Achter Abschnitt: Vaterländische Dichtung und neugierige Umschau


Die Nachwirkungen des gewonnenen Krieges sind noch eine zeitlang an den Dichtungen abzulesen, die innerhalb des pegnesischen Blumenordens und im Bereich seiner auswärtigen Beziehungen und Beobachtungen entstanden, aber sie treten allmählich in den Hintergrund und machen einer geselligen Dichtung Platz. Die Irrhainfeste werden mit teils recht ehrgeizigen Spieltexten beschickt, der unermüdliche Friedrich Knapp luxuriert in seinen Reimchroniken. Man läßt sich für die Wochenversammlungen weiterhin eine Auswahl von Zeitschriften schicken, deren Literaturkritiken man aufmerksam liest und bespricht. Die Unterscheidung von pessimistischen Realisten und Naturalisten einerseits und den erbauenden klassizistischen Schriftstellern andererseits gipfelt, verliert dann an Schärfe. Noch beanspruchen einzelne mittelalterliche Sujets die Geneigtheit der bürgerlichen Leserschaft, daneben hält das Interesse an exotischen Schauplätzen und ausländischen Autoren von Rang, deren Namen heute noch kanonisch sind, ungemindert an. Was aber die Mitgliederpolitik durch Aufnahme von Ehrenmitgliedern auf die Dauer bewirkt, ist das Einfahren einer nicht unerheblichen Ernte von Texten bekannter Dichter, die dem Blumenorden geschickt oder gar eigens für ihn verfaßt werden. Der Stolz darüber, schon im Literarischen Verein ausgesprochen, daß die Literaturinteressierten in Nürnberg nicht zu den Vergessenen oder zu Vergessenden gehören, ist ein wichtiger Antrieb in den Vorarbeiten zum 350jährigen Jubiläum. Nun beschäftigt sich sogar mehr als ein Pegnese mit Werken aus der Gründungszeit, man beobachtet die Auswirkung der Technik auf die Literatur (man wundert sich geradezu, daß bis 1894 das Auto noch nicht zum Gegenstand geworden ist), und kontroverse Themen wie der Antisemitismus oder die soziale Frage werden mehr oder weniger glücklich abgehandelt.

Weiter wie gewohnt — auf höherem Niveau

Aktualisierung

Einzelne Autoren

Und das allerletzte Wort gebührt freilich dem Verfasser vorliegender Übersicht. Es hat sich nebst vieler hocherfreulicher Blicke in die Vergangenheit leider auch der Eindruck verdichtet, daß Hitler kein „Betriebsunfall der deutschen Geschichte“ war. Hier ist alles in Ansätzen schon vorhanden, was die dunkelsten Jahre dieser Geschichte bestimmte. Es gab jedoch in der betrachteten Periode noch eine Schamgrenze. Sie wurde gezogen von der geradezu gußeisernen christlichen Erziehung der Protagonisten. Denn anders, als oberflächliche Beurteilung vorgibt, ist es nicht die Religion selbst, welche den Unterschied zwischen den Menschenarten und -ständen hervortreibt und zu Feindschaft führt; es ist das uralte Bestialische im Menschen selbst, welches sich über manipulierbare Institutionen und Herrschaftsverhältnisse die Religionen bis zum Nichtwiedererkennen zurechtbiegt, bis sie zu Instrumenten der Unmenschlichkeit werden. Und wenn vollends alles unglaubwürdig geworden ist, was über das Gruppeninteresse und die individuelle Gier hinausführen möchte, das heißt im Beobachtungszeitraum: sobald die Leute ihren Nietzsche gelesen und (wohl auch falsch) rezipiert haben, ist jede zarte Hemmung beseitigt. Es wird eine spannende und wohl auch unangenehme Aufgabe sein, die folgenden fünfzig Jahre des Blumenordens zu studieren und darzustellen.