Verpatzter Neubeginn

Neue Mitglieder aus der Industrie und aus der gehobenen Behördenschaft — das versprach Stütze bei neuen Projekten. Es waren nicht irgendwelche Leute, die am 14. März 1919 einstimmig aufgenommen wurden. Unter anderen handelte es sich um Dr. Anton von Rieppel, der durch Fusion mit einer Augsburger Maschinenfabrik aus der Cramer-Klett’schen Maschinenfabrik die MAN gemacht hatte. In jenen Tagen ging er daran, für seine Arbeiter die nach dem Gartenstadtprinzip angelegte „Werderau“ erbauen zu lassen. Außerdem Oberlandesgerichtsrat Helmes, Großhändler Stahl und ein Dr. Alexander Glaser, auch für die MAN tätig, der im folgenden Jahr Landtagsabgeordneter wurde. (Am Rande des Röhm-Putsches wurde er 1934 erschossen, aber das hatte mit dem Blumenorden, aus dem er 1925 wegen Wegzugs ausgetreten war, nichts zu tun.) Es sah danach aus, als könne der Pegnesische Blumenorden Anschluß finden an die von Genossenschaftsgeist und trotzig-frohgemuter Aufbruchsstimmung erfüllte Modernisierungsphase der Weimarer Republik.

Freitag, den 16. Mai 1919        16. Wochenversammlung
[…] übernimmt einstweilen Herr Wießner den Vorsitz. Er erteilt seinem Sohn zu einer längeren Erklärung das Wort.
Herr Wießner jun. unterrichtet die Tafelrunde von der geplanten Gründung einer Jugendgruppe. […Bisher] sei ein wirklich gedeihliches Zusammenarbeiten nicht möglich gewesen, da die Interessen der Jugend von denen der älteren Herren zu sehr abwichen. […] Ihre Arbeit werde vorbereitender Art sein, geleitet von dem Gedanken einer gegenseitigen Schulung in literarischer Kritik. […Man wolle] gleichzeitig die Tradition des Ordens hochhalten. […] Der  Orden möge gestatten, daß sich die Jugendgruppe bezeichne als Jugendgruppe des Pegnesischen Blumenordens, daß sie die Bücherei des Ordens, sowie den Irrhain benützen, sowie an allen Veranstaltungen des Ordens teilnehmen dürfe. Ihrerseits werde die Jugendgruppe Hilfskräfte stellen für alle Arten von Veranstaltungen des Ordens. Sie werde größere Vorträge und Recitationen abhalten. Mit der Zeit werden dann die Mitglieder der Jugendgruppe selbständige Mitglieder des Ordens werden und ihm so frisches Blut zuführen und ihn verjüngen. [… Die Mitglieder] setzen sich zunächst zusammen aus Söhnen und Töchtern von Pegnesen, dann aber auch aus weiteren Interessenten. […]
In der nun folgenden freien Meinungsäußerung wird zunächst festgestellt, daß die Jugendgruppe in corpore dem Orden angehören und einen geringen Beitrag zu entrichten habe. [… Man versichert, daß] alle Anwesenden der Gründung einer Jugendgruppe sehr sympathisch gegenüberstehen, es wird aber auch, bes. von Herrn Krauß betont, daß […] alle Vorgänge innerhalb der Jugendgruppe den guten Ton wahren und alle Entgleisungen hintangehalten würden. […]

Zeitungsausschnitt ungenannter Herkunft; kurzer Absatz unter der Überschrift „Kunst, Wissenschaft, Literatur“:

-e. Nürnberg, 7. Juni. Im Laufe des verflossenen Monats ist im Pegnesischen Blumenorden eine Jugendgruppe ins Leben getreten. […] Nachdem die Gruppe am 30. Mai ihre Tätigkeit mit einer Vorlesung aus Rainer Maria Rilkes Werken eröffnet hatte, war der letzte Abend, der 3. Juni, Detlev von Liliencron gewidmet […] Herr Georg Gustav Wießner gab in feinsinnigen Ausführungen ein lebendiges Bild des Wirkens und Schaffens des Dichters und brachte einige seiner Dichtungen in glänzend deklamatorischer Weise zum Vortrag.

Freitag, den 6. Juni 1919        19. Wochenversammlung
[… Es wird festgestellt] daß der 1. Abend der Jugendgruppe den gehegten Erwartungen entsprochen habe. […] Es seien ungefähr 16 Mitglieder anwesend gewesen, die sich dann ihre Vorstandschaft wählten. Zur Vorsitzenden wurde Frl. Leffler gewählt, zur Schriftführerin Frl. Kellermann, zur Kassiererin Frl. Klein. Herr Wießner [jun.] übergibt die Satzungen dem 2. Vorstand des Ordens zur Prüfung […]

Freitag, den 20. Juni 1919
[…] Es muß festgestellt werden, daß die Satzungen [der Jugendgruppe] nicht immer geschickt gefaßt sind und an manchen Stellen eine Spitze gegen den Orden selbst verraten. Verschiedene Paragrafen stoßen deshalb auf lebhaften Widerspruch der Tafelrunde. Es werden Abweichungen, Änderungen und Neufaßungen vorgenommen, die auch von den beiden Mitgliedern der Jugendgruppe ohne Widerrede angenommen werden. […] Es wird daher beschlossen, daß Mitglieder der Jugendgruppe, die ein gewisses noch zu bestimmendes Alter erreicht haben, selbständige Mitglieder des Ordens werden müssen. Es bleibt ihnen jedoch unbenommen, auch fernerhin sich in der Jugendgruppe zu betätigen. […] muß auf Antrag des Ordens ein Mitglied der Jgdgr. ausgeschlossen werden können. Das Programm der Jgdgr. muß dem Orden zur Begutachtung u. Genehmigung vorgelegt werden. Die Jgdgr. darf nie ohne Wissen und Genehmigung des Ordens mit der Öffentlichkeit in Verbindung treten. Für das Arbeitsprogramm der internen Abende wird der Jgdgruppe weitgehende Freiheit und Selbständigkeit zugesichert. Der Paragraf, der von der Beeinflußung durch den Orden handelt, wird gestrichen. Es wird beschloßen, dem Vorstand der Jgdgr. Sitz u. beratende Stimme in der Vorstandschaft des Ordens zu geben. […] Die kritische Beeinflußung der Jgdgr. durch den Orden von der ein Paragraph [auf einmal wieder mit „ph“] handelt, wird gestrichen, ebenso ein anderer Paragraph der von pädagogischen und politischen Richtlinien handelt. […]

Freitag, den 4. Juli 1919        21. Wochenversammlung
[…] Dr. Behringer verliest sodann eine Zuschrift der Jugendgruppe, wonach dieselbe nicht mehr an ein gedeihliches Zusammenarbeiten mit dem Orden glaubt und daher für die Zukunft einen Zusammenhang mit dem Orden ablehnt. Im Zusammenhang mit diesem Schreiben berichtet Dr. Reicke von einem Vorfall, der zu einem Mißverständnis zwischen einem Mitglied der Jugendgruppe und Mitgliedern des Ordens führte und der wohl mitbestimmend zu dem vorliegenden Schreiben gewirkt haben mag. Die Tafelrunde, insbesondere Dr. Behringer bedauert diese Wendung der Dinge sehr. […]

Freitag den 11. Juli 1919        22. Wochenversammlung
[…] Wießner sandte ein Schreiben, in welchem er, ohne nähere Erläuterungen zu geben, sich durch die Debatten bei Anlaß der  Beratung der Satzungen der Jugendgruppe in seinem Sohn beleidigt fühlt und als Folge derselben sein Ausbleiben in den Freitagssitzungen in Aussicht stellt. Die Pflege des Irrhains erklärte er weiter beibehalten zu wollen. […] Ein Schreiben von Fräul. Elisab. Leffler betraf dieselbe Angelegenheit. Die Schreiberin bedauert darin, daß die Verhandlungen nicht das gewünschte Ergebniß gezeitigt haben.
In der sich daran anschließenden Debatte wurde das Nichtzustandekommen der Jugendgruppe als Bestandteil des Ordens allgemein bedauert und die Frage erörtert ob sie, bei einigem weiteren Entgegenkommen, nicht trotzdem zusammengehalten werden könne? Ob, bei dem starken Eigendrang […] begründete Hoffnung auf ein gedeihliches Zusammenwirken bestehe, wurde allerdings, wenn auch nicht von allen Rednern, bezweifelt. […]

Der Blumenorden hat seine Chance gehabt. Er hat sie nicht genutzt. Dadurch hat er sich das Mitwachsen in der Entwicklung der zeitgenössischen Literatur verbaut. Seine älteren Mitglieder konnten davon nur mit Seitenblicken Kenntnis nehmen.