Sondersparten

Es gibt noch einige lose Enden, die mit dem geschichtlichen Gang zu verknüpfen nicht ganz leicht ist. Und es liegt mehr an dem geschichtlichen Zustand der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als an einer hier vertretenen Auffassung, daß Literatur von Frauen oder für Frauen nicht einfach in die vorigen Betrachtungen einbezogen werden konnte, sondern eine der Sparten bildet, aus denen sich der Verlegenheits-Sammeltitel „Sondersparten“ zusammensetzt.

Bereits als Klassiker etablierte Schriftstellerinnen wurden natürlich fraglos geehrt, z.B. Droste-Hülshoff.

 Schwieriger war für eine Anfängerin, anerkennend wahrgenommen zu werden; da hieß es schon einmal: „Beckh liest einige Verse eines 16jährigen Mädchens […] recht talentvolle Sachen, wenn auch zum Theil „nachempfunden“. […]“ Irgendwie „nachempfunden“ ist alles, womit einer anfängt, aber bei einem jungen Mann wäre die mangelnde Originalität kaum so vermerkt worden.

Die erste Stufe der Wahrnehmung von, nennen wir’s einmal, „Frauenliteratur“ geschah im Orden durch Lesungen innerhalb der Gedenktage und Feste, aber erst, nachdem die betreffenden Damen sich schon einmal in den Dienst des Vortrags bekannter Texte gestellt hatten — das geschah ab 1899.
 
Freitag den 10. März 05    9. Wochenversammlung
[…] Den Schluß des Abends bildete Sohm mit der Verlesung von Clara Viebig’s Einakter: „Eine Zuflucht“, der uns mit viel Realistik den Besuch zweiter „Wohltätigkeitsdamen“ und eines etwas salbungsvollen Pastor’s in einer Mädchenbesserungsanstalt in Berlin vorführt. Meisterhaft ist der Verkehr der „Anstaltsmutter“ mit ihren „Pfleglingen“ u. diese selbst geschildert. Bei beiden Damen u. dem Pastor sind der Verfasserin manche Übertreibungen unterlaufen, auch ist die ganze Geschichte etwas langatmig geraten. Von dramatischer Stärke ist am Schlusse des Stückes die Scene, in welcher  sich das Mädchen mit aller Kraft dagegen stemmt, dem Schutz u. der Obhut der beiden Damen sich unterzuordnen. Sie will keine Umkehr zum Bessern. Sie will hinaus in die Freiheit, zurück zu dem Leben, das sie hierher geführt u. mit ihm zu Schande u. Laster. Sehr gut hat dabei die Dichterin das krankhafte, hysterische im Wesen des Mädchens geschildert. — Sohm verlas das Stück in meisterhafter Betonung. — Es war vorauszusehen, daß sich an die Verlesung eine vielgestaltige Aussprache anknüpfen würde, in deren Verlauf Beckh u. Brügel sehr interessante Erlebnisse u. Erfahrungen aus dem Bereich ihres Berufes mitteilten. […]

Der eine war, wie erinnerlich, Psychiater, der andere Landgerichtsdirektor, und sie glaubten wohl genau zu wissen, was hysterisch sei.

Freitag den 23. April 1909    13. Wochenversammlung
[…] Schmidt berichtet über das Buch von Lu Volbehr „Die neue Zeit“, das viel Schönes enthält, jedoch dem I. Band gegenüber abfällt. Der Inhalt des Buches spielt zum größten Teil in Nürnberg.

Freitag, 5. Oktober 1906    29. Wochenversammlung
Helene v. Forster „Stimmungsbilder aus Nürnberg“
Die Künstlermonographie über Fiesole von uns. corresp. Mitgl. Wingenroth, sowie das Werkchen von Helene v. Forster werden für die Bücherei erworben.
[…] Die Proben aus Helene v. Forster’s neuem Werkchen „Winternacht“ u. „Der Schreinermeister“ die Beckh verliest lassen große Anspruchslosigkeit erkennen.

Freitag den 24. Februar 1908 (4. Wochenversammlung) 1. Familienvortragsabend
Der Vorsitzende begrüßt die in erfreulich größerer Zahl erschienenen Mitglieder, darunter besonders die Damen unter Hinweis darauf, daß die Anteilnahme von Damen stets Tradition im Orden gewesen sei.

Freitag den 4. April 1913    11. Wochenversammlung
[…] Ferner gab Beckh den Einlauf eines Festspieles von Fräul. Carola Kellermann, Tochter des Mitglieds Oberstudienrat Dr. Kellermann bekannt, welches gelegentlich der Schul-Gedächtnisfeier für 1813 am 14. Juni d.J. in der Oberrealschule zur Aufführung gelangen soll. […]

Freitag den 9. Jan. 1914    2. Wochenversammlung
[…] Dr. Behringer verlas einen hochinteressanten Artikel über Frauenliteratur. […] Außer der Lyrik, in welcher Verschiedene ganz Hervorragendes zeitigten, war es hauptsächlich die Novelle, der Familienroman und die Jugenderzählung, auf welche es [das weibliche Schriftstellertum] sich warf, und in welchem es teilweise großartige Erfolge erzielte. […]

Und das war’s vorerst.

Testweise soll nach den Erfahrungen mit Pegnesenschriften, die sich vor 1894 mit einer weiteren „Problemgruppe“, dem Judentum, auseinandersetzten, auch für den hier betrachteten Zeitraum nachgesehen werden, ob man etwa Antisemitismus findet.

Freitag, den 23. November 1906    36. Wochenversammlung
[…] Mit der beifällig aufgenommenen Verlesung einer im jüdischen Milieu der Stadt Frankfurt spielenden, teilweise im Dialekt dieser Stadt abgefaßten köstlichen Humoreske „Knöpfche“ von Hermine Willinger schloß der Präses den Abend um 11 ½ Uhr.

Freitag den 1. Februar 1907        5. Wochenversammlung
[…] Zeiser sendet: […] „Flatternde Nebel“ von Alfred Nathan

Geheimer Hofrat Nathan, Wohltäter Fürths (u.a. „Nathanstift“), Freizeitlyriker, wurde am 19. 3. 1917 in den Orden aufgenommen.

Freitag den 8. Februar 1907         6. Wochenversammlung
[…] Beckh verliest aus der Beilage der allgemeinen Zeitung einen interessanten Aufsatz über die Leichenfeier Berthold Auerbach’s in Nordstetten, die vor 25 Jahren stattgefunden hatte. Den Anlaß zu dieser Schilderung gab die Anbringung einer Gedenktafel am Wohnhause des Dichters […] u. die das Gedenken an den beliebten Schilderer des Schwarzwaldes u. seiner Bewohner von Neuem wachrief. […]

Freitag den 26. April 1907        15. Wochenversammlung
[…] Brügel las aus der „Neuen Rundschau“ (Februarheft 1907) „Der Sündige“ von Schalom Asch, deutsch von Esther Schneerson-Feiwel. Es ist ein in dramatische Form gekleidetes unerquickliches Machwerk, unerquicklich durch den verschleppten Gang der Handlung, insbesondere aber unerquicklich deshalb, weil der Leser nicht weiß, was er damit anfangen soll: ob die Scene ernsthaft oder satirisch zu nehmen sei. Für den ersten Fall wäre es ein dramatisiertes Wunder, das nur vom strenggläubigen Juden ernst genommen werden  könnte; in letzterem Fall wäre zu beanstanden, daß die Satire auf das orthodoxe Judentum eben doch nicht klar und befreiend zum Ausdruck kommt. […]

Genausogut hätte in bezug auf andere Religionen als mangelhaft bezeichnet werden können, daß sich ein Autor noch nicht zur aufgeklärten Freiheit durchgerungen habe — und solche gab es genug. Ebensowenig rassistisch war das Unbehagen gegenüber Eduard Engel:

Bericht über die Sitzung der gesamten Ordensleitung am Mittwoch, d. 25. September 1912, abds. 6 U. bei Hofrat Dr. Beckh.
[…] Für den Winter ist seit langem eine Vorlesung von Prof. Dr. Eduard Engel in Aussicht genommen und hat der I. Vorstand mit ihm über die Angelegenheit korrespondiert. Als Vortragsthemata hat Dr. Engel bezeichnet: 1) Wer hat die Dramen Shakespeares geschrieben; 2) Kern der Fremdwörter; 3) Frau von Stein; 4) Das deutsche Drama der Gegenwart; 5) Die deutschen Dichterinnen der Gegenwart. Von diesen Thematen würde an sich das 1ste vor anderen zusagen, allein das für den einzelnen Vortrag geforderte Honorar von M 150,- (dazu soll noch ein weiterer Vortrag „in der Nachbarschaft“ vermittelt werden) schreckt sehr ab, um so mehr als die Kasse durch den Druck der Satzungen und des Mitgliederverzeichnisses und nicht zuletzt durch die dauernden Anforderungen des Irrhains stark in Anspruch genommen ist. […]

Dienstag, den 18. März 1913,    3. öffentliche Versammlung im goldenen Adler
Prof. Dr. Ed. Engels
[sic], Berlin, der Redner des Abends, hatte sich [nach Einwänden gegen das Shakespeare-Thema] als Thema: „Das deutsche Drama der Gegenwart“ gewählt. […] Seinerzeitige Tagesgrößen, wie Raupach, später Gutzkow, auch Wildenbruch, die eine Zeit lang die öffentliche Meinung vollständig beherrscht hätten, seien von der  Tagesfläche verschwunden und der jüngeren Generation kaum mehr bekannt. Auch das letzte Drittel des vorigen Jahrhunderts habe keine besonderen Leistungen vorzuweisen […] Ibsen, welcher die Betonung auf möglichste Realistik lege, habe dem Drama neue Bahnen geschaffen […] der Literaturhistoriker werde nicht darüber hinwegkommen, […] ein Hauptmannsches Zeitalter anerkennen zu müssen. Was Gerh. Hauptmanns Werke anbelange, […] meinte der Redner, daß dieselben kaum eine lange Lebensdauer erreichen würden. […]

Er teilte ganz schön aus, der sehr nationalkonservative Eduard Engel. (Heute gilt er als jüdischer Märtyrer, weil Ludwig Reimers seine „Deutsche Stilkunst“ ungestraft plagiieren konnte.) Die Pegnesen, welche Gerhart Hauptmann zum Ehrenmitglied erhoben hatten, hörten sich das an, und keinem fiel ein, Engels Ansichten etwa als Ausdruck einer allzu beflissenen Assimilation zu beanstanden. Auch der Verriß einer Veröffentlichung von Erich Mühsam hatte politische, nicht rassistische Hintergründe:

Freitag den 19. Dez. 1913,        40. Wochenversammlung
Wießner jun. brachte aus einem reichhaltigen Manuskript Erich Mühsams, betitelt: „Wüste, Krater, Wolken“ eine größere Auswahl Gedichte zum Vortrag. Unter peinlichster Ausschaltung selbst der geringsten ästhetischen Regung befleißigt sich Mühsam seine, fast durchwegs der Gosse und ihrem Zuhältertum entlehnten Stoffe, unter Beibehaltung der gesamten ihnen anhaftenden Kriminalität in Reime zu faßen, wobei nur das eine bedauerlich ist, daß er seine geschmeidige und fließende Versifizierungskunst an solch niedrige, allen Anforderungen an die Poesie direkt ins Gesicht schlagende Arbeiten verschwendet.
[…]

Die Frage ist überdies, ob es im Blumenorden vor 1914 bei der Wahrnehmung damaliger Literatur, mitten im Kolonialismus, Vorurteile gegenüber weiteren Rassen oder gewissen Ausländern gab. Beim alten Knapp findet man nichts als neugierige Versenkung ins Fremdartige:

34. W.V. Freitag 29. Novbr. 1895
[…] Knapp liest drei von ihm übersetzte span. Romanzen den Niedergang des Mauren-Volkes behandelnd […]

Ähnlich schon 1889:

Hr. Nestler verliest aus der Allgem. Zeitung eine anerkennende Besprechung zwei [sic] hübscher türkischer Lustspiele des Mirza Feth-Ali Akhond-Zadé, in Tiflis, welche durch die französ. Uebersetzung des Alphonse Cillière der europäischen Welt zum erstenmale bekannt werden. Der türkisch-persische Dichter bekundet ein reiches, geistreiches dramatisches Talent, dessen Stücke auch auf unserer Bühne mit Glück aufgeführt werden könnten.

8. Dezember 1899     40. Wochenversammlung
[…] Seyfried bringt zum Schluße „Dr. A. Forke Chinesische Lyrik 4-6 Jahrhundert“, worin einzelne Gedichte wegen ihrer Feinheit geradezu überraschten. […]

Aber die nächste Generation, die Zeitschrift „Jugend“ lesend, machte sich schon andere Gedanken:

[…] Lambrecht las aus der Jugend: „Stille Helden, Alltägliches — Allzu-tägliches aus dem letzten Hottentottenkriege“, eine Episode, die den Heroismus deutscher Krieger in Afrika schildert u. die laue spießbürgerliche Stellungnahme gewisser Kreise im Reichstag zu der Kolonialfrage in scharfen Kontrast dazu bringt. […]

Afrika und China dort, türkisch dominierter Orient, mit dem man gute Beziehungen pflegte (auch dann im Kriege), hier — dazu Wahrnehmung ausländischer europäischer Autoren, gerade auch Skandalautoren.

14. W.V. Freitag den 26. April 1895
[…] Müller über „Ein Sohn“ und andere Erzählungen von Guy v. Maupassant spannende und geistreiche Skizzen, psychologisch. […]

20. W.V. Freitag den 28. Mai 1897
[…] Url liest von Maeterlingk [sic] „Der Eindringling“ welcher mit gemischten Empfindungen angehört wird. […]

3. Februar 1899 5. Wochenversammlung
[…] Bernhold liest einige Gedichte Gabriele d’Annunzios und bespricht Wingenroth diesen Schriftsteller und seine Erotik. […]

20. October 1899 33. Wochenversammlung
[…] Bernhold bringt aus den Sonnenblumen einige Gedichte August Strindbergs […]
Auf Anregung Wingeroths
[sic] hat sich über die Verlesung v. Feuilletons eine längere Besprechung entwickelt. Wingeroth meinte, es sollen derartige Arbeiten, die jeder in der Zeitung selbst lesen kann überhaupt nicht verlesen werden.
Letzterer bespricht dann kurz das neueste Werk Zolas „Fecondité“ (Fruchtbarkeit)
[…]

Freitag, den 2. Juni 1905        20. Wochenversammlung
[…] Steller [verliest] aus dem oben erwähnten Essay von Hedwig Bachmann über Oscar Wilde, worin sie den Versuch macht, die sittliche Verirrung des Dichters psychologisch zu erklären und zu entschuldigen; ihr Unternehmen muß als ein verkehrtes und mißlungenes bezeichnet werden, steht sie doch nicht an, den bedenklichen wohl der Willensschwäche des verweichlichten Mannes entsprungenen Fehltritt als eine Weiterung und Erhöhung des physischen und geistigen Menschen zu erklären.

Freitag, den 30. September 1910
Eßlinger verliest aus Wilde’s Erzählungen: „Der Geburtstag der Infantin“, eine phantastische, nicht leicht genießbare, jedenfalls aber hochpoetische Schöpfung mit einem seltenen Reichtum der Bilder und Sprachmittel.

Freitag den 5. Mai 1911        17. Wochenversammlung
[…] Lambrecht […] verliest sodann einige abschreckende Stellen aus dem Buch von Gabiele d’Annunzio „Vielleicht, vielleicht auch nicht!“ Die wenigen Proben, die sehr kräftiger Natur sind, lassen den Wunsch nach weiterem nicht aufkommen. […]

Freitag den 8. März 1912        8. Wochenversammlung
Lambrecht brachte aus Oskar
[sic] Wildes: „Märchen & Erzählungen“ das Märchen: „Die Rose und die Nachtigall“ zur Verlesung, um zu zeigen, daß Wilde auch andere Saiten anzuschlagen versteht, als die in seinen Dramen p.p. [Folgt Inhaltsangabe.] Schlußmoral: Frauen sind leichter durch Geschmeide als ein selbst mit dem eigenen Herzblut erkauftes, an sich selbst wertloses Geschenk zu gewinnen. […]

Freitag, den 24. April 1914.        15. Wochenversammlung
Oskar
[sic]-Wilde-Abend im Pegnesischen Blumenorden.
[…] Herr Dr. phil. Max Schneider […] Der erste Grundsatz seiner Kunst: die Wertung der Welt nach ihrem Schönheitsgehalt, ist zweifellos die wahre Stärke des Dichters. In dem zweiten Grundzug: Der Einschätzung der Schönheitswerte nach ihrer Bedeutung für das Subjekt — liegt die  Eigenart und das Ungewöhnliche; in dem dritten Grundzug: Dem Versuch der Anpassung der Kunstformen an diese aesthetisch-subjektivistische Weltanschauung — aber wohl die Schwäche Oskar Wildes. […]
Künstlerisches Gestalten und künstlerisches Genießen soll alles ersetzen — auch Ethik und Philosophie
. […] Daß er hier falsche Bahnen und verhängnisvolle Wege ging, mußte der Dichter leider nur zu hart an sich selbst gewahr werden. Aber in der Einsamkeit des Kerkers fand Wilde den Weg zu einer neuen Schönheit, zur Schönheit der Religion. […] dort unternahm er bereits den großartigen Versuch, die christliche Heilsgeschichte als ein Evangelium der Schönheit auszulegen und zu verkünden, die Person des Heilands als das Urbild wahrer Künstlerschaft darzustellen. […]

Zwei zeittypischen literarischen Vorlieben wurde auch im Blumenorden gehuldigt: der nordischen und der russischen Literatur; ersterer als vermeintlich echt germanischer und doch moderner Kunst, letzterer unter dem Gesichtspunkt der vom Religiösen abgekoppelten Mystik.

20. W.V. Freitag den 22. Mai 1896
[…] Eingegangen von Raw’scher Buchh: Catilina von H. Ibsen (Jugendarbeit)

23. Februar 1900 (8. Wochenversammlung.)
[…] In hochinteressanter u. äußerst dankenswerter Weise berichtet Wingenroth über Ibsen’s neuestes Werk „Wenn wir Toden erwachen“, das wohl eines der besten Werke des jugendfrischen schwedischen [!] Dichters genannt zu werden verdient. […]

Freitag, den 21. Januar 1910        3. Wochenversammlung
[…] Steller hat die Dankrede der Selma Lagerlöf nach Empf. des Nobelpreises von seiten der schwedischen Akademie in deutscher Übersetzung mitgebracht, deren Vortrag lauten Beifall findet. Man erfreut sich an dem Liebreiz feinster Empfindungen und der Kunst der originellen Gedankenführung. Weniger kann man der ausgezeichneten Schriftstellerin, die nur von den Schweden u. Russen gelernt haben will, diese kleine — Undankbarkeit verzeihen. […]

Freitag, den 31. Mai 1912        19. Wochenversammlung
Steller trägt ein deutsches Gedicht Ibsen’s vor, in welchem er die nationale Begeisterung des Jahres 1870 bei staunenswerter Sprachgewandtheit verspottet; ein schlechter Dank für die gewährte Gastfreundschaft.
[…]

Verschmähte Liebe? Die zunehmende deutsche Empfindlichkeit, ja Ehrpußligkeit ist kein gutes Zeichen.

Von den russischen Autoren begegnet in den Protokollen eigentlich nur Tolstoi, dieser aber viermal (13. 10. und 3. 11. 1899, 9. 3. und 25. 11. 1900); der Favorit ist „Auferstehung“, aber auch „Tod“ (mit dem Zusatz: auf dem Schlachtfeld“ und ein Buddha-Aufsatz werden rezipiert.

Aus all diesen Erfahrungen samt den Lesefrüchten aus Literaturzeitschriften ergibt sich eine Aufgeschlossenheit für literaturgeschichtliche Ortsbestimmung:

Freitag den 17. November 1911        35. Wochenversammlung
Beckh verliest sodann aus der Zeitschrift für den deutschen Unterricht die zweite Hälfte des Jäger’schen Aufsatzes „Zur Kritik der Moderne“.
[…] Als Grundbedingung für eine Volkskunst bezeichnet der Verfasser ein inniges Zusammengehen u. Verschmelzen von Kunst u. Religion — oder wie er sich genauer ausdrückt — von Kunst u. Christentum. Nur auf diesem Boden erhofft er sich wieder große, umfassende Erfolge.
Steller findet, daß der Aufsatz viel Beachtenswertes enthält; daß unserer Zeit tatsächlich auf literarischem Gebiete ein großes Ziel fehlt. Das Zusammenfassen von Religion und Kunst möchte er aber in anderem Sinne angewendet wissen, wie es Jäger tut, der sich bei seinen Ausführungen nur auf das Christentum beschränkt, während an die Stelle des Christentums Religion im weitesten Sinne gesetzt werden müßte.
[…]

Damit ist einer Schmalspurethik Tür und Tor geöffnet, ohne daß im Sinne der Klassischen Moderne eine von Weltanschauungen freie, ergebnisoffene, ja sogar an der Möglichkeit von Ergebnissen zweifelnde Sinnsuche in den Blick käme. Es ist sogar zu befürchten, daß sich auf der Grundlage von Stellers Erwartungen an die Stelle der herkömmlichen Religion eine biologistische Volkstum-Ideologie setzen werde.

Das Volkstümliche begegnet hier allerdings noch im Gewande gemütvoller und gemütlich genossener Genremalerei. Das Humoristische überhaupt hat bei dieser Wahrnehmung durchwegs mit sozial niedriger Stehenden oder überholten Spießertypen zu tun.

15. W.V. Freitag den 3. Mai 1895
Scharrer berichtet über „Schmetterlinge“ von Wilhelm Busch.

26. W.V. Freitag den 27. Sept. 1895
[…] Schmidt aus Kobells Prosa „Der Brandner-Kaspar“, in oberbayr. Dialect, eine packende naive Erzählung, die den Volkston trifft.

28. W.V. Freitag 11. October 1895
[…] Cahn liest eine Humoreske von Wildenbruch „Mein Cirkel aus Pommern“ welche, noch gehoben durch den vollendeten Vortrag, außerordentlich anspricht und eine Zwerchfell-erschütternde Wirkung hat. […]

28. October 1898             34. Wochenversammlung
Beckh beschließt die Versammlung mit der Verlesung einer sehr humorvollen Geschichte E. v. Wolzogens „Die Gloriahose“ eine Pastorengeschichte aus Thüringen.

Freitag, 5. Oktober 1906        29. Wochenversammlung
Den fröhlichen Schluß des Abends bilden
[Ludwig] Thomas köstliche Humoresken „Assessor Karlchen“, „Comtesse Muki“ und „Die Probier“, die, die Tafelrunde in so heitere Stimmung versetzen, daß sich manch einer eine Träne von der Wange wischt. […]

Freitag, den 11. Februar 1910    6. Wochenversammlung
[…] 1) Charles de Coster, Tyll Ulenspiegel u. Lamm Goedzak. Deutsch von Friedrich v. Oppeln-Bronskowski. Verlegt bei Eugen Diederichs, Jena 1909. — Aus diesem vielgerühmten Buche, das uns das Flandern der Vergangenheit im Kampfe gegen den Fanatismus des Südens schildert, bringt Heerwagen auf Verlangen eine humorvolle Episode daraus zum Vortrag. — Die Anschaffung dieses Werkes (Preis M 6.50) wird beschlossen. […]

Allmählich wird der Volkston ernster.

Freitag den 20. Dez. 1912.        38. Wochenversammlung
[…] Von Schmidt wird ein Band Gedichte des schon öfter genannten Naturdichters, Mich. Kreß: „Leyer, Schwert & Pflug“ vorgelegt, eines Oekonomen, aus der Umgegend, welcher nicht bloß emsig seinen Feldboden, sondern auch die verschiedenen Gebiete der Wissenschaften durchackert u. sich so viel wie möglich davon einzuheimsen sucht, wie seine, durch Beckh vorgelesenen Gedichte: „November 1870“, „Die roten Steine bei Weißwaßerloos“, „Pfaffenstein, 8. Juni 1908“ beweisen, in welchen er sich uns, in meistens gelungenen Versen, sowohl als patriotischer Dichter, wie als Naturschilderer, Geologe u. Anthropologe in einer Weise vorstellt, die zeigt, daß er seine Studien mit Nutzen betrieben hat. u. seine Kenntniße auch anzuwenden weiß. — Schmidt wird ersucht, den Herrn einmal einzuladen; event. mitzubringen. […]

Freitag den 3. Oktober 1913        29. Wochenversammlung
[…] Lambrecht las aus dem Werk: „Männer“ von Heidemark: „Fliegers Tod“ vor. […] Nachdem er erst als Offizier, durch eifrige Uebung und Belehrung dem Flugwesen zu einer ausgiebigen Verwertung verholfen, dringt er mit seinem Flugzeug gegen den Feind vor und richtet durch geschickt gezielte Bombenwürfe solche Verwirrung in dessen Reihen an, daß es den Seinen leicht wird ihn in die Flucht zu schlagen. Mit dem stolzen Bewußtsein Hunderte von Kameraden dem Leben erhalten zu haben, erleidet er den Opfertod. […]

Freitag, den 1. Mai 1914.        16. Wochenversammlung
[…] Heerwagen verliest seinen in der Heimat, Beil. der Nbg. Z. Nr. 9, veröffentlichten Artikel „Zur neuesten Nürnbergischen Mundartdichtung“, in dem er energisch gegen den allzu dürftigen Ehrgeiz und die unechte Stimmung der modernen Dialektdichter am Pegnitzstrand Front macht u. die Ueberlegenheit der alten Meister betont. […]

Zuletzt bleibt in diesem Abschnitt zu erwähnen — ob es zum Trost gereicht? — daß in den Jahren vor 1914 am Rande auch Namen später erfolgreich gewordener Schriftsteller begegnen, die von anderer Art waren: Ernst Wiechert (22. 11. 1897), Hans Carossa (der zu dieser Zeit in Nürnberg als Arzt praktizierte, 4. 11. 1910), und Ernst Penzoldt (vorläufig nur als Buchillustrator, 29. 12. 1911.) Er war Wilhelm Beckhs Enkel.