lehren: "[…] Auf Empfehlung des Herrn Kirchenraths D. Vogel nemlich erhielt er von dem Reichsschultheißen, Herrn Haller von Hallerstein, ein zur Bildung junger Lehrer bestimmtes Stipendium. […] Noch in demselben Jahre [1789] erhielt Wolf von seinem Gönner die Erlaubniß zu einer pädagogischen Reise, und besuchte die vorzüglichsten Schul- und Erziehungsanstalten und Seminarien zu Schnepfenthal, Gotha, Weimar, Jena, Halle, Dessau, Leipzig, Magdeburg, Barby und vor allem die bekannte treffliche Schule zu Rekahn, wo er am längsten verweilte, und sich des belehrenden Umgangs des um die Erziehung so hochverdienten Domherrn von Rochow erfreute. Von da führte ihn sein Weg nach Potsdam und Berlin und über Rekahn wieder nach Meiningen zurück. […] Großen Einfluß auf seine nachherigen Beschäftigungen und die Richtung seiner Thätigkeit schreibt er besonders einer Unterredung zu, die er auf dieser Reise mit dem […] berühmten Pädagogen Salzmann zu Schnepfenthalhatte. […]" Am 5. Oktober 1790 kehrte er nach Nürnberg zurück. "Gleich Tags darauf meldete er sich bei seinem Gönner […] und trat einige Tage später bei dem Sohne desselben, Herrn Waldamtmann von Haller, eine Hauslehrerstelle an. Damals herrschte noch nicht das ängstliche Streben im häuslichen Unterricht, den ganzen Tag hindurch fast ohne Ruhepunct, selbst auf Kosten der körperlichen Entwicklung und Gesundheit, den jugendlichen Geist mit Kenntnissen anzufüllen; sondern man gestattete den Kleinen auch noch etwas Zeit zur Erholung und Verarbeitung des Gelernten. Daher hatte unser Freund auch nur Nachmittags zwei Stunden Unterricht zu ertheilen, so daß er die freien Vormittagsstunden zum Unterrichte in andern Häusern, namentlich im Merkel'schen, in welchem er viel Gutes genossen zu haben mit dankbarem Herzen rühmte, verwenden konnte.
Schon nach anderthalb Jahren verließ er diese Stelle, und trat im Mai 1792 als Lehrer in die Büchnerische Lehr- und Erziehungsanstalt." "Nachdem er 1803 das Büchnerische Institut […] verlassen hatte, wurde er an der neuerrichteten Knabenindustrieschule als erster Lehrer angestellt. […] In dieser neuen Lehrstelle gehörte es zu Wolfs Verpflichtungen, mehrere Theile der Technologie theoretisch und praktisch zu lehren, und deshalb die nöthigen Kenntnisse sich selbst erst zu erwerben. Mit welchem Erfolge dieß geschehen, zeigen seine Musterstücke, so wie die Arbeiten, welche die Knaben unter seiner Leitung damals verfertigten. Die ersten waren von der Beschaffenheit, daß selbst ein zünftiger Meister gewiß wenig daran auszusetzen gefunden haben würde, und empfehlen sich noch überdieß durch ihre geschmackvolle Form. […] als im Jahre 1808 bei der Organisation der höhern Lehranstalten dahier das physico-technische Realinstitut errichtet wurde; wurde Wolf als Professor der naturgeschichtlichen Studien bei demselben angestellt, jedoch aber schon im folgenden Jahre zu dem dahier gegründeten Schullehrerseminar als Inspector und zweiter Lehrer versetzt […]" "Höchstbeunruhigend war es […] für ihn, als vor etwa zwei Jahren [1822] die Versetzung des Schullehrerseminars nach Altdorf zuerst in Anregung kam, wodurch ihm mancher Kummer veranlaßt wurde, weil bei einer Veränderung der Art seine häuslichen Verhältnisse mit einem höchst empfindlichen Verluste, ohne Hoffnung einigen Ersatzes, bedroht waren.
[…] Er war ein Freund einfacher und unschuldiger Vergnügungen, besonders der Freuden, welche die Betrachtung der Werke der Natur gewährt. Er verschmähte es daher nicht, wenn es seine andern vielen Geschäfte erlaubten, kleine Fußreisen in Gesellschaft einiger Freunde in die benachbarten Gegenden zu machen. Am meisten gefiel ihm in dieser Absicht die von ihm sogenannte Nürnberger Schweiz, oder das an Naturschönheiten und Merkwürdigkeiten reiche Pegnitzthal von Hersbruck bis Velden […]" Zuletzt kommt noch heraus, daß der Ausdruck "Fränkische Schweiz" wohl nicht ursprünglich auf Tieckund Wackenroder zurückgeht, sondern auf Wolf, und wenn nicht dieser, so vielleicht seine Übertragung auf die "Hersbrucker Schweiz"!
"Im stillen häuslichen Kreise war er ein treuer Gatte, ein liebevoller zärtlicher Vater […] Die ihn überlebende betrübte Witwe und vier trostlose Kinder aus drei verschiedenen Ehen, drei Söhne und Eine [sic] Tochter, sahen mit ihm ihren einzigen Schutz und ihre Hilfe in das Grab hinabsinken. […]" Man muß sich einmal klarmachen, daß proportionale Hinterbliebenenbezüge aus Anstellungsverhältnissen damals nicht vorgesehen waren. Was einer nicht für seine Familie ansparen konnte − und zum Sparen hatte es bei einem, der völlig unbemittelt angefangen hatte, nie gereicht −, der mußte seine Hinterbliebenen der Mildtätigkeit überantworten, die aus öffentlichen Mitteln sehr spärlich organisiert und ausgestattet war, aus privaten Mitteln von Freunden des Abgeschiedenen oder von Verwandten wohl kaum mehr als sporadisch fließen konnte. Wolf war lange schon konstitutionell schwach an der Lunge gewesen, litt zuletzt an einer sehr schmerzhaften Entzündung im Unterleib und starb am 12. Februar 1824.
 
Zehn Jahre später verschied Colmar, der sozusagen letzte Mohikaner des Alten Reiches und seines in Wehmut absterbenden Geistes. Er stammte im Unterschied zu Heiden und Wolf aus einem Haus, das bereits recht ansehnliche Amtsträger gestellt hatte: Sein Vater war noch "Doctor der Rechte, Nürnbergischer Konsulent und vorderster Assessor am Stadt- und Ehe-, auch Land- und Bauerngericht" gewesen. 1788 verheiratete er sich mit der Tochter Leinkers, dem der wahrscheinlich älteste Gedenkstein im Irrhain aufgestellt wurde. Sein langes Leben brachte ihn noch in Berührung mit Ordensmitgliedern, die zum Teil über die Mitte des 19.Jahrhunderts hinaus aktiv blieben. "Die alten Freunde und Gesellschafter, ein Spieß (ehemaliger reichsstädtischer Konsulent) und seine Familie, ein Zahn, Müller, Frank, ein Bädeker, Sein Arzt und Freund Schadelook, Bayer, Rehberger Sein theurer Verwandter, Hanf, Schuldentilgungskassier von Grundherr, Stadtgerichtsassessor von Holzschuher, Kiefhaber und Andere wurden Ihm theils durch den Tod, theils durch persönliche Entfernung entrissen. Aber es schloß sich immer wieder ein Kreis um Ihn, dessen Brennpunkt Er war [...Dieser bestand zuletzt aus] den Herren Geheimen Hofrath Siebenkees, Dr. med. Bayer, Stadtsyndicus Heiden, Pfarrer Michahelles dem ältern und jüngern, Pfarrer Dietelmair, Pfarrer Seiler." Am Ende wurde seine gelegentliche Neigung zum "Trübsinn" wegen körperlicher Gebrechen stärker. "Er entschlief den 20. August 1834."