Wohlverhalten
Punkt II. der Satzung von 1716 handelte davon, wie die Pegnesen in ihrem Leben den hohen christlichen Idealen ihrer Kunstausübung entsprechen sollten. Die "deutsche Treue" reichte nicht mehr hin; in der Handschrift war nachträglich ergänzt worden, was im Druck so erscheint: "[...] sollen sie einen unsträfflichen und solchen Wandel führen/ welcher der Gesellschafft und ihnen selbst keinen Nachtheil/ Vorwurf und Spott bringen kan;" — als Heuchler durften sie nicht dastehen. Die Treue aber sollen sie halten "damit keiner dem andern/ aus unordentlichen Bewegungen etwas zu leyd thue/ oder veranlasse oder verhänge/ daß es durch andere geschehe; hingegen sollen sie es miteinander wol meinen/ und einer des andern guten Namen/ Wolfahrt / Würde/ etc. so viel an ihm ist/ und mit gutem gewissen geschehen kan/ allenthalben aufrecht erhalten zu helfen oder zu fördern trachten. Woraus dann von selbsten fliesset/ daß sich keiner mit hinterlistigen Verleumdungen/ stachlichten Erfindungen/ Satyrischen Gedichten und Schrifften einlassen/ oder jemands Ehre oder guten Leumund antasten/ kränken und mindern solle."

Irgendjemand muß den Einwand gemacht haben, daß Satire ja ein moralisches Zuchtmittel sei; als solches und zum Ausprobieren neuer Wertsetzungen war sie der Literatur der Epoche unentbehrlich. Die Verfasser hatten bloß anfangs die größten Schwierigkeiten, als Laien gegenüber den berufenen Hütern der Moral, den Geistlichen, zu rechtfertigen, daß auch sie sich mit Fehlern der Mitmenschen befaßten, und standen stets im Verdacht, nichts als lose Spottmäuler zu sein. Es wurde auch fleißig geforscht, wer gemeint sein könnte — bei den in dieser Hinsicht oft recht durchsichtigen Predigten tat man ja auch nichts anderes — und einen Schriftsteller traf leichter der Unmut als einen Kanzelredner. Um beiden Seiten gerecht zu werden, rückte man in die ursprüngliche Handschrift folgendes ein: "Doch werden damit diejenige Straff-Gedichte nicht verbotten/ worinnen/ ohne Namen der Personen/ die Laster und Untugenden/ nach Art anderer guter Poeten/ auch wol Satyrisch/ getadelt/ und wie sie es verdienen/ zur nöthigen Warnung/ abgemahlet werden."

Und nun folgt noch eine Verschärfung der Pflicht, daß einer "nichts wider Zucht und Erbarkeit laufendes" schreiben dürfe, nämlich "in allen seinen Schrifften". Die galante Epoche neigte sich ihrem Ende zu; altnürnbergische Anständigkeit trat am Beginn der Tugendepoche wieder in ihr Recht.

Einstweilen gab es freilich mindestens einen Pegnesen, von dem etliche galante, sogar eindeutig frivole Gedichte bekannt sind, nämlich den oben erwähnten JOH. FRIEDR. RIEDERER: Leichen- Hochzeit- Vermischt und Geistliche Getichte. Nürnberg/ In Verlegung Johann Hofmanns und Engelbert Strecks Seel. Wittiben. Anno 1711. -- also noch vor dieser Satzung. Man sehe sich darin einmal an: "Rede einer schwangern Tochter, welche auf ihrer eigenen gottlosen Mutter Schoß die Ehre verloren", "Der jungen Tochter einfältige Fragen an die Mutter" (aus dem Französischen), "Die schöne Gertraud", oder auch folgendes Epigramm:
Zu einem Pfaffen sprach der lose Bruder Nix
Ihr küsset alle Tag das hölzern Crucifix/
nun weiß ich daß an euch ist keine Ader stolz:
drum küsst den Galgen auch: Dann es ist beedes Holz.
Der Pfaff sprach: Guter Freund! mir ist dein Wille kund/
du küssest deine Frau vermuthlich auf den Mund/
probiers/ und küsse sie auf — — (hier schämt sich die Feder.)
Dann beedes/ wie ich weiß ist auch von einem Leder.
Diese Art von herbeigezwungener Zotenreißerei war offenbar unter ehrbaren Bürgersleuten zu bestimmten Anlässen im Schwange und hinderte Riederers Aufnahme in den Orden nicht. Seine weiteren Satiren und Gelegenheitsgedichte scheint FÜRER zumindest toleriert zu haben.

Zusätzlich haben wir von ihm, neben einer Reihe von Übersetzungen, eine hochinteressante Biographiensammlung von international bedeutenden Kaufleuten mehrerer Jahrhunderte, geschrieben gerade um die Zeit, in der mit GEORGE LILLO's The London Merchant (1731) die erste Tragödie mit bürgerlichen Personen Aufsehen erregte: Merkwürdiges Leben einiger hier und dar gewesenen Kauf-Leuthe [...] Frankfurt und Leipzig [posthum] 1739. RIEDERER war in der Bemühung, den Blick zu öffnen für die Mächte der Zukunft, unter den Frühesten. Er schreibt auch recht flüssig und unverschnörkelt. Seine Wiedergabe der alten Sage von Dick Whittington liest sich wie die ersten deutschen Übersetzungen aus DEFOE.