Vorschläge eines rätselhaften Unbekannten


In derselben Mappe, in der sich die bisher zitierten Schriften zu Lilidors Umfrage finden, bewahrt das Pegnesen-Archiv auch ein Blatt auf, dessen Vorschläge über die anderen noch um ein bedeutendes hinausgehen. Die Frage ist nur: Ist die Einordnung in diesen Zusammenhang nicht falsch? Die Zuschreibung des ohne Namen überlieferten Manuskripts an den neuen Präses von 1708 scheint jedoch schon an der oben erwähnten Stelle bei AMARANTES angedeutet — er zitiert wörtlich daraus — und hat sich wohl in der aufbewahrten Ordnung des Archivs erhalten. Jedenfalls erschien mir dieses Blatt beim ersten Lesen als früheste Antwort auf die Umfrage, so neuartig und gar nicht präsidial klingen die darin entwickelten Vorstellungen. Der Verfasser sieht den Blumenorden schon als eine Nürnbergische Akademie. Da dieser Gedanke im Lauf der Geschichte noch mehrmals aufgegriffen wurde und wohl einer der Ansporne ist, dem der Orden sein Überleben zu danken hat, möchte ich hier etwas ausführlicher zitieren, auch wenn sich herausstellen sollte, daß diese Vorschläge viel älter sind. Außerdem kann man daraus entnehmen, wie wenig fremdwörterfrei, in welch verschrobener Orthographie und wie kanzleihaft langatmig ein Pegnese schreiben konnte, wenn er sich einmal nicht zusammennahm und seine Schreibweise aus der Amtsstube borgte. (Die im Zusammenhang mit HARSDÖRFER überlieferten Ratsverlässe zeigen nur zu deutlich, daß offizielle Schreiben in Nürnberg der Meißener Kanzlei eben doch nicht das Wasser reichen konnten. Zumindest auf diesem alltäglichen Gebiet ist deren Vorrang anzuerkennen.)
Nachdeme sich so viel gelehrte und fast in omni scibili erfahrene Leuthe zu Nürnberg befinden, welche so wohl durch ihre continuierende Studien, und eigne Erfindungen, als auch durch gute correspondentzen viel herrliche dinge immo vistu nothwendig erfahren müssen, welche aber aus Ermangelung einer gesellschafft oder Zusammenkunfft, entweder bey ihnen allein verbleiben, oder doch denen wenigsten communiciert und mithin durch die Zeit wird vergessen werden. [Absatz!]
Hieraus spricht noch gänzlich die in der Zeit des Renaissance-Humanismus gängige Ansicht, daß man die Wissenschaft am besten durch Austausch seiner Funde unter persönlich bekannten oder im Briefwechsel befindlichen Gelehrten fördere. Fachzeitschriften gab es wenige, die Bezugswege waren wohl umständlicher als die Briefzustellung, und Bücher dienten zwar zum Sammeln und Niederlegen, genügten aber nicht dem Anspruch auf schnelle Ausbreitung des Wissenswerten. Gelehrte waren darum eifrige Briefschreiber, und das blieb so bis zum Ende des Jahrhunderts, als die Zahl derer, die etwas mitzuteilen hatten, so gestiegen war, daß die europäische Gelehrtenrepublik unübersichtlich wurde. Von da an schrieben einander fast nur noch diejenigen, die ein Spezialgebiet bearbeiteten. Wenn hier die Befürchtung laut wird, daß ohne persönliche Zusammentreffen Gelehrter in einer Stadt viel Wissen in Vergessenheit geraten könne, so scheint dem das Vorhandensein von Büchern zu widersprechen. Man bedenke aber, daß nicht alles, was als Vermutung oder Forschungsziel anregend wirken kann, im Druck gut aussieht. Die persönliche Mitteilung läßt Gedanken nicht verkommen, mit deren Vorläufigkeit man sich nicht gern vor die Augen der gesamten Mit- und Nachwelt wagt.
Als stündte dahin ob Mann nicht [wie] ad exemplum andre dergleichen gesellschafften in franckreich und Engeland, monatlich oder wenigstens alle 6 wochen, sommers Zeit in einem Garten, winters Zeit aber in einem hauß, dazu etwan den Sommer H .[errn] Rößlers Garten nicht unanständig, allenfalls aber der meinige neben meinem Hauß der gesellschafft allzeit offen und zu Diensten stündte, mögte zusammen kommen, da einem jeden, jedoch mit gantz offen Hand auch ohne einige müh oder Zwang freistündte, dasjenige was er etwan diese 4 wochen über remarquables gelesen oder aber in Historicis, Mathematicis in Medicina in Chimica in Astronomia observirt, was ihm von neuen büchern zukommen oder er sonsten erfahren, was er vor sich von Teutschen oder lateinischen Versen gemacht & selbsten abzulesen der Compagnie sentiment darüber einzuholen und ein Exemplar davon ad acta zu lieffern, worüber dann ein kurtzes protocoll nur in forma eines Registers könnte gehalten werden, damit man gleichwohl wüßte, was von Monat zu Monat passirt wäre.
Wie man sieht, spielt die Dichtung nur noch eine Nebenrolle. Die Sprachpflege wird gar nicht eigens erwähnt. Aber eine schwungvolle aufklärerische Arbeit hätte man geleistet, wenn sich die Nürnberger damals ihren Pegnesenorden hätten umfunktionieren lassen und der wissenschaftliche Sammeltrieb der Einzelnen in einen Markt des Wissens umgewandelt worden wäre!

Es deutet in eine Zeit schon vor der Wende zum 18. Jahrhundert, in der Nürnberg beinahe zu einer der Hauptstädte der deutschen Frühaufklärung geworden wäre: ERHARD WEIGEL, berühmter Jenenser Professor, erwarb 1698 in Nürnberg ein Haus, um darin ein "Collegium Artis Consultum" einzurichten. WEIGEL, der auf die Generation von CHRISTIAN WOLFF großen Einfluß ausübte — auch ASTERIO und der Altdorfer Mathematikprofessor STURM waren seine Schüler gewesen — war einer der bedeutendsten deutschen Rationalisten und Physikotheologen des 17. Jahrhunderts. Er beabsichtigte wohl, eine der englischen "Royal Society" ähnliche Einrichtung zu schaffen, starb aber leider im Jahr 1699, sodaß sein Plan unausgeführt blieb und bald von der Berliner Akademie überholt wurde, die LEIBNIZ zum Gründer hatte. Daß er überhaupt auf Nürnberg verfallen war — obwohl ihn doch schon alle Welt in Jena aufsuchte, wo damals bereits fortschrittlichere Lehre möglich war als in Leipzig —, lag wohl an seinen guten Beziehungen zu Nürnberger Kunsthandwerkern, Mechanikern (denen er Aufträge zu Experimentalgerätschaften gab), Mathematikern, Astronomen, Theologen und schließlich auch Patriziern. Nürnberg hatte offensichtlich auch nach dem Dreißigjährigen Krieg noch einiges zu bieten.

Dafür, daß FÜRER-LILIDOR diesen Plan gekannt haben mag, sprechen zwei Umstände: Erhard Weigel hatte gute Beziehungen zum Orden: Er widmete ihm sein Werk Europäischer Wappenhimmel. Und: FÜRER gehörte, neben WEGLEITER und manchen anderen, zu den verhältnismäßig vielen England-Reisenden aus dem Orden, und er hatte, aller Wahrscheinlichkeit nach, Sitzungen der Royal Society besucht. Er hatte aber auch während seiner Aufenthalte in Paris gelehrte Salons kennengelernt, und die im folgenden erwähnten Namen spielten dabei eine Rolle: "Damalen wurden auch von dem berühmten Antiquario, Mr. Morell, dem König [Ludwig XIV] einige seiner [FÜRERs] Französischen Gedichte gezeigt.") Die Rede ist von LILIDORs Bildungsreise des Jahres 1683. Bis hierher kann man annehmen, daß die vorliegende Denkschrift tatsächlich vom Präses selbst stammt: Er arbeitet die Erinnerung an wesentliche Bildungserlebnisse und Bekanntschaften mit bedeutenden Männern auf.
Weilen aber diese gesellschafft ohne jemandes Beschwehrniß und mit höchster Freyheit geschehen solle, auch nicht allezeit dergleichen neue observationes sich ereignen mögten, oder solche doch die völlige Zeit der 1 oder 2 Stund nicht ausmachen, als stündte dahin, ob nicht nach dem Exempel der assemblée welche in Paris bey dem Duc d'Aumont gehalten wird, da Vaillant, Morell, P. Menetrier und andere gelehrte Leuth sich fleißig eingefunden, ein Stück von einem gewissen alten oder Neuen gedruckten authoren, oder einem curiosen manuscripto, so ursach zu guten Diskursen geben mögte, und worumb sich die compagnie zu vergleichen hätte, mögte abgelesen werden, nach dessen vollendung, von derselben discurirt und was absonderlich remarquable befunden würde ad protocollum könnte gebracht werden.
Wenn schon keine Akademie, so doch wenigstens einen literarischen Salon könnte man aus dem Blumenorden machen! Ob aber in Nürnberg, wo jeder vor sich hin arbeitet und nicht leicht einer geneigt ist — ob aus Bescheidenheit oder Muffligkeit, sei dahingestellt —, sich vor anderen hervorzutun?
Es sollte aber freistehen allen und jeden fremden und einheim. Herren, geist und weltlich, wofern sie nur von jemand von der gesellschafft introducirt würden, oder etwas Curioses mit bey zu tragen hätten, diese gesellschafft zu frequentiren.
Das wird den Pegnesen nun doch zu liberal gewesen sein, wenn sich auch das Verfahren der persönlichen Empfehlung und Einführung, wie in britischen Clubs, auf die Dauer bewährt hat.

Der nächste Abschnitt des Textes äußert Bedenken, ob nicht die mit Versammlungen dieser Kreise verbundene Sorge um das leibliche Wohl etliche abschrecken würde, an solchen Unkosten teilzuhaben. Deshalb solle nichts als etwas Brot und Bier gereicht werden, bis vielleicht ein wohlhabender Teilnehmer einen Fundus für bessere Verpflegung auswerfe.

Zuletzt kippt die Erwähnung einiger Namen von Personen, die als Ordensmitglieder vorgeschlagen werden, die bisherige Zuschreibung an den 1680 aufgenommenen CHRISTOPH VII. FÜRER: Stadtschreiber BURGER und die Herren INGOLSTÄTTER, STÖBERLEIN und EINART! Die ersten beiden wurden 1675 bzw. 1672 aufgenommen; JOHANN LEONHARD STÖBERLEIN, Apotheker zu Nürnberg, war unter dem Namen POLYANTHUS von 1672 bis zu seinem Ableben 1696 Ordensmitglied. , Einart', ist vielleicht ,Eimmart' zu lesen und bezieht sich dann auf den ersten Direktor der Nürnberger Kunstakademie, der 1705 schon verstorben war. Demgemäß stammt der Text aus der Zeit unmittelbar vor 1672, was auch die veraltete Orthographie erklären würde, und richtet sich an SIGMUND VON BIRKEN! Wer aber hat ihn verfaßt? War es vielleicht der anonyme Herausgeber und Übersetzer der ersten vollständigen Molière-Ausgabe in Deutschland, dessen Vorwort auf persönliche Anwesenheit in Paris vor oder kurz nach Molières Tod (1673) schließen läßt? Es muß jedenfalls jemand gewesen sein, der innerhalb der Nürnberger Gelehrtenschicht zuhause war oder zumindest viele ihrer Angehörigen kannte:
Ich zweiffle nicht es würden künfftig hin vor allen Herren Predigern, geistl., Doctoribus Medicinä und andren absonderlich etwan Herren Winklern, Herrn Wülffen so gute correspondenten haben, gleichfalls mit beytretten.
Und wenn aus der Akademie oder dem Salon nichts würde, könnte man immer noch ein Colloquium oder ein Gespräch beim Wandeln in Gärten veranstalten.