Eine Standortbestimmung

Unter dem 20. Januar 1845 vermerkt das Protokoll, Herr Dr. Lösch habe einen Vortrag gehalten mit dem Titel „Ueber Eugen Sue Geheimnisse von Paris, und Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre“1. Die Auseinandersetzung mit jenem Roman, dessen Erfolg damals wie ein Lauffeuer durch Europa ging, und der Vergleich mit dem anerkannten Werk der jüngeren Vergangenheit gerieten ihm zu einer zeitnahen Bestandsaufnahme, aus der sich die innere Verfassung des Blumenordens gut erkennen läßt.





Hochgeehrte!

Es ist von großem Intereße, zwei Dichtwerke von allgemeiner Anerkennung und Bekanntschaft, aber von zwey verschiedenen ausgezeichneten Geistern und aus bedeutend verschiedenen Zeitperioden neben einander zu betrachten. […]

1.) Das eine Werk entstand in den Jahren 1775 bis 94, das andere erschien im Jahre 1842.
2.) Das eine hat einen tiefen und klaren, auf allen Gebieten der Wissenschaft heimischen und vom Schifflein des Lebens stets freundlich geschaukelten Genius zum Verfasser, das andere einen im revolutionären Geiste seines Volkes großgezogenen, unter den Gefahren des Meeres gestählten, in Amerika, dem Lande der Freiheit und des Sclaventhums, sowie in Paris, dem Mittelpuncte der ausgelaßensten Üppigkeit und des nacktesten Elends erwachsenen, und durch dies alles aufs Bizarre hingetriebenen Geistes.
3.) Das eine Werk stammt aus einer Zeitperiode, welche man als die ästhetische mit Recht bezeichnet hat, das andere aus einer Periode, welche man die politische, wenn nicht gar die communistisch revolutionaire nennen darf.

[…] In diese [erstere] Periode fällt Wilhelm Meister. Seine Jugendgeschichte ist die des Göthe selbst, […] Der Verfasser ist Aristokrat im besten Sinn des Wortes. Die höhere Bildung, die reicheren Genüße, die freiere Lebensentfaltung des Adels läßt er in völlig partheiloser Würdigung gelten; […] Die Ahnung des nahen Ausbruchs revolutionairer Stürme und Umwälzungen macht sich wohl kenntlich in dem geheimen Bunde, den eine Genoßenschaft junger Männer gestiftet hat, aber das Werk selbst athmet keinen leisen Hauch revolutionairer Gesinnung, ja es achtet sie nicht einmal noch des Hasses würdig. Überall Achtung vor dem Gesetze, vor dem Rechte, vor dem Besitzstande, aber die ganze Wärme der Begeisterung gehört dem poetischen Elemente. […]
Wie ganz anders unser Eugen Sue! Er ist Revolutionair und Communist durch und durch. […] Die Sorge um den Besitz, den Gewinn, den Genuß ist zur allgemeinen und vorherrschenden geworden. Die Bevorrechtung der höhern Staende hat man, wie das Recht des Reichthums und des Besitzes in Frage gestellt, und hat mit frevler Hand nach dem Schimmer der Krone gegriffen und den purpurnen Hermlin Mantel betastet. Ein allgemeines, von der maßlosen Genußsucht gewecktes Mißbehagen über die vorhandenen Zustaende ist rege geworden, und gefährlicher als irgend wann eine revolutionaire Maße [Masse], drohen in die Gegenwart zwey Dämonen herein. Der Pauperismus und der Communismus. Mit behaglicher Lust schildert Sue das Laster und Verbrechen in seinen reichen Nuancirungen, aber überall läßt er durchschimmern, daß daran eigentlich die Mangelhaftigkeit der Staatseinrichtungen und Gesetze schuld ist, und ist ein warmer Anwalt der Verbrecher. […] nur darauf sey hingewiesen, wie Wilhelm Meisters Lehrjahre, […] noch ihre volle Geltung behaupten, die Pariser Geheimniße dagegen schwerlich mehr ansprechen dürften, wenn andere Tendenzen, andere Grundsätze an die Stelle der gegenwärtigen getreten sind.

[…] Göthes Meisterschaft in Darstellung der Natur, des Lebens und der Sitten, sowie die Vollendung seiner Sprache ist anerkannt. Eugen Sue stehet ihm wenigstens in der Schilderung würdig zur Seite, seine Sprache ist vollendet, wie die Göthische, und er versteht, mit wunderbarer Gewalt die Gemüther zu fesseln und hinzureißen. Aber es bestehet zwischen beiden gleichwohl ein unermeßlicher Unterschied, welchen wir abermals nicht in den Männern, sondern in der Zeit, der sie angehören, suchen wollen. Damals, als die Poesie in Deutschland in ihrer schönsten Jugendblüthe stand wurden poetische Werke geschaffen, jetzt werden sie meist nur gemacht. Vom innern Genius getrieben empfingen ein Schiller und Goethe [sic] ihre poetischen Conceptionen, das Höchste und Reinste was sie vermochten, suchten sie zu erzeugen, nach dem Geschmacke des Publikums wurde nicht gefragt, man dachte nur darauf, das lesende Publikum zu solcher Höhe hinaufzuheben; auf die Vorschriften und Berechnungen eines Verlegers wurde nicht gehört, die Muse war eine solche Geliebte, der man alles opferte, und die man in einer Andacht anbetete. So entstanden jene klaren, jene streng abgeschlossenen, jene in Geist und Form vollendeten Werke, die keiner lesen kann, ohne in seinem eigenen Innern sich gefördert und gehoben zu fühlen. […] Hier hat die Muse diktirt, und die Begeisterung hat geschrieben, und weise Berechnung hat gewogen.  […]

Wahrheit, Einfachheit und Größe findet nur noch in zwei Gebieten ein Asyl, in der Plastik und in der Baukunst. In allen andern Gebieten ist das Geschlecht übersättigt; die Nerven sind überspannt, überreizt und erschlafft, Natur und Wahrheit sind verlassen, am Exzentrischen, am Ungeheuern, am Verzerrten — am schreienden Mißlaut des grellsten Gegensatzes findet man Geschmack und sucht man Sättigung; an solchen Vorzügen mißt der Verleger den möglichen Gewinn; auf die Hoffnung des möglichen Gewinnes baut sich der Vertrag mit dem dichtenden Schriftsteller meist schon im Voraus; ehe noch das poetische Werk concipirt, und zu seiner Ausführung die Feder geschnitten ist, und die Begeisterung der Muse ist nicht selten ein klingendes Handelsgeschäft, vom Bücher-Verkäufer eingeleitet.  […] Was ist die neueste Musik mit ihrem Ueberreichtum an Instrumentirung, mit ihrem tobenden Accordengebrause, mit ihren flüsternden Flötenstimmen dicht neben dem donnerndsten Sturme, mit ihren Gebeten und Kirchenmelodien neben dem wilden Aufruhrgeschrei und mit ihren einschlagenden Blitzen und Donnern mitten in die harmloseste Ergießung reicher Empfindung? Was ist aus dem Drama geworden, wenn, wie z. B. in Müllers Schuld die Unnatur auf dem Thron sitzt, wenn die Pein selber, daß ich so sage, mit zerschmetterten Knochen auf das Rad geflochten wird, und der Henker keinen Gnadenstoß für sein Opfer hat, sondern die Pein von der eigenen Qual langsam hinsterben muß! Was soll ich von der Oper sagen, die, wie es scheint, gar nicht mehr existiren kann, ohne die Unterstützung eines Ballets, ohne den Spektakel großer und glänzender Festanzüge, Turniere und Schlachten, ohne Phantasmagorien, Geistererscheinung und Zauberspuck [sic], ohne Ueberladung an Scenerie und Dekoration, also daß der arme Theaterdirector einer Provincialbühne nicht weniger, als ich will nicht sagen den Gewinn von einem ganzen Jahrzehnt seines Wirkens (denn der belaeuft sich ja ohnehin gar vielfach […] auf weniger als Null […]) nichts weniger als die volle ungeschmälerte Einnahme  eines ganzen Jahres aufbieten müßte, wollte er eine einzige dieser Opern vollkommen würdig ausgestattet vor sein Publikum führen. […] Dem Romane ist’s nicht besser gegangen, das Ungewöhnliche und Außerordentliche, das Grauenhafte und Entsetzliche, das Unnatürliche und Verzerrte, das Ueberladene und Pomphafte ist beinahe zur Lebensbedingniß geworden, und unsere größten Romandichter haben sich von diesem Vorwurfe wenigstens nicht ganz freigehalten. Wir finden es — ich sage theilweise — selbst bei einem Walter Scott, einem Cooper […]. Hier ist nun Eugen Sue recht eigentlich das Kind seiner Zeit, der Flügelmann seiner Cohorte; und meine beim Jubelfeste des Pegnesischen Blumenordens über seine Geheimnisse vorgetragene Kritik ist nur halb verstanden worden, wenn man diesen Vorwurf überhörte, und nur den gleichfalls gemachten Vorwurf unsittlicher Tendenzen auffaßte. […]

Doch gerade die unsittlichen Tendenzen sind es, über welche wir noch bei der Vergleichung unserer beiden Werke sprechen müßen. Ich darf diesen Punkt um so weniger übergehen, als es den Anschein hat, als wenn gerade in dieser Beziehung die Pariser Geheimnisse höher ständen, als Wilhelm Meister. Die kritische Philosophie hatte allen Dogmatismus bekämpft, den religiösen, wie den wißenschaftlichen, daher wir sonst niemals mehr als in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die kirchlichen Bande gelockert finden. Es war zunächst das Streben, von Pfaffenthum und pfäffischer Herrschaft sich los zu machen, wie man aber gern mit dem Bade das Kind ausgießt, so entfernte man sich nicht von pfäffischer Dienstbarkeit allein, sondern auch von strenger Sittlichkeit, von kirchlichem Leben, ja sogar von der Religion selbst. An die Stelle des Glaubens trat der Pantheismus und an die Stelle der Religion die Verehrung griechischen Geistes und griechischer Schönheit. Viele der Schillerschen Gedichte zeugen davon; als eine der Koryphäen kann Hölderlin gelten. Daß damit das Evangelium des Epikuräismus und die Emanzipation der Liebe von den feßelnden Banden der Ehe zusammenhing, versteht sich von selber. Was eine der neuesten Dichterschulen anstrebte und weßen sie sich, als eines großen Fundes rühmte, das war damals bereits zur Genüge gegeben. […] Nicht als ob unser Geschlecht sittlicher lebte, die Genußsucht und ungezügelte Weltlust hat zugenommen, und ist noch tiefer in die Maße des Volkes eingedrungen, und dieselben Sünden, welche damals frech und öffentlich auftraten, werden im Stillen fortbegangen. Aber die Sittlichkeit wird höher geachtet, vor der Kirche und den kirchlichen Formen hat man wieder eine heilige Scheu (ja selbst das Pfaffenthum kann sich wieder breit machen). Dieser epikuräische Libertinismus, wie er in den göthischen Werken auftritt, kann selbst in der Poesie sich nicht mehr Geltung verschaffen. Goethes römische Elegien könnten in unseren Tagen so wenig, wie Schillers Götter Griechenlands geschrieben werden. […]

Dagegen können nun die Vertheidiger der Pariser Geheimnisse auftreten, und können alle die schönen Reden und Thaten eines Rudolph, eines Abbé Laport, […] können die zum Theil großartigen und sorgfältig durchgeführten Charakterzüge der obengenannten Personen […] die zahlreichen Deklamationen des Verfassers selbst über Sittlichkeit, Menschenliebe, Erbarmen, über Wohlthätigkeitsanstalten und wohlthätige Vereine, über Gesetze und Strafen, über Arbeits und Zuchthäuser und über die Todesstrafe für sich anführen und geltend machen. Allein wir antworten darauf, es ist eine schlechte Keuschheitspredigt, die Wollust mit allen ihren Reizen auf einer türkischen Ottomane liegend, hinzumalen, und dann, sey es mit gothischen Lettern, sey es mit goldener Frakturschrift darüber zu schreiben: Laß dich nicht gelüsten; eine schlechte Predigt für Recht und Gerechtigkeit, wenn man so unverhohlen für die Verbrechen des Pauperismus und für die Rechte des Communismus das Wort redet; eine schlechte Predigt für Menschenliebe und Wohlwollen, wenn man den tiefsten Auskericht aller Schlechtigkeit und Bosheit in eckler Uebertreibung vor Augen führt; eine schlechte Empfehlung für Religion und Sittlichkeit, wo man keine anderen und besseren Früchte sie tragen sieht, als in diesen Geheimnissen; […] es ist Verbrechen gegen Poesie, Wahrheit und Sittlichkeit selbst, wenn wenn nun in diesen Geheimnissen Tugend und Seelenadel nur als [getilgt: Folie] gebraucht wird, […] als scharfe Lichter, die nur zur Hebung der Schatten angebracht sind. […]
Die Deutschen Litr. Blätter, welche anfangs unbedingt für dieses Werk in die Lobposaune gestoßen haben, haben den Ton bedeutend umgestimmt, und namentlich hat das Stuttgarter Litter. Blatt zugestanden, daß wie man auch anfangs von den blendenden Vorzügen dieses Werkes hingerissen werde, man dennoch bei Beendigung desselben eine geistige Leere, eine sittliche Ermattung und Abspannung in sich fühle […]

Der Himmel gebe uns bald einen Cervantes de Saavedra, welcher durch einen Don Quixote anderer Art dem schlechten Geiste unserer Romanenwelt und Roman-Mode ein Ende macht.

Der Nachwelt will dieser Stoßseufzer wie eine Vorausschau auf Gottfried Keller erscheinen. Dabei ist die Rezension des Dr. Lösch selbst nicht frei vom Grellen und dem zu fieberhafter Rhetorik gesteigerten Ausdruckswillen des ausgehenden Biedermeier. Der Heuchelei im Angesicht der Zensur kann man sie aber nicht beschuldigen. Er schätzt die Verhältnisse in Gesellschaft, Kirche, Schriftstellerei und Theater kenntnisreich ein und nennt die Dinge beim Namen. Das war schon einmal ein Vorzug der Darstellung im Schoße eines Vereins und im Hinterzimmer eines Lokals.