Werner Kügel ©2007

 

ABRISS DER GESCHICHTE

DES PEGNESISCHEN BLUMENORDENS ANHAND SEINER SATZUNGEN

 

Teil V: Vom Biedermeier zum Vormärz

 

 

Das "bürgerliche Projekt" kommt in Schwung. Waren die im engeren Sinne bürgerlichen Wirtschafts-, Verhaltens- und Denkweisen vor der Napoleonischen Zeit noch innerhalb des herkömmlichen Bürgertums als etwas Vorläufiges aufgetreten, dessen zukunftsweisende Züge auch aufgeschlossene Vertreter anderer Stände erfaßte, so gilt nach dem Ende des alten Römischen Reiches deutscher Nation die Restauration der Verhältnisse des Ancien Régime nur mehr als mühsam aufpoliertes Auslaufmodell, schon deshalb, weil ein modernes Staatswesen allen seiner Teilhaber quasi bürgerlichen Status verschafft, um rationell Recht sprechen und wirtschaften zu können. Die Reformen des Ministers Montgelas in Bayern kommen insofern auch der Überwindung der patrizischen Oligarchie in Nürnberg zugute. Deren Vertreter lassen es sich als Lokalpatrioten gerne gefallen, daß sie zusammen mit Angehörigen der früheren mittleren und niederen Stände zum allgemeinen Wohl vor den Karren einer vereinheitlichten Verwaltungsbürokratie gespannt werden. Der als Akademie neu aufgestellte Blumenorden klinkt sich in das aufblühende Vereinsleben ein. Eine merkwürdige Zwischenstufe vor der Ausbildung einer eigentlichen Intellektuellenschicht entsteht: die Honoratioren. Man hat sich der Angliederung an die Bayerische Akademie der Wissenschaften aus Mangel an Arbeitskraft entzogen, kann aber der erweiterten Publizität trotz gewisser biedermeierlicher Tendenzen zum Rückzug in sein historisierendes Schneckenhaus nicht entkommen. Anfragen, Bitten und Angebote zur Zusammenarbeit greifen immer wieder von jenseits der Grenzen Nürnbergs herein.
        

Erneuerte Außenwirkung

 

Noch bestimmten über den Blumenorden die Angehörigen einer Generation, welche im alten Reichsstadtwesen herangewachsen war. Ihre Orientierung war allerdings gar nicht mehr rückwärtsgewandt; sie war es schon unter dem alten Regierungssystem nicht gewesen. Es sind die Männer des Übergangs in eine bürgerliche Honoratiorengesellschaft. Nach 1820 werden sie nach und nach von einer Generation abgelöst, die vor allem auf Festigung des Erreichten bedacht ist. Auf organisatorischem Gebiet erweist sich der Rahmen als zu weit gesteckt; in bezug auf Dichtung gelangt man mit privater, sogar innerhalb des Ordens abgegrenzter Initiative den alten Idealen noch am nächsten. Eine beinahe so bedeutende Rolle wie zu Zeiten des Amarantes fällt zum Zweck des Zusammenhaltes dem Schriftführer zu. Es ist daher von  Vorteil, daß der Übergang von Müller zu Heiden aufgrund ähnlichen Hintergrundmilieus glatt verläuft. Doch auch ein gewisses Abstandnehmen wird an den Nachrufen auf bedeutende Mitglieder der vorigen Jahrzehnte deutlich.  
       

Ein Wechsel im Amt des Schriftführers


„Hintergrundbedingungen” wäre zuviel gesagt, wenn man einige Archivmaterialien in den gesellschaftlichen Zusammenhang der damaligen Zeit einordnen möchte, denn das Leben des Blumenordens verlief ziemlich unabhängig von den sozialen Problemen, eigentlich nebenher. Doch gänzlich die Augen davor verschließen konnten und wollten die Pegnesen auch nicht.


Gesellschaftliche Nebenbedingungen

 

Wenn schon der Posten des Irrhain-Gärtners den Gepflogenheiten des Kommerzes angenähert wurde, so konnte die Auffassung vom Irrhain davon nicht unberührt bleiben. Er ist immer noch in erster Linie die Angelegenheit des Ordens; wohingegen Besuche durch Fremde im 17. und im 18. Jahrhundert einzelne Ereignisse zu sein pflegten -- Jean Pauls Aufenthalt macht auch keineAusnahme --, sieht sich der Orden jedoch allmählich als Sachwalter einer von breiten Kreisen beanspruchten Freizeitmöglichkeit.

 

Der Irrhain wird zum Ausflugsziel

 

Das übrige Tun und Schaffen des Blumenordens geht seinen gewohnten Gang. Eine gewisse Erstarrung im rein Geschäftsmäßigen ist nicht zu übersehen.

 

Das Vereinsleben in engerem Sinne

 

Mit der Zeit müssen die Abläufe der geregelten Ordenssitzungen als zu formalistisch empfunden worden sein. Freilich klingen die Niederschriften sehr steif und verstaubt, doch keineswegs in höherem Maße als die zeitübliche Behördenprosa, und es lag gewiß mehr an den jeweils teilnehmenden Mitgliedern, ob der Schwung der früheren Jahre unter diesen Umständen weiterwirkte, als an der jeweiligen Tagesordnung und ihrer Abarbeitung. So ist es eher ein vorgeschütztes biedermeierliches Gemütlichkeitsbedürfnis, das zur Begründung neuer, nicht satzungsgemäßer Einrichtungen im Orden herhalten muß; in Wirklichkeit wird der zu hohe Anspruch der Satzung von 1820, wie Wilhelm Schmidt argwöhnte, den Grund abgegeben haben.

 

Die Satzung von 1820 erscheint immer unpassender

 

Nicht nur der Präses verstarb (6. 2. 1838) und ein Nachfolger mußte gewählt werden (Christoph Wilhelm Karl Kress von Kressenstein, 12. 3. 1838), auch weitere Personen dieser Generation starben oder zogen sich altersbedingt zurück. Es machte sich allmählich ein Mitgliederschwund bemerkbar. Bemerkbar vor allem auch angesichts der Leistungen einzelner Mitglieder, die nun schmerzlich vermißt wurden. Von etlichen, denen man kaum begegnete oder die irgendwo als Auswärtige im Sinne des Ordens wirkten, hätte man kaum so viel Gutes zu schreiben gewußt wie etwa von Christoph Carl von Harsdorf. 

Umorientierung und Spaltung

 

Der in zweifachem Sinn zurückgebliebene Blumenorden wollte nicht in Unbeweglichkeit und Untätigkeit verharren. Nun ging man eine Überarbeitung der Satzung an.

 

Die Satzung von 1840

 

Zu denVorgängen von öffentlichem Interesse und gegenüber Anforderungen aus der weiteren Ö…ffentlichkeit verhielt sich der Blumenorden im Unterschied zum Literarischen Verein eher vorsichtig und zurückhaltend. Man kann aber nicht sagen, daß er sich den Zeitläuften überhaupt nicht aussetzte. Nicht darin, daßer sich nach außen hin völlig abgeschlossen hätte, war der Grund für die Abspaltung des Literarischen Vereins zu suchen, sondern in der Beschränkung auf die Perspektive der Honoratioren.       

Der Blumenorden vor der Öffentlichkeit

 

In der Tat bündelten sich die Kräfte der Pegnesen, um ein im Vergleich zu 1794 fast ebenso prächtiges mehrteiliges Fest zustande zu bringen. Natürlich bringt eine derartigeAnstrengung auch mit sich, daß vergessene Prinzipien wieder ins Bewußtseintreten, Neubesinnungen an den eingefahrenen Verfahrensweisen rütteln und Tätigkeiten, die halbherzig ausgeübt oder verschoben worden waren, auf einmal gehäuft auftreten. 
        

Das Jubiläum von 1844