Die Aufnahme Wielands

Daß es in jenen Jahren auch einen Lichtblick gab, verdankt der Orden weniger seiner eigenen Initiative, sondern einem zunächst hochnäsig übergangenen Individuum. Wie erinnerlich, hatte 1806 außer Graf von Thürheim auch ein Freiherr von Nostiz daran mitgewirkt, daß der Orden nicht rundweg von der bayerischen Regierung verboten wurde. Nachzutragen ist, wie Nostiz überhaupt zum Orden kam.

In der Sitzung vom 3. Februar 1806 berichtete der Präses über „9.) eine Zuschrift […] an den Ordens-Sekretär, vom Herrn Ludwig von Nostiz, Fähnrich in Chursächsischen Diensten zu Chemniz. Da aber von des leztern Person oder litterarischen Verbindungen nichts bekannt ist; so trugen Herr Präses [Colmar] darauf an, daß, zu Ersparung einer mündlichen Abstimmung darüber ballotirt werden möchte; ob derselbe als EhrenMitglied in Vorschlag gebracht und das nächstemal über dessen Aufnahme ballotiert werden solle. Dies geschah, und die Mehrheit der schwarzen Kugeln entschied dafür, daß selbiger gar nicht vorzuschlagen seye; wovon ihm also von dem Ordens-Secretär Nachricht ertheilt werden wird.”

Nostiz, den man wohl einen geschickten Karrieristen nennen kann, hatte aber seine Sache von verschiedenen Seiten betrieben. Im Archiv befindet sich ein Begleitschreiben zu zwei Nostiz-Briefen in der Angelegenheit der Mitgliedschaft, das von dem letzten Rektor der Altdorfer Universität und Ordensmitglied Johann Andreas Sixt-Sophron am „23. Maii 1806” an den Orden, wahrscheinlich an den Präses, gerichtet ist. Sixt weist darauf hin, daß es Nostiz gelungen sei, eine Empfehlung des Herrn Dr. Johann Georg Rosenmüller zu erlangen. Dieser, Professor in Leipzig, war 1775 unter dem Ordensnamen Aletophilus aufgenommen und 1806 Ehrenmitglied geworden. Nun sah die Sache schon anders aus. In der Sitzung vom 11. August 1806 „4.) […] kam doch, auf ein indessen von dem Herrn Superintendent Rosenmüller in Leipzig, an Herrn D. Sixt zu Altdorf erlassenes Empfehlungs-Schreiben für ermeldeten Herrn von Nostiz, anheute zur Anfrage, ob selbiger nicht doch aufzunehmen seye, und es wurde sogleich darüber ballotirt, auch durch die Mehrheit der Stimmen dessen Aufnahme beschlossen.”

In welchem hohen Maße sich Nostiz erkenntlich zeigte, wird aus einem Schreiben deutlich, das Thürheim selbst an ihn richtete. Eine Abschrift ging an den Ordensschriftführer Müller und ist deswegen im Archiv erhalten:

 „Hochwolgebohrner Freyherr!
Seiner K. Maiestät haben mir durch allerhöchstes Rescript vom 24. d. M. den Auftrag ertheilt, Eurer Hochwolgeb. auf ein, an das Ministerium zu München gestelltes Anschreiben zu eröfnen, daß Allerhöchstdieselbe dem Pegnesischen Blumen Orden in Nürnberg, den landesherrl. Schuz, und die desiderirte Bestättigung gerne gewähre. Mit dieser Erledigung meines Auftrags verbinde ich zugleich die Versicherung des besonderen Interesse, welches ich meines Orts an dem belobten Orden nehme, so wie diejenigen hochachtungsvollen Gesinnungen, mit welchen ich zu beharren die Ehre habe,

Ew.Hochwolgeb. gehorsamster Diener
Gr.v.Thürheim

Ansbach, den 30. September 1806
Concordatcum originali, id quod testatur
Müller, Secret.”

Nostiz hatte bei alledem ein weiteres Eisen im Feuer, und es ist nicht auszuschließen, daß die Mitgliedschaft im Blumenorden dazu nur ein Zwischenschritt war. Zwei weitere Kopien eines Briefwechsels, aufbewahrt im Ordensarchiv, werfen ein wenig Licht auf seinen Ehrgeiz:

„Der Großherzoglich Hessische Kammerjunker, Ludwig Freiherr von Nostiz Drzwiecky aus Chemnitz in Kursachsen hat bei des Königs Majestät um die Erhebung in den Grafenstand und um Verleihung eines Ordens gebetten, und Allerhöchstdieselben haben dem Königlichen Generallandkommissariat den Auftrag gegeben, über die persönlichen  und familiärenVerhältnisse dieses Freiherrn von Nostiz nähere Erkundigung einzuziehen. Da derselbe Mitglied des Pegnesischen Blumenordens ist, so erhält der Königliche StadtMagistrat den Auftrag, durch den Vorstand dieses Ordens über die zwei obenbemerkten Punkte genauere Erkundigung einzuziehen und ein Resultat binnen 3 Tagen unfehlbar zu berichten.

Nürnberga m 3. Januar 1807”

„Nürnberg den 6. Januar 1807

Bericht des Pegnesischen Blumen Ordens den Freiherrn von Nostiz betreffend

Dem ehrerbietig unterzeichneten Orden ist von den persönlichen u. familiären Verhältnissen des Herrn von Nostiz gar nichts bekannt.
Dieser meldete sich vor Jahr und Tagen, ohne einen anderen Karakter anzugeben, als den, eines Kursächs. Fähnrichs, um die Aufnahme.
Er war in jeder — u. also auch in literarischer Hinsicht den Mitgliedern ganz unbekant; […]
Indessen fand seine Vorliebe Gelegenheit, sich durch ein Ehrenmitglied, den würdigen Herrn Dr. Rosenmüller zu Leipzig, ob ihn dieser auch gleich nicht kante, vorzustellen und solches durch ein anderes Mitglied, Herrn Dr. Sixt zu Altdorf unterstützend vortragen zu lassen.
Da nun die Bemerkung beigefügt wurde, daß, eingezogener Erkundigung nach, Hr. v. Nostiz von Seite seines moralischen Karakters der Empfehlung würdig ist, u. daß er sich durch Liebe zu den Wissenschaften vor vielen seines Standes auszeichnet: so hat auch der Orden in allen diesen Rücksichten, seine nicht unedlen Wünsche erfüllt […]
Dem Orden war zwar der gräfliche Stand einer Linie der von Nostiz, welche wegen Rinerk [?] Siz und Stimme unter den fränkischen Reichsgraven erhalten hatten nicht unbekant; auch hatte das Wappen auf seinen Briefen einige Aehnlichkeit mit dem grävlich Nostizischen: von welcher Linie aber der genannte ist, hierüber hatte der Orden keine Nachfrage gehalten […]”

Dies klingt nicht nur kleinlich und überheblich, sondern im Grunde ängstlich und undankbar. Nostiz hingegen ließ sich nicht lumpen. Er hatte eine völlig unbefangene Art, Beziehungen zu knüpfen, die im Blumenorden bis heute selten ist. Heutzutage wäre er Public Relations Manager in einer großen Firma bzw. Referent für Öffentlichkeitsarbeit bei einer Partei.

„Abschrift
An den Freyherrn von Nostiz.

Hochwolgebohrner Freyherr!

Ew. Hochwolgebohren verzeihen gütigst, wenn ich mich in Beantwortung Dero verehrl. Zuschrift vom 16. Pass. aus Mangel an Muße so kurz als möglich fasse.
Ich ehre alle löbl. alte Institute, und besonders alles, was dieser Art in der ehrwürdigsten aller ehemals-deutschen Reichsstädte, die seit mehr als vier Jahrhunderten so viele Verdienste um Kunst, Wissenschaften und Litteratur in Deutschland hat, in Nürnberg entstanden ist. Ob ich nun gleich nach äusserl. Ehrenzeichen nie getrachtet habe, und ohne mein Zuthun bereits die Ehre habe, Mitglied der, von dem großen Friederich erneuerten K. Preuß.-Akademie der Wissenschaften in Berlin, von dem Institut National de France, und von mehreren andren gelehrten Gesellschaften zu seyn; so würde ich mirs doch zur Ehre schäzen, auch dem, in mancherley Rücksicht Ehr und Achtungwürdigen Pegnesischen Blumen-Orden anzugehören, insofern es unter der zweyfachen  Voraussezung Statt fände, daß mir diese Ehre von dem Orden aus eigener Bewegung ertheilt, und ich dadurch zu keinerley Art von litterarischen Beyträgen verbindl. gemacht würde, als wovon ich sowol meines hohen Alters, als einer Arbeit wegen, für welche der Rest meines Lebens bestimmt ist, billig zu dispensiren bin. Übrigens bitte ich Ew.-p. für alle in Dero Zuschrift mir bezeugten äußerst verbindl. Gesinnungen meinen besten Dank und die Versicherung der ausgezeichneten Hochachtung anzunehmen, womit ich u seyn die Ehre habe,

Ew.-p.
ganz-gehorsamster Diener

Wieland.
Weimar den 5. März 1807.

Sämtl. Communicata folgen hierbey angeschlossen zurück.”

Dies war, als es den Orden erreichte, eine Sensation. Man hatte sich an manche Politiker von unterschiedlicher Tüchtigkeit und Reichweite herangewagt, um dem Orden als einer Institution das Fortleben zu sichern, doch vor den Weimaraner Großen der Dichtung, die man ja eigentlich verehrte, hatte man zurückgeschreckt, obwohl eine Kontaktaufnahme den inhaltlichen Zielen des Ordens entsprochen hätte, nur aus der Ängstlichkeit heraus, sich eine in der Öffentlichkeit bemerkte Absage zu holen. Daran mitbeteiligt mag Schillers unbedachtes Xenion gewesen sein. Nun war, was Wieland betraf, diese Sorge unnötig. Am 10. August 1807 „[…] trug Herr Präses vor, daß nach einer, von dem Ehren-Mitglied Freyherrn von Nostiz an den Ordens-Secretär erlassenen Nachricht, der berühmte und allgemein geschäzte Dichter, Wieland, wie dessen beygelegtes AntwortSchreiben an Herrn von Nostiz zu erkennen gäbe, nicht ungeneigt seye, dem Blumen-Orden, als Ehren-Mitglied, beyzutretten, und daß, um sich dessen gewiß zu versichern, der Vorstand bey Herrn Hofrath Wieland dieserwegen schriftlich angefragt, auch ein, in sehr wolwollenden Äuserungen abgefaßtes Antwort-Schreiben erhalten habe, welches sogleich abgelesen wurde. Die Freude über diesen, dem Orden wahre Ehre bringenden Beytritt, war allgemein, und die Aufnahme des Herrn Hofraths Wieland stellte sich bey dem Ballotement als einstimmig dar. Auch wurde die Anhänglichkeit und Verwendung des Herrn Lieutenant von Nostiz mit Dank erkannt, und dies ihm zu erkennen zu geben, der Ordens-Secretär beauftragt.”

Wielands abermaliges Antwortschreiben aber sieht so aus:

„Hoch-und wohlgeborne, Hochverehrte Herren, Indem ich das Vergnügen habe, Ew. Hoch-und Wohlgeb. den richtigen Empfang des verehrlichen Schreibens vom 15. August d. J. anzuzeigen, womit Sie das Diplom meiner Aufnahme unter die Ehrenmitglieder des Preiswürdigen Pegnesischen Blumenordens, und dessen Beylagen, zu begleiten die Güte gehabt haben, erneuere ich den gefühlvollen Dank, welchen ich Ihnen in meiner vorigen Zuschrift für die mir damahls zugedachte Ehre bezeugte, nunmehr für die wirklich erhaltene, mit allen Gesinnungen, welche die natürliche Folge der hohen Verehrung sind, die ich für die Stadt Nürnberg hege, für diese ehrwürdige Mutter und Pflegerin so vieler großer und vortrefflicher Männer, die im 15.,16., 17. Jahrhundert dem deutschen Nahmen in allen Fächern der Wissenschaften und Künste Ehre gemacht, -- die Stadt, deren uralte glänzende Verdienste und Vorzüge sie auf ewig zu dem, was sie vor 300 Jahren wirklich war, zu Deutschlands Hauptstadt hätten machen, und auf eine ganz andere Art als geschehe nist, hätten anerkannt und belohnt werden sollen. In dieser Rücksicht vornehmlich lege ich, dem sonst dergleichen Auszeichnungen sehr gleichgültig sind, keinen geringen Werth darauf, meinen Nahmen einem Gelehrten-Orden einverleibt zu sehen, dessen Wiege die Stadt Nürnberg war; um so mehr, da er nicht bloß mit den Blumen- und Eichenkränzen der Vorfahren prunkt, sondern noch izt so manche würdige Männer in seiner Mitte hat, mit welchen, durch die Aufnahme in denselben in näherem Verhältniß zu stehen, mir besonders angenehm und ehrenvoll ist. Nur möchte ich, wenn das Unmögliche zu wünschen nicht Thorheit wäre, mich um 30 oder 40 Jahre verjüngen können, um diese meine Gesinnungen, durch wirkliche Bemühungen zur Aufnahme, zum Glanz und zum Nutzen des Ordens mitzuwirken, auf eine reelle Art bethätigen zu können. Indessen werde ich mirs zur Pflicht machen, sobald ich von meinem dermahligen Landaufenthalt in die Stadt zurückgekommen seyn werde, durch ein und andere Beyträge zur Bibliothek des Ordens, demselben wenigstens meinen guten Willen darzuthun. Übrigens, Meine Hochverehrten Herren, bitte ich Sie, mir Dero schätzbares Wohlwollen noch ferner zu erhalten, und der ausgezeichneten Hochachtung versichert zu bleiben, womit ich lebenslänglich die Ehre habe zu beharren, Dero gehorsamster und ergebenster Diener, Wieland. Belvedere bey Weimar den 11. Septemb. 1807. N.S. Ich würde diesen Brief für Sie abschreiben lassen, wenn ich nicht glaubte, daß Ihnen meine eigene 75jährige Hand, trotz der lituren [Ausbesserungen], lieber wäre als die zierlichste Abschrift."




Soweit der eigenhändige Brief. Christoph Martin Wieland gilt seit dem 10. August 1807 als Ehrenmitglied.

Mit dem Einfädeln dieser höchst ehrenhaften Beziehung war die Mitarbeit des Mitgliedes Nostiz nicht zuende. Es erwies sich, daß seine Anteilnahme am Orden durchaus bis zur Mitarbeit gedieh. Am 3. Februar 1812 „5.) legte Hr. Präses das Geschenk des Großherzogl. Hessischen Kammerjunkers Ludwig Fhn. v. Nostiz Drzwieky vor, das derselbe unter dem 25. Oct. v. J. aus Zeitz überschickte. […] „Vermischte Aufsätze aus den Papieren eines Deutschen". Der Hr. Vf. hat sie der Kön. Sächs. Landwirtschafts-Gesellschaft in Thüringen, dem pegnesischen Blumenorden u. der allgemeinen Kameralistischen ökonomischen Societät in Erlangen dedicirt. […]” — wie immer gleich ein Netzwerk aufbauend.

Von weiterer Mitarbeit Wielands verlautete nichts mehr. Er war einfach zu betagt. Als er verstorben war, wollten die Pegnesen jedoch seine Mitgliedschaft nicht in Vergessenheit fallen lassen und beschlossen, ihm ein Denkmal im Irrhain zu errichten. Daß es dabei wieder ein wenig kleinkariert zuging, ist aus den beklemmenden Zeitverhältnissen zu verstehen. „6.) Referirte Herr Präses, daß zu Folge des, bey der lezten Versamlung gemachten Antrags, bald darauf, nämlich am 15. Febr. der Vorstand und Ausschuß zusammen getreten seye, um zu berathschlagen, was von Seiten des Ordens, zum Andenken seines Ehren-Mitglieds, des unsterblichen Dichters, Wieland, unternommen werden könne. Es wäre dabey in Vorschlag gekommen, im Irrhain ein Monument von Stein, als ein bleibendes Denkmal errichten zu lassen, und vor der Hand habe hiezu Herr Bau-Inspektor Keim, auf Ersuchen, eine Zeichnung, welche zugleich vorgelegt wurde, gefertigt, deren Ausführung aber über 100. fl. kosten würde.






Da dieser Aufwand zu groß schien, so zeigte Herr Präses eine, von ihm selbst gemachte Zeichnung, in Form eines Obelisk, welche nicht nur des weit geringeren Aufwands, sondern auch der Simplicität wegen, besser gefiel; […]” Es war also auch eine Frage des Stils, nicht nur der Finanzen, und die Einfachheit des Wieland-Obelisken verträgt sich sehr gut mit dem Übergang vom barocken Irrgarten zum biedermeierlichen Spazierpark, verträgt sich sogar sehr gut mit der heutigen gemischten Auffassung des Irrhains als Kultur- und Naturdenkmal.

Noch biedermeierlicher, wie Schutzdeckchen auf Polsterstühlen, erscheint der Vorschlag des Dr. Lorsch vom 8. November 1813, „das in dem Irrhain errichtete Monument des unsterblichen Dichters Wieland mit einem hölzernen Gehäuse zu versehen, um solches gegen den nachtheiligen Einfluß der Witterung während der rauhen Wintermonate zu schützen”, und, wie man sieht, hat es längst ungeschützt überdauert. Es war 1989 durch einen umstürzenden Baum beschädigt, dann aber wiederhergestellt worden, und es trägt auf der von neuem angebrachten Tafel die alte Inschrift mit dem (falschen) Datum der Aufnahme Wielands:„ MDCCCVIII”.