Vielversprechende Ansätze

Es ist ja nicht so, daß es nichts gegeben hätte, was den Blumenorden mindestens so gut hätte dastehen lassen wie den Literarischen Verein — der ja ständig publizierte. Die in den Sitzungen vorgetragenen Abhandlungen und poetischen Versuche waren zum großen Teil hochaktuell bzw. hörenswert. Einige Beispiele sollen in angedeuteter Form folgen:

„Geschehen am 26. März 1850. im Gasthause zur Krone am Heugäßchen.
[…] 5.) Zuletzt trugen vor […] b.) H. Dr. Lösch: ,Ueber Immermanns Münchhausen’ Eine Vorlesung. […]“

„Geschehen am 25. November 1850. im Gasthause zur Krone am Heugäßchen.
[…] 5.) Zum Schluß trugen vor:
[…] b.) H. Handlungsgeschäftsführer, Th Wagler, ,Der Hohenpeißenberg’ — ein Reisebild;
c.) Herr Rector Lochner: ,Urtheile von Ausländern über Nürnberg’ — eine Zusammenstellung. […]“

„Geschehen am 27. Januar 1851. im Gasthause zur Krone am Heugäßchen.
[…] 4.) Auf die Anfrage des Herrn Präses, wann wiederum eine öffentliche Versammlung abgehalten werden soll, wurde beschlossen, daß dieselbige am 17. Febr. l. J. statt finde. Es wollen in derselben vortragen:
a.) Herr Rector Lochner eine Abhandlung ,Ueber die politischen Gegensätze in der modernen Poesie’ […]“ Etwas Neues erfährt der heutige Leser von Literaturgeschichtsbüchern nicht daraus, doch war die Zusammenstellung für die damalige Öffentlichkeit von Reiz.

„Nürnberg, den 20. Febr. 1852.
[…] 7.) Beschlossen wurde, daß die nächste öffentliche Versammlung kommenden Montag den 8. März l.L. abgehalten werden soll. In derselbigen tragen vor:
[…] c.) Rector Lochner: „Ueber die neuesten Lieder Hoffmanns von Fallersleben“ […]“ — und das können ganz gut diejenigen gewesen sein, in denen der Dichter seiner Enttäuschung über das Fehlschlagen der staatlichen Umwälzung in bissiger Weise Luft machte.

„Nürnberg, im Gasthause zur Krone am 22. Oktbr. 1852.
[…] 8.) Zum Schlusse trugen vor:
[…] b.) H. Pf. Sondermann: α.) Nuremberg by Henry Wadsworth Longfellow, ein Gedicht von einem Amerikaner, aus dem Englischen übersetzt […]“ Dies ist der Beweis, daß Longfellow nicht erst ins Bewußtsein des Ordens trat, als er 1874 zusammen mit anderen Mitgliedern des Literarischen Vereins dazustieß.

„Geschehen am 19. 9br. 1852. daselbst
[…] 3.) [Bei der nächsten öffentlichen Versammlung am 6. Dezember wollen vortragen:]
[…] b.) Herr Dr. Lösch: „Ueber Gutzkow’s Ritter vom Geiste“, eine kritische Beurtheilung […]“ Gutzkow, eine Leitfigur der „Jungdeutschen“ Dichterschule — aktueller ging es nicht. Man wollte sich die Information über das Neueste aus der Literatur auch etwas kosten lassen:

„Nürnberg den 18. Febr. 1853. eben daselbst [im Gasthause zur goldenen Krone…] 4. Das Ord. Mitglied, Herr Dr. Lösch beantragt, daß ein Etatansatz bestimmt werde, von welchem gedruckte Werke angekauft werden, über welche öffentliche Vorträge gehalten werden wollen. Der Antrag findet Zustimmung und es wurden einstweilen jährlich f. 10 hierzu bestimmt, wovon dann auch die ganze Gesellschaft in Kenntniß gesetzt werden soll.
5. Sodann trugen vor:
a.) H. Ass. Schrodt: Zwei Gedichte seiner Gemahlin
α.) Das Herz β.) Die drey Straßen auf meinem Tritt 1851;
b.) H. Gf. Wagler: ,Partenkirchen, ein Reisebild / den 30. Juni 1852. / mit 4. zur Ansicht vorgelegten Zeichnungen;’ […]“ — ein Vorläufer des touristischen Diavortrags.

Unbedingt in voller Länge zu zitieren ist ein Gedicht von Franz Joseph Gottlieb Schrodts Gemahlin Valerie, geborener von Wahler:





Der Morgen

Der Himmel steht in Safrangluth
Der letzte Stern erbleicht
Nur von dem Wehre braußt die Fluth
Sonst schlaeft die Welt, das Leben ruht,
Die ganze Schoepfung schweigt.

Gelb wird zu Roth, laut geht, wie in
Erwartung großer That,
Mein Herz, mein Odem leis, ich bin
Auf einen Punkt gefeßelt hin,
Wo die Entscheidung naht.

Doch mit dem ersten Goetterlicht,
Das aus der Tiefe zückt,
Ein schmetternd: sei gegrüßt, o Licht!
Aus tausend Saengerkehlen bricht,
Und mich mir selbst entrückt.

Durch nichts gestoert, durch nichts verletzt,
Ganz Auge und ganz Ohr,
Schwing, in ein Heiligthum versetzt,
Ich zum Unendlichen mich jetzt
Vom Endlichen empor.

Ein saftig Grün, ein duftig Blau!
Die Berge unverkürzt!
Es dampft das Land, es perlt der Thau,
Der Wind von Wiese Wald und Au
Mit Pflanzenhauch durchwürzt.

Ich wandle ohne Freund und Buch,
Mit meinem Geist allein
Er und Natur sind sich genug,
Und irrt mich nichts auf meinem Zug,
Gehoert das Weltall mein.

Allmaehlig wird die Gegend bunt
Regt mit dem spaetern Tag
Sich emsiger von Stund zu Stund
Der Mensch, der Landschaft Vordergrund,
Was gern ich leiden mag.

Doch wird mir eng, und schwül, und bang,
Wenn einer, weil so still,
So einsam ich auf meinem Gang,
Und mir die Zeit so traurig lang,
Mich unterhalten will.

Wie dank ich Gott, verlaeßt er mich,
Wie wünsche ich ihm Glück
Hoer ich nichts mehr, darf schweigen ich,
Verliert er aus dem Auge sich,
Und kommt er nicht zurück.

Sobald die Sonne höher steht, [auf einmal keine oe-Schreibung mehr!]
Erforsch ich, wo der Pfad,
Weil matter mich die Luft umweht,
Am schattenreichsten heimwaerts geht,
Und mir kein Frager naht.

Nicht mit der Frucht von Feld und Baum,
Nicht mit dem Blumenstrauß
Kehr ich, und doch so voll, daß kaum
In unbegrenzter Seele Raum,
In mein geliebtes Haus.

Da bin ich wieder im Gemach,
An Leib und Geist gestimmt,
Es wirkt in mir den ganzen Tag
Ein tiefempfundner Eindruck nach,
Den mir kein Schicksal nimmt.

Den Freuden, noch so wundersam,
Bleib ohne Neid ich fern,
Und goenn ihm, der nicht zu sich kam,
Als ich vom Tag das Beßte nahm,
Das Uebrige gar gern.

Was Früh vonnöthen, mit Bedacht
Leg Abends ich an Ort
Zu lang waehrt mir die kurze Nacht,
Und ehe noch ein Auge wacht,
Bin ich schon wieder fort.

O Morgen, koestlicher als Gold,
O du, des Tages Held —
O Morgen, koestlicher als Gold,
In dieser schon so himmlisch hold,
Wie erst in jener Welt — ! —

Den 25. Januar 1852 – 19 Maerz 1852
[von Seilers Hand: Valerie Schrodt]

Diese einsame Spaziergängerin nimmt etwas in Anspruch, was sich zu jener Zeit für eine anständige Stadtbewohnerin nicht gehörte: zu nachtschlafender Zeit unbegleitet das Haus zu verlassen und in ungeselliger Weise, ungeschützt und unüberwacht, die unbebaute Gegend aufzusuchen. Nicht einmal zum Blümchenpflücken. Noch war die Festungseigenschaft der Stadt nicht aufgehoben, die Tore waren bis zum Beginn des morgendlichen Geschäftsverkehrs geschlossen, dem sie jedoch ausweicht und zurückkehrt, bevor er recht begonnen hat. Ein solcher Spaziergang war überhaupt nur von einem vorstädtischen Wohnort denkbar. Sie ist froh, wenn sie niemand anspricht, damit sie nicht das konventionelle Unterhalten-Werden unbeschäftigter Frauenzimmer ertragen muß, und versteigt sich zu der Aussage, dieser Teil des Tages sei für sie der beste. Man erwartet beinahe, daß sie danach in ihr „ungeliebtes“ Haus zurückkehrt, nein, es steht da: „geliebtes Haus.“ Wohl braucht sie auch dort den Rückzug ins eigene Zimmer, um ihre Eindrücke und das Gefühl der Freiheit nachzugenießen. Geradezu verstohlen legt sie abends schon zurecht, was sie zum Ausfliegen am kommenden Morgen braucht. Eine derartig mutwillig von der Gesellschaft getrennte Existenz hätte sie im 16. und 17. Jahrhundert zur Hexe, im 18. zur tugendlosen oder gemütskranken Außenseiterin gemacht, ist auch im 19. noch exzentrisch und riskant. Das fromme Augenaufschlagen  zur  Morgenröte des jenseitigen Himmels wirkt wie zur Sicherheit am Ende des Gedichtes aufgesetzt. Diesem erwächst seine Schönheit nicht nur aus dem vorgeführten Gemütsleben, sondern aus genauen Beobachtungen, die in detailtreuer und geschickt angewandelter Sprache in einen fließenden Rhythmus eingebaut sind. Gerade in den ersten beiden Strophen, bevor die eigentliche Reflexion einsetzt, schwingen Inneres und Äußeres so zusammen, daß schwer zu unterscheiden ist, was „Entscheidung“ hier bedeuten will. Ist es die Entscheidung der Sonne, aufzugehen — astrophysikalisch gesehen, ein Unsinn, aber als Externalisierung denkbar — oder die Entscheidung der Beobachterin, diesen Sonnenaufgang als etwas zu betrachten, was in ihrem Inneren ein ähnliches Erwachen auslöst (das wäre pietistisch)? Jedenfalls übersteigt das Gedicht die nicht weiter erklärte Symbolik klassischer Lyrik der Goethezeit wie auch das wiederum ins reflektierende Ausdeuten zurückgefallene erbauliche Dichten des Biedermeier. Valerie Schrodt kann als eine Droste-Hülshoff Nürnbergs gesehen werden.

Auch Sondermanns fortwährende Produktivität nimmt einen persönlicheren Pfad, wenn er am statt der von ihm gewohnten historischen Ausarbeitungen Reisebeschreibungen zum besten gibt, die auch Gedichte über Naturerlebnisse enthalten; diese münden allerdings, wie es sich bei einem Pfarrer gehört, in konventionelles Gotteslob. Ein Beispiel ist schon wegen der geschilderten Dampferfahrt von zeitgemäßem Interesse:

Eine Wanderung im bayerischen Hochlande. Vom 4 bis 10. Juli 1853.

[…] Am Morgen des 4. Juli (Montag) verließen meine Frau und ich mit dem Postomnibus München […] Auf dem Starnberger See (4. Juli 1853)

Die stolze Hauptstadt liegt im Rücken,
Durchmessen ist der lange Wald,
Des Dampfers laute Glocke schallt
Und ladet ein zu Hochentzücken.

Wie ruhig ist des Schiffes Gleiten
Am grünen Uferrande hin!
Wie frohbelebt des Herzens Sinn,
Dem Hochgenüsse sich beweisen!

Wie breitet sich in weitem Kreise
Die wundervolle Alpenwelt!
Wie glänzt vom Sonnenstrahl erhellt
Das Hochgebirg von Schnee und Eise!

Und Berg an Berg voll dunkler Wälder,
Und Hügel voller Saatgefild!
Wie schimmert hier das Grün so mild,
Und hier die goldne Frucht der Felder!

Sie Schlösser hier und Zinnen winken,
Dort traute Dörflein hingeschmiegt;
Sieh, wie vom Winde sanft gewiegt
Des grünen Sees Wellen blinken!

O reichgeschmückter Gottesgarten!
Mein Herz, wie wirst du mir so weit!
Ja, freue dich der Wanderzeit,
Da solche Wunder deiner warten.

O preise laut des Schöpfers Stärke,
Der die Natur so reich geschmückt,
Der dich mit Hochgefühl entzückt
Durch seiner Allmacht Wunderwerke.

Sein Liebesdrang, sein schöpf’risch Werde
Rief diese Weltenpracht ins Seyn;
Drum soll auch bis zum Grab erfreun
Die wundervolle Gotteserde!