Der Täter: Georg Ernst Waldau

Der Geistliche Waldau begegnete bereits als Verfasser eines Nachrufes auf Amarantes II. (1782) und, nachdem er an den umwälzenden Vorgängen im Orden seit 1786 regen Anteil genommen hatte, als einer der zusätzlichen Ratgeber, die dem Vorstand der bisher vorgesehenen Ordensräte nach 1788 hinzugefügt wurden. Über Herkunft und Ausbildung sowie die Entwicklung der Interessen, die ihm zum Stolperstein werden sollten, berichtet Nopitsch in seiner Fortsetzung von Will's Gelehrtenlexikon recht ausführlich:

"Waldau (Georg Ernst) Prediger zu St. Lorenzen und Inspector der Candidaten des Predigtamtes zu Nürnberg, ist daselbst den 25 März 1745. gebohren. Sein Vater [...] war Thorschreiber am Laufer Thor [...] Die erste wissenschaftliche Bildung erhielt er in der lateinischen Sebalderschule, besonders von den zwei aufeinanderfolgenden Rectoren, Reichel und Munker; und trat, mit dem Vorsatz, Theologie zu seinem Hauptstudium, Literärgeschichte aber zum Nebengeschäfte zu wählen, 1763. unter die Zahl der in Altdorf Studierenden. Nachdem er den Vorlesungen der Professoren, Will, Nagel, Adelbulner, Dietelmair und Riederer, drei Jahre hindurch beigewohnt [...] hatte, besuchte er die Universität zu Leipzig, und strebte hier anderthalb Jahre lang, den Unterricht der dasigen Professoren, [darunter] Gellert [...] zu benützen. [...] Zu Ende des 1767sten Jahres gieng er in sein Vaterland zurück [...] Dazu bot sich ihm bald eine erwünschte Gelegenheit, indem der damalige Duumvir (Losunger) von Geuder, von welchem er zum Hofmeister seiner beiden Söhne angenommen worden, ihm zu Anfang des Jahrs 1768. das Vicariat und die Feiertagspredigerstelle an der Kirche zu St. Claren übertrug. Im May 1772. ernannte ihn die Familie der Herren von Tucher als Suden- und Krankenprediger im Hospital zum heil. Geist. Den 12. August 1791. erhielt er das Amt eines Predigers oder Antistes der Kirche zu St. Egidien, nebst der damit verbundenen Inspection über das Gymnasium und 1795. den 17. Juni wurde er Antistes oder Prediger an der Haupt- und Pfarrkirche bei St. Lorenzen [...]. Schon vorher, nämlich 1789. war ihm die Professur der Kirchen- und Gelehrtengeschichte übertragen worden [...]"



Festzuhalten ist schon einmal, daß Waldau den ehrsamen Weg von bescheidener Herkunft zu bedeutenden Ämtern gegangen war, einen Weg, der die bekannten Stationen enthält und von manchen tüchtigen jungen Leuten schon zur Überwindung der Standesgrenzen zurückgelegt worden war: Lateinschule, Studium, Hofmeisterstelle und, nach Bewährung seiner Tauglichkeit, Protektion, Vermittlung einer Existenzgrundlage. Waldau brachte es von da an sogar noch weiter als zum Beispiel Meintel; er war auch offensichtlich besser qualifiziert. Gänzlich zum Erstaunen aber bringt den Betrachter die im Gelehrtenlexicon aufgeführte Zahl seiner Veröffentlichungen, Zeichen eines unermüdlichen Fleißes in der Studierstube: insgesamt 83 Einträge, wobei Nopitsch am Ende noch summarisch etliches Verstreute erwähnt. Eine bezeichnende Auswahl davon:

"Gellerts wahre Grösse [...] 1770. 8. [...] Almanach für Freunde der theologischen Lektüre überhaupts und der gelehrten Vaterlandsgeschichte insonderheit, auf die Jahre 1780-1783. 8. [...] Ostergeschenk für Kinder. 1782. 16. [...] Wöchentliche Unterhaltungen zum Nutzen und Vergnügen. 2 Jahrgänge. 1782. 1783. 12. — Ueber die Liebe und Ehe; ein Lehrgedicht. Altenburg, 1783. 12. [...] Geschichte der Protestanten in Oestreich, Steiermarkt, Kärnthen und Krain vom Jahr 1520. bis auf die neueste Zeit. 2 Bände. Ansp. 1784. 8. [...] Vermischte Beyträge zur Geschichte der Stadt Nürnberg. 4 Bände in 32 Heften. 1786-1789. 8. [...] Leben Anton Koburgers [sic], eines der erstern und berühmtesten Buchdrucker in Nürnberg, nebst einem Verzeichnisse aller von ihm gedruckten Schriften. Dresden und Leipz. 1786. 8. [...] Beytrag zur Geschichte des Bauernkriegs in Franken. Nürnb. 1790. 8. [...] Thom. Murner’s erster teutscher Kirchen- und Ketzer-Almanach mit erläuternden Anmerkungen als kleiner Beitrag zur Reform. Geschichte. Nürnb. 1804. 8. — Predigt beim ersten Gebrauch der erneuerten grössern Orgel in der Haupt- und Pfarrkirche zu St. Lorenzen am Kirchweihfeste als den XI. Sonnt. nach Trin. 1804. gehalten. Ebend. 1804. 8. [...]"

Ein aufgeklärter Theologe mit belletristischen Neigungen, darin Munz nicht unähnlich. Er ist jedoch schon durch die Phase der Empfindsamkeit hindurchgegangen, hat zwar eines der späteren Exemplare der Gattung ,Moralische Wochenschrift‘ herausgegeben, aber versucht sich schon an der modernen Jugendliteratur, veröffentlicht selbstverständlich auch die Ausarbeitungen, die er für seine seelsorgerliche Arbeit verfaßt hat, aber dringt in geschichtliche Materien mit einer Ausdauer und Liebe zum Detail ein, noch dazu mit einer Liebe zum lokalen, regionalen oder konfessionellen Bezug, die über das Dilettieren der meisten schriftstellernden Geistlichen hinausgeht. Darin entspricht er ziemlich genau den Neigungen der maßgebenden Pegnesen seiner Zeit. So liest er etwa in der Sitzung vom 8. Februar 1790 eine Urkunde von 1433 über die Aufbewahrung der Reichskleinodien vor und gibt seine Anmerkungen dazu. Es ist kein Wunder, daß er, bereits 1775 in den Blumenorden aufgenommen, ein gutes Jahrzehnt später zu den maßgebenden Mitgliedern zählt.

Am 21. Januar 1799 schreibt Ordensrat Friederich an Präses Panzer: "[...] Bekanntlich ist ein Mitglied des Ordens Herr Prediger Waldau, durch ein Fakultäts Urtheil, das ihm auch bereits publicirt worden ist, wegen eines Buches des Diebstahls für überwiesen erkannt und deshalb zu einer namhafften Geldstraffe verurtheilt worden."

Dieses "Fakultätsurteil" hier wiederzugeben, bei dem es sich, je nach der Bedeutung von "Fakultät", um einen Altdorfer Vorgang oder um ein Urteil der Theologen innerhalb des Nürnberger Scholarchats handeln kann, wäre im Hinblick auf eine Abschätzung der Schwere des Vergehens wünschenswert. Wie aus obiger Aufstellung hervorgeht, hat ja Waldau, als wäre nichts geschehen, weiter geforscht, gepredigt, publiziert, sein verhältnismäßig hohes Kirchenamt bekleidet, und niemand schien an seiner Person Anstoß zu nehmen, auch nicht sein Amtsbruder Nopitsch, der alles dies bis ins Jahr 1804 verzeichnet hat. Nur im Blumenorden war seines Bleibens nicht mehr, darauf drängten Männer wie Friederich.

"Hochehrwürdiger Herr, hochverehrter Herr Präses

[…] Es ist zwar richtig, daß E. Hochlöbl. Rath gegen Hr. Waldau noch nicht vorgeschritten ist, daß das Kollegium der Herren Prediger auf eine höchst unbegreifliche Art sich stille verhält, auch H. Waldau, was ich aber noch nicht gewiß weis, gegen das Faculthäts-Urtheil appellirt habe. Es ist aber auch mehr als zu richtig, daß H. Waldau, nachdem dieses Urtheil ergangen, aus einem muthmaßlichen Dieb ein höchstwahrscheinlicher geworden ist, und daß zwar wegen der interponirten Appellation Ein Hochlöbl. Rath mit der Exekution noch nicht vorrüken kan, daß aber derselbe den [knapp eingeflickt: "H."] Waldau durch die Publication des in seinem Nahmen geschöpften Urtheils bereits unumwunden für einen überwiesenen Dieb erkannt habe, den das Predigerkollegium durchaus auch auf den Fall, wenn die Angelegenheit des H. Waldau künftig etwas glimpflicher ausfallen würde, des Ärgernisses wegen nicht weiter dulten sollte."

Und nun überbietet sich Friederich in immer neuen Vorstellungen, wie das feine Ehrempfinden des Blumenordens dadurch litte, und wie unbescholtene Männer den Raum zu verlassen hätten, weil ein bescholtener neben sie zu sitzen käme, u.s.f.. Zunächst solle Waldau die Teilnahme an Ordensversammlungen verboten werden, bis er sich hinlänglich vom Verdacht gereinigt habe; das bittet er den Präses Panzer im Namen der Mitglieder gehorsamst. Dieser Brief, schon der zweite in dieser Sache, folgt auf den vorigen in kurzem Abstand:

"Nürnberg den 23. Jan. 1799

Euer HochEhrwürden gehorsamster Diener

Dr. JAFriederich, Ordenskonsulent."

Panzer reagierte — was sollte er anderes tun? —, aber offenbar nicht gerne, denn er sprach nicht persönlich mit seinem Amtskollegen, sondern schickte Schöner vor. Dieser gibt Bericht:

"Sr. HochEhrwürden Herrn Schaffer Panzer, zur hochgeneigten Eröfnung.

Eu. Hochehrwürden

zeige ich, auf erhaltenen geneigten Befehl gehorsamst an: Daß unser Herr Prediger [Waldau] von der bewußten OrdensVersammlung nicht nur freywillig wegzubleiben noch immer gesonnen ist, sondern auch Dero guten Rath, daß er nicht auf der Einladung bestehen mögte, anzunehmen geschienen hat.

Mit der schuldigsten Ehrerbietung verharre ich

Eu. Hochehrwürden gehorsamst-ergebenster

Dr. J. H. Schöner.

D. 29. Jan. -99"

Wieso war die Reaktion des Blumenordens derartig streng? Kann es sich nicht, in anbetracht der gewaltigen Büchermengen, die bei der stoffreichen Aufarbeitung geschichtlicher Quellen ständig durch Waldaus Hände gegangen sein müssen, um eine Nachlässigkeit, vielleicht bloß um ein Versehen bei der Einhaltung einer Leihfrist gehandelt haben? Oder war der Beschuldigte einer jener zwanghaften Bücherliebhaber, die sich ein seltenes Exemplar, wenn sie es schon nicht erwerben können, widerrechtlich aneignen? Wenn es sich um einen tatsächlichen Diebstahl handelte, dann muß ein Buchhändler oder der Besitzer einer privaten Bibliothek geschädigt worden sein. Es wäre zu erwarten, daß sich dann in den Verhörprotokollen des Schöffenamtes aus den Jahren 1798 oder 1799 etwas darüber fände; jede Beleidigung oder Ohrfeige, welche die Beteiligten nicht unter sich abgemacht haben, ist dort aktenkundig geworden, von Knutschereien höherer Töchter mit irgendwelchen Soldaten der damaligen Besatzungen ganz zu schweigen. Über Waldaus Diebstahl — nichts! Ist es aber eine Angelegenheit der Universität Altdorf gewesen, so steht man heute im Dunkeln. Laut persönlicher Auskunft von Herrn Prof. Dr. Wendehorst (am 22. Juli 1999) sind nicht alle Altdorfer Universitätsakten an die Universitätsbibliothek Erlangen gekommen; ein Teil muß als verschollen gelten. Was aber von den Akten vorhanden ist, enthält keine Fakultätsurteile aus der fraglichen Zeit. Nur kann man sich über die Strenge der Altdorfer Bibliotheksordnung anhand folgender Bekanntmachung ein Bild machen:

Vom 22.September 1777 liegt ein gedruckter Anschlag vor, in dem auf eingerissene Mißbräuche der "Trewischen Bibliothek" verwiesen und eine Bibliotheksordnung eingeschärft wird. Es heißt:

"Es sollen nemlich 1) die hiesigen Studiosi künftig sich nicht mehr unterstehen, die Bücher aus den Repositoriis eigenmächtig herauszulangen, oder auf den Bücherleitern nach Büchern hinaufzusteigen, sondern die zu Inspiciren oder Excerpiren benöthigten Bücher von dem Herrn Bibliothecario, nach den vorliegenden Catalogis, sich ausbitten; 2) diejenigen, so Bücher zum Gebrauch nach Hauß zu nehmen verlangen, solche anders nicht, als auf einen Cautions-Schein eines Herrn Professoris, bekommen, wie gleich Anfangs in den gedruckten Nachrichten bekannt gemacht worden; 3) der Gebrauch aber der erhaltenen Bücher länger nicht als auf vierzehen Tage verstattet werden, nach deren Verlauf solche wieder zurückgegeben, und im Fall eines benöthigten längern Gebrauchs die Prolongation des Cautions-Scheins beygebracht werden; 4) diejenigen, welche innerhalb solcher zum Gebrauch der Bücher bestimmten Zeit von hier etwan weggehen würden, die erhaltenen Bücher, auch ungemahnet, zurückgeben; 5) die bekommenen Bücher reinlich halten, auch aus ihren Händen nicht mehr an andere weiter geben, anbey aber für geschehene Beschmutzung und andere Schäden haften. Endlich 6) sollen auch diejenigen Studiosi, die bißhero Bücher nach Hauß bekommen, solche binnen acht Tagen in die Bibliothek zurückliefern.

Es versiehet sich demnach RECTOR und SENATUS ACADEMICUS, es werden sämtliche Studiosi den bißhero auf dieser vortreflichen Bibliothek eingerissenen Mißbrauch von selbst erkennen, und dieser Verordnung in allen Stücken gebührend sich fügen, damit man nicht andere mißbeliebige Anstalten, auch wohl Strafen, vorzukehren nothgedrungen seyn möge. Wornach sich zu achten."

Als der Blumenorden im Verlauf seiner Herbstfahrt 1999 von Herrn Hans Recknagel eine Führung im Universitätsmuseum Altdorf erhielt, wurden Erlasse dieser Art in großer Menge gezeigt, mit der Bemerkung, solche Dinge hätten immer wieder neu aufgelegt und eingeschärft werden müssen; die Durchsetzungsgewalt der Universitätsgremien sei gering gewesen. In der Tat ist auch obiger Auszug nur ein Exemplar mehrerer gleichlautender Blätter im Zeitraum bis 1809. Wenn das so war — warum wollte man ausgerechnet an dem tüchtigen Forscher Waldau ein Exempel statuieren?

Hier wird es nötig, den Zeithintergrund genauer zu betrachten.

1794 mußte das Patriziat, 22 Familien, sein Machtmonopol im "Grundvertrag" (zwischen Rat und Genanntenkollegium) abgeben und und die Kaufleute und Handwerker an den Entscheidungen beteiligen.

1796 besetzten Bayern und Preußen das gesamte Landgebiet Nürnbergs.

1797: Wegen der Verschuldung von 14 Millionen Gulden berufen die Mitglieder der städtischen Gremien eine kaiserliche Subdelegationskommission ein, die das Wirtschaften der Patrizier nachprüfen soll.

Am 23. Januar 1799 läßt Dr. Benedikt Wilhelm Zahn, Synd. und Ordens-Sekretär, ein Rundschreiben an die Ordensmitglieder ergehen, in dem vorgeschlagen wird, "[…] den fürtreffl. Kaiserl. Herrn Subdelegatum und Geheimen Hofrath Gemming zur nächstmaligen-künftigen [...] Ordens-Versammlung […] zu invitieren."

Daher wehte der Wind: Die im Blumenorden versammelten — nicht-patrizischen — Honoratioren vermeinten, der Stadt (und ihrer Literaturgesellschaft) einen guten Dienst zu erweisen, wenn sie einen der hochmögenden Kommissare etwas fester an sich banden.

Am 8. Mai 1799 sendet Zahn ein weiteres Rundschreiben umher mit der Frage, ob man unter Umgehung des üblichen Ballotage-Verfahrens den Kaiserlichen Subdelegaten durch Überreichung des Aufnahmediploms um Beitritt bitten solle. Faulwetter unterschreibt von 22 als erster: er ist dafür.

Friederich ist dafür, "Da der Beytritt des hochpreisl. Herren Subdelegati die erwünschteste und erfreulichste Ereigniß seyn muß […]" Diese politische Raffinesse ist das eigentliche Motiv Friederichs, gleichzeitig so vehement gegen Waldau vorzugehen; dessen angekratzter Ruf könnte den schönen Plan gefährden!

Der redliche Colmar zeigt sich, wie immer, bedenklicher: "[…] wie ich […] glaube, daß ein so delikater Gegenstand, bei Unbekantschaft mit der eigentlichen Veranlaßung, nicht aus dem Stegreif behandelt werden mögte, sondern konferenzialisch zu überlegen u. zu berathen seyn dürfte."

Frank: "Das Votum des Herrn Consulent Colmar ist auch das meinige. […]"

Schwarz: stimmt für den Antrag, hielte es aber für zweckmäßiger, "Hochdenselben mit einem Diplom zu überraschen, als Solcher ohnedies die Wünsche zum Eintritt in den Orden nicht ganz undeutlich zu vernehmen gegeben hat. […]"

Es hat geklappt: Gemming ist als Mitglied Nr. 245 in der Stammliste verzeichnet. Irgendwelche Beeinflussung des Überprüfungsverfahrens, in dem Gemming u.a. mit Faulwetter zusammenarbeiten mußte, wird sich nicht feststellen lassen. Aber im großen und ganzen konnten die politischen Köpfe im Blumenorden zufrieden sein. Von einer Rehabilitierung Waldaus war dennoch nicht die Rede. Er sah sich genötigt, am 23. August 1799 eine Kurzmitteilung (ein mit nur sechs Zeilen beschriebenes Quartblatt) an Panzer zu senden, auf dem es heißt: "P.[raemissis] P.[raemittendis, d.i. anstelle der gebührlichen Grußformeln] Was ich schon im Februar dieses Jahres gegen euer Hochehrwürden mündlich äusserte, das bestätige ich hierdurch schriftlich. Daß ich nämlich aus der löbl. Blumengesellschaft, die mir einige 20 Jahre lang manche Belehrung und manches Vergnügen gewährete, herauszutreten, durch verschiedene Ursachen veranlasset worden bin. Mich derselben ganz ergebenst empfehlend. Georg Ernst Waldau, Ant[istes]. Laur[entianus]."

Und wieso war dann alles mit einer Geldstrafe abgetan und man ging mit dem vom Blumenorden Verfemten anderswo um, als sei nichts gewesen?

Ein wenig Licht bringt ein Ratsverlaß vom Mittwoch, den 25. September 1799, in die Sache; wenigstens erhellt daraus, wieso sich über den Fall keine Akten aus dem Schöffenamt erhalten haben:

"Auf das von dem Inculpaten [Beschuldigten] Georg Ernst Waldau eingebrachte Gesuch, selbigem, jedoch auf seine Kosten, ulterior transmissio actorum in vim revisionis [letztliche Überführung der Akten in die Verfügungsgewalt der Revision] zu verstatten, wobei dem Dri Holzschuher, wenn er den gewöhnlichen Defensors Eid [Eid des Verteidigers] geleistet haben wird, und die Gutachten renoviert [überarbeitet] sein werden, und nur eine Abschrift von num. 26.6 beygelegt werden wird, die nachgesuchte Akten Restriktion in der Registratur, und zwar in Gegenwart des Registrators Heiling zu verwilligen, und zur Beybringung seiner angeblichen Beschwerungs- und Verteidigungs-Gründe ein Termin von 6. Wochen von dem Tag der Publication des Oberherrl. Verlaßes angeordnet, anzuberaumen.

                                                                      C. W. H. Stromer

                                                                      G. P. C. Volkamer"

Dr. Holzschuher muß ein geschickter, sogar ein wenig skrupelloser Verteidiger gewesen sein. Er erhielt die Akten, die somit aus dem normalen Gang des Archivierens ausschieden, und von Abschrift oder Revisionsverhandlung mit neuen Gutachten war offensichtlich später nicht mehr die Rede. Die Ratsmitglieder waren wohl stillschweigend der Ansicht, daß Waldaus Namen mit dieser Bagatelle fortan nicht mehr belastet werden solle; wegen der Besetzung durch die Franzosen und anderer großer Umwälzungen, von denen uns die Geschichtsbücher genügende Kunde geben, hatte man in Nürnberg andere Sorgen. Der Fall war zugedeckelt. Nicht so für den Blumenorden, der sich wohl gerne als Gesellschaft untadeliger Patrioten vorkam. Aber das spielte für Waldaus öffentliches Leben keine Rolle mehr.