Weiter wie gewohnt — auf höherem Niveau

Es konnte scheinen, daß 1874 nicht eigentlich einen Einschnitt bedeutete, denn Blumenorden und Literarischer Verein hatten sich schon vorher inhaltlich und verfahrensmäßig aufeinander zubewegt. Immerhin treten die Beiträge dreier Neuaufnahmen, Arnold, Rehm und Geissler, merklich aus dem Grundrauschen hervor.

„Geschehen am 6. November 1874. daselbst.
[…] 2. […] a.) v. Dithfurt: ,Barbarossa’s Erquickung, oder: Der Streit um des Kaisers Bart’ [ein in mehreren Folgen in mehreren Sitzungen vorgetragenes Gedicht]
fortgesetzt am 13. 9br. 74. daselbst.
[…] 2.[…] b.) Arnold: Fortsetzung seines Berichtes über amerikanische Dichter mit Biographien und Proben, theilweise auch mit Autographen […]"

Georg Michael Daniel Arnold, geboren 1811, war Besitzer einer Spielwarenfabrik, Handelsappellationsrichter und Magistratsrat, stand im Briefwechsel mit Longfellow und hatte eine bedeutende Gemälde- und Kupferstichsammlung, die von der Stadt Nürnberg erworben wurde. Verstorben 189.

„Freitag am 1. Januar 1875 [als Schriftführer fungiert Ballhorn]
[…] b, Geißler: ,Die Erbauer unserer Eisenbahnen’ — Ein Culturbild aus den Bergen. Der Verfasser hat diese Arbeit für die Gartenlaube bestimmt und sind wir ihm dankbar für das Vorrecht, das er uns gönnt, die ersten Hörer der Skizze zu sein.
c, Homann: ,Kriegstagebuch eines deutschen Reservemannes. 1. Abthlg.’ Recht lebensvolle Schilderungen aus dem Franzosenkriege; liebenswürdiger Humor, anmuthige Unbefangenheit wirken wohlthuend.“

Ballhorn fügt, was Seiler nicht getan hat, durchgehend Kurzbeurteilungen an.

Rudolf Geissler, geboren 15. 1. 1834, studierte in Dresden unter Ludwig Richter; seit 1861 in Nürnberg als Maler, Radierer und Illustrator tätig; verstorben 15. 9. 1906.
„Freitag den 29. Januar 1875
[…] 2, Frhr. v. Dithfurth: In der Kirche von Agincourt. Gedicht über eine wahre Begebenheit aus dem Kriege 1870/71. Wiederum ein erhebendes Bild aus der großen Zeit.“

Freitag 19. März 1875
[…] 2) […] b, Ballhorn: Kurze biographisch-literarische Mittheilung über Charles Sealsfield, den lange Zeit unbekannten Verfasser transatlantischer Naturschilderungen.

Am Ende von Sitzungen dieses Zeitraums legt Arnold jedesmal Autographen aus seiner Sammlung vor.

„Freitag, 2. April 1875
[…] 3) Es trugen vor: […] b, Arnold: Gedicht von Bayard Taylor, Herausgeber der Tribune in New York, Die Büffeljagd. […]“

„Freitag, 9. Juni [1876]6
I. Geschäftliches […] 4) Herr Dr. Rehm ist wirklich Retter in der Noth und erfreut uns durch sein Festspiel ,Die bezwungene Pegnesia’ — Man verweilt lange bei diesem Gegenstande und wählt schließlich 5 Mitglieder, welche die Inscenirung und Rollenbesetzung in die Hand nehmen sollen. Es sind dies die Herren Dr. Rehm, Euler-Chelpin, Homann, Geißler, Ballhorn, denen selbstverständlich der Vorsitzende Knapp zugezogen wird. […]“

Von Dr. phil. Emil Rehm verzeichnet die Stammliste: Er war geboren am 23. 1. 1843 in Neustadt/Aisch, wurde Lehrer an der Kreis-Landwirtschaftsschule in Nürnberg/Lichtenhof und trat in den Orden ein am 3. 12. 1874.

Thematisch aufgegriffen wird das große Hochwasser von 1876. Pegnesia, die Personifikation der Pegnitz, ärgert sich über das Überhandnehmen der menschlichen Bauten an ihrem Lauf. Sie ruft eine Nymphe, einen Luftgeist und einen Erdgeist, um eine Wasserflut auszulösen. Eine Müllerin fürchtet, daß ihr Haus und das Mahlwerk weggerissen wird. Ein Glasschleifer erzählt:

[…] Da seht! ein Scheunenthor und dort
Die Hütte mit dem nimmermüden Wächter,
Den noch die Kette hält am Hause fest,
Das nun als schwankes Fahrzeug dreht und kreiset.

Müllerin.
Hört, wie er bellt um Hilfe, doch wer läßt
Den Kahn in das Gedräng’ von Holz und Balken
Hinausgehn, wo fast sichrer Tod ihm droht! […]

Weitere Geschädigte treten auf. Ein Opferplatz soll aufgesucht werden, um die Elemente zu besänftigen. Pegnesia tritt drohend auf:

Die Stadt ist schon getheilt, ich kann mich breiten
Durch Straßen, Hof und Markt und jedes Haus.
Die nächtlich Zechenden, die Faschingsbrüder,
Die toll die Nacht durchtobt, die schloß ich aus,
Die andern sperrt’ ich ein ohn’ Trank und Speise.
Nun haltet wacker aus und sendet nach
Beständig neue Wellen, bis durchfeuchtet,
Durchweicht die alten Häuser bis an’s Dach;
Dann einen kräft’gen Druck und gleich zusammen
Wird fallen ’s alte Rumpelwerk […]

Noris tritt auf und will sie besänftigen, aber ohne Erfolg. Pegnesia ist besonders erbost über die Eisenbahn:
[…] mit bedächt’ger List
Erstieg die Schaar der Eisenbahnbaumeister
Mit Karte, Winkel, Wasserwaage, Stab
Mein Quellgebiet und maß herauf, herunter,
Bis eine grade Linie sich ergab,
Auf der seither ein Heer von wilden Männern
Hier Schluchten öffnet, dort durchbohrt den Berg,
Da mein Gerinn verschüttet, mich so dränget
Ein ander Bett zu suchen. […]

Luftgeist.
Ihr Nimmersatten, kann denn nicht genügen
Den Raum zu messen, eure Schnelligkeit?
Der Erde Rund mit Schienen ihr umspannet,
Um mit des Sturmwinds Eil’ in kurzer Zeit
Die größten Länderstrecken zu durchmessen!
Und damit nicht zufrieden, mancher denkt
Gar schon, zu schwingen in das Reich der Luft,
Ein mächtig Fahrzeug, das er kunstreich lenkt.
Doch warn’ ich euch, kommt mir nicht in’s Gehege!
Die Geschädigten bitten um Schonung, doch Pegnesia:
Ich hör’ aus allen euern Worten nur
Die Angst um den Besitz und die Befürchtung,
Die Hilfe zu verlieren. Keine Spur,
Kein Wort von einer Aenderung zum Bessern.

Nun treten die Pegnitzschäfer auf und versuchen sie umzustimmen. Zuerst erwidert sie:

Verändert Eure Zeichen, Eure Farben,
Denn sie, Pegnesia, die gewalt’ge läßt
Sich künftig nur bei jenen Horden ehren,
Wo die Gewalt allein gilt als das Recht!

I. Pegnitz-Schäfer.
[…] denn Genüge
Auf lange Zeit hinaus und den Gewinn
Des Beifalls von den Besten findet immer
Nur, wer die Grenzen, die die Sitte setzt,
Freiwillig hält! […]

II. Pegnitz-Schäfer.
[…] Die Kleinode des Ordens, gut verwahrt
Gefräß’ger Feuersflamme, gegen dich
Mit Vorsicht zu verbergen, schien nicht nöthig.
Doch dein Gewässer tückisch dorthin schlich,
Wo wir sie sicher aufgehoben hatten,
Und hat sie ganz verwaschen und zerstört!

Noris.
Da geht denn leichter Euere Veränderung,
Die alte Treu braucht nicht zu sein empört,
Wenn man die Reste unter’n Hammer bringt!

I. Pegnitz-Schäfer.
[…] Hast du noch nicht vernommen
Von fernem Osten her, wie das Geschick
Auch selbst des stolzest’ Mächtigsten der Erde
Unselig endet, wenn nicht Lieb’ und Treu’
Ihn in der Zeiten Sturm aufrecht erhalten?

Pegnesia gibt sich überwunden und gebietet den Naturgeistern Einhalt.

Wenn das kein ökologischer Traktat ist, wenn auch in allegorischer Einkleidung! Das Irrhainspiel dieses Jahres wollte nicht nur unterhaltsam sein. Und was die Ordenskleinodien betrifft — der Hinweis auf Wasserschaden verdient beachtet zu werden.

Auch der sogenannte Kulturkampf spiegelt sich in einer wütenden Replik, die Pfarrer Seiler auf einen Vergleich des deutschen Kaisers mit Attila dem Papst entgegenschleudert:

Ein „Attila“ ist unser Kaiser nicht,
Obgleich der „Infallible“ also von ihm spricht;
Denn Attila, der Hunnenkönig, war
Ein wilder, menschenschlagender Barbar!

Der Kaiser hat ein geistliches Gemüth,
Das stets für Recht und Wahrheit ist entglüht —
Er hat von unserm Erbfeind uns befreyt;
Drum auch sein Volk den höchsten Werth ihm weiht.

Wer Attila Ihn nennt, der lästert uns,
Und hat von Heiligkeit auch keine Spur.
Aus ihm spricht nur ein falscher Jesuit
Und ihm gebührt vom deutschen Fuß — ein Tritt!

Er lasse unsren Kaiser unverletzt,
Den Gott dem deutschen Volke hat gesetzt.
Es bleibt Ihm allzeit treulich-unterthan;
Drum Jesuiter lasset uns Ihn stahn!

Wir Deutsche sind die „dummen Michel“ nicht,
Daß man mit ihnen, wie mit Dummen spricht.
Bey ihnen blühet Kunst und Wissenschaft,
Die Wahres, Schönes, Gutes immer schafft.

Ein angeborner, geistlich-frommer Sinn,
Ist ihnen stets geworden zum Gewinn.
Was Vatikan voll Neid und Haß verflucht,
Vom deutschen Volke wird’s geschätzt, gesucht.

Von Deutschland spricht wohl Rom mit Hohn
Und Undank nur ist stets sein schnöder Lohn
Der die Verdienste ihm nur hat bezahlt;
Doch die Geschichte sie mit Licht bestrahlt.

Drum laß das Volk, Unheiliger, in Ruh;
Den Köcher, voll der gift’gen Pfeile, schließe zu!
Der ächte Deutsche bleibt von dir getrennt:
Er grollt, wenn man nur deinen Namen nennt.

Daneben hielt man die Augen offen für einen Verfechter des avantgardistischen Theaters der damaligen Zeit:

„Freitag, 23. März [1877]
[…II.] Unter einer reichen Spende des literarischen Marktes liegt auch vor das 1. Heft von ,Nord-Süd. Neue liter. Monatsschrift von Paul Lindau’, welches unsere Aufmerksamkeit in besonderem Maße erregt. Es wird daraus verlesen:
[…] 3) Der Mann von Colano. Amerikan. Skizze von Bret Harte.
Das Unternehmen verheißt unter den Zeitschriften Deutschlands eine bedeutende Stelle einzunehmen.“

Rückblickend auf die Tätigkeit des Literarischen Vereins verfaßt Knapp eine glatte Nummer seiner Reimchronik, nämlich 100, sich als einziger übriggebliebener Chronist „Apu Nape“ bezeichnend, für das Irrhainfest 1877.

[…] So lebten wir, zwölf Jahre sind’s, voll Lust, Harmlosigkeit und Glück
In unserm Literarischen Verein, der Musen Republik,
Wo als Dictator Hoffmann schwang, der Treffliche, den Thyrsusstab,
11020 Wo nur sein Wille war Gesetz, dem Alles heiter sich ergab.
Ja, damals schnitt aus ganzem Tuch man Tag um Tag, beim Element!
Als ob es ewig dauerte und ewig nimmer enden könnt:
Vortrag auf Vortrag drängte sich, Ball, Kränzchen, Tanz und Maskenspiel,
Bartsch, Barak, Müller’s Severin, Lösch, Münnich, Neumann — ernstem Ziel
Und heitrem Zweck einträchtiglich gesellt, so Hoffmann, Priem, und Merz,
Weiß, Arnold, Hammer, Seckendorf, Rank, Schwemmer — heitrer Märchenscherz,
Volkslieder, Sagen, Reisebild, der Vorwelt düst’rer Bardenchor
In stolzen Reihen zogen sie, die Hoffmann’s Hüons-Horn beschwor.
Und ernste Dichter nicht allein und Minnesänger — rosigwarm
11030 War seinem Locken gern gefolgt ein wunderlicher Mädchenschwarm: […]