Die Standpunkte sortieren sich

Eigene Dichtungen treten zunächst in den Vordergrund. Es erübrigt sich, sie zu zitieren, wenn man liest, wie sie referiert werden. Bald aber wendet sich die Aufmerksamkeit doch wieder den Werken der Tagesgrößen zu, von denen manches Dauernde zu erwarten ist, aber die Anschauung davon wird passiv, ja abwehrend. Außerdem gibt es immer wieder politische Querschläger, denen man deswegen nicht gleich entschieden entgegentritt, weil die Ereignisse im Land und in der Welt verworren sind und Meinungen der wildesten Art gegen dasjenige kaum abstechen, was die Wirklichkeit an Verunsicherung zumutet.

Freitag den 6. Febr. 1920        4 Wochenversammlung
[…] Alsdann erteilte der Vorsitzende Fräulein Karola Kellermann das Wort zum Vortrag einer Anzahl Eigendichtungen.
Von den beiden zuerst vorgelesenen Märchen: „Der Segen des Leides“ und „Der Tod im Frühling“ fand namentlich das letztere, durch seinen hohen, poetischen Gehalt und seine sinnige Durchführung eine sehr warme Aufnahme.
Auch die darauf von Frl. Kellermann bekannt gegebenen Gedichte fanden allseitigen Beifall und legten sowohl nach Form, wie Gehalt ein schönes Zeugniß von der Verfasserin glücklicher Gestaltungskraft ab.
[…]

Freitag den 13. Febr. 1920.        Familienabend.
[…] Herr Hans Wießner, hatte als Thema die Bekanntgabe einiger Preisnovellen unseres korrespondierenden Mitgliedes, des Herrn Prof. Dr. Georg Schmidt, Lübeck, gewählt.
[…] „Onkel Griesgrams Bekehrung“, die letzte der vorgelesenen Novellen, ist geradezu einzig. Die reizende Naivität, mit welcher der kleine, noch nicht zweijährige Knirps dem griesgrämigen Onkel immer wieder mit seinen Fragen zusetzt und sich weder durch grämliche Abweisungen noch Drohungen abschrecken läßt, ist köstlich. Sehr glücklich ist auch die schließliche Heilung des Onkels von seinem Grieskram [sic] durch das Erinnern an seine Mutter und all das, was sie ihm Liebes und Gutes angetan hat, durchgeführt. […]

Freitag, den 20. Feb. 1920.        5. Wochenversammlung
Beginn 8 Uhr.
Der Besuch von Mitgliedern sowohl, wie Eingeladenen war ein derart reger, daß es dem Berichterstatter nicht möglich war sämtliche Anwesende namentlich aufzuführen.
[…] Fräul. Elisabeth Leffler, zum Vortrag ihrer  Dichtungen, […]
Ein minder hervortretendes Anlehnungsbedürfniß und eine höhere Sichselbsteinschätzung dürften die Dichtungen kaum weniger gehaltvoll haben geraten laßen und zu einer etwas weniger melancholischen Lebensauffaßung geführt haben.
Schluß 10 Uhr. O. Börner.

Freitag, den 12. März 1920        7. Wochenversammlung
[…] Anwesend: Ackermann, Bechtolsheim [der das Protokoll führt] mit Frau, Beutner, Börner, Frl. von Ebner, Frau Giulini, von Harsdorf, Hubel, Frl. Kellermann II., Frl. Leffler mit Schwester, Riedner, Reubel, von Scheurl mit Frau, Hofrat Voit, Wießner.
[…] Dr. Günther Reubel […] welcher eine Eigendichtung, die Novelle „Trieb und Liebe“ zur Vorlesung brachte. Die Novelle behandelt ein Ehe- und Sexualproblem, das Verhältnis einer empfindsamen, zarten, vielleicht etwas hysterisch veranlagten Frau zu ihrem um 20 Jahre älteren, brutalen und triebhaft sinnlich veranlagten Gatten. […] In diese zerrüttete, unglückliche Ehe erhält ein junger, durch Wesensverwandtschaft mit der Frau sich hingezogen fühlender Mann Einblick. Die Frau vertraut sich ihm rückhaltlos an, sucht bei ihm Trost und Schutz. Das Dazwischentreten des Gatten bringt die Katastrophe, Aussprache zwischen den Männern. Innere Wandlung des Gatten und schließlich Versöhnung und Neugestaltung der Ehe.
Die Novelle gefiel besonders durch die schlichte, schöne, an Paul Heyse gemahnende Sprache.
[…]

Freitag, den 19. März 1920        Familienabend
Gedenkfeier zu Friedrich Hölderlins 150. Geburtstag.
[…] In feinsinniger, von tiefem Verständnis für die Eigenart des Dichters zeugender Weise entrollte die Vortragende [Leffler] sein Lebens- und Leidensbild. […]

Freitag, den 26. März 1920        8. Wochenversammlung
[…] Herr Bohneberg führte etwa Folgendes aus:
Unsere deutsche Kultur steht gegenwärtig im schwersten Kampf mit fremdstämmiger Weltanschauung. Fremdes Schmarotzertum bedroht deutsches Wesen mit dem Untergang. Der semitische Geist ist der Todfeind.
[…]

Ob er es für möglich gehalten hat, den „semitischen Geist“ abzulegen, wenn man jüdischer Abkunft war, oder ob er bereits die Vernichtung der semitischen Rasse für wünschenswert hielt, ist nicht festzustellen; festgestellt werden sollte aber, daß darin ein Unterschied bestehen kann, jedenfalls, solange die Realität die Gedankenspiele noch nicht eingeholt hat. — Bohneberg hatte im übrigen einen für den Barockforscher interessanten Fund vorzulegen:

Freitag, den 25. Juni 1920    19. Wochenversammlung
[…] Hierauf begann Herr Prof. Karl Bohneberg seinen Vortrag über Graf Johann-Franz Fugger, einen unbekannten Tragödiendichter des 17. Jahrhunderts. Der Vortragende hatte während eines längeren Aufenthaltes in Babenhausen Gelegenheit die grfl. Fuggersche Bibliothek […] und fand dabei […] fünf […] Dramen. Laut der Familienchronik war der von den Jesuiten erzogene Joh. Franz eine zu Üppigkeit und Wohlleben neigende, autokratische Natur, die trotz ihrer religiösen Erziehung, wenn es Geld mangelte, sich sogar an den Patronatsgeldern vergriff. Ein langjähriger, schon unter seinem Vater ausgebrochener Aufstand seiner Untertanen gegen die hohen Abgaben endete mit vollständiger Unterwerfung und nur noch schlimmerer Bedrückung.
No. 1 seiner Werke: „Die Comödie von der allerheiligsten, seligmachenden Geburt unseres Heilands“ erschien 1642 im 30. Lebensjahre des Dichters.
[…] Die Hauptaufgabe darin haben die Engelchöre, welche die Verbindung zwischen den auftretenden Personen herstellen.
No. 9 „Der traurige Untergang Konradins, letzten Herzogs von Schwaben“
[…]
No. 10 „Johannes Quarinus, der Einsiedler“ entstand 1653 und ist ein Jesuitendrama mit dem Grundgedanken, daß die Allmacht der geheiligten Mutter Maria bei eifrig Büßenden selbst die schwersten Todsünden auszulöschen im Stande ist.
[…]
Der Nummerierung nach müßten mindestens 10 Dramen existieren, er habe aber nur diese 5 auffinden können. Die Übrigen seien jedenfalls in der wahllos zusammengeschachtelten Bibliothek noch irgendwo versteckt.
[…]
Aufgeführt wurden die Stücke meist in Babenhausen von Ortseingesessenen und grfl. Angestellten. In der Auswahl der letzteren hatte Graf Fugger sogar die Einrichtung getroffen, daß die Anstellung nur nach vorher bestandener, musikalischer Prüfung erfolgte.
[…]

Freitag den 9. Juli 1920        21. Wochenversammlung
[…] Hierauf begann Herr Hans Wießner sein Referat über Maxim Gorki.
[…] Die durch krasse Realistik sich auszeichnenden Schilderungen […] legten ein trauriges Zeugnis von dem geistigen Tiefstand dieser russischen Volksklassen ab […]
Herr Dr. Reubel, welcher während der Kriegszeit einige Jahre in Rußland verbrachte, bestätigte die von Wießner vorgelesenen Stellen aus eigener Anschauung.
[…] wer den russischen Volkscharakter kennen lernen wolle, müsse eben auch den Schlamm, den diese Aufschließung zu Tage fördere, mit in den Kauf nehmen. […] im Rahmen eines literarischen Vereins ist es jedoch nötig auch einmal hervorragende, lebenswahre Schilderer von Völkerschaften zu Wort kommen zu lassen, deren Art zu leben und zu handeln uns widersteht; ein Standpunkt, den auch der Vorsitzende [Ackermann] bei seinem Resumé zum Ausdruck brachte. […]

Freitag 22. Oktober 1920        27. Wochenversammlung
[…] Darauf erhält der Redner des Abends Friedrich Schelling das Wort zu seinem Vortrag über „Friedrich Wilhelm Gotter. Sein Leben und seine dichterischen Schöpfungen“.
Einleitende betonte der Vortragende das Bedürfnis, das Andenken Vergessener aus alten verklungenen Zeiten, die zu ihren Lebzeiten zu den Berühmten gehört hatten, in Pietät zu erneuern.
[…] Die zahlreichen Proben Gotter’scher Lyrik, die der Vortragende zu Gehör brachte, hinterließen den Eindruck eines etwas gezierten, süßlichen, von dem zeitgenössischen franz. Schäferspiel stark beeinflußten Talentes, auf das sich einzustellen dem Gegenwartsgeschmack schwer wird. […]

Freitag, den 26. November 1920    32. Wochenversammlung
[…] Anwesend: 44 Herren und Damen […]
Hierauf erhielt Herr Hubel das Wort für seinen Vortrag über „Das lyrische Schaffen seine Form und Technik bis zu den letzten Expressionisten“.
[…]
Aller moderne Expressionismus geht auf Nietzsche zurück. Auch bei den modernsten Dichtern dieser Richtung findet man die Extase den leidenschaftlichen Willen zur Umformung aller Werte. Aber die Größe des Gefühls wird zum hilflosen Stammeln, oder sie verirrt sich auf bizarre Abwege, die ästhetisch nicht mehr gewertet werden können. Gedichte von Reinhard Piper, Arno Holz, Rudolf Martens, Stolzenberg, darunter „Mein Liebeslied“ von Else Lasker-Schüler, „D-Zug“ von Gottfried Dengler, weiterhin Bruchstücke aus dem „Revolutionslied“ von Johannes Becker, dann „Weltwende“
[sic; gemeint ist „Weltende“] von Jakob Hotis [sic; gemeint ist Jakob van Hoddis, geborener Hans Davidsohn], „Die Dämonen der Städte“ von Gg. Heim illustrierten das Gesagte. Zum Schluß versöhnte der freie diese Dichtung verspottende Humor eines Morgenstern mit den zuvor gehörten Proben des Expressionismus. […]

Auf 8/2 21 datierter Zeitungsausschnitt, Verfasser Emil Reicke:

Drei Brautpaare an einem Abend, eigene Dichtungen teils selbst, teils von den Bräuten der Dichter vortragen zu hören, der Fall dürfte in der Literaturgeschichte nicht allzuoft zu verzeichnen gewesen sein. Dieses seltene Vergnügen wurde dem Pegnesischen Blumenorden in seiner letzten Sitzung im „Krokodil“ zu teil. Durch den Besuch einer Anzahl Mitglieder der Literarischen Gruppe Erlangen
[…] Die genannte literarische Vereinigung besteht unseres Wissens noch nicht lange, jedenfalls sind es durchweg jugendliche Kräfte […] wenn auch der Lektor für deutsche Sprache und Vortragskunst an der Universität Erlangen […] Professor Dr. Ewald Geißler ihr alle Förderung angedeihen lassen soll. Der gediegene, von Schwulst und süßlicher Sentimentalität sich bewußt freihaltende Vortragsstil des neulichen Abends erweckte jedenfalls ein schmeichelhaften Vorurteil für die in dieser neuzeitlichen Rhetorenschule geübte Lehrmethode. Die Dichter, die zu Worte kamen, […] Dr. Heinz Schauwecker […] vorgetragen von seiner Braut, Frl. Richter, Heinrich Gottfried Gengler […] (vorgetragen von seiner Braut, Frl. Busch) […] der frühere Fliegerleutnant v. Raumer […] und endlich seine Braut, Frl. Redenbacher […] In der Dichtungsweise der Erlanger Gruppe wird, wenigstens beim ersten Hören, den meisten manches dunkel geblieben sein […] Etwas Anstrengung, die freilich nicht immer gelohnt wird, verlangt nun aber einmal der moderne Dichter vom Hörer oder Leser und es mag angehen, wenn er es nicht zu bunt treibt. […] Gedichtsammlung „Aus deutschem Herzen“ als 1. Büchlein einer „Jungdeutsche Dichtung“ betitelten bunten Reihe […] in der außer den uns schon bekannten Namen […] außerdem der Nürnberger Theowill Uebelacker und Elisabeth Leffler […] vertreten sind. […]

Freitag den 22. April 1921.        13. Wochenversammlung.
[…] Als Redner hatte sich Herr ord. Univ. Profeßor Julius v. Negelein, Erlangen, zur Verfügung gestellt mit dem Thema: „Leben und Werke von Sadi“. Sa’di-Mosloch-ud-din wurde 1192 in Schiras geboren und verstarb am 12. Dez. 1291, wahrscheinlich ebendaselbst. […] Die erste Kenntniß von Sadis Rosengarten wurde uns durch den Rat und Bibliothekar des Herzogs Friedrichs III. von Holstein-Gottorp, Olearius, vermittelt, der mit einer Gesandtschaft des Herzogs Persien bereiste, dort auf Sadis Werke aufmerksam wurde und seinen Rosengarten übersetzte, welche Uebersetzung 1654 in Schleswig im Druck erschien. Von dieser Uebersetzung dürften auch die damalsigen [sic] Mitglieder des Blumenordens, dessen Gründung zehn Jahre vorher erfolgte, Kenntniß gehabt haben, da sich in ihren Gedichten Anlehnungen daran vorfinden. […] Spätere Uebersetzer seiner Werke sind Graf Nesselmann und namentlich Friedrich Rückert […] auch Goethe hat Sadi in seinem west-östlichen Diwan verwendet. […]

Freitag den 3. Juni 1921.        18. Wochenversammlung
[…] Von der Büchercommission wurden angekauft:
Waßermann: Die Juden von Zirndorf.
[…]
[Ludwig] Thoma: Hochzeit.
dto: Kleinstadtgeschichten.
[…]
Mann: Der Tod in Venedig.


In gewisser Hinsicht ist es schon wahr, daß man über den Orden auch angesichts seiner Bibliothek urteilen kann.

Freitag den 29. Sept. 1921.    24. Wochenversammlung
[…] Den Vortrag des Abends hielt Herr Studienrat Dr. Günther Reubel über das „Rumänische Volkslied“.
[…] ein zusammengewürfeltes Völkergemisch von Karmathen, Römern, Tschechen, Russen, Türken p.p., einen rumänischen Volksstamm gebe es nicht. […] Die am meisten gepflegte Musik seien Zigeunerweisen. Die rumänische Dichtung habe im Ganzen wenig Melodie und setze sich teils aus kurzen Tanzweisen, ähnlich den oberbayr. Schnadahüpfeln, teils aus Liebes- und Kriegsliedern zusammen. Auch die Ballade werde reichlich gepflegt, zeige aber meist krasse Vorwürfe […] Unter den kleineren Liedern […] die der Vortragende zur Verlesung brachte, befanden sich eine Anzahl recht hübscher Arbeiten, wie: „O, Herrgott, ein Kindchen!“ — „Nimm vom Busen mir die Blume“ […]

Es blieb Béla Bartók vorbehalten, durch seine Sammlungen den Unterschied der rumänischen Volksmusik zur Zigeunermusik klarzustellen.

Freitag den 30. Sept. 1921.        25 Wochenversammlung
[Ausschnitt aus einer zusammenfassenden Berichterstattung der Presse:]
Der bunte Abend am 30. September brachte einen sehr hübschen poetischen Nachruf auf Hofrat Dr. Wilh. Beckh von Karola Kellermann, ein alle Vorzüge der Dichterin aufweisendes Gedicht von Elisabeth Leffler „Ein Gebet“, einige durch Studienprofessor Dr. Herm. Herrling vorgetragene zum Teil recht ansprechende Gedichte des Bildhauers Ernst Pentzold und zum Schluß zwei von Studienprofessor Konrad Meyer mit Laune und Geschick vorgetragene Humoresken, „Das Winkelglück“ von Karl Busse und „Das Zuckerhäusl“ von Fritz Müller.
[…]


Ausschnitt aus einer zusammenfassenden Berichterstattung der Presse:

[…] Am 28. Oktober sprach Klara Freifrau v. Scheurl über Friedr. Speckmanns Erzählung „Neu Lohe“. In diesem Werk versucht der Verfasser die Bodenreform ihrer Lösung näher zu bringen. In welcher Weise er dies seinen Helden versuchen läßt und welche Schwierigkeiten, teils politischer, teils allgemein menschlicher Art sich demselben entgegenstellen, wußte die Vortragende in geschickt abgerundeten Bildern ihrer Hörerschaft vorzuführen.

Mit diesen eingeklebten Zeitungsausschnitten endet das Protokollbuch. Auf dem hinteren Vorsatzblatt eingeklebt ist noch der Druck des Irrhainliedes von 1921:

Melodie: Unser Kaiser Wilhelm lebe…
Waldesfreude! Zauberbronnen,
Der du labest alt und jung;
Hort der Träume, die zerronnen,
Hüter der Erinnerung,
der du heißest uns verwinden
Trübster Zeiten Schmach und Pein:
Gib uns heute deinen linden
Trost in unser’m trauten Hain!

Trauter Hain, wo uns’re Ahnen
Sannen, pflegten deutsche Art,
Wo auf frohen, blum’gen Bahnen
Sie vergaßen Zeiten hart;
Wo Myrtill für die Pegnesen
Schuf der Freude Aufenthalt:
Laß uns neu in dir genesen;
Sei gegrüßt du deutscher Wald!

Leise flüstert’s in den Zweigen
Von des Friedens süßer Rast,
Daß er wird herniedersteigen
Aus der Linden grünem Ast;
Ahnend rauscht es in den Wegen,
Daß uns einst beschieden sei:
Sieg und Rache, Heil und Segen
Mit der Losung: Deutsch und frei!
R.A. [Richard Ackermann]

Freitag den 13. Jan. 1922        2. Wochenversammlung
[Konrad Gustav Steller hat seinen darin gehaltenen Vortrag über Expressionismus zusammengefaßt und an eine Zeitung geschickt, die den Text offenbar vollständig in 4 Spalten abgedruckt hat. Dieser Druckfassung, leider nur ohne Quellenangabe ausgeschnitten und eingeklebt, ist zu entnehmen:]
Im Verlage von Erich Reiß (Berlin) ist eine von Kasimir Edschmid herausgegebene Schriftensammlung erschienen
[…] In der  ersten Schrift hat der Herausgeber selbst sich über den Expressionismus in der Literatur und die neue Dichtung ausgesprochen. […] Wir erfahren, daß seit der Romantik „Stagnation“ eingetreten sei. Gegen ausgepumptes Epigonentum schlug die naturalistische Welle; […] Der Symbolismus (George), dessen Verdienst Edschmid in dem Werte findet, der auf das Formale gelegt wurde, […] verwechselte aber Dichtung und Würde miteinander und wurde Aesthetentum, schöne Décadence. Den Versuch der Synthese unternahm darauf der Impressionismus: die Kunst des Augenblicks; das Eigentliche, der letzte Sinn der Objekte erschöpfte sich nicht: versuchte man Kosmisches, war es nicht erreicht, gab man Natur, ward es Ausschnitt, gab man Leben, ward es Sekunde, die Literatur brachte Mosaik hervor. Der Weg der Dichtung unserer Tage führt nach Edschmid aus der Hülle zur Seele […] Dem neuen Geschlechte gibt es nur Menschen ohne Vorurteile, ohne Hemmung, ohne gezüchtete Moral; ihm gibt es keine Trennung der Nation von Nation. Größer entfachtes Weltgefühl schafft die Kunst zur Vision.
Ist, was Edschmid lehrt
[…] neu und unerhört? Keineswegs. […] Auch Hausenstein, der Verfasser der zweiten Schrift der Sammlung […] erkennt, […] daß der Begriff des Expressionismus höchst vieldeutig ist, und formuliert ihn „etwa so“: „expressionistische Kunst sucht an der Stelle ruhiger, selbstisch-gelassener und intimer Gegenständlichkeit voraufgegangener Kunstepochen die Entfesselung aller möglichen  formalen Ausdrucksstärke […] bis zur äußersten Willkür der Interpretation […]
Das Einfache, Eigentliche, Wichtige, Wesentliche, Allgemeine, das Geistige, Göttliche, Visionäre, das anhaltende Erlebnis, das Große und Totale, das Menschheitliche, das Weltgefühl — solche Kennzeichen des Ideengehaltes wahrhafter Kunst sind uns seit langem vertraut gewesen.
[…] Goethe suchte das Notwendige in der Natur, Schiller im inneren Menschen. […] Das Urphänomen des Menschlichen, das in stilvollen Kunstwerken nachgebildet werden soll, ist rein ideelle Ueberlegenheit und Größe. […]
Was bei Edschmid nur Wort ist, ist bei Goethe, Schiller und Eucken lebensvoller Inhalt und geistige Tat. Immerhin ist Edschmids Wortgebrauch ein Zeichen dafür, daß auch er, der glaubt, international sein zu können, tief im Boden der Heimat wurzelt. Ein Schaffender kann nicht anders emporwachsen.
[…]

Freitag den 23. Juni 1922.        21. Wochenversammlung
[…] Herrling gab alsdann noch einen Aufsatz von Grete v. Urdalitzki, aus den Büchern für oberdeutsche Dichtung bekannt, welcher über die darin niedergelegten Anschauungen über Intellektualismus eine größere Debatte auslöste, an welcher sich Steller, Prof. Meyer, Ackermann, Herrling und Vorndran beteiligten. Der Satz: „Die intellektuellen Deutschen sind die größten Feinde der deutschen Art.“, fand vielseitigen Widerspruch.

„Intellektueller“ war also für diese Pegnesen noch kein Schimpfwort; einige von ihnen hatten es fast wieder zur aufgeschlossenen Übersicht über die aktuelle Literaturentwicklung gebracht und übten starken Einfluß auf die Freitagsdiskussionen aus.

Freitag, den 14. Juli 1922
23. Wochenversammlung
s. Zeitungsausschnitt