Übergewicht der Neuerer

Aber Friederich konnte sich die Hände reiben! Nun hatte er die beiden Alten da, wohin er sie durch gezielte Provokationen bringen wollte, denn der Pfiff an der Taktik ist, die Angegriffenen ins Unrecht zu setzen. Sein "Gehorsamstes Promemoria" vom 24. 3. 1788 geht an zehn Mitglieder. (Welche wohl?) Er schickt die beiden Stellungnahmen der Ordensleitung mit und bemerkt dazu: "Diese Beylagen enthalten nun die auffallendsten Beleidigungen, Injurien aller Art — und mitunter auch Grobheiten der ersten Grösse, die auf keine Weise von irgend einem ehrliebenden Mann gelassen angenommen werden können." Kriegsrat soll auf einer außerordentlichen Versammlung in seiner Behausung gehalten werden. Von den Adressaten melden sich dazu durch Unterschrift: Colmar, K. Link, Dr. Panzer, Schaffer Panzer, Frank, Waldau, Zahn; Diakon Dietelmair erklärt sich solidarisch mit Frank und Schaffer Panzer, entschuldigt sich aber, fernbleiben zu müssen; Rektor Vogel und der Kaufmann Bezzel, der in der Laufer Gasse wohnt, antworten nicht. (Daß Leinkers Name hier nicht erscheint, mag mit einer Krankheit zusammenhängen; nicht lange darauf starb er.)

Von der außerordentlichen Sitzung vom 1. April 1788 ist das Konzept Zahns für seine Niederschrift vorhanden. Es heißt dort, Diacon Spies, Pfarrer Link von Beringersdorf und Seyfried seien ausgetreten; mehrere andere, "welchen das bisherige unfriedfertig- und despotische Verfahren äußerst unangenehm fallen müssen, [hätten das] allbereits zu erkennen gegeben." Der Vorwurf, den Frieden im Orden gestört zu haben, und zwar auf "despotische" Weise — ein Leitbegriff der politischen Opposition jener Tage — wird also ziemlich einseitig auf die Ordensleitung abgewälzt. Wie zur Beschämung des Pfennigfuchsers Schmidbauer ist diese Niederschrift auf bestem Lumpenpapier abgefaßt, das auch bis heute kein bißchen verblichen ist. Von da an besteht eine große Lücke zwischen den Niederschriften und im Briefwechsel, die bis in den August reicht. Es muß aber vorher schon ausgemachte Sache gewesen sein, daß Präses und Schriftführer den Orden oder jedenfalls ihre Ämter verließen. Colmar scheint beauftragt worden zu sein, eine neue Satzung vorzubereiten. Man wollte, nachdem der Widerstand der Perücken gebrochen war, streng nach bürgerlichem Rechtsempfinden vorgehen.

Eigentlich hätte es dem Grundsatz dieses historischen Rückblicks entsprochen, wenn er sich auf einen Vergleich der Satzungen aus verschiedenen Zeiten beschränkt und eine Schilderung dieser Stürme im Wasserglas taktvollerweise unterlassen hätte. So etwas kommt in jedem Verein einmal vor, mit mehr oder weniger dramatischen Nebenumständen. Doch im Unterschied zu den unerfreulichen Aufarbeitungen irgendeines unwichtigen Hickhack in irgendeiner "Szene" geht es hier nicht um unwürdiges Affentheater in Schilda oder Abdera, sondern die Szene dieser Geschehnisse ist Europa am Vorabend der Französischen Revolution. Man kann nicht umhin, den Vorgängen dieser Jahre im Blumenorden höhere geistesgeschichtliche Beispielhaftigkeit zuzuschreiben. Übrigens setzte sich auch hier, in vereinfachter Weise ähnlich wie in Frankreich, am Ende nicht die radikalste Partei durch, sondern eine weitgehend traditionsgebundene Kraft, die aber den geistigen Neuanfang zum Teil in den Formen des Zusammenschlusses aufhob.