Witziges


Johann Andreas Friederich, der gewitzte Jurist, stellte sich in dieser Gedichtgattung weniger steif an, wenn er auch genausowenig ein zeitiges Ende finden konnte. Das schon erwähnte, bereits 1777 verfaßte Gedicht An die Sterne , von dem der Blumenorden in den Akten der Altdorfer "Deutschen Privat-Gesellschaft" ein handgeschriebenes Exemplar besitzt, wurde in der Poetischen Blumenlese für 1783 gedruckt, die bei Ernst Christoph Grattenauer in Nürnberg herauskam. Es hält durchgehend einen leichten, heiteren Ton ein, der wie eine milde Parodie auf Naturschwärmerei wirkt. Das Argument baut sich witzig bis zu einer Schlußpointe auf: Nachdem ein Knabe die Sterne als erhaben-schöne Naturerscheinung zu verehren gelernt hat, überträgt er diese Verehrung auf die zunächst ebenso unerreichbaren Mädchen; als er jedoch als junger Mann selber ein Mädchen hat, entlocken ihm weder die einen noch die anderen Sterne mehr Tränen. (Dies beschreibt freilich auch das Ende einer lyrischen Existenz.) Eine etwas freche Einlassung besteht darin, daß er von dem Wahn geheilt sei, selber ein Stern werden zu wollen. Man halte das gegen die damals beliebte Vorstellung (an der sich etwa Wieland, aber auch noch Heinrich von Kleist erbauten), ein guter Mensch könne bei seinem Tod auf einen anderen Stern versetzt werden. Das muß manchem Orthodoxen zu antikisch oder newtonisch, rationalistischen Geistern wie Friederich schlichtweg läppisch vorgekommen sein. Die betreffenden Strophen mögen einen ersten Eindruck davon geben:

Da wachte oft in meiner Seel
Der Wunsch, auf dieser Erden
Zu seyn gehorsam, fromm und gut,
Um dort auch Stern zu werden.

Als Jüngling zwar verschwand der Wahn
Doch blieb euch meine Liebe;
Ich sah euch oft, und immer wurd
Mein Auge thränentrübe.

Die Balladenstrophe, die schlichte Wortwahl, die unterschwellige Satire gegen alles Überspannte am Frommen und Guten — dies erinnert schon sehr an gewisse Verse Gottfried August Bürgers aus derselben Zeit. Es gab eine wirklich volkstümliche Dichtung, die eben nicht vor lauter Gemüt dümmlich war. Das schätzte Lichtenberg wohl an den Versen seines Göttinger Kollegen, und er hielt zu ihm, doch Schiller wertete die Ästhetik jener Produkte als plebejisch, nicht-idealisch ab und hat Bürger in dessen letzten, schweren Lebensjahren durch diese unfreundliche Rezension noch einigen zusätzlichen Kummer gemacht. Hätte er dagegen folgende Verse höherer ästhetischer Weihen würdig befunden?

Sie stehen in eben besagtem Almanach und stammen von Christian Heinrich Seidel, im Orden Philalethes I., Diakon bei St. Sebald, der 1743 zu Etzelwang im Sulzbachischen geboren war.
An eine junge Freundin.

Wie entgegen du mir unter der wölbenden
Stirn, die reifenden Witz, reifenden Wahrheitssinn
Und die Denkerin weissagt,
Blaues, liebliches Auge, blickst!
Blickest du und verheelst deiner Empfindungen
Keine, weil zu verheelen
Keine, Rednerin, du bedarfst.
[...]

Auf deutsch: ein Mädchen, das weder mit Worten noch mit Blicken aus seinem Herzen eine Mördergrube macht und dennoch schon alt genug ist, um dadurch nicht albern zu wirken. Aber muß man das so feierlich sagen? Andersherum: Wäre es Schiller idealisch genug gewesen, oder hätte auch er gemerkt, daß ein gutes Gedicht erst einmal als Gedicht und dann erst unter kunstphilosophischem Aspekt gut sein muß? Wenn ich ein derartiges Wesen so beschrieben finde, muß ich immer an das Bild der Cornelia Goethe denken und daran, welch bedauernde Worte ihr Bruder findet, um das Grausame an einer Zeitmode herauszustellen, die eine hohe Stirn bei einem ohnehin spitzig physiognomierten Kinde noch künstlich höher machte.