Unbotmäßige Unterströmung

Unterdessen konnte man freilich von dem einen oder anderen, auch auswärtigen Mitglied Töne vernehmen, die auf die Freiheitskriege hindrängten. Einer, der mit demselben Recht oder Unrecht wie Palm hingerichtet hätte werden können, war der ehemalige Altdorfer Student und Freund Kiefhabers aus Württemberg, Johann Gottfried Pahl. „Euer Hochwohlgebohren haben die Güte gehabt, mir durch meinen […?] Freund, den Herrn Registrator Kiefhaber, das Diplom zustellen zu lassen, welches meine Aufnahme unter die Zahl der Ehrenmitglieder […] ausdrückt. […]

Je mehr die politischen Ereignisse der Zeit die teutsche Nationalität bedrohen, u. die einzelnen Zweige eines grossen u. ruhmvollen Stammes trennen; desto herzlicher wird der patriotische Mann sich jedem Bunde anschliessen, der darauf berechnet ist, die Nationalgüter zu erhalten, welche, da sie im inneren Heiligthume des Menschen nieder gelegt sind, äussere Stürme so leicht nicht berühren, nämlich teutsche Wissenschaft und Kunst u. teutsche Sitte. […] daß ich die in der Geschichte des teutschen Geistes so ausgezeichnete Stadt Nürnberg von jeher mit einer Empfindung von Vorliebe zu betrachten gewohnt war, — daß ich mich meines ehemaligen Aufenthaltes in Altdorf nie anders, als mit Dank und Freude erinnere […]

Neubronn, Kreis Ellwangen, am 26. Dezember 1807”

Anläßlich des Todes jenes später Generalsuperintendent und ,von Pahl' gewordenen Herrn erfreute der ,Schwäbische Merkur' am 3. und am 4. Juni 1839 seine Leser mit biographischen Enthüllungen über dessen bewegte politische Vergangenheit (im Vormärz auch nicht ohne Pikanterie). „[…] Er bezog nunmehr im Jahr 1784 als Jüngling von 16 Jahren unmittelbar von der lateinischen Schule aus die kleine Nürnbergische Universität Altorf, die er aber aus Dürftigkeit, nach kaum zweijährigem Aufenthalte, wieder zu verlassen genöthigt war […] 1790 wurde er zum Pfarrer in Neubronn ernannt, wo er 18 Jahre als solcher wirkte […] Mächtig anregend wirkte auf ihn der Ausbruch der, in ihren Wirkungen noch fortdauernden Französischen StaatsUmwälzung, u. trug hauptsächlich dazu bei, ihn von den philosophischen und theologischen Wissenschaften, denen er emsig oblag, auf das Studium der Geschichte und Staatswissenschaften hinzulenken […]” — „Im Jahre 1797 nämlich ertheilte ihm sein Gutsherr, der K. K. FeldmarschallLieutenant Frhr. V. Werneck, der mit einem Corps von 25,000 Mann gegen die fast dreifach überlegene Französische Sambre- und MaasArmee unter dem General Hoche den Niederrhein von Neuwied bis Mainz zu decken hatte, aber ohne seine Schuld in Folge erhaltener fehlerhafter Instruktionen nach Frankfurt zurückgedrängt worden war […] den Auftrag, ihm seine Vertheidigungsschrift zu fertigen […] mußte, von den Franzosen unter dem Prinzen Murat umzingelt, mit den Resten seines Corps bei Nördlingen die Waffen strecken. Auch in dieser Noth war es sein Freund und Rathgeber Pahl, der […] nicht nur die schriftlichen Verhandlungen mit den Französischen MilitärBehörden […] leitete, sondern auch […] die Rechtfertigung des Generals an den K. K. Hofkriegsrath in Wien verfaßte […] Im Jahr 1806 wurde er fälschlich als Verfasser der durch den unglücklichen Palm in Nürnberg berühmt gewordenen Schrift: Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung, bei den in Schwaben liegenden Franzosen denunzirt und befand sich in der augenscheinlichsten persönlichen Gefahr. Die Vorbereitungen zu seiner Festnehmung waren bereits getroffen, als mehrere Freunde, die er unter den meist piemontesischen Offizieren eines in und um Neubronn kantonnierenden Französischen Infanterieregimentes zählte, zeitig genug warnten […Er erhielt…] 1808 die Pfarrstelle in Affalterbach […] Verbittert wurde sein dortiger Aufenthalt dadurch, daß der Einfluß der über dem Vaterlande lastenden Tyrannei des Französischen Kaiserthums die Unterdrückung seiner politischen Zeitschrift: Nationalchronik der Deutschen, unter den unzartesten Formen herbeiführte. […] 1814 wurde ihm die Pfarrei Vichberg übertragen, wozu später noch das Dekanat der Diözese Gaildorf kam […] Sobald aber das konstitutionelle Interesse des Vaterlandes nach der Julius revolution wieder lebhafter erwachte, wurde er von dem Oberamtsbezirke Göppingen […] zum Abgeordneten gewählt, bald darauf aber durch seine Ernennung zum Prälaten und Generalsuperintendenten von Hall von Amts wegen in die Kammer berufen.”

Was der Blumenorden ganz unmittelbar zu spüren bekam, als die neue Herrschaft sich einrichtete, war der Verlust seines bisherigen Versammlungslokals. Die Rathausvogtei, schon zum Jubiläum von 1794 als Bankettsaal gewählt, war nach dem Fremdenführer von Nopitsch „im Hintergebäude des Rathhauses, und hat deren Inhaber nebst dem Aufwarter vor der Rathsstube die Aufsicht über die Zimmer des Rathhauses. Ersterer, der den Titel Rathhaus- auch schlechthin Hausvogt heist [sic], hat das Recht zu traktiren und Wein zu schenken. Es sind auch Zimmer für Konferenzen und für Staatsgefangene allda.” Das wurde abgewickelt, eingespart, fiel einer Straffung zum Opfer, oder wie man sagen will: „Vordersamst wurde von Herrn Präses bemerkt: Die erfolgte neue Staatseinrichtung habe die Rathhausvogtey aufgelößt u. deren Wirthschaft habe bereits aufgehört, dieß habe die Wahl des gegenwärtigen Versammlungsort [sic] veranlaßt, über dessen fernere Beybehaltung am Ende der heutigen Sitzung sich näher zu berathen seyn möchte.[…]” Von da an traf man sich im ,Goldenen Radbrunnen'.

Dies war politische Wirkung aus der Froschperspektive. Die idealistische Sicht gab es im Orden aber ebenfalls: „[…] Kühn darfst du dich anreihen an jene großen Worte: Gott und Unsterblichkeit, Ewigkeit, Wahrheit und Freiheit; denn verwandt bist du mit ihnen in mehr als einer Beziehung! […] so wird denn dies dunkle  Ahnen des angehörens — örtlich — und die magnetisch anziehende Kraft homogener, die abstoßende heterogener Zusammensezungen, beides in weiterem, Länder umfaßenden Sinne genommen, ist bei Millionen was wir, Liebe zum Vaterland nennen. […] Und heimisch fühlt er sich auf dem Boden, der seiner ersten Freuden und Leiden wenn gleich stummer und gefühlloser Zeuge war. Ihm scheinen alle Umgebungen anzugehören; indem ihr Bild in seiner Seele sich abdrückt, glaubt er ein EigenthumsRecht auf sie zu bekommen, das sich jedoch einzig nur in der wohlthätigen Empfindung ihrer Nähe äußert.

[…] Was du bist, dankst du dem Vaterland — dein Selbst fordert das Vaterland zum Lohn dafür. […]

[…] Soll ich fragen, wem dienen nun diese Kräfte? Wem bringt nun die arme Menschheit ihr Leben zum Opfer? Was wird ihr nun zum Lohne dafür?

[…] wenn auch die Würde des Menschen ferner so verkandt werden sollte, daß man sie Futter für Pulver nennt, daß man sie zält, wie eine Heerde, daß man sie verschenkt, verkauft, vertauscht wie die gemeinste Waare, mit einem Wort, daß man mit ihnen das empörendste, das gräslichste Spiel treibt, und dennoch von ihnen Treue und Anhänglichkeit, ja sogar Liebe fordert, während man alle Verträge mit denselben bricht […] — nichts soll die heilige Liebe zum Vaterland auslöschen! Es sind vorübergehende Quälereien! Unser Eigenthum, unser Selbst — vermag uns keine Macht zu rauben; kein Wechsel der Herrscher kein Aufdringen fremdartiger Formen, selbst keine politische Vernichtung kann uns — uns selbst untreu machen. […]

Ein tugendhaftes, ein rastlos thätiges, ein freudig dem Interesse des Ganzen seine Kräfte opferndes, ein nüchternes, mäßiges, treues Volk — kann — wird — muß es nicht sich die Achtung seines Beherrschers erzwingen? […]” — Glaub's nur, Harless.

1814 wird die Stimmung allmählich fiebrig. Ob es dem bayrischen König von Napoleons Gnaden paßt oder nicht — seine Kehrtwendung zum Banner der Alliierten vollführt er ja in aller Öffentlichkeit und stößt damit bestimmt Teile seines Staatsvolks vor den Kopf — wird jetzt in vielen Schriften der fallende Fels noch gestoßen, und der Blumenorden ist auch dabei. Am 31. Oktober bittet Mainberger in einem Brief den neuen Präses Seidel, daß von den „für den bewußten Zweck„ eingesandten Almanachen und Schriften in der nächsten Sitzung eine Auswahl von Gedichten eines gewissen Feuerlein vorgelesen werde, und zwar u.a. ,Palm — als Eingang zur Schilderung der Thaten des grossenTeufels — Moskau — als Wendepunkt seines Glücks'.”