Sprachpflege

Vielfach wurde schon die falsche Vorstellung gebildet und als Anforderung an den Blumenorden gerichtet, er sei eine Sprachgesellschaft nach dem Muster anderer Vereinigungen des 17. Jahrhunderts. Doch er hat sich um theoretische Durchdringung der deutschen Sprache und Verlautbarungen zu ihrer Verbesserung nie in dem Maße bemüht wie etwa die Fruchtbringende Gesellschaft. Kenntnis genommen von solchen Bestrebungen hat er allerdings sehr wohl, und den Ausarbeitungen einzelner seiner Mitglieder, die nicht von Ordens wegen zustandegekommen waren, freundliche Aufmerksamkeit geschenkt. Dies war, eher am Rande, auch zwischen 1894 und 1914 der Fall.

37te W.V. Freitag 16 Novbr. 1894
[…] Assessor Lehmann liest eine sehr fleißige Arbeit von ihm über den Nürnberger Dialekt, der sehr hübsch eingekleidet ist und viel des Interessanten u. Anziehenden bietet. […]

Nicht gerade viel Interesse bestand an der aktiven Sprachpflege, etwa in dem Sinne, daß man Maßstäbe ausgearbeitet hätte und damit kritisch an die Öffentlichkeit gegangen wäre. Das ließ man einen später als Ehrenmitglied aufgenommenen auswärtigen Sprachpfleger tun:

Unterhaltungsbeilage zur Täglichen Rundschau Nr. 97 Dienstag, 26. April 1904
Vereinsmeierei — oder Vaterlandsliebe?
Von Dr. Günther Saalfeld


Der Artikel erschien als Text eines Vortrags über den Allgemeinen Deutschen Sprachverein, dessen tätiges Mitglied Saalfeld war, ein Oberlehrer a.D. und freier Schriftsteller für verschiedene Zeitungen.

[…] „Smoked haddock“ prangte jüngst in etlichen Fischhandlungen des Berliner Westens, wo Englisch ja mehr oder weniger Trumpf zu werden beginnt; der schlaue Händler hatte ganz recht: „geräucherten Schellfisch“ kauft sicherlich die Köchin nicht so begierig ein, wie dieselbe Ware in fremder Benennung. […] Wie sagt doch der Heidelberger Professor und Philosoph Kuno Fischer einmal […] „wir sind nicht Puristen von der törichten Art, die alle Fremdwörter aus unserer Sprache vertreiben möchten, um ungewohnte, weniger verständliche deutsche von eigener schlechter Mache an ihre Stelle zu setzen; wo aber gute deutsche Ausdrücke vorhanden sind, diesen die Fremdwörter vorzuziehen finden wir geschmacklos und verwerflich.“ […]

Es folgt ein Zitat aus dem neuesten Programm des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins:

[…] Aus unserer Sprache alles Fremde tilgen, hieße sie geschichtslos machen. Wie der Staat, so gewährt auch die Sprache vielen Fremdlingen Gastrecht. Manche haben sich im Laufe der Zeit angepaßt, eingedeutscht, sind keine Fremden mehr, sondern Mitbürger. Anders jedoch steht es mit jenen leidigen Eindringlingen, deren unsere Muttersprache gar nicht bedarf […]
[An anderer Stelle, im Text vorher:] Die Franzosen spotten über unser „Halbfranzösisch“, über die geschmacklose Sprachmengerei in Deutschland, die die Einheitlichkeit des Sprachbildes stört. Aber schlimmer noch: die Fremdwörter helfen die Kluft vertiefen, die den Gelehrten oder doch fremdsprachlich Gebildeten von dem einfachen Manne trennt. […] hinauf bis zu den Höhen deutscher Wissenschaft und Kunst findet sich nur zu oft eine betrübende Gleichgültigkeit gegen schöne Sprachform. […]

Saalfeld war, wie aus den etwa dreißig im Archiv vorhandenen Zeitungsausschnitten hervorgeht, ein sehr aktiver Sprachpfleger mit publizistischem Hebel, wie heutzutage Thomas Paulwitz. Die Themen und die vorgeschlagenen Abhilfen sind weitgehend dieselben, allerdings um 1910 noch deutlich nationalistischer in der Begründung. Übrigens war er auch zweiter Schriftleiter der Monatsschrift des Bismarck-Bundes, wie aus einem Exemplar im Archiv hervorgeht. Jedenfalls war die Aufnahme der Thesen aus seiner Zeitschrift bei den Pegnesen etwas lau. Zuerst August Schmidt, später Christian Behringer lehnten zum Beispiel gewisse Verdeutschungen ab:

Dr. Behringer bringt einiges aus der Sprachecke des allgemeinen deutschen Sprachvereins zur Kenntniß. Die allgemeine Ansicht geht dahin, daß sich ein großer Teil Wörter, welche sozusagen Weltgut geworden sind, zu einer Verdeutschung nicht eignet und daß z.B. die Umwandlung der internationalen Bezeichnung „Archipel“ in „Inselmeer“ oder „Inselflur“, wenn auch erstere Übersetzung als treffend anerkannt wird, im Interesse der Allgemeinheit abzulehnen sei. […]

Aber das war vor dem Ersten Weltkrieg.