Drittes Beispiel: Wider den aufklärerischen Optimismus
Der heutige Leser mag wieder mehr Verständnis für Klaglieder auf die gebrechliche Einrichtung der Welt haben als manche von FÜRERs Lesern, sofern sie vom zeitgenössischen Glauben an die beste aller denkbaren Welten durchdrungen waren. Ganz und gar keine aufgeklärte ist die im folgenden angedeutete 'Klugheit': Was das Leben vor Jammer/ und der Tod vor Freude/ bey einem klugen Menschen erwecke. Der Titel klingt allerdings jämmerlicher als die von einem gewissen schwarzen Humor gewürzten Verse.
So bald uns nur des Schöpfers Macht/
zu seiner Ehr ans Liecht gebracht/
so bald und bey dem ersten Tritt/
kommt auch die Meng der Schmerzen mit.

Was herber Schmerz wird schon gespürt/
indem ein Mensch gebohren wird;
biß ihn die Mutter bringt heraus
aus seinem ersten Kerker-Haus.

Kaum ist er noch darvon befreit/
so ist ein neues zubereit
die Welt das andre Kerker-Loch/
ist warlich weit betrübter noch.

Man merkt gleich was darhinter sey/
weil mans empfängt mit Klag-Geschrey;
man weint/ und dieser Threnen Noth
fliest fort und daurt biß in den Tod.

Dann unser Leib ist so bestellt/
daß alle Tag ein Pfeiler fällt;
und wann man diesen unterstützt/
ist schon ein andrer abgenützt.

Da kommen so viel Krankheit her/
der Fieber Hitz- und Kält-Beschwehr/
des Haubtes Weh/ der Füße Pein/
der Hände Schmerz/ der Lenden-Stein.

Zehl Mensch nur deine Glieder ab/
die dir GOtt zur Vergnügung gab:
keins ist davon/ da nicht behend
der gröste Schmerz sich finden könnt.

Ein Finger ist ein kleines Glied/
das doch viel Jammer nach sich ziht/
wann nur in ihm ein Spahn versteckt/
wird gleich der ganze Leib erschröckt.

Kein Hercules wird mehr geschaut/
der unsre Schmerzen-Köpf abhaut.
Hilft schon der Arzt von einer Plag/
so folgen hundert andre nach.

Was helfen? Ach man siht ja wol/
daß offt ertödt/ was retten soll;
die Aderläß/ die gut soll seyn/
läßt aus die Krafft/ die Krankheit ein.

[...]

Schlag/ HErr/ den Kerker nur entzwey/
doch so daß es zu leiden sey/
daß diese/ die hinein gesetzt/
die Seel/ nicht werd dardurch verletzt.

[...]

Aussage und Form dieses Gedichtes stechen von den oft hochfeierlichen Hymnen und Andachtsgesängen des Bandes ab wie Hausmannskost vom Heiligen Abendmahl, und doch ist das Gedicht eine wohlgeformte und beredte Anwendung schmerzlich errungener Weisheit. Man könnte den Autor in den Augenblicken des Lesens beinahe für einen EUGEN ROTH des 18. Jahrhunderts halten; es wäre auch reizvoll, einmal die entsprechenden Verse von FRANÇOIS VILLON, aus BRECHTs Hauspostille oder aus den Nichtarischen Arien von GEORG KREISLER zum Vergleich heranzuziehen. Warum es aber für diesmal gerechtfertigt sein soll, unter Umgehung eines 'lyrischen Ich' gleich vom Verfasser zu sprechen, erhellt aus seinen Lebensumständen. Er litt schon in verhältnismäßig jungen Jahren an vielfachen Auswirkungen einer allgemeinen Gesundheitsschwäche und hatte eigentlich nicht erwartet, über dreißig Jahre alt zu werden, wurde aber neunundsechzig.



Das Fürersche Gartenhaus in der Nähe des heutigen Rennwegs,
italianisierte Idealdarstellung