Umorientierung und Spaltung

Der neue Präses fand für ein altes Mitglied gute Worte, die allerdings nur zu deutlich machen, daß die Orientierung des Blumenordens im Sinne der abtretenden Herrschaften nicht mehr auf der Höhe der Zeit gewesen war:
„Hätte der sanfte theilnehmende Mann, der vielleicht zu sehr vermied, Jemand zu beleidigen, gewußt und geglaubt wie sehr seine Mitbürger ihn schätzten und achteten, wie sehr sein Biedersinn, seine Gerechtigkeitsliebe, seine strenge Redlichkeit, die verdiente Anerkennungfanden, — sein Lebens-Abend wäre ruhiger und heiterer gewesen.
Das Vertrauen zu seinen Talenten hatte sich ja ausgesprochen durch die Wahl zu den oben benannten Gemeinde-Verwaltungs-Stellen, zur General-Synode, zum Landrathe des vormaligen Rezat-Kreises. Es hatte sich nicht wiederholt geäussert, weil man sich überzeugen mußte, daß seine Kräfte nicht mehr gleichen Schritt zu halten vermochten mit seinem Willen.”
„[Der Blumenorden,] Dieser älteste literarische Verein Deutschlands, gegründet in Harsdorfs geliebter Vaterstadt, durch kräftige Mitwirkung seines hochgebildeten Ahnherrn, mußte, nach seiner bezeichneten Individualität, ihm schon darum höchst ehrwürdig erscheinen.
Ihm, dem Manne von hoher Geistes-Bildung, als begeisterter Redner [Fußnote: In der Loge Joseph zur Einigkeit], als glücklicher Dichter, nur seinen Vertrautern bekannt, war aber der Orden selbst lieb geworden, um so lieber, als dessen Wirken im Stillen, mit seinem eigenen harmonirte. […]
In den gewöhnlichen Versammlungen des Blumen-Ordens etwas vorzutragen, wurde er durch die ihm eigenthümliche Bescheidenheit und Schüchternheit abgehalten.
Das, durch wiederholte Aufforderungen, ihm abgedrungene Versprechen: den Mitgliedern diesen Genuß zu gewähren, wurde erst spät erfüllt, (im Jahre 1837) durch den Vortrag der Legende vom großen Christoph, und durch das liebliche Geschenk eines Rundgesangs, an die im Irrhaine versammelten Mitglieder.
Die weitere Erfüllung vereitelte Krankheit und Tod.
Sie war nahe, denn kurz vor seinem Krankenlager erfreute er den engern Kreis der Mitglieder durch die Vorlesung der gelungenen metrischen Uebersetzung des ersten Buchs von Vergils Aeneis.”
„Die Ordens-Versammlungen verließ er nie, ohne seine lebhafte Theilnahme dafür auszusprechen, und wenn er sie nicht regelmäßig besuchte, so war nicht Mangel an Beifall, sondern öfters seine Vorliebe für Musik und dramatische Kunst, der Abhaltungsgrund. Die erstere liebte er leidenschaftlich. Eine Mozartische Oper machte ihn leicht die Pflichten der Geselligkeit, die ihm doch hohes Bedürfnis war, vergessen, und im Kampfe der Dichtkunst mit der Tonkunst, siegte gewöhnlich die letztere. […]”
Nun konnte nicht mehr davon die Rede sein, daß der Blumenorden an keinen Leichenbegängnissen teilnehme. Kress schickte ein Rundschreiben mit folgender Einladung herum:
„Bei der Beerdigung des Herrn Senators v. Harsdorf […] ist die Anwesenheit einer Deputation des pegnesischen Blumenordens nothwendig.
Herr Ordens-Sekretair und ich sind verhindert und gedrungen, zwei der verehrten Mitglieder zu bitten, unsere Stelle zu vertreten und um halb 10 Uhr künftigen Freitag den 5 April im Trauerhause gefälligst sich einzufinden.
Für die Bestellung eines Wagens und Bedienten auf Kosten der Ordenskasse werde ich Sorge tragen.
Hochachtungsvoll
Nürnberg, den 3 April 1839
v. Kreß, Praeses.”
Nopitsch und Negges sagten zu, der Ordensrat Dietelmair war wegen seiner Tätigkeit im Hospital verhindert.
 
Ein halbes Jahr später war das Krisenbewußtsein so gestiegen, daß in der Sitzung vom 11. November 1839 gewichtige Vorschläge zu einem Neuanfang vorgetragen wurden.
„[…] II.) Wurde von Herrn Meißner ein von ihm verfaßter Aufsatz über die bisherigen Leistungen des pegnesischen Blumen-Ordens, über die seit einigen Jahren durch den Tod mehrerer hochgeachteter Männer erfolgte Abnahme der Zahl seiner Mitglieder und über die daraus hervorgehende Nothwendigkeit der Erwerbung jüngerer für den Orden geeigneter Mitglieder vorgelesen. Eben so las auch der erste Ordens-Consulent Herr Stadtpfarrer Michahelles einige dahin abzielende Vorschläge ab und Herr Buchhändler Merz theilte seine Gedanken über einen zu stiftenden literarischen Verein mit. Von Seite der anwesenden Ordens-Mitglieder [16 Personen] wurde für zweckmäßig gehalten, daß diese Angelegenheit von dem Vorstand und dem Ausschuß des Ordens in Überlegung genommen und das Resultat derselben seiner Zeit bei einer vierteljährigen Versammlung vorgetragen werden soll.”
 
Der Entwurf, welchen der 1.Ordensrat Paul Augustin Michahelles, der jüngere, zur Abhilfe vorlegte, war zwar systematisch durchdacht, hatte aber nichts besonders Umwälzendes an sich, sondern stellte eher eine Rückkehr zu bewährten Vorgehensweisen dar, die in Vergessenheit geraten waren:

„1. Es möchten die Mitglieder ersucht werden, in der nächsten Sitzung, iunge, aber doch nicht unreife, selbstständige, tüchtige neue Mitglieder des Ordens vorzuschlagen, an welche dann eine Einladung ergehen könnte, demselben beyzutreten, wenn sie den bisherigen Mitgliedern der Aufnahme würdig erschienen sind.
2. Es möchte an die auswärtigen Mitglieder eine Aufforderung ergehen, auf irgend eine Art ihre Thätigkeit für den Orden zu beurkunden.
3. Es möchten die Mitglieder aufzufordern seyn, Damen, die aesthetische Bildung und poetisches Talent besitzen, bey der iährlichen Versammlung im Irrhaine einzuladen und sie zu bitten, Proben ihres Talentes mitzubringen. Diese könnten, um die Zartheit der Damen nicht zu verletzen, von einem Ordensmitgliede vorgelesen und einstweilen die Nahmen der Verfasserinnen verschwiegen werden. Finden sich ausgezeichnete Producte darunter, so bleibt es dann dem Orden immer frey gestellt, die Verfasserinnen als ordentliche Mitglieder des Vereins zu erwählen.
4. Die Wiederherstellung der Sitte, daß iedes Mitglied einen eigenen Nahmen, seine Blume und Devise führe, scheint der Empfehlung werth.
5. In den neuesten Zeiten wurden zunächst nur poetische Versuche vorgelesen und mitgetheilt. Es wäre aber wünschenswerth, daß, besonders in Ermangelung iener, auch prosaische Aufsätze der Ordensmitglieder, welche für den Verein passen, mitgetheilt würden.
6. Das Ordensmitglied, Herr Mainberger, möge ersucht werden, neuere, dem Orden nicht bekannte, poetische Versuche und andere, dem Orden zusagende Producte, mitzutheilen, wie er es sonst gethan. Auch dieß könnte ein Weg werden, auswärts neue, thätige Mitglieder dem Vereine zu erwerben.
Michahelles.” — Aus dem Versäumnis, der Damenwelt in der ursprünglich im Orden vorgesehenen Weise eine Rolle im Orden einzuräumen, wie es Michahelles in bemerkenswert zartfühlender Weise auf den Weg zu bringen versuchte, ging wahrscheinlich die Bereitschaft zu der späteren Spaltung hervor, von der noch zu berichten sein wird. Daß jedoch der Versuch, die Ordensnamen und Embleme wieder einzuführen, in keiner seitherigen Satzung zum Tragen gekommen ist, verwundert weit weniger, hatte man doch diese Dinge erst eine Generation früher endgültig abgeschafft. Daß Michahelles der Mensch nicht war, den Blumenorden in eine neue Epoche zu führen, erhellt aus seinem Nachruf:
„Im Jahre 1815 trat er in den Orden, 1838 wurde er zweiter, 1839 erster Ordensrath. […] Als vor dreißig Jahren [aus Sicht des Verfassers dieses Nachrufs um 1823!] der Orden Zeichen langschlummernden Lebens gab, war er mit unter den Ersten, die sich versuchten. Poesie als Thätigkeit war ihm Bedürfnis. […]”
„Er gehörte zu den fruchtbarsten Ordensmitgliedern, blieb jedoch immer sich gleich, so daß eine Aenderung in der Stoffswahl, oder im sprachlichen Ausdrucke nicht zu bemerken war. Unbedenklich nennen wir seine sämmtlichen Werke mehr Entwürfe, als Ausführungen. […] Eine Tendenz leuchtet fast aus allen seinen Erzeugnissen: die moralisirende. Ihm war die Dichtkunst ein edles Mittel zu edlen Zwecken, nicht ein Primäres, was ums einer selbst willen da ist […]” — Dies hat er mit den meisten Autoren seiner Epoche gemeinsam, ob diese nun politische oder religiöse Anschauungen pflegten und unter die Leute bringen wollten, ob mit Jeremias Gotthelf oder mit Ferdinand Freiliggrath. Die Zeiten waren der autonomen Poesie eines Mörike nicht günstig. Auch die anscheinende Entwicklungslosigkeit bei hohem handwerklichem Standard und zahlenmäßiger Fruchtbarkeit erinnert, wenn auch mit der Einschränkung hinsichtlich der Qualität, die sich in den Worten „mehr Entwürfe als Ausführungen” verrät, an Rückert.
„Für den Beruf [des Geistlichen] war er, außer allgemeinen Gründen, auch darum begeistert, weil zwischen diesem und ihm reinste Uebereinstimmung gewesen […] Er hielt streng auf amtliche Rechte und Würde, und hatte schon in seinem Aeußern das Achtungeinflößende.”
 
Julius Wilhelm Merz dagegen, der Kunst- und Buchhändler, hatte mit seinem Vorschlag, einen literarischen Verein zu stiften, den zündenden Einfall zu einer fünfunddreißigjährigen Erfolgsgeschichte. Er war erst am 7. 5. 1838 in den Orden aufgenommen worden, und es hat nicht den Anschein, daß er es darauf angelegt hatte, diesen zu spalten. Allerdings war er auch nicht so behutsam, die Reste des 1827 ins Leben gerufenen halboffiziellen DichterKränzleins innerhalb des Ordens durch seine bloße Mitwirkung in Schwung halten zu wollen. Er wollte sozusagen eine Tochterfirma des Blumenordens errichten, innerhalb derer es den Ordensmitgliedern möglich sein sollte, mitzuwirken, aber die auch anderen eine Möglichkeit bieten sollte, sich mit der Art von Literatur zu befassen, die allmählich über den biedermeierlichen Rahmen hinausdrängte und die er als Buchhändler ja kannte und fördern wollte. Näheres über den Literarischen Verein, der daraus entstand, kann man dem Aufsatz entnehmen, den das Ordensmitglied Johannes Geiger in der Festschrift zum 350jährigen Bestehen des Blumenordens 1994 verfaßt hat. Daraus sei hier nur das Notwendigste zitiert.

„Die Erneuerer aus dem Blumenorden taten sich mit sangesfreudigen Mitgliedern des Singvereins zusammen und brachten schließlich die geforderten 60 Gründungsmitglieder auf. Ein Vereinsstatut in Anlehnung an das des Singvereins wurde dem Magistrat vorgelegt. […] vor allem sollten Vorkehrungen getroffen werden, daß bei den geplanten Theateraufführungen die seit langem mit Argwohn beobachteten Handwerksgesellen ja keine staatsfeindliche Agitation betreiben könnten. Merz wies jede Form der Zensur zurück und verwies darauf, daß man über alle Vereinsaktivitäten Protokolle vorlegen werde, vor allem sei die jeweils eingereichte Mitgliederliste sicher Beweis genug, daß man es nicht mit einem Haufen von Revoluzzern zu tun habe. Nach mehrmaligem Hin und Her und nach der genauen Erläuterung der Vereinsziele wurde die staatliche Genehmigung erteilt […] Am 23. Oktober 1840 wurde der Verein offiziell begründet, sein erstes Direktorium gewählt mit Julius Merz als 1. Vorstand, und die Satzung wurde angenommen. […] Spiritus Rektor und Motor über 25 Jahre war der Studien- und Gymnasiallehrer Johann Leonhard Hoflmann, geboren 1813 in Ansbach und 1841 nach Nürnberg an das Gymnasium als Lehrer für Hebräisch und Altphilologie berufen.” — „Die literarische Bildung der Mitglieder war der eigentliche Vereinszweck. Daneben sollte Weltkenntnis, das Leben anderer Völker und ihre Kulturen bewußt werden. […] Jeweils zu Beginn des Jahres mußte man beim Vorstand die Referate oder die Themen einreichen, der Sekretär — bis 1863 Hoffmann — wählte aus und machte das Programm der Vortragsabende. Diese waren grundsätzlich auf Freitagabend festgelegt. Daneben gab es ursprünglich nur 14tägig [gemeint ist: vierzehntäglich] einen Männerkreis, später allwöchentlich, der meistens am Sonntagnachmittag tagte und in dem die Aktivisten des Vereins sich über die Jahrzehnte die Köpfe heiß redeten. In den Hauptabenden waren die weiblichen Mitglieder erwünscht, etwa 30 im Mitgliederverzeichnis von 1862. Durch sie sollte literarische Bildung in das Familienleben eingebracht werden (zur Hebung der Conversation, wie es als Begründung im Antrag zur Genehmigung der Satzung hieß). Entsprechend dem damaligen Bürgerlichen Recht waren sie bei den Wahlen zum Vorstand ausgeschlossen, wahrscheinlich auch bei der Mitgliederballotage.” — „Alle Vorträge mußten für das Protokoll eingereicht werden und standen den Mitgliedern zur Einsichtnahme offen, vor allem auch der hohen Behörde in Ansbach, die ja über die satzungsgemäße Behandlung der Themen wachte. Die Qualität der Vorträge ermunterte die Verantwortlichen, diese drucken zu lassen. So entstand schon für die Jahre 1841/42 das erste Jahrbuch des Vereins Das Album des Literarischen Vereins in Nürnberg, das als Sammelband 1844 mit denen der Jahre 1843 und 44 erschien (bei Bauer und Raspe, d.h. Buchhandlung Merz, später Korn und Berg, 1844 ff.). […] Das Album wurde anfangs jedem Mitglied gesondert verrechnet, dann im Buchhandel aufgelegt und in Europa und Übersee an Bibliotheken versandt, vor allem hoffte man auf die Pressewirksamkeit zur Verbreitung der Ideen aus dem Verein. Schließlich erhöhte man 1856 den Vereinsbeitrag auf drei Gulden und lieferte das Album an die Mitglieder kostenlos aus. Die höchste Auflage überschritt aber kaum 800 Exemplare.” — „Als die Mitgliederzahl in den Anfangsjahren nur geringfügig zunahm, obwohl die Vorträge allseits große Anerkennung gefunden hatten, verlegte und ergänzte man die Vereinstätigkeit gar merklich durch literarisch-gesellige Vergnügungen. Zuerst wurde das Stiftungsfest am 23. Oktober in einen alljährlich stattfindenden Stiftungsball umgewandelt und entsprechend dem Vereinszweck literarisch-musikalisch ausgestaltet. Am Anfang ein kurzes Festspiel, oftmals allegorischen Inhalts, dann Gedichtsrezitationen und einstudierte Chöre (man konnte ja auf die Mitglieder des Singvereins zurückgreifen), eingerahmt vom Tanzvergnügen als dem Hauptereignis. Daß man die Sperrstunde nur auf 2 Uhr morgens ausdehnen konnte, wurde als Schikane aus Ansbach empfunden! Da der Ballbesuch an die Mitgliedschaft im Verein gebunden war, kam es vor, daß vor einem der Bälle bis zu 60 Neuaufnahmen in den Verein erfolgten. […] Die strengen Satzungsbestimmungen verboten bis zum Ende der Restaurationszeit die Teilnahme an politisch motivierten öffentlichen Auftritten. Aufsätze politischen Inhalts finden sich nirgends im Album bis 1850. Auf wessen Seite man stand, konnte man jedoch entnehmen, indem etwa 1846 das Album den Text des Deutschlandliedes von Fallersleben und Beckers Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein vorstellte. Im Album für 1849 findet sich eine Totenklage für den in Wien erschossenen Revolutionär Blum.”
 
Das heißt doch: Der Pegnesische Blumenorden schied die politisch und ästhetisch fortschrittlichen Tendenzen, die vomärzlichen Bestrebungen im eigentlichen, aktiven Sinn, aus sich aus, ohne sich von ihnen ganz abzutrennen. An den öffentlichen Erfolgen jenes zum Teil in Personalunion mit ihm verbundenen Wesens sieht man, was aus dem Orden zu jeder Zeit hätte werden können, wenn er einen rührigen Verleger und einige fleißige Personen mit gutem Auftreten in tonangebenden Kreisen gehabt oder an sich gezogen hätte, wenn er finanzielles, unternehmerisches Risiko nicht gescheut hätte, wenn er ganz verbürgerlicht wäre. Dann gäbe es ihn aber vermutlich heute nicht mehr.