Unterschiedliche Aussichten über den Tellerrand


Es ist überraschend, unter den Gegenständen, die in regulären Ordenssitzungen verhandelt wurden, auch einmal ein literaturgeschichtliches Thema zu finden, das bestimmt nicht nahelag. Am 1. März 1824 geht Gotthold Emanuel Friedrich Seidel einer Anregung Herders nach:

"III.) Da dermalen kein OrdensMitglied sich zu einer Vorlesung angemeldet hatte; so wurde durch den Herrn Präses aus Herders Terpsichore eine Lebensbeschreibung und Charakterschilderung des in der Mitte des siebzehenden Jahrhunderts berühmt gewesenen lateinischen Dichters Jacob Balde, eines Ordensgeistlichen der Gesellschaft Jesu, sowie einige von dessen vorzüglichen Gedichten nach der trefflichen Übersetzung Herders vorgelesen, und damit die heutige Sitzung beendiget."

Der Tod des bayerischen Königs mußte natürlich auch bedichtet werden, doch nahm man auch Kenntnis von dem, was anderwärts dazu geschrieben worden war:

Es wurde "II.) von dem Herrn Präses aus der unter dem Titel: Max Joseph, erster König von Baiern, eine biographische Skizze für Freunde des Vaterlands, vor kurzem zu Augsburg im Druck erschienenen kleinen Schrift, eine Biographie unseres verewigten Königs vorgelesen."

Weitere Gedichte zum Tode des Königs lasen dann Mainberger, Wilder (zwei eigene), und dann las Wilder drei Gedichte, die der König noch als Kronprinz gemacht hatte: "Unter allgemeiner ehrfurchtsvoller Bewunderung unseres hochverehrten, auch als Dichter rühmlich ausgezeichneten Monarchen [...]" — die Neigung zur Poesie fing bei den Wittelsbachern also nicht erst mit dem "rex participialis" Ludwig an. Ob sie bei Max Joseph eine unglückliche war, ist natürlich aus einem offiziösen Protokoll nicht zu erkennen.

Die Gattung "Drama" wurde folgendermaßen gepflegt: "IV.) Herr Pfarrer Wilder las hierauf eine kurze Geschichte des Nürnbergischen Theaters von 1748 bis 1768 vor. — V.) Herr Pfarrer Dietelmaier machte die Anwesenden mit einem von ihm verfaßten Trauerspiel unter dem Titel: Das Naturgericht bekannt und las zur Probe den Vorbericht und die erste Szene [...]"

Noch zu Goethes Lebzeiten befaßte man sich im Blumenorden mit einer seiner späten Schriften; ihm gegenüber verhielt man sich in Nürnberg keineswegs so reserviert, wie Sengle es an den Jungdeutschen und den Biedermeierschriftstellern anderer Gegenden beobachtet hat: In einer Sitzung des Jahres 1828 "V.) Las Herr Stadtpfarrer Wilder aus Göthes Schrift: Kunst und Alterthum, die mit einem Vorwort dieses ehrwürdigen Veterans der deutschen Dichter begleitete Übersetzung der Recension der französischen Übersetzung von Göthe's dramatischen Werken, vor."

In derselben Sitzung "VI.) Wurden zwey von dem hiesigen geschickten Künstler Herrn Engelhard verfertigte Gemälde zur Beschauung aufgestellt, deren erstes die Trauer einer jungen Novize über ihre bevorstehende Einkleidung als Nonne und die sie tröstende Priorin, das andere aber den Tod einer Nonne vorstellt. Zugleich wurden auch zwey von einem ungenannten OrdensMitglied über den Gegenstand dieser Gemälde verfaßte Gedichte vorgelesen und mit allgemeinem Beifall aufgenommen." Nicht gerade multimedial, aber immerhin schon ein Dialog der Künste. Übrigens wäre es im 17. und frühen 18. Jahrhundert noch undenkbar gewesen, daß im protestantischen Nürnberg Bilder über solche Themen vor dem Blumenorden der Betrachtung gewürdigt worden wären. Man gruselte sich mittlerweile recht ästhetisch vor der Exotik des romantisch verbrämten Katholizismus.

Auch von außen kamen dem Blumenorden Anregungen zur Erweiterung seines Gesichtskreises zu, so zum Beispiel 1830:

"Dem hochlöblichen, in der Geschichte der schönen Litteratur Deutschlands hochverdienten Pegnesischen Blumenorden zu Nürnberg erlaube ich mir die beifolgenden auf den deutschen Boden verpflanzten nordischen Blumen hochachtungsvoll zu überreichen.

Mit der ausgezeichnetesten Hochachtung habe ich die Ehre mich zu unterzeichnen
Eines Hochlöblichen Pegnesischen Blumenordens ganz ergebenster
Dr. Gottlieb Mohnike,
Königl. Preußischer Consistorial- u. Schulrath,
Ritter des rothen Adlerordens

Stralsund, den 20. August 1830."

In der darauffolgenden Sitzung "II.) Wurde durch den Herrn Präses den anwesenden Mitgliedern [15 an der Zahl] bekannt gemacht daß der Königlich Preußische Herr Konsistorialrath und Schulinspektor Dr. Gottlieb Christian Friedrich Mohnike zu Stralsund an den pegnesischen Blumenorden ein sehr verbindliches Schreiben erlassen und mit demselben folgende von ihm verfaßte und herausgegebene Druckschriften als Geschenk übersendet habe:

1.) Tegner und Ohlenschläger, enthaltend drey Gedichte in schwedischer Sprache mit einer deutschen metrischen Übersetzung [...]"

— insgesamt vier Druckwerke. Es fällt auf, daß in diesen Jahren, obwohl nur jeweils zwei Protokolle von Sitzungen angefallen sind, die Zahl der Vorlesungen aus eigenen und fremden Gedichten in diesen Sitzungen sehr zunimmt.

In Heinrich Heines Gedicht "Ich rief den Teufel, und er kam" (Stück 35 aus "Die Heimkehr 1823-1824") heißt es: "Sanskrit und Hegel studiert er jetzunder". Es scheinen Modestudien gewesen zu sein; der Aufschwung der deutschen Indogermanistik stammt aus jener Zeit. Den Blumenorden erreichte davon Kunde über einen Gelehrten, der später als erstes Mitglied jüdischer Herkunft aufgenommen wurde; in der Sitzung vom 13. Februar 1832 "II.) Wurde von dem Herrn Stadtpfarrer Wilder die Einleitung in das von dem Herrn Doktor der Philosophie Ludwig Wihl zu München aus dem Hindostanischen übersezte und durch Herrn Forstmeister von der Borch zu Gunzenhausen an den Blumenorden eingesandte Gedicht unter dem Titel Jadschuadatta's Tod, eine Episode aus dem Ramayana nach der Ausgabe des Herrn von Chezy, nebst einigen Stellen aus diesem Gedicht vorgelesen [...]".

In dieselbe Sitzung fiel die Verlesung einer Fleißarbeit mit hochaktuellem Anlaß: "4.) Sonetten-Kranz veranlaßt durch das Concert des Herrn Paganini, gesammelt von Joh. Baptist Greger [...]" Nun muß man freilich wissen, daß Greger, später sein Sohn Friedrich August Greger, als auswärtige Mitglieder in München vor allem durch klebriges Fürstenlob in veraltetem Stil zu allen möglichen Gelegenheiten hervorgetreten sind, z.B. zur Geburt Ludwigs II.; ihre Werke mag in Schuber 68 unseres Archivs aufsuchen, wer will.