Wohltäter und Analytiker

Von der besonderen Art des Patriotismus, die mit der ursprünglichen Verwendung des Wortes "Biedermann" einhergeht, war schon im Zusammenhang mit Faulwetters Bestrebungen im vorigen Kapitel die Rede. Man würde heute „Lokalpatriotismus" dazu sagen. In der hier betrachteten Zeitspanne fangen die Bürger an, sich über diesen Begriff Gedanken zu machen, die über das Vaterland im Sinne der Stadt oder Landschaft, in welcher der eigene Vater beheimatet war, hinausgehen. So schreibt Johann Jacob Baier in seinem Nachruf auf Johann Christoph Friedrich Seidel-Philophron im Jahre 1795:

„Von deutschem Patriotismus zu sprechen, ist zwar eine mißliche Sache, seitdem die weisesten unserer Zeitgenossen die Existenz desselben in das Reich der Unmöglichkeiten verwiesen haben. […] Hat […] ein Mann verschiedene […] Gegenden des deutschen Reiches nicht blos flüchtig bereiset, sondern geraume Zeit bewohnet, und überall eine Aufnahme und Behandlung erfahren, die man sonst nur von seinem eigentlichen Vaterlande zu erwarten gewohnt ist: so bekommt sicher das Ganze weit mehr Interesse für ihn; so denket er sich unter dem Namen des Vaterlandesungleich mehr, als den kleinen Raum, in welchem er seine Kinderjahre verlebte. Ohne Zweifel lag in einer solchen, öfters wiederholten, und immer vortheilhaften Veränderung des Wohnsizes die wahrscheinliche Ursache, warum Seidels Patriotismus alles, was deutsch hieß, umfaßte. [Dabei waren seine Wohnorte bloß Illschwang, Sulzbach, Regensburg, Altdorf, Etzelwang und Nürnberg gewesen.] So bereitwillig er andern Nationen ihre entschiedenen Verdienste zugestund; so sehr machte er sichs zur Pflicht, bey jeder Gelegenheit die Ehre der Deutschen zu vertheidigen. […] Eine edle That machte ihm gedoppelte Freude, wenn sie von einem Deutschen war vollzogen worden; und einer jeden schlechten Handlung pflegte er sich selbst zu schämen, wenn ein deutscher Mann sich zu derselben öffentlich erniedriget hatte."



Empfinden konnte man das größere Vaterland wohl, aber man konnte nicht dorthinein wirken! Die Institutionen des alten Reiches und der Reichsstadt Nürnberg waren zu einer wirklichen Verbesserung nicht geeignet. Wohltätigkeit öffentlich verwalteter Art, die kaum das Notwendigste tun konnte, und private Wohltätigkeit, welche die Mängel der öffentlichen auszugleichen trachtete, waren zunächst die einzigen Möglichkeiten, Patriotismus zu erweisen. Wie es in den Amtsstuben zuging, in denen städtische Armenpflege verwaltet wurde, liest man etwa im Nachruf auf Christian Gottlieb Müller-Theophilus III., den Schriftführer des Ordens ab 1801:

„[…] War er [der seit 1768 ausgeübte Beruf als Substitut im Almosenamt] auch mit mancher Last verbunden, wie er sie z.B. gleich im Beginnen desselben erfuhr, als in den Theuerungsjahren von 1772 auf sein Amtszimmer, wo damals auch die Stiftungen der Wohlthätigkeit verwaltet wurden, die Armen krank und halbverhungert kamen und öfter als einmal ohnmächtig und fast sterbend umsanken, so hatte er doch auch manches erheiternde durch die damit verbundenen Geschäftsreisen. […]"

Einzelne, zum Beispiel der zu Depressionen neigende Philipp Ludwig Wittwer-Chiron II. (das überlebende Kind der zweiten im Wochenbett gestorbenen Gemahlin seines Vaters Chiron I.), halfen, wo sie konnten, und das nicht nur beruflich. In seinem Nachruf — die regelmäßig von Ordens wegen abgefaßten „Denkmäler der Freundschaft„ aus diesen Jahren sind schätzbare Quellen — heißt es:

„Mit der reichlichsten Wohlthätigkeit unterstützte er unverschuldet Darbende, und gab davon bei der großen Ueberschwemmung, welche Nürnberg im Frühjahr 1784 betraf, eine sehr ausgezeichnete Probe."



Natürlich machten sich gelehrte Menschenfreunde dieser Art auch Gedanken, wie dem allgemeinen Übelstand abzuhelfen sei. Es konnte ihnen nicht verborgen bleiben, daß bei aller Armut der öffentlichen Kassen in Nürnberg dennoch eine Menge Geld verdient wurde. „So waren die etwa 100 Nürnberger Handelshäuser zu dieser Zeit noch auf allen Messen und Märkten Mitteleuropas vertreten und standen auch mit entfernteren Gebieten wie Indien, Süd- und Nordamerika in Verbindung. Die Stadt bildete seit Mitte des 18. Jahrhunderts für die neuartigen, zunehmend nachgefragten Genußmittel wie Tabak, Kaffee, Tee, Schokolade und Zucker den wichtigsten Umschlagplatz Süddeutschlands.” Johann Ferdinand Roth machte sich an eine Bestandsaufnahme. Er war als Sohn eines Buchbinders 1748 geboren, brachte es bis 1798 zum Diakon bei St. Sebald und ließ 1800 ein achtbändiges Werk im Selbstverlag erscheinen: „Geschichte des Nürnberger Handels”. Darin versucht er, den verhältnismäßigen Niedergang der Stadt im Vergleich zur Dürerzeit auf eine Weise zu beschreiben, die das Wirtschaften im 15. und 16. Jahrhundert als Vorbild für einen Neuaufschwung erscheinen läßt. Es ist eine Auffassung, für die, wie Rainer Mertens berichtet, in der Fachliteratur die Bezeichnung „altliberal” üblich geworden ist. Man sah, daß es in der Vergangenheit weniger wirtschaftspolitische Schranken gegeben hatte und daß die Kaufmannschaft die Stadtgesellschaft maßgeblich angeführt hatte, nicht aus dieser hervorgegangene, als Landgutbesitzer wirtschaftende Patrizier ohne Unternehmergeist. „Dies bezeugen die in dieser Zeit [um 1800] erschienenen Werke über die Geschichte der Reichsstadt, die, wie die Handelsgeschichte Roths oder die Studien von Siebenkees und Kiefhaber, im wesentlichen Ursachenforschung über die Gründe für den Niedergang Nürnbergs darstellten.”

Alle bisher genannten Namen aus der Zeit um 1800 sind Namen von Mitgliedern des Pegnesischen Blumenordens. Der Orden hatte damals allerdings nicht die satzungsgemäße Aufgabe, Wirtschaftsgeschichte zu schreiben oder patriotische Wohltaten zu verrichten. Zu diesen Zwecken vereinigten sich Ordensmitglieder mit etlichen anderen Nürnbergern und gründeten die „Gesellschaft zur Beförderung der vaterländischen Industrie".